2006 Der Hessen-Tag

By 16. April 2010August 29th, 2011Messdienerausflüge

2010 aus der Erinnerung geschrieben

Unser dritter Messdienerausflug am 13. Juni 2006

Zugegeben – „Hessentag“ ist natürlich als Begriff besetzt für die gleichnamige Landesveranstaltung, aber dies mal beiseite. Die Messdiener wollten auf Tourismus machen und wählten die Lahn als roten Faden des Ausflugtages mit den Zwischenstops:

Westende vom Edersee · Selters · Weilburg · Runkel · Limburg

Strahlend blauer Himmel, warm bis heiß, wettermäßig ein Ausnahmetag. Messdiener K. stellte das Fahrzeug zur Verfügung und machte den ersten Fahrer. Schon kurz hinter Warburg, also nach ca. 60 km, maß sich Messdiener O. an, sorgenvoll fragen zu müssen: „Kannst du noch? Oder soll ich lieber fahren?“ K. wertete dies als ernsthafte Zweifel an seiner Fahrkunst. Er sah jedoch keine Chance, sein offenbar angeschlagenes Image kurzfristig aufzupolieren und räumte klaglos resignierend das Feld. O. übernahm.

Messdienerausflug 2006

Mit sicherer Hand und jahrzehntelanger Fahrroutine lenkt Messdiener O. souverän das Fahrzeug. Mit kritischem Blick hält er den Insassen auf den hinteren Rängen im Zaum. Ein ungeschriebenes Gesetz besagt: Sitzen drei Männer im Auto, sitzt hinten stets der Doofe. Messdiener D. hält indes den Kontakt zur Außenwelt.

Durch die schöne, einsam verträumte Berglandschaft Nordhessens gelangten wir Ausschau haltend schließlich an einen würdigen Ort für die obligatorische Frühstückspause. Schon während der Fahrt hatten mehrfach die Telefone geklingelt, das heißt, die Telefone von D. und K., O. ist erklärter Handymuffel und legt großen Wert darauf, möglichst nicht erreichbar zu sein, ignoriert aber auch die Erreichbarkeit anderer. Nun gut. Während bei K. Geschäftspartner anriefen, die natürlich keine Ahnung davon hatten, dass an diesem Tag der wichtige Messdienerausflug stattfand, sondern ihre bedeutenden Probleme gelöst haben wollten, überwogen bei D. die familiären Anrufe. Mutter und Sohn stimmten per telefonischer Einbeziehung und Erlaubnis D.’s das heimische Mittagessen ab (an dem D. selbst natürlich nicht teilnahm, weil er ja unterwegs war). Und ging das weiter, auch während der Frühstückspause am letzten Zipfel des Edersees, just da, wo bei Herzhausen die B252 das Gewässer quert. O. wandte sich verärgert oder meinetwegen spöttisch belustigt verständnislos ab. Aber die Messdiener-Frühstückspausen sind sowieso stets eine Zeit gemeinsamen Schweigens.

Messdienerausflug 2006

Die Priorität von externen Anrufen stört die intime Ausflugsatmosphäre zunächst erheblich.

Messdienerausflug 2006

Frühstück am Edersee.

Die Fahrt durch die uns wenig bis gar nicht bekannte Landschaft genießend, rauschten wir auf der B3 durch Marburg, wo wir einst in einem Hotel mit einem der ungünstigsten und unverschämtesten Preis-Leistungsverhältnisse übernachtet hatten, aber dazu bald mehr im Themenfeld „Hotelgeschichten“. Unser nächstes Ziel hieß Wetzlar, die Stadt der Leica. Wir parkten auf einem Parkplatz unten im Lahntal, ließen moderne Shoppingcenter sowie Ernst Leitz links liegen und erklommen die Altstadt zu Fuß.

Messdienerausflug 2006

Nach Ankunft in Wetzlar. Erwartungsfroh geht es in die Stadt.

Messdienerausflug 2006

Perfekte Fachwerkidylle in Wetzlar

Das Tempo dabei würde man als Bummeln angemessen bezeichnen. Da ein Messdienerausflug mindestens einen Kirchenbesuch vorschreibt, lag der Wetzlarer Dom auf der Hand. Andächtig bestaunten wir alles, glänzten mit Halb- und Viertelwissen oder unbewiesenen Behauptungen und entdeckten schließlich auf alten Kirchenbänken das Schild „Messdiener“. Dort nahmen wir Platz und baten eine andere Kirchenbesucherin, uns als Gruppe mit dem gut sichtbaren Schild zu fotografieren. Leider hatten wir den Selbstauslöser nicht abgeschaltet, und die verdatterte Lady glaubte schon nicht mehr, dass da noch was käme, als die Kamera nach 20 Sekunden doch noch auslöste. Dass das Bild trotzdem noch verwendbar war (wenn auch nicht scharf), ist ein kleines Wunder. Es ziert seitdem als Header-Grafik dieses Internet-Auftritts, siehe ganz oben.

Nun hatten wir uns die traditionelle Erfrischung verdient, wegen der Hitze in Form eines Eises. Das Eis und das dazugehörige Etablissement waren nicht weiter erwähnenswert, aber die Gefahr, in die der Messdiener K. sich durch reinen Übermut begab. Denn: Nach kurzer Zeit gab es einen kleinen Auftrieb seitens einer vorbeischlurfenden Schulklasse im schlimmen Alter, die sich ebenfalls für Eis entschieden hatte. K., der alles gerne dokumentiert, nahm die Schüler fotografisch ins Visier, hatte aber die Rechnung ohne die offenbar russische Mentalität einiger Klassenkameraden gemacht, die sich entweder angemacht fühlten oder eine Gelegenheit witterten, sich vor den Mädels als Machos aufzuführen. Messdiener O. jedoch, der über Bärenkräfte verfügt und dies auch zeigt, konnte erfolgreich de-eskalieren.

Messdienerausflug 2006

Begegnung mit aggressiven Russenkids, die sich angeblitzt fühlten.

Gemütsmäßig etwas angeschlagen verließen wir Wetzlar und hielten nach einiger Zeit Ausschau nach einem geeigneten Platz für den Tagesordnungspunkt „Picknick“. In der Nähe von Selters, fast auf dem Betriebsgelände des gleichnamigen Mineralwasserherstellers, fanden wir einen versteckten Platz an einer magischen Stelle zwischen Bahnlinie, Lahn und der B49. Auf dem mitgebrachte Instant-Grill wurden für jeden wieder eine unbestimmte Menge Würstchen zubereitet, vermutlich 1 oder 2 Stück, so genau weiß das keiner mehr. Eine unvergessliche Pause zwischen Zivilisation und Natur mit Anklängen an endlose Frankreich-Urlaube.

Messdienerausflug 2006

Kurz vor Erreichen des Picknickplatzes am Betriebgelände von Neuselters. Die Magistrale Wetzlar-Weilburg doppelgleisig, aber nicht elektrifiziert.

Messdienerausflug 2006

Coolness in Persona: Die Messdiener O. (links) und D. (rechts) bei der ordnungsgemäßen Durchführung des Picknicks

Messdienerausflug 2006

Satt Würstchen bis zum Abwinken stellen den Bedarf sicher.

Das nächste Etappenziel lag nur unwesentlich weiter: Weilburg. Ein kurfürstlicher Residenzort, den zu loben wegen seines für nördlich der Mainlinie ungewöhnlich süddeutsch-mediterranenen Flairs wir über die Jahre nicht müde werden. Weilburg liegt auf steilen Hängen über dem Lahntal. Autos werden auf Großparkplätze außerhalb umgeleitet. Unter dem Bergsporn, der in eine 270-Grad-Schleife der Lahn ragt, hatte im 18. Jahrhundert der Kurfürst aus reiner Lust am technisch machbaren einen Abkürzungskanal als Tunnel bauen lassen, der noch als Attraktion in Betrieb ist. Von den Terrassenplätzen der Stadt schaut man von oben herab und bewundert ein phänomenales Panorama voller Pittoreske und Idylle. Ein zweiter Tunnel läuft parallel und führt die Bahn durch den Berg. Die Stadt ist touristisch gut erschlossen, aber an diesem heißen Junitag war zum Glück nix los. Wir lieben diese verpennten Stimmungen. Natürlich gibt es auch hier etwas zu meckern: Messdiener D. ist von hause aus sparsam und merkt nicht, wenn er den Bogen überspannt. Spätestens in Weilburg wäre die Entscheidung fällig gewesen: Wer fährt und wer trinkt ein paar Bier? Statt dessen wurde der Verzicht mit dem Killer-Argument „Bei dieser Hitze auf gar keinen Fall Alkohol“ begründet und wieder machte K. gute Miene zu bösem Spiel. Doch noch zwei weitere Ziele warteten.

Messdienerausflug 2006

In der pittoresken Altstadt von Weilburg

Messdienerausflug 2006

Auch hier keine Einkehr: chinesische Pommesbude auf dem Felsen oberhalb der Lahn

Aus Weilburg raus war etwas knifflig. Ein Navi besaß damals keiner (heute immerhin der Messdiener D., doch dazu mehr im Bericht über den 2007er Ausflug). Es gelang K. abermals, einen Doofen zu finden, der auf seine abstrusen vermeintlichen Abkürzungsvorschläge einging, die sich noch stets als Umwege, wenn nicht sogar kleine Abenteuer erwiesen, weil es nicht so läuft wie er es sich vorstellt und unweigerlich weitere Komplikationen auftreten. Schön, wild, mit einem Hauch von Abenteuer, denn trotz aufgeschlagenem Straßenatlas auf den Knien des Beifahrers war die Micro-Navigation aus dem Blick geraten und wir kamen bei der Orientierung zeitweise ins Schleudern. Irgendwann erreichten wir Runkel.

Runkels Alleinstellungsmerkmal ist eine Burg, die auf einer wahnsinnig hohen Mauer auf einem Felsen oberhalb der Lahn angelegt ist und mit ihrer schroffen, düsteren Fassade (außer an sonnigen Tagen wie dem Messdienerausflug) gut für mittelalterliche Spiele und Filme à la im Namen der Rose die passende Kulisse abgibt. Zu Füßen liegt eine alte Steinbrücke malerisch über dem breit laufenden und mit sehr schräger Staustufe versehenen Fluss.

Messdienerausflug 2006

Der glorreiche Einzug in Runkel

Messdienerausflug 2006

Schleuse, Lahn, Dorfjungend an der Staustufe in Runkel.

Messdienerausflug 2006

Runkeler Burgromantik

Messdienerausflug 2006

Die Burg in Runkel

Wir erklommen den Pfad zur Burg, halb hoffend, halb befürchtend, sie könnte für Besucher offen haben und dann Eintrittsgeld kosten, was die sparsamen Messdiener in ziemliche Verlegenheit gebracht hätte. Zum Glück war alles zu und langsam schlendernd erreichten wir ein auf dem Hinweg nicht wahrgenommenes Eiscafé, das wie gerufen kam. Damals wusste ich noch nicht, dass ich das jahrzehntelang ausschließlich georderte und verzehrte Nuss-Eis schon lange nicht mehr ab konnte. Dementsprechend widerlich schmeckte es mit klebig übersüßtem Nachhall und Rülpszwang von den künstlichen Nuss-Aromen aus der Duftstofffabrik in Holzminden. Heute bin ich über Nuss-Eis vollständig hinweg. Sonst hatte Runkel nichts zu bieten, oder doch: Noch auf dem Weg zum Auto warf ich einen sehnsüchtigen Blick auf die Gaststätte „Zwitschernest“ (Eine Twitter-Hochburg?) mit Außenbestuhlung und Licher Pils im Ausschank direkt im Straßenwinkel an der Lahnbrücke. Hier könnte man doch… Für einen kurzen Moment erwog ich, aus dem Ausflug auszusteigen und einfach ein paar Tage hier zu bleiben… Aber ich hatte keinen Rechner dabei und es wäre so ganz allein vielleicht schnell langweilig geworden.

Messdienerausflug 2006

Hätte mein neues Dominizil werden können: Hotel Gasthof „Zwitschernest“ in Runkel

Messdienerausflug 2006

D. und O. beim Anstieg zum Limburger Dom

Ohne Umwege erreichten wir Limburg an der Lahn. K. überließ O. das „Auskennen“ weil das die Parkplatzsuche unter verschärften Bedingungen (zwei kritisch-spöttische Beobachter) erträglicher macht. Der Parkplatz war weit genug vom Dom entfernt, sodass man bei der Zielsuche bereits einen ordentlichen Eindruck von der Stadt bekam. Fachwerk, städtisches Flair, Etappenziel-Qualität. Noch bestand Hoffnung. Der spätromanische Dom auf dem Berg über der Lahn vermochte zu beeindrucken. Beim Abstieg achtete ich verstärkt auf Einkehrmöglichkeiten und malte mir saftige Steaks, knusprige Pizzen und knackige Salate aus. Es wurde immerhin eine schnelle Cola. Wir waren nicht zum Spaße da. Messdiener D. schaute sorgenvoll auf die Uhr: „Huch, so spät schon?“

Messdienerausflug 2006

Einkehrgelegenheiten im Herzen Limburgs

Messdienerausflug 2006

Fernweh I. : Autobahn A3, ICE-Trasse Köln–Frankfurt über dem Lahntal

Messdienerausflug 2006

Fernweh II. : Lahnabwärts Richtung Bad Ems

Messdienerausflug 2006

Limburger Dom, unten rechts das Hotel Nassauer Hof

Ich verkniff mir weitere Ziele vorzuschlagen: Das Lahntal würde jetzt bis Bad Ems sehr schluchtig werden! Bei Lahnstein würden wir den Rhein erreichen! Koblenz, Mainz und Trier in greifbarer Nähe! Doch die Heimfahrt war stumm beschlossene Sache. Es gab nur noch einen spontanen Stop: Als irgendwo zwischen Limburg und Gießen ein nagelneuer ALDI-Süd am Straßenrand erschien, gab es kein Halten mehr. Mensch, ALDI-Süd! Der Messdiener O. mit seinem latenten ALDI-Süd-Komplex geriet aus dem Häuschen, ließ die Gelegenheit natürlich nicht verstreichen und wir gönnten es ihm. Zeit spielte keine Rolle mehr, alles war gut.