2008 · Sassnitz mit Hafenblick

By 8. Dezember 2008November 8th, 2015unterwegs

Unser Rügen-Urlaub 30.11. bis 6.12.2008 in Kürze.

Prolog

Eigentlich wollten wir ja schon im Oktober fahren, aber da hatten wir mal wieder keine Zeit.

Nun sind wir im Dezember hier, am Anfang der Adventszeit, und es ist auch schön. Nur, dass es um 15.30 Uhr dunkel wird ist schon schlimm.

Früher buchte man seine Ferienunterkunft nahezu blind. Entweder aus einer schnöden Liste mit spröder Beschreibung oder aus einem Prospekt mit maximal einem bewusst nichtssagenden Foto. Und irgendwie ging das auch. Doch je älter man wird, desto mehr steigen die Ansprüche an die Vermeidung von unangenehmen Überraschungen. Dazu kommen die direkten Ansprüche: Gemütliche Wohnung, sauber, hell, gute Lage, vor allem: viel zu kucken. In Amrum 2005 und Poel 2008 hatten wir so was gezielt gesucht und gefunden, 2007 in St-Michel-en-Greve stimmte nur der Ausblick. Jetzt in Sassnitz ist es uns wieder voll gelungen. Der Preis dafür: Man erlebt keine wirkliche Überraschung, man vergleicht nur noch, wie weit Erwartung, Phantasie und Realität übereinstimmen. Was man nicht vorhersieht, ist der eigene Umgang mit der vorgefundenen Situation. Wie oft kucke ich aus dem Fenster? Reicht mir das schon, oder muss ich raus und die Umgebung selbst erkunden? Und wie schnell gewöhne ich mich dran und kucke immer seltener wirklich hin?

Der Blick nach draußen auf den Sassnitzer Stadthafen ist, wie in allen Einträgen des unvermeidlichen Gästebuchs bezeugt, phänomenal. Leider wissen wir zu wenig über die Geschichte. Auf Poel hat man uns mal erzählt, dass in Sassnitz das größte Fischkombinat zu Hause war mit 20.000 Beschäftigten. Die sieht man nicht mehr, und wir wissen auch nicht, wann und wie der Niedergang vonstatten ging.

Dass in der Wohnung ein Internet-Zugang möglich ist, ist für uns nicht selbstverständlich, diese Annehmlichkeit erleben wir zum ersten mal. Bisher war es immer eine spannende und schwere Prüfung, wie wir es ein bis zwei Wochen „ohne“ aushalten, und es war schwer genug. Hier nun verschwimmen die Grenzen zwischen Urlaub und Geschäft, alles geht so weiter, irgendwie schade.

Sonntag, 30. November 2008

Die Fahrt war grau in grau. Hausmeister Krause empfing uns und zeigte die Wohnung. Wir genossen es, nicht die Betten beziehen zu müssen, und konnten sofort einen Gang durch den Stadthafen und die sog. Altstadt unternehmen, wo ein kleiner Weihnachtsmarkt aufgebaut war. Wir fraßen eine Thüringer Bratwurst. Über die Hauptstraße gingen wir frierend bis zum Hotel Rügen und über die elegant geschwungene Fußgängerbrücke wieder runter zum Hafen. Es war nirgendwo mehr „was los“, nur beim Brasilianer (in Wirklichkeit ein Italiener) hätte man noch einkehren können.

Montag, 1. Dezember 008

Das Wetter schwankte zwischen diesig und heiter. Viele Geschäfte und Kneipen hatten zu. Wir kauften bei Peters Brötchen. Gegen 10.15 Uhr brachen wir auf zu einer Wanderung Richtung Kreideküste, am hohen Ufer entlang bis zur Ernst-Moritz-Arndt-Sicht. Zurück die etwas direktere Strecke über Waldhalle. Den Plan „Königstuhl“ und zurück gaben wir bald auf, dafür reichten die Kräfte nicht, zumal wir durch das viele Fotografieren sehr klüngelig vorankamen. Im Ort besorgten wir uns etwas Kuchen. Am Nachmittag wurde es wieder überraschend früh dunkel und wir gingen nicht mehr raus. Kalle holte später vom „Brasilianer“ zwei Pizzen, die sich als so riesig herausstellten, dass eine völlig gereicht hätte. Total überfressen litten wir durch die Nacht.

Dienstag, 2. Dezember 2008

Morgens war es klarer als am Vortag. Zeitweise konnte man die Küstenlinie bis Göhren verfolgen. Über See blinkte das Leuchtfeuer der Greifswalder Oie. Als es diesig wurde und zu regnen begann, verließen wir das Haus für einen Spaziergang bis zum Ende der Mole und zurück, um bei Gumpfen einzukehren. Wegen des widrigen Regens kamen wir allerdings nicht weiter als bis zum letzten Ausflugsschiff und kehrten dann mit nassen Klamotten ein. Brigitte kaufte Himbeertorte, Kaffee und einen Rügener Aquavit, Kalle ein Stück Käsekuchen ohne Sanddorn und ein Lübzer Pils. Wir hielten es eine Stunde aus und kletterten wieder nach oben. Das Nachmittagprogramm sah einen Besuch im Kreidemuseum Gummanz vor, und so kam es. Die Strecke wurde über Sagard gewählt. Die Sperrschilder ignorierten wir, wofür gab es Abkürzungen und Schleichwege? Die Abkürzungen und Schleichwege waren gesperrt oder endeten neuerdings (auf der Karte noch intakt) im Nichts. Auch bei einem Ort mit dem niedlichen Namen Klementelvitz fanden wir nicht die Straße nach Sagard, sondern standen beim Kreidewerk auf dem Hof. Im Kreidemuseum waren wir die einzigen Besucher, und drei Kräfte bemühten sich um uns. Die Ausstellung und Präsentation waren für ein Dorfmuseum sehr beachtlich. Am beeindruckendsten war das Außengelände, welches einen Einblick in eine große offene Grubenlandschaft mit Kratersee und Felsenkulisse gewährte. Es wirkte in der Dämmerung regelrecht gruselig. Der gezeigte Film machte einem klar, dass der Kreidebergbau früher nicht die Jobs anbot, auf die man hätte neidisch werden können. Um 17.30 kehrten wir nach einem kleinen Einkaufs-Abstecher in Sassnitz heim und erfreuten uns für den Rest der „Nacht“ (so empfindet man den späten Nachmittag) an der heimischen Gemütlichkeit. Gerne würden wir mehr über die jüngere Stadt- und Hafengeschichte erfahren. Am Hang zwischen Hafen und Oberstadt kann man eine stillgelegte Promenade mit Geländer und alten Straßenlampen erkennen, zu der aber kein Zugang mehr besteht. Was war mit der früher? Wie wurden hier Grenzkontrollen organisiert, wie war das Leben für die Einwohner? Ein Besuch beim von der Schließung bedrohten Hafenmuseum würde diese Fragen vielleicht klären.

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Am Vorabend waren wir durch die Wettervorhersage im Fernsehen gewarnt. Wintereinbruch mit Schnee war angesagt. Und in Wirklichkeit? Ein strahlend heller Tag, allerdings bei gefühlten Minus 3 Grad. Zufällig standen wir mit der Kamera bereit, als die Scandlines Hansa unter der aufgehenden Sonne durchfuhr. Wir holten Brötchen und schmissen die Planung um: Keine Fahrt nach Lauterbach und Stralsund, sondern Vollendung der Molen-Wanderung. Auf der Mole war es reichlich stürmisch, aber auszuhalten. Wir kehrten nirgendwo ein, kauften nur im Rügen-Shop 2 Kg Kreide und bei einem gastlichen Kutter 3 Fischbrötchen. Der Kutter war wunderbar am schwanken, und man hatte anschließend das Gefühl, eine Stunde Karussel gefahren zu sein. Als wir daheim ankamen, fing das prophezeite Schneien an, aber der Schnee blieb überhaupt nicht liegen. Viel zu spät – ca. 14.45 Uhr – entschlossen wir uns zu einem Nachmittagsprogramm außerhalb – Fahrt nach Lauterbach. Als wir ankamen, war es so gut wie dunkel. Gegen das Wetter an machten wir uns auf die Suche nach den bekannten Landmarken – die fürstliche Badehalle Goor, den Jachthafen im Jaich, die Endstation des rasenden Rolands, das Ferienhaus von 2003. Lauterbach war am sich entwickeln. Überall wurde gebaut. Das Badehaus war jetzt ein Luxushotel, das Hotel Viktoria wirkte sehr einladend, aber wir waren für ein spontanes Essengehen nicht präpariert. Durchnässt, dreckig, kaputt. In unserem Gästebuch hatte jemand geschrieben, Lauterbach hätte an Flair verloren. Damit kann eigentlich nur der Abriss eines leerstehenden Speicherhauses gemeint gewesen sein. Das ist zu verschmerzen, Neues entsteht. Das Flair geht weiter. Wir waren froh, wieder im warmen Auto zu sitzen und fuhren langsam über enge Alleen, rumpelige Kopfsteinstraßen durch die extrem dunkle Nacht (im Prinzip ein Nachmittag) über Binz und Prora wieder heim. Kalle machte allein eine Wanderung durch den verwaisten Hafen um definitiv festzustellen, dass dort außer dem Brasilianer nach Einbruch der Dunkelheit nix mehr offen hat.

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Für Stralsund kam nur noch heute in Frage, denn am letzten Ferientag – also morgen – möchte man keine Strapazen mehr, sondern nur noch unerledigte Kleinigkeiten von der To-Do-Liste abhaken. Nach dem Frühstück nahmen wir die Südroute: Über Mukran und Prora nach Bergen – jedoch nicht ohne kleinen Abstecher nach Binz. In Binz zwischen DB-Bahnhof und Rasender-Roland-Bahnhof fanden wir einen wie üblich kostenpflichtigen Parkplatz, auf dem die mindest-Einstandsgebühr zwei € betrug. Zum Glück hatten wir kein Kleingeld dabei und warteten erstmal ab, was der Audi A8 aus DBR machen würde. Es dauerte, bis Herr Audi mit dem Aussteigen fertig war. Er bezahlte. Wir gingen. Erst draußen fiel uns auf, dass der Parkplatz nicht städtisch, sondern privat bewirtschaftet wurde, und das hieß, im Erwischensfall nicht Knöllchen, sondern Abschleppung. Gerade als wir zurückgingen, um auf die vorgelagerte, öffentliche Parkverbotszone umzurangieren, kam der Doberaner laut fluchend an und sagte, dass er die geforderten zwei Euro eingeschmissen, aber kein Ticket bekommen habe. Da änderten wir unsere Parkgebühr-Politik abermals und drehten um Richtung Stadt. Auf der Hauptflaniermeile war nix los. Auf der Seebrücke ebenfalls und am Strand auch nicht. Wir wanderten nordwärts auf dem Strand, fanden wie immer kein Bernstein und drehten irgendwann wieder zurück. Es war kalt, grau und ungemütlich. Über alles mögliche meckernd und naserümpfend holten wir uns schließlich bei Peters, der seine Backwarenfabrik offensichtlich in einem futuristischen, Flughafenterminal-ähnlichen Neubau nähe Mukran betreibt, ein Stück Zuckerkuchen für den weiteren Weg nach Stralsund. Wir hatten keine Lust auf die gepflasterte Holperstrecke über Putbus und wählten den Umweg über Prora und Bergen. Als wir in Stralsund ankamen, war es noch hell. Haupt-Tagesordnungspunkt war der Besuch im Ozeaneum. Ein toller Bau auf der Höhe der Zeit, er erinnerte etwas an das Technik-Museum in Berlin. Vielleicht eine Spur zu wenig Aquarium-Wasser-Volumen. Da war das Aquarium in Lissabon sensationeller. Wie wir später sahen, gab es in Stralsund jede Menge Einkehrmöglichkeiten, aber nach dem Ozeaneum war uns das erstbeste recht, und wir landeten nebenan bei Gumpfen, den wir schon aus Sassnitz kannten. Nach einer kleinen Pause stand uns steif frierend noch die Pflicht eines Stadtbummels auf dem Plan. Ohne Einkehr und Einkauf gerieten wir vor St. Marien auf einen Rummel. Schnell weiter wieder zum Hafen, wo unser Auto stand. Hause.

Freitag, 5.  Dezember 2008

Das Wetter war ganztägig OK, nicht allzukalt und zeitweise sogar sonnig. So bescheiden kann man werden. Die ganze Familie machte nach dem Aufstehen um 7.15 noch vor dem Frühstück einen Spaziergang durch den Hafen mit Brötchenholen bei Peters. Vormittags ging es an das Abarbeiten der letzten verbliebenen wichtigen Programmpunkte: 1. Wanderung zum großen stillgelegten Kreidetagebau bei Dagast. Der Weg sollte mitten hindurch führen. Aber sehen konnte man ihn erst, als wir schon weit durch waren den nächsten Hang hinauf. Ein gespenstisches großes Loch mit tiefem See in der Mitte. Die Kreidehänge dreckig, nur von Sanddornsträuchern bewachsen. Auf der Wanderstrecke fanden Bodenaushub-Transportarbeiten statt mit großen Treckern und doppelachsigen Anhängern. Warum, wieso, von woher nach wohin waren nicht zu klären. Wir haben noch nie eine verschlammtere Fahrbahn gesehen und durchwandert. Schlammwandern. Für die Rückweg war der gleiche Weg keine Option mehr. Also wählten wir eine Strecke über Rusewase und Buddenhagen. Vor der Heimkehr mussten wir noch in der Brandung der Ostsee unsere Wanderschuhe wieder einigermaßen sauber spülen. Punkt zwei der Vorhaben: Ein Besuch mit sauberen Klamotten, leichten Schuhen und ohne gesammelte Steine in den Taschen in der Ostsee Kaffee Rösterei mit Café. Es waren die gemütliche Atmosphäre im 4. Stock, der Panoramablick über den Hafen und die besondere Magie dieses Ortes über den Dächern der Fischverarbeitung, nicht die Sandorn-Torte, was diesen Besuch zu einem rundummen, gelungenen Erlebnis machte.

Danach wurde es schon wieder dunkel. Der sogenannte Abend verlief ruhig. Für Samstag, 6. Dezember (Nikolaus) wurde Hausmeister Krause auf 9.30 Uhr bestellt für die letzten Formalien.

Samstag, 6. Dezember 2008

Hausmeister Krause hatte seine Frau geschickt. Sie war nett, aber blitzschnell entschieden wir, kein spontanes Vertrauensverhältnis aufzubauen und beschränkten uns auf Höflichkeiten. So bleiben die offenen Fragen zu Sassnitz, dem Leben auf Rügen, der Geschichte der Stadt von 1945 bis 1990 und ähnliches bis auf Weiteres unbeantwortet.