2008 · Poel zu Ostern

By 22. März 2008September 12th, 2019unterwegs

Urlaub 22. – 29. März 2008 in Kirchdorf/Insel Poel

Karsamstag, 22. März

Dem Karsamstag ging der Karfreitag voraus. Es schüttete und hagelte, und so fiel die Karfreitagsprozession durch den Schloss Neuhäuser Wilhelmsberg zumindest offiziell aus, wenngleich infoffiziell, also ohne Pastor, ohne Messdiener und Lautsprecher doch gelaufen wurde. Einer solchen Truppe von unentwegten schlossen wir uns an. Dafür ging es umso schneller. Am späten Nachmittag besuchten wir die Miss im Spital sowie Steinhövels und verzichteten darauf, das umfangreiche Arbeitspensum, wie ursprünglich vorgenommen, noch zu erledigen. Die Steuer wäre erst in zwei Wochen fällig, und das Schreiben von Rechnungen sollte auch noch warten.

Auch am eigentlichen Karsamstag ließen wir es ruhig angehen. Der Oppa war schon Freitags weg, 4 Tage Altenahr, nun jar. Wir besuchten erst noch Rewe und den Wochenmarkt und fuhren um 10.00 Uhr los. The coldest Easter-Holydays ever!. Temperatur 1,5 bis 0 Grad, nur rund um Hannover zwischen 3 und 4 Grad. Touristisches Rahmenprogramm: Ein Coffee-to-go in der Raststätte Soltau-Süd, allerdings nicht klassisch, sondern preisgünstig direkt im Tank-Shop. Coffee, Croissant, Foto, weiter. Auf relativ leeren Autobahnen kamen wir gegen 13.45 in Sichtweite von Wismar und hintenrum nach Poel. In Kirchdorf brauchten wir eine halbe Stunde, um nach etlichen Autorunden durchs Dorf und einer Odyssee zu Fuß im Schneesturm das Büro von Firma Radicke (genannt Radicchio) zu finden. Ohne vorher nachzuschauen, hatten wir es an einer bestimmten Straßenecke erwartet und kamen nicht damit klar, dass es in Wirklichkeit schräg gegenüber lag.

Das Wohnungsmeckern

Con’s: Küchenmöbel zu fimschig: Wenig und niedrige Ablage- und Arbeitsfläche, CD-Player im Eimer. Flur ohne Tageslicht. Obergeschoss: Vorzimmer zum Schlafzimmer ungemütlich zur Rumpelkammer degradiert: Ein Diwan, zu lang zum Sitzen, zu kurz zum Schlafen, ein Paravent, um den Divan-Benutzern Intimität zu suggerieren, ein riesiger Kleiderschrank mit Separée für die Eigentümer, ein großer dunkler 30er-Jahre Schreibtisch, von dem man sich fragt, wie sie ihn über die enge Treppe nach oben bekommen haben. Kein erhofft bis geglaubt offenes W-LAN vorhanden, noch nicht mal ein gesichertes.

Pro’s: Gemütlicher Appartment-Raum mit der oben beschriebenen Küchenzeile, hässlich-praktisches Lümmelsofa mit Blick auf das Panoramafenster zum Hafen. Voller Hafenblick durch das bodentiefe Fenster und das verglaste Balkon-Geländer. Schlafzimmer mit Dachfenstern ebenfalls mit Blick auf den Hafen, allerdings nicht im Liegen möglich. Panorama: links zwei Hafen-Kneipen, in der Mitte die Kirchsee mit Blick bis zur Weltkulturerbekulisse Wismar, rechts die Kirch von 1500soviel. Die Mini-Steroanlage mit dem kaputten CD-Player hat immerhin einen Cinch-Aux-Eingang, so dass wir den Compi mit iTunes anschließen können.

Die Aktivitäten

Wir richteten uns kurz ein und gingen zu Fuß Richtung Edeka-Neukauf, um die wenigen fehlenden Festtagseinkäufe zu erledigen: Bier (Lübzer, Lübzer-Lemon, Rostocker), Ostsee-Zeitung, Fit (Ost-Spülmittel), Burger Ost-Zwieback. Später merkten wir, dass wir Senf vergessen hatten, und zwar den von zwei Dritteln der Bevölkerung bevorzugten Bautz’ner (heller, weil ohne Cucumber-Zusatz, weniger sauer, weniger salzig, mittelscharf). Wir vermuten, dass er geschmacklich der auch in Westen selten zu findenden Düsseldorfer Löwensenf-Variante „mittelscharf“ entspricht. Was wir jetzt noch nicht wissen: Der Bautz’ner hat auch nicht die Festigkeit des West-Senfs. Beispiel: Wird, beispielsweise ein Thomy, aus der Tube gedrückt, kommt eine senfige „Wurst“ zustande. Der Bautz’ner zerfließt ins Zweidimensionale – Hautbestandteil Wasser. Am Dienstag wollen wir den Kauf des Bautz’ner zum Haupttagesordnungspunkt machen. Nach dem Einkaufen machten wir eine Runde durch Hafen und rund um das zitadellenartig angelegte Kirchengelände. Es besteht aus einem zackenartigen verwilderten Wall mit Bäumen, Sträuchern und viel Efeu. Die Innenfläche besteht aus einem alten Friedhof und mittendrin der Backsteinkirche mit Wehrturm. Es dunkelte schon stark. Brigitte suchte ein paar Zutaten für die Dekoration des Osterteller. Moos war nicht wirklich zu finden und so dekorierte sie mit braunen Blättern, die wie ein drappierter Schinkenteller aussahen, einem vermoosten Zweig und ein paar Efeublättern. Die Österlichkeit wurde schlagartig durch drei gelbe Eierkerzen hergestellt sowie zwei flankierende goldene Lindt-Schokoladenhasen mit Glöckchen.

 

Ostersonntag, 23. März

Eiskalt mit eisglatten Ausrutsch-Flächen direkt vor der Wohnungstür. Aber: strahlend-blauer Himmel, Windstille, Österlichkeit zumindest optisch. Nach dem Frühstück gingen manche in die Kirche, wo ein protestantischer Familiengottesdienst zelebriert wurde. Die Kirche war voll, jedoch überwiegend Touristen und evangelische Lau-Christen, die auch Klassiker wie „Christ ist erstanden“ noch nie gehört hatten und ausgesprochen lied-unsicher irgendwas mitmurmelten.

Im Hafen war den ganzen Tag touristisches Treiben wegen nix. Autos kamen, parkten, zahlten die Gebühr (täglich 7 – 18 Uhr pro Stunde 1 €) und verschwanden wieder. Mittags der erste Höhepunkt: Unser vor Tagen gekochtes bzw. angebratenes Gulasch (1 kg Rindfleisch vom Eggehof) auf Nudeln war uns ein köstliches Ostermahl der Ein-Gang-Klasse. Dazu eine von daheim mit Bedacht und Planung mitgebrachte Rotwein-Rarität, die folgenden literarischen Sonderschub auslöste:

Lieber Herr Vormwald,

wir sind zu Ostern für einen Kurzurlaub an die Ostsee auf die Insel Poel gefahren, wo wir es uns trotz der nördlichen Lage doch etwas wärmer vorgestellt hatten.  Zum Ostermenü haben wir die zweite Flasche Wein geöffnet, die Sie uns damals zur Übergabe der Isolatorensammlung mitbrachten. Wir sprechen hier vom Kreuzwertheimer Kaffelstein, Spätburgunder trocken von 2002 aus dem Staatlichen Hofkeller zu Würzburg. Da wollen wir gerne  ein Lob aussprechen. Dieser Wein stellt in dreifacher Weise etwas besonderes für uns dar:

Seltenheit: Einen Würzburger Hofkeller findet man nicht im Supermarkt, jedenfalls nicht in Paderborn. Wie übrigens auch andere Weine nicht, z.B. hessische Bergstraße, Mittelrhein, Bodensee, Saar, Elbe.

Alter, Rebsorte und Geschmack: Der 6 Jahre alte fränkische Burgunder mit 12,5 % hat jetzt die gehobene Trinkreife, die sich in Farbe und Geschmack zeigt. Hell und klar, wie es die Burgunder sind, dazu von einem weichen warmen Rotton, der in seiner Jugend wohl eher ins Kirschrote ging. Obwohl als trocken bezeichnet, kommt nun der Hauch eines Anklangs von Süße durch. Eine Sekunde lang erinnert das Gewächs uns daher – obwohl noch weit genug davon entfernt – an französische Aperitiv-Weine wie Banyuls, Pineau Charente oder Muscat d’ Rivesaltes.

Schließlich die verbundene persönliche Wertschätzung: Sie haben diesen guten Tropfen ausgewählt und nicht etwa einen gewöhnlichen „Dornfelder“ von Edeka überreicht. Vielen herzlichen Dank noch mal.

Ab Mitte August läuft im Mainfränkischen Museum Würzburg die archäologische Ausstellung „Eine Welt in Bewegung“, für die ich die Werbung und den Internet-Auftritt erstellt habe (www.eine-welt-in-bewegung.de). Wir werden irgendwann im Herbst die Ausstellung besuchen und möchten einen Abstecher nach Lohr machen, um uns Ihr Isolatorenmuseum in der Trafostation anzuschauen. Daher werde ich Sie zu passender Zeit noch mal kontaktieren, um einen Termin zu vereinbaren – wenn es Ihnen Recht ist.

Bis dahin verbleibe ich mit lieben Grüßen

Um 14.00 brachen wir auf zur zentralen Tagesaktivität, dem mit vielen Fotos dokumentierten Spaziergang, fast schon eine Wanderung Richtung Kaltenhof, Schwarzer Busch, entlang am Strand nach Westen, zurück über Neuhof. Frühlingshaft österlich, vielleicht an diesem Tag die wärmste Ecke Deutschlands. Mini-Steilküste, Sand-Abbrüche, Schilfzonen, weite Felder. An bestimmten Wege-Kreuzungen standen verlassene Autogruppen zusammen, wir kriegten nicht raus, wozu –… vielleicht zur (lautlosen) Jagd. Nach Rückkehr kauften wir in dem unscheinbaren Hafenkiosk in letzter Minute für das wohlverdiente Kaffeetrinken zwei Stück Käsekuchen. Die Kiosk-Mutter saß schon im Auto und musste noch mal raus/rein. Für den Rest des Tages reichte es uns, vom Lümmelsofa am Panoramafenster aus das allmählich nachlassende Treiben im Hafen zu beobachten. Abends kuckten wir irgendwas Doofes im Fernsehen.

Ostermontag, 24. März

Das Wetter war weiterhin kalt, grau in grau mit sekundenweise milden Sonnenstrahlen einmal pro Stunde. Auf dem Hafenplatz waren am Vorabend schon Wagen und Buden aufgebaut, die vormittags zeitig öffneten: Ein für heute angekündigter Hanseatischer Hafen- und Fischmarkt mit folgenden Attraktionen:

  • Zwei Räucherfisch-Stände
  • Bude für Softeis, Glühwein und Waffeln am Stil
  • Thüringer Bratwurst und
  • CD’s und DVD’s
  • Klamotten
  • Handtaschen
  • Original Pommersche Katenschinken-Spezialitäten
  • Kinderkarussell

Die Akzeptanz stieg und fiel mit dem Wetter. Vormittags schien es ein erfolgreicher Verkaufstag zu werden. Es kamen reichlich Neugierige in Autos an, und im Karussel saßen in jeder Runde mindestens 2 Kinder. Ab 15.00 Uhr trübte es sich ein. Zunächst Nebel, dann kam noch Schneeregen dazu, und die Markthändler waren unter sich. Ein Trauerspiel.

Wir selbst hatten das Mittagessen auf den Nachmittag verschoben und die Tagesmitte zu einem Spaziergang genutzt, dessen Länge und Intensität schon an eine Wanderung grenzte. Auf dem Schilfpfade am Hafen vorbei Richtung Forellenhof, dann quer über den Landrücken auf Malchow zu. Felder, Weite, einseitige Birkenallee. In Malchow bestaunten wir ein etwas verlassen wirkendes bäuerliches Backstein-Ensemble mit Ställen, Scheunen und gigantischen Kopfweidenstümpfen. Wir beschlossen stumm, nicht sofort über den erstbesten Feldweg wieder heim zu dackeln, sondern auf der wenig befahrenen Straße bis Fährdorf zu tigern und dort zu schauen, wie es weitergehen könnte. Unterwegs kamen wir an einem in den letzten Jahren renovierten und ausgebauten Komplex vorbei, der, zwischen Straße und Ufer gelegen, zur Hochschule Wismar gehört und wo man sich auf landwirtschaftliche und gartentechnische Forschung spezialisiert hat. Sie boten auf dem Gelände einen sogenannten Schaugarten an. Umfangreiches kleinwüchsiges Gedöns war mit Schildern bezeichnet, z.B. das immergrüne Geißblatt, was an einem Rankgestell vor sich hin kümmerte. Uns beeindruckte ein Weidentipi und ein riesiger Komposthaufen, der sektorartig offengeschaufelt war und veranschaulichte, das der Komposthaufen von oben nach unten zunehmend zu reiner Erde wird. Höhepunkt war ein kleines tropisches Gewächshaus, natürlich geschlossen. In Fährdorf gab es nichts zu sehen. Ein Umweg bis zur Brücke, die Poel mit dem Festland verbindet, lohnte sich nicht, ebensowenig wie ein Umweg über Fährdorf-City, welches westlich der Straße abseits liegt. Auf einem relativ neuen Rad- und Fußweg, ca. 3 Meter oberhalb der Fahrstraße auf der Böschung gebaut, wanderten wir über Niendorf mit Abstecher über den Forellenhof (Urlaub 2001) nach Hause. Es war uns nicht nach intensivem Hanseatenmarkterleben. Wir ignorierten ihn und bereiteten zu Hause Teil 2 des Ein-gängigen Gulasch-Menüs zu, ergänzt durch eine köstliche Rohkostschale. Wir füllten uns jeder 3 gehäufte Suppenteller voll auf und die Mutter jappte noch spätabends nach einem – leider nicht verfügbaren – Schnaps.

Es ist immer noch 15.00 Uhr, das Wetter vertreibt die letzten Besucher des Hanseatischen Hafen- und Fischmarkts. Vor allem die mit einer gesteppten Felljacke und Jeans gekleidete Würstchenfrau namens Elfriede tat mir leid. Zunächst noch in ihrer Bude geduldig auf Käufer der letzten 4 Würstchen wartend, welche bei genau soviel Hitze vor sich hin schmurgelten, dass sie nicht kalt wurden, aber auch nicht brauner. Niemand kam. Die Frau verließ gelegentlich ihren Stand und hielt sich vor der Theke des danebenstehenden Softeis-/Waffeln-am-Stil-Standes auf. Ab 16.15 fing die Würstchenfrau an, aufzuräumen und zusammen zu packen. Die vier unverkauften Würstchen wurden sorgfältig in Alufolie eingewickelt, damit sie am nächsten Verkauftstag- oder Wochenende an der Stelle weiterbrutzeln können, wo sie heute aufgehört haben. Um 17.02 Uhr verschwand Elfriede für 4 Minuten auf dem Hafenklo. Die Abbauarbeiten schleppten sich danach bei heftigem Schneetreiben bis 18.00 Uhr hin. Nun merkte man, wer zum harten Kern gehörte, denn vier Fahrzeuge mit Anhängern wurden exakt nebeneinander geparkt. Das Personal suchte gemeinsam eines der beiden Restaurants auf, offensichtlich, um die mickrigen Tageseinnahmen auf den Kopp zu hauen. Nach einer Stunde, also um 19.00 Uhr fuhr der Konvoi ab. Ein sehr langer Spätnachmittag ging zu Ende. Wir drehten noch eine frierende Runde durch den verlassenen Ort. In der Pizzeria im Keller des Edeka-Neukauf-Ladens war es zu ungemütlich zum Einkehren.

Dienstag, 25. März 2008

Ein denkwürdiger Tag. Heute, kalt wie nie am 25. März, vor 35 Jahren fand die legendäre Bandprobe von Meremusic im Garten von Ferdi Heggemann’s Eltern in Elsen statt, weil es ein ungewöhnlich warmer Tag war. Eine Woche später sind wir dann bei Schnee und Eis nach Südfrankreich gefahren. Teilnehmer der Bandprobe: Pete Junkie (Drums), Rolf Ulker (Gitarre), Fred Heckermann (Fender Rhodes), Udo Böger (Precision Bass).

Nach dem Frühstück machten wir uns zu Fuß auf den Weg nach Timmendorf. Das Wetter wurde zunehmend besser, und in Timmendorf Strand schien bei mäßigem Frost sogar die Sonne. Der Blick schwiff weit über die Wismarer Bucht bis hin zum Klützer Winkel. Die längst beschlossene Einkehr war nur noch eine Frage des wo, nicht mehr des ob. Ein Lübzer sollte im Anstich sein, dazu vielleicht ein Brathering. Doch die einen hatten zu, die anderen waren gähnend leer, Dritte boten nur Hasseröder an. Und Hasseröder hat an der Küste nichts zu suchen, schon im Harz trinkt man es nur widerwillig, weil es laff und ölig schmeckt:
Stichwort -> Köpi! Was lag da näher, als flexibel umzudisponieren und gleichzeitig einen alten Mythos neu zu beleben? Schon 2001 hatten wir es schweren Herzens versäumt, das Timmendorfer Insel-Café zu besuchen. Erdgeschoss leistungsfähige Premium-Bäckerei, oben unter dem scheunenartigen mehrfach-gewalmten und voll giebelverglasten Dach mit großer vorgebauter Dachterrasse die Caféstube. Soweit die schöngeredete Fantasievorstellung, sieben Jahre aufrecht erhalten.

Wir bestellten bei einem der vier zur Crew gehörenden Mädels je ein Stück Donauwelle und einen „Pott“ Kaffee und stiegen nach oben. Die Stube erwies sich als eine ungemütliche, durch Einrichtungssünden und unter Feng-Shui-Gesichtspunkten vollständig versaute Halle. Ungefähr so vorzustellen wie der mit Verlegenheitsideen eingerichtete Vorraum zum städtischen Hallenbad. Beim Servieren kündigte man an, uns zur Ehre und zur Freude extra das Radio anzuschalten, was den Rest des Aufenthalts in lautstark zischender Radiowerbung ertränkte. Die Donauwelle bestand aus steifer Butterkreme mit Marzipan und der Kaffee schmeckte wie Autobahnraststätte 1970. Wir zahlten und wanderten weiter Richtung Schwarzer Busch, lt. Karte 3,5 Kilometer am Strand entlang. Unterwegs nahm die Mutter ein erfrischendes winterliches Bad im Meer bei drei Grad sowohl Wasser- als auch Lufttemperatur. Der Versuch, diese Aktion zu filmen, scheiterte an unserer Hektik, wir drückten 2 Sekunden nach Start auf die Stoptaste, ohne es zu merken. Die letzten 500 Meter durch eine aus einem Guss aus dem Boden gestampfte Reetdach-Ferienhaussiedlung vom schwedischen Immobilien-Großinvestor. Von der Sorte plant man, die ganze Insel vollzustellen.

Einkehrmäßig ergab es sich, dass wir im „Traditionshaus Seeblick“ landeten. Die Donauwellen lagen uns so schwer und übersättigt im Magen, dass wir die Kuchenschwäche im Inselcafé nicht nur bedauerten, sondern verfluchten. Jetzt hieß es aufpassen: Aus Frust und Prinzipienreiterei jetzt noch den Brathering hinterher zu schieben wäre ein fataler Fehler. In dieser Einsicht begnügten wir uns mit zwei Runden Pils bzw. Radler, einmal auf Basis „Wismarer“ und einmal auf Wernesgrüner, das vielleicht überschätzteste Bier unserer Zeit. Hat ein tolles Branding, ein schönes Logo, eine stimmige Legende, aber schmeckt irgendwie nach abgestandenem Gurkenaufguss. Auf dem Rückweg kauften wir bei Edeka/Neukauf noch für 0,35 € ein kleines Glas des mit Spannung ersehnten Bautzener Senfs, mittelscharf. Hundemüde fielen wir daheim auf das Lümmelsofa. Das Wetter und damit das Licht veränderten sich laufend, und gelegentlich schossen wir ein Foto davon. Brigitte fiel auf, dass das Herrenhaus des Gutshofs in Niendorf im Sonnenlicht aussieht, wie das berühmte Haus im Suppenteller. Es hat damit den Namen Suppentellerhaus weg.

Abends war dann der erste Restaurantbesuch fällig. Noch auf dem Weg dorthin wussten wir nicht, für welches der beiden wir uns entscheiden sollten: Den Poeler Hafenpavillon oder nebenan Kröning’s. Wir wählten mit treffsicherem Gespür für die Pleite den Pavillon. Der Fraß war zwar nur fast absolut lausig, aber Brigitte’s Urteil war scharf. Der Salath bestand aus einer Gabel voll Krauthsalat aus dem Plastikeimer mit einem Löffel Maiskörner. Immerhin war geheizt, man hatte Hafenblick und auf dem Bierglas stand Radeberger. Als Aquavit kam zum Schluss noch ein Jubi im vorgeheizten Glas auf den Tisch.

 

Mittwoch, 26. März

Wichtigste Aktion des Tages: sofort als erstes dem Oppen (53) zum Geburtstag gratulieren. Er nimmt nichts wichtiger als Geburtstage, besonders die, die gefeiert werden. Wenn auf 19.00 Uhr eingeladen ist, heisst das für ihn: aller-aller-spätestens 18.50 da sein. Gratuliert man nicht wenigstens, hat man sich die Teilnahmeerlaubnis an seiner Beerdigung schon jetzt verwirkt. Danach konnten wir uns der Wetterbestimmung widmen. Es hatte geschneit. Das Gebirge hinter Wismar war schneeweiß, auch bei uns lag eine dünne Decke. Zum Brötchenholen um 7.30 begaben wir uns wieder zur „Inselbäckerei“ Thomassek, wo es die niedlichen Zwergbrötchen für 20 ct. gibt. Nach dem Frühstück und den allgemeinen Verrichtungen begaben wir uns auf eine Wanderung nach Gollwitz. Es war sonnig, aber stürmisch und kalt. Die Brandung schaumkronig, die Wellen heftig. Auf dem Hinweg über den verschneiten Strand hatten wir trügerischen Rückenwind. Gollwitz selbst war der Inbegriff der Ödnis. Zwei schreckliche verlassene Ferienanlagen, buchbar über Novasol, zue Kneipen, ein paar trostlose Häuser und sonst nix. Wir traten ohne Bilder zu machen den Rückweg an, aber wegen schneenasser Verschlammung nicht über die Kopfweidenallee durch die Felder, sondern wieder am Ufer entlang, diesmal aber auf dem etwas bewaldeten Klippenweg. Die Klippen bestanden aus einem Lehm-Sand-Gemisch und brachen im großen Stil weg durch Unterspülung in einsamen Orkannächten.

Am Schwarzen Busch kehrten wir im bewährten „Traditionshaus Seeblick“ ein, nahmen an unserem angestammten Tisch Platz, bestellten das gewohnte Wernesgrüner und suchten menümäßig den Vergleich zu gestern abend. Die Mutter: Seelachsfilet mit Fritten und Salathbeilage, wir Brathering mit Brakato. Besser und billiger als im Poeler Strandpavillon, aber auch keine Offenbarung. Siebeck wäre bedenkenlos in den Hungerstreik getreten.

Nach der Wanderung freuten wir uns auf eine Geruhung. Etwas zu lange, denn beim nachfolgenden Programm fehlte dann deutlich die Zeit: Fahrt mit dem Auto zu Stadterkundung in Wismar. Wir parkten gratis in der Nähe des Bahnhofs und gingen strammen Schrittes an St. Nikolai vorbei auf den Marktplatz. Es war sehr kalt und zugig, wir froren regelrecht. Auf den Bürgersteigen waren noch überall die Schneemassen aufgetürmt. Es gab zwei Höhepunkte: Besuch des Inneren von Wiederaufgebaut-Sankt-Georgen und der Kauf eines Blumenpottes mit uns bis dato völlig unbekannten gefüllten gelben Primeln sowie eines kompletten Ginko-Baumes zum Schnäppchenpreis. Schnell wurde es ungemütlich. Nach ein paar abschließenden Fotos am zum Teil revitalisierten alten Hafen – Backsteinspeicher, Stadtsilhouette – ging es wieder heim.
Folgende Wünsche blieben unerfüllt:

  • Besuch von St. Nikolai
  • Kauf von Klamotten für die Dame und den Herrn
  • Kauf von netten Mitbringseln – Landkarten, Bücher, Gourmet-Spezialiäten, Hanseatisches aller Art
  • Einkehr zu Kaffee, Kuchen, Eis und Pils der Region
  • Fischbrötchen am alten Hafen
  • Turmbesteigungen
  • Preiswerter Frisör-Besuch für Sie und für Ihn

 

Die Pils-der-Region-Trinkung erfolgte abends zuhause durch den Reiseleiter.  Heute standen zur Auswahl:  „Darguner“ und „Schweriner“. Alles Sorten, die keiner kennt und als Zutaten zum Geburtstagsgeschenk vom Typ „Präsentkorb“ für den Oppa vorgemerkt sind.

 

Donnerstag, 27. März

Das Haus hat 30 Wohneinheiten. Davon ist über die Hälfte bemerkenswerterweise von bekannten A- oder B-Promis bewohnt. Hier eine vollständige Liste:

 

1 Brandt Matthias Brandt. Berühmter Schauspieler und Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers, Nobelpreisträgers, Politikers mit weltweiter Achtung und Verehrung
2 Grohn
3 Laleicke
4 Techel
5 Hasemann
6 Wiking Herbert und Irina Wiking. Erben aus dem Spielzeug-Konzern, welcher die Wiking-Autos hervorbrachte, die man einzeln sammelte oder zur Ausstaffierung der Märklin-Eisenbahn benötigte
7 Dellermann
8 Hauss
9 Stracke Hubert Stracke. Ausbezahlter Erbe und Enkel des Pantent-Inhabers und ehemaligen Produzenten der Stracke-Mettwurst, bevor diese vom lippischen Pieper-Konzern übernommen wurde
10 Knorr Karola Knorr. Erbin und Urenkelin des zweitbekanntesten Tütensuppenherstellers nach Maggi. Einer Seitenlinie der Familie gehörten die weltberühmten Werke der Knorr-Bremsen, mit welchen damals Eisenbahn-Waggons und Pferdekutschen ausgestattet waren
11 Köhler Horst Köhler. Ehemaliger Präsident des Welt-Währungsfonds, derzeit  Bundespräsident. Hat hier unauffällig eine Zweitwohnung
12 Wolter Wolfgang Wolter. Erbe aus dem Ferienhaus- und Reisekonzern Wolter’s
13 Maronn Monika Maronn. Das zweite „n“ dient der Tarnung. Ehemalige DDR-Schriftstellerin. Schrieb während des kalten Krieges mit Elke Heidenreich eine abwechselnde Kolumne in „Brigitte“. Wohnt hier ganz normal mit Erst-Wohnsitz
14 Elze
15 Harms Holger Harms. Weiß nicht genau, aber wahrscheinlich auch ein B-Promi. Vielleicht ein Seewolf
16 Matthies Dirk Matthies. Polizist im Hamburger Großstadt-Revier. Hält sich hier an den drehfreien Tagen auf
17 von Cramer Viktor von Cramer. Evtl. Schicki-Micki-Anwalt
18 Lange Lange heißen viele. Promi-Status nicht zweifelsfrei zu klären
19 Stolz Stefan Stolz. Mann von Hensel-Stolz, der bekannten Frauenrechtlerin und ehemaligen Gleichstellungsbeauftragten der Großstadt Paderborn
20 Gloms
21 Kinzel
22 Lüdicke Lore Lüdicke. Erfinderin des Hauses Lüdicke, des ersten Paderborner Kindergartens, der wie ein Bauernhaus aussieht. Lebt hier im Ruhestand
23 Otto Eigentlich: Otto Waalkes. Zappeliger Komiker der Nach-68er
24 Blume
25 Stolt
26 Algermissen Heinz Algermissen. Bischof von Fulda. Nimmt sich hier ab und zu eine Auszeit
27 Steinau
28 Schick/Wagner/Gelhar Heinz Schick. Stararchitekt aus Wuppertal. Schwager von Käthe Schindele.
29 Hain-Streek
30 Hafenkieker Hafenkieker ist ganz klar ein Pseudonym für einen A-Promi, der auf gar keinen Fall namentlich erkannt werden will. Wir tippen auf Franz Beckenbauer

 

Das Wetter war den ganzen Tag einfach schön. Nahezu windstill. Bis in den Vormittag hielt sich im Hafenbecken eine dicke Eisschicht. Wir holten die Brötchen heute als bewusstes Experiment nicht von Thomassek, sondern von Edeka-Neukauf. Anders, aber auch nicht überzeugend. Beim Frühstück überschlugen sich die Ereignisse. Erst kam ein Zollboot aus Wismar herangeprescht und machte am Steg fest. Dann stiegen zwei Beamte aus und wurden vom Hafenmeister oder einem ähnlich Kompetenten, jedenfalls nach gestandenem Seebären aussehenden Einheimischen begrüßt. Die Männer trugen etwas heraus. Später kam noch ein Polizeiauto aus Schwerin hinzu. Die ganze Zeit hielt sich ein verdächtiger Rumtreiber im Hafengebiet auf. Wir machten entsprechende Beweisfotos.

Die heutige Wanderung führte uns über den Kieckelberg ans Meer. Wir filmten das sehr mutig vollzogene Bad der Mutter im offenen Meer und trockneten sie anschließend ab. Trotz intensiver Suche war heute am ruhig plätschernden Ufer kein Bernstein zu finden. Am Meer suchen wir stets nach Bernstein, auf dem Hochuferweg stets nach Sanddorn, der Zitrone des Nordens. Plötzlich standen wir in Timmendorf und entschieden uns für das Café gegenüber vom Insel-Café, von dessen Besuch uns noch immer sporadisch Übelkeits-Wallungen überfallen. Bei Gegenübers war alles bestens: Sonne, Sitzplätze mit grünen Kuscheldecken für jeden Gast, zivile Preise und interessante Besucher. Vor uns saß so eine Art Dieter Kreymeyer, nur noch intellektueller (wegen der TAZ-Lektüre, der Frisur, des Gesichtsausdrucks und der Rundbrille) und naturnäher (wegen der halbhohen hellen Schuhe vom Typ Camel 1981). Die Mutter ließ sich von der Serviererin einen Löffel Sanddorn-Schnaps einflößen und entschied sich dagegen, wählte schließlich das Gleiche wie wir: Windbeutel mit Sahne und Kirschen. Über Timmendorf City gelangten wir wieder heim. Ein erwähnenswertes weiteres Programm fand nicht statt. Das Zollboot war wieder weg.

Freitag, 28. März

Wetter: Vormittag: sonnig bis windig-sonnig. Zwischendurch: wechselnd. Nachmittag: bewölkt windig grau-in-grau.

Nach dem Frühstück (Brötchen von Thomassek. Thomassek leugnet auf Befragen, dass es sich früher um einen Bahnhof handelte. Frau Thomassek lügt uns frech ins Gesicht und streitet es rundweg ab) machten wir eine Tour mit dem Auto: Rerik, Kühlungsborn, Heiligendamm.

Rerik in Auszügen: Neues Viertel zwischen Haff und Küste mit mehreren unattraktiven Gelegenheiten zur Geldverbrennung. Wirkt alles recht langweilig. Wir machten einen Spaziergang am Strand Richtung Nordosten. Nach 1 km stiegen wir per Treppe auf das Steilufer und wanderten auf einem bewaldeten Weg zurück. Unterwegs sahen wir Automaten, an denen man für 1 € eine Strandkarte hätten kaufen können. Wir sind also schwarz gelaufen.

Wir kehrten bei einem öde und ungemütlich eingerichteten Universalitaliener ein, nahmen neben einer dreikindrigen Familie Platz und kauften bei dem sich schwer von Begriff zeigenden Jung-Macho ein Eis und einen Cappu. Weiter gings nach Kühlungsborn. Erst nach Wanderung durch den Ort, Nichtwiederfinden der Einkehr von 1997 und Kauf von Ansichtskarten kamen wir dahinter, dass der Ort zwei Zentren hat: Ost und West. Der West-Besuch war eher doof. Der anschließende Ost-Besuch allerdings auch. Eine Stadt, die fast nur aus ausufernden Konsum-Meilen aus neuer Pseudo-Bäderarchitektur besteht und einem schnell auf die Nerven/Gemüt geht. Wir fotografierten Molli, die Schmalspur-Dampflok-Bahn und fuhren weiter nach Heiligendamm – Stichwort G8 2007. Das Erlebnis der weltberühmte Luxux-Architektur im parkähnlichen Wald dauert bei der Durchfahrt keine 20 Sekunden. Dann ist man schon durch. Bemerkenswert war der hochsicher unknackbar eingezäunte Parkplatz mit Schranke für Nobelautos.

Wir hatten jetzt deutlich „den Kaffee auf“ und wählten aus Ausganspunkt für die Rückfahrt über die B105 das nahe Bad Doberan, das man sich später noch mal genauer anschauen könnte. In Neu-Bukow fotografierten wir einen schönen, aber verfallsgefährdeten Backstein-Speicher im Art-Deco-Stil von 1936.

Wir kauften bei Edeka-Neukauf den Warenkorb für das Oppa-Geburtstagsgeschenk und kochten zu Hause als Abendessen Pellkato, Salath und Spiegelei. Nebenbei genossen wir den Blick auf die Hansestadt. Für die Rückreise am Samstag ist ein Stop in Schwerin geplant mit folgenden Highlights: Staatliches Museum, Kaffee, Schlossblick. Weiter heim durch die Schweriner Seenlandschaft und unberührte Kartoffelgegenden.

Samstag, 29. März

Es kam, wie vorhergesagt. In Schwerin wurde für die Bundesgartenschau 2009 schwer gebaut und man verstrickte sich in Umleitungen. Der Museumsbesuch hinterließ nur einen schwachen Eindruck. Im Pavillon-Café am See mit Schlossblick waren wir die einzigen Gäste. All das hätte man sich sparen können. Der weitere Rückweg führte nicht quer durch Niedersachsen und das Wendland, sondern über die Autobahn fast nach Hamburg.