2005 · Soulac sur mèr

By 20. Juli 2005November 23rd, 2012unterwegs
Der beste Urlaub aller Zeiten

Wir wollen effektiver werden als bisher und verzichten auf die altgewohnte Form der chronologischen Berichterstattung mit Tagebuchähnlichen Abschnitten samt Prolog und Epilog. Und der viele Jahre lang als virtueller Adressat berücksichtigte Oppa spielt nun gar keine Rolle mehr, da die Praxis gezeigt hat, dass er diese Berichte erst gar nicht zu sehen bekommt. Alle Merkmale von Hektik bestimmten auch dieses Mal die Vorbereitungen. Vieles haben wir eingepackt, vieles auch vergessen.

Samstag, 9. Juli 2005

Dafür war es Urlaub von Anfang an, das heisst: Die erste Etappe der Anfahrt dauerte nur 4 Stunden und ging bis Konz an der Mosel, welches nach Landkartenstudium als sehr interessant erschien: Mehrere Eisenbahlinien trafen sich, der Ort lag am Zusammenfluss von Saar und Mosel, und die Tal-auf bis Tal-ab zu erwartende Wein-Romantik dürfte hier wohl einen Höhepunkt bilden. Wir wären nicht wir, wenn nicht das Gegenteil sich als zutreffend erwiesen hätte. Konz, ein kleiner runtergekommener Ort, zusammengestückelt bzw. eher auseinandergeteilt durch diverse Bahnlinien. Bei der Übernachtungsfrage hatten wir uns zu früh verbindlich festgelegt. Unser altes Syndrom: Wir neigen stets zum „Erstbesten“, was meistens das Schlechteste ist, so gingen wir natürlich auch dem großspurig „Parkhotel“ genannten Etablissement aus den 80er Jahren in einer öden Durchgangsstraße mit 3 Dönerbuden gegenüber in die Falle. Erdgeschoss-Zimmer, rosa geblümte Kacheln, der Restaurant-Fraß von der Güteklasse der berüchtigten rumänischen Kinderheime in der Ceaucescu-Ära. Nur der Saar-Riesling am Essplatz unter der Gartenlaube war relativ ok. Hätte, wäre, würde. Dann wären wir in wohl Saarburg gelandet, wohin uns nach dem Einchecken ein Tipp des Kellners führte. Ein Ort mit Etappenziel-Qualität. Wir kletterten auf die Burg, besichtigten den Wasserfall und fraßen in einer abgelegenen Gartenkneipe mit Blick auf die Saar ein Eis. Zurück ging es hautnah durch die Weinberge. Saarburg kommt auf der Wunschliste der noch zu erledigenden Radtouren auf einen der vorderen Plätze.

Sonntag, 10. Juli 2005

Dass die Anreise durch das Saarland ein Umweg war, wussten wir. Aber dass wir für die Strecke Metz-Soulac fast 12 Stunden brauchten, war uns vorher nicht klar. Es ging wunderschön los an der Obermosel von Konz bis Thionville. Wir tankten clever für billiges Geld in Luxembourg. Dann zog es sich endlos hin und in Orleans war uns klar, dass wir, wenn wir sofort über Paris gefahren wären, einen ganzen Tag hätten einsparen können. Doch für den Rückweg haben wir uns noch viel, viel mehr vorgenommen. Schön war die Ankunft in Royan am Fährhafen; man kommt von oben den Berg runter und sieht vor sich die türkisblaue weite Gironde-Mündung und am Horizont die Pointe-de-Grave.

Beim Erstkontakt nach Ankunft störten wir grade beim Essen und wurden vom Schlüsselgewaltigen, Gerd Mengel, auf 90 Minuten später, mithin 21.15 Uhr bestellt. Die Zeit nutzten wir zu einem ersten Restaurantvergleich Konz / Soulac in einer Pizzeria. Soulac gewann. Gerd erkannte uns sofort als zuverlässige und ehrliche Bewohner und ließ die vertragliche Kaution unter den Tisch fallen. Soulac erinnert einen in Einzelheiten an andere Orte von früher: St. Trojan, Ronce-les-Bains, Tremblade. Neues ist meist hässlich, altes im aquitanischen Stil; Steinhäuser mit Holzgiebeln, helle Anstriche, rot-backsteinige Fensterumfassungen, hellblaue Fenster. Unser Haus ist ein durch und durch typisch französisches Ferienhaus im flachen Barackenstil. Rustikal, braun, unpraktisch, gedrechselt und geschmiedet, vollgestellt mit Möbeln, die man nicht braucht und ausgestattet mit Unmengen von nerviger Deko.

Montag, 11. und Dienstag, 12. Juli 2005

Zwei sich ähnelnde Tage mit je einer kurzen Radtour und mehreren Einkaufsbesuchen im Ort. Lesen, Essen, Geruhen. Leider stellt keiner der Nachbarn ein offenes W-LAN zur Verfügung. Beim Tourist-Office haben sie einen Uralt-I-Mac, mit der Tastatur als als einziger Schnittstelle. Vielleicht muss Herr Mengel da mal aushelfen. Sorgen machen uns die hier im Garten vor allem abends fliegenden schwarzen Monsterkäfer, die sehr angriffslustig antreten. Dazu kommen gefährliche Schmetterlinge und fliegende Ohrenkneifer. Kommen wir zum Essen: Bei den Tomaten können die Rodenbrökerschen voll mithalten, bei der Wurst ist es schon anders. Die Saucisson-sec schmeckt, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in ganz Frankreich, all die Jahr gleichartig. Auch Leberwurst und Paté de Campagne sind schon ziemlich verschieden. Dafür gibt es in Frankreich keine Bratwürstchen.

Bei „Champion“ gerieten wir mit 15 anderen Kunden in die Kassenschlange, wo ein Neuer eingelernt wird. Er ist dermaßen langsam, dass die anderen Kunden interessiert um ihn drumrum stehen und lachen. An diesem Tag lernte er Geldzählen und 1-Euro- von 20-Cent-Stücken zu unterscheiden. Allein für den letzten Kunden vor uns brauchte er 10 Minuten. Brigitte passte draußen auf die Fahrräder auf und beobachtete, wie die Champion-eigenen Türsteher alle Kunden wieder wegschickten, die den Champion-Dresscode nicht einhielten (nur Angezogene dürfen rein).

Mittwoch, 13. Juli 2005

Der Vortag der französischen Revolution. Die Stadt wird für das große Ereignis geschmückt. Bereits heute treten die Veteranen zusammen. Super Wetter im landläufigen Sinn, wir sehen das natürlich anders. Unsere Vorstellungen gehen dahin, dass es sich grundsätzlich ab 15.00 Uhr einzutrüben hat, ab 16.00 dräuend zuzieht und von 17.00 bis 19.00 Uhr ein schweres Gewitter aufkommt, gefolgt von Dauerregen bis zum nächsten Morgen um ca. 11.00 Uhr. Dann kann von uns aus wieder die Sonne scheinen. Wir fuhren zum Strand – mit dem Fahrrad ca. 5 Minuten und Brigitte nahm ein Bad. Warum nur Brigitte? Kalle seine Badehose hat das Problem, dass sich im Wasser partout die eingebauten Taschen mit ihrem hellen Futter nach außer stülpen, und das sieht modisch nicht so gut aus. Bis zum Umbau der Badehose sind daher Wasseraufenthalte nicht möglich. Ein kleiner Schluck – verdünnter – Wein zu Mittag setzt einen dann von 13.00 bis 17.00 Uhr völlig matt. Um 18.30 starteten wir zu einer kleinen Radtour über die Piste cyclable bis zum Fähranleger in Verdon um wenigstens formal etwas geleistet zu haben.

Donnerstag, 14. Juli 2005, Nationalfeiertag

Morgens Strand. Auch Kalle nahm ein Bad im atlantischen Ozean.

Wir feiern heute im Übrigen den Sturm auf die Bastille, in unserem Fall mit einem dollen Feuerwerk abends am Strand. Monsieur Mengel kündigte eine baldige Rasenmähung an und sagte, es würde voll, man solle sich rechtzeitig einen guten Platz sichern. Start 22.30. Wir waren um 22.08 dort, als es noch nahezu taghell war. Bis es um 23.30 wirklich losging, hatte sich jede Menge Volk eingefunden. Wir saßen rittlings auf der Strandmauer und die 20 cm-Lücke zwischen Brigitte und der Omma vor ihr wurde von der Allgemeinheit als der offizielle Durchstieg zum Strand aufgefasst, wo sich halb Soulac durchzwängte. Wir machten schöne Fotos von der durch die Feuerwerkslichter belichteten Menge. Über das Spektakel gibt es nur zu sagen, dass es sich offenbar um ein Feuerwerk handelte.

Freitag, 15. Juli 2005

Kulinarischer Höhepunkt der Reise war heute das obligatorische Steack-Haricot-verts-Pommes-de-terre-Mousse-au-Chocolat-Zelebrat. Dann Ausflug nach Montalivet, eine schlimme Wildwest-Siedlung ca. 15 km südlich von hier. Lebt nur während der Saison und sieht entsprechend improvisiert aus. Hinfahrt am größten FKK-Camp Europas entlang – es war nichts und niemand zu sehen. Die Außenwirkung mit aufgeschütteten Sichtschutz-Sandwällen entsprach einem durchschnittlichen Militär-Camp, z.B. in der Senne. Zurück über Venday, wo es eine wunderschöne stillgelegte Tankstelle gab.

Samstag, 16. Juli 2005

Noch mal Montalivet, um im Internet-Café was abzusaugen, ohne großen Erfolg, da dort alles abgeklemmt war und keine Betriebssystem-Funktionen möglich waren. Dazu kamen wir auf der chaotischen französischen Tastatur nicht zurecht.

Sonntag, 17. Juli 2005

Hl. Messe, Markthalle, Radtour nach Le Verdon, aber ab Hälfte der Strecke an der Wattenmeerseite entlang. Wir besichtigten nacheinander: das völlig verpennte Dorf Verdon. Einzige Attraktion: die Polizei- und Feuerwehrautos vor der Kirche; ein ödes Niemandsland zwischen Straße und Küste mit ein paar selten genutzten Kai-Anlagen für eine ominöse Container-Verschiffung; eine Beton-Brückenanlage aus Wehrmachtszeiten; eine neu angelegte Marina aus hektarweise verbautem Beton mit wenig Betrieb; einen älteren Yachthafen. Dann ging es über die Piste-Cyclable auch schon wieder zurück. In Soulac-City machten wir ein paar Fotos von Häusern im landestypischen Baustil.

Montag, 18. Juli 2005

Monsieur Mengel kam zum Small-talk und zur erneuten Anmeldung der obligaten Rasen-Mähung. Nachmittags erschien Madame und stornierte die Mähung wieder. Vormittags war ein Bad im aufgewühlten Atlantik angesagt. Mittags dann die Bestätigung unglaubwürdiger Vorurteile über das hiesige Mülltrenn-System: Die Mülltonnen haben ein fortschrittliches Zwei-Kammern-System: grün-biotisch und grau-restmüllig. Dass alles wieder zusammenschüttet wird, wie Monsieur behauptet, glaubten wir nicht, vielmehr, dass ein komplizierter Trennmechanismus im Müllauto den Inhalt der zwei Kammern der Tonne in spezielle Kanäle lenkt und ordnungsgemäß recycelt oder so. Doch dann sahen wir es mit eigenen Augen: Der Müllmann öffnete den Deckel, um zu kontrollieren, dass man auch ordnungsgemäß getrennt hatte. Wo nun bei uns in Deutschland die Tonne in einen Haken gehängt und per hydraulischem Lift mit mehrmaligem Rütteln entleert wird, hob er mit Bärenkräften die Tonne in die Luft, drehte sie und ließ den gesamten getrennten Inhalt in einen offenen Schlund purzeln, wo ein Raker die stinkende Masse nach hinten beförderte. Ungerüttelt blieb der in Zeitungen verpackte Biomüll natürlich in der Tonne stecken, was den Müllmann aber nicht interessierte. Ähnlich lustig geht es bei der gelben, blauen und roten* Tonne zu. (*Die rote Tonne hat auch einen grünen Deckel und ist für Glasflaschen bestimmt). Der Nachmittag brachte bei wechselnder Bewölkung und deutlichem Wind einen zweiten Aufenthalt mit Bad am Strand, diesmal bei „Bas mér“.

Dienstag, 19. Juli 2005

In der Nacht hatte es unbemerkt ein wenig geregnet. Um 10.30 erschien Gerd mit Rasenmäher. Anschließend Small-Talk, bei dem wir viel über das Leben als Deutscher in Frankreich, speziell in Soulac, erfuhren. Nachmittags Baden für alle im Meer. Erfolgloser Versuch, bei Gerd in der Luxus-Villa in das Mac-W-LAN reinzukommen. Spaziergang zu Fuß und mit dem Fahrrad durch die Gemeinde.

Mittwoch, 20. Juli 2005

Radtour durch das Haute-Medóc. Ausnahmsweise passte alles. Nach ca. 1-stündiger Anreise über die N215 über Lesparre starteten wir einen Rundkurs am kleinen „Hafen“ la Maréchale von Cadourne. Das Wetter war freundlich mit einigen schattigen Wolken, die aber für die Foto-Dramatik ganz gut passten. Der Hafen bestand aus einem ca. 50 Meter langen Ebbe-leergelaufenen Seitenarm der Gironde. Die Gironde war ungewöhnlich braun-brühig. Es gab ein paar schattige Bäume, einen kleinen Parkplatz, ein Kreuz und 2 Bänke. Ideal für eine Mittagsrast. Der Kurs führte entlang der D2 über Cadourne, St-Seurin, St-Estephe, von dort aus flach entlang der Gironde nach Pauillac. Die hügelige Weinlandschaft erinnerte uns etwas an Rheinhessen. Überall Chateaux, Schilder die aussahen wie Weinetiketten, zeigten die großen, uns trotzdem unbekannten Namen. Wassertürme auf Erhebungen und kleine Türme inmitten der Weinberge bildeten die Landmarken. Unterhalb von Estephe am Gironde-Ufer taten wir es Truckern und anderen Leuten gleich und hielten auf einem kleinen Picknickplatz Mittagsrast. Pauillac hatte überraschend wenig Flair. Es lebte von einem 200 Meter langen Abschnitt mit Restaurants und Hotels der doppelreihig Platanen-bestandenen Uferstraße, die an ähnliche Situationen an der Loire erinnerte. Wir gönnten uns in der schäbigsten der Kneipen ein Bier, weil wir auf Essengehen finanziell nicht eingestellt waren – obwohl es sehr verlockend war. Wir wären gerne noch nach Süden weitergeradelt bis mindestens Margaux, aber dann hätten wir unser Auto nicht mehr erreicht. Also zurück, zunächst an Chateau Mouton Rothschild, Lafite-Rothschild, Cos d’Estournel vorbei bis wir bei Pez wieder bei dem großen Wasserturm des Hinwegs rauskamen. Mehr Strecke hätte es nicht sein brauchen, denn Wind, Steigungen, Sonne, Gegenlicht, der Rucksack auf den Schultern und Kamera um den Nacken, überholende Autos und knatternde Moppeds strapazieren einen ganz schön. Bei Christoly beobachteten wir die aufkommende Flut, die wenigen Leute und die Schiffe auf der Gironde. In Port Goulée ließ Brigitte auf die Bremse treten, da sie eine kleine verpennte Crêperie an der Landstraße entdeckt hatte. Crêpe Sucre mit Grand Café. Um 17.30 Uhr waren wir wieder beim Haus.

Donnerstag, 21. Juli 2005

Morgens: Strand + Bad im Atlantik, alle. Nachmittags mit dem Auto zur Fähre in Le Verdon, und zu Fuß nach Royan. Es ging noch mal (wie schon 1997) darum, die nach der Bombenzerstörung 1945 nach einem Masterplan wiederaufgebaute und in dieser Form noch heute beeindruckende Stadt wiederzusehen. Die Innenstadt liegt an einer Bucht und zieht sich einen leichten Hügel hoch. Das neue Stadtzentrum bildet die in einem großen Bogen geschwungene Randbebauung der Bucht. Unten am Wasser liegt eine große Marina zwischen dem Fährhafen nach Le Verdon/Pointe de Grave und dem Stadtstrand. In Meernähe ist die Promenade gestaffelt – von der zu unterst liegenden Ebene gehen kleine Läden ab, auf deren Dächern die nächste, mit Rasen, Blumen und regelmäßig gestutzten Kiefern gestaltete Promenadenebene läuft. Dahinter läuft eine Straße, die hinabführt auf Strandebene und …

Hier bricht der Report ab bzw. der Rest wurde versehentlich gelöscht.

Aus der Erinnerung: Nochmal besuchten wir die beeindruckende große Kirche aus Beton, die nun ca. 50 Jahre nach ihrer Errichtung bereits stark bröckelt. Vemutlich kehrten wir nirgendwo ein. Von den beiden Fährschiffen über die Gironde machte vor allem jenes den größten Eindruck auf uns, welches nicht über ein Tor über das Heck oder den Bug, sondern über eine breite, schräg angelegte seitliche Klapp-Rampe bei jedem Wasserstand ohne Hub-Hilfsmittel befahren wird.

Unser Lieblingsfraß in diesem Urlaub waren sauer/scharf eingelegte Zwerg-Fischfilets – oder wie heißen die mit eigenem Begriff ?

Monsieur Mengel legte in uns die Grundlagen für den Entschluss, innerhalb von 15 Monaten (Dezember 2006) auf Mac umzusteigen.

Führte 2005 die Rückfahrt weiträumig an Paris vorbei ? Bogen wir kurz hinter Orleans auf die D2152 Richtung Pithivier und Malherbes ab, mit Zwischenziel Fontainebleau, um dann ein Stück an der Seine entlang zu fahren, was natürlich nicht geklappt hat? Letztendlich verfuhren wir uns in Melun ganz fürchterlich und die Geduld der Mutter, die den Sinn solcher Manöver nicht versteht, wurde überstrapaziert. Stunde um Stunde vergingen, und auf der Autobahn wären wir längst an Paris vorbeigewesen. Zum Schluss kamen wir zu der Einsicht, dass das Ziel „A1 Richtung Lille“ nicht mehr realistisch war und wir dann halt die Hoppelstrecke Richtung Metz und Saarbrücken würden nehmen müssen. Trotz allem war es insgesamt der entspannendste und beste Urlaub aller Zeiten.