2011 – Kieler Förde

By 17. Juni 2011Januar 2nd, 2012unterwegs
3 Tage vor der Kieler Woche


Mittwoch, 15. Juni 2011

Wir trafen um 13.00 Uhr in Heikendorf ein und hatten noch eine Stunde bis zur vereinbarten Wohnungsübernahme mit dem Eigentümer*, mit dem wir um 14.00 Uhr verabredet waren. Von außen nahmen wir die Bude in Augenschein und fanden sie so, wie beschrieben. Die Stunde nutzten wir zu einem ersten Erkundungsgang nach Möltenort – wo es einen kleinen Segelhafen und die Anlegestelle der Schiffslinie SFK gibt. Nach knapper Begrüßung und Einweisung begann das reguläre Urlaubsprogramm. Zunächst stand eine Erkundung der nord-nord-ööstlich der Kieler Förde gelegenen Strände an. Erste Überraschung: draußen war es nicht so warm wie drin und vor allem windiger. Erster Strandversuch: Stein. Nach 10 Minuten reichte es uns wir beschlossen, „Kalifornien“ und Schönberg-Strand aufzusuchen, wo es leider auch nicht besser war. Öde, ungemütlich und auf eigentümliche Art zum Scheitern hergerichtet. Highlight war eine Agglomeration von maritimen Imbissbuden, wo wir den Versuchungen nicht widerstehen konnten und uns ein Brötchen mit Brathering für 2,90 teilten. Auf dem Rückweg gab es noch ein Mohnfeld zu fotografieren bzw. die Fotografen, die ihrerseits im Mohnfeld standen, um es zu fotografieren. Als Überraschung der netteren Art erwies sich das umtriebige Hafengelände von Laboe mit nahezu authentischem Flair. Bei Rückkehr verspürten wir erstmal ziemliches Groggytum. Dennoch brachen wir am Abend noch mal zu Fuß auf, um am östlichen Fördeufer soweit um die Ecken herumzukommen, bis sich der Blick auf Kiel City auftat. Dauer: ca. 1 Stunde.

*Der Eigentümer der Ferienwohnung bewohnt mit seiner Familie selbst das Untergeschoss der 2010 fertiggestellten Immobilie und verzichtet anscheinend auf den grandiosen Ausblick, den die erste Etage bietet. In xing.de fanden wir sein Profil, aus welchem hervorgeht, dass er, von Haus promovierter Physiker, heute als Business-Anschieber die Pharma-Branche auf dem Schirm hat. Einerseits scheint da ein Förde-Ufergrundstück mit Neubau durchaus normal zu sein, andererseits verwundert es, dass er sich mit Ferienwohnungsgästen abgibt und das dann auch noch selbst managed. Auch der A6 ist durchaus standesgemäß, aber als Zweitwagen statt eines BMW Mini Clubman oder A3 Sportsback nur ein kleiner Corsa, das gibt zu denken. Obwohl Mutter keinmal auf der Bildfläche erschien, wollen wir das Thema gar nicht vertiefen in Richtung soeben erfolgte Trennung, Lover in Hamburg, etc.

Donnerstag, 16. Juni 2011

Der Kiel-Tag. Zum Frühstück hatten wir oben in Heikendorf beim Bäcker Brötchen eingeholt. Der Bäcker ist in einer Ladenpassage untergebracht, deren Eingangszone gleichzeitig als Treffpunkt und Mittelpunkt des Dorfes fungiert und ganz gemütlich geraten ist. Leider fanden wir den klassischen Supermarkt im Tiefgeschoss erst am dritten Tag. Die anderen Geschäfte in der Passage sind ein Schreibwarengeschäft, eine Budike, noch irgendwas und ein Zahnarzt mit transparenter Praxis (bis auf die Behandlungsräume), jedenfalls konnte man sehen, wer im Wartezimmer rumlungerte.

Nach dem Frühstück, so gegen 12.30, sollte das Schiff von Möltenort (zu Fuß ca. 10 Minuten) nach Kiel abgehen. Leider vertaten wir uns mit der Interpretation des Fahrplans, so dass das Schiff grade weg war und wir noch ein paar Warteschleifen in Möltenort drehen mussten. Das Wetter war windstill und schwülwarm, so dass man es auf dem offenen Oberdeck gut aushalten konnte. Wir fuhren nicht bis Endstation Hauptbahnhof, sondern stiegen schon am Schwedenkai  aus, weil es zu Fuß viel zu entdecken gab. Z.B. das für Paderborner Verhältnisse gigantische Schiff der Stena Line und Buden und Bühnen, die zur Kieler Woche aufgebaut wurden. Am Hafen gab es ein Umverladen von mittelgroßen Tank-artigen Flüssigkeits-Containern von der Bahn auf LKW. Sehr verwunderlich, dass so etwas am Rande der City stattfindet und nicht in entlegenen Logistik-Zentren.

Nun machten wir uns ans Einkehren, und zwar zweistufig: Hinter dem Fußgänger-Steg „Hörnbrücke“ auf der Hörn-Ostseite kauften wir zunächst eine Bockwurst mit Brot in Autobahnraststättenqualität und danach bei einer pseudo-italienischen Eiscafé/Ristorante-All-in-one-Kneipe ein Eis und einen Caffé – der leider nicht geschäumt daherkam, sondern aus dem Tank mit einem dünnen glitzerden Ölfilm (brrrr.) oben drauf. Schon ermattet und etwas overdresst/verschwitzt hatten wir uns als nächtes Ziel den botanischen Garten ausgekuckt. Auf dem Weg dorthin war überall am Wegesrand der forcierte Aufbau der Fress- und Saufbuden sowie der Getösebühnen für die Kieler Woche im Gang. Der botanische Garten lag direkt hinter der Pathologie der Uniklinik und stellte sich als der „alte“ (ausgemusterte) Botanische Garten heraus. Den Gesuchten hatten wir wieder mal nicht gefunden. Nun waren wir vorzeitig groggy, hatten es aber zum Glück nicht mehr weit bis zur Schiffshaltestelle Reventlou. Ein vielversprechender Name, der auch zu einer Pariser Metrostation gehören könnte. Auf der Homepage von kiel.de stand zu lesen, dass die Stadt sich bemüht, die beiden Fördeufer noch mehr zu vernetzen und als Lebensader der Stadt auszubauen. Es scheint wohl zu gelingen. Der weitere Verlauf des Abends wird im nachfolgenden Text einer Mail an den Oppa beschrieben:

Freitag, 17. Juni 2011

E-Mail an den Oppa (Dienststelle):

H’ Oppa, ich möchte mich noch mal in aller Form dafür entschuldigen, dass ich um 8.02 Uhr noch im Bett lag, während du schon pflichtschuldigst deinen schweren Dienst am verrichten warst.

Solltest du von dem Vorfall bei Mäuschen Meldung gemacht haben und es gibt keinen Grund vom Gegenteil auszugehen, so gilt mein Entschuldigungsersuchen zuvörderst auch ihr gegenüber. Es soll nicht wieder vorkommen.

Wir waren gestern abend gegen 20.20 Uhr zu Fuß gestartet, um noch etwas zu Essen zu bekommen. In Möltenort war nichts mehr geöffnet, und wir wanderten durch den Wald, genauer gesagt durch einen für zivile Zwecke offen gehaltenen, aber durch mehrfachen Stacheldrahtzaun gesicherten Korridor über ein weitläufiges Bundeswehrgelände nach Laboe, Entfernung ca. 5 KM. Um 21.15 Uhr eintreffend, mussten wir feststellen, dass alle 7 Restaurants bereits ihre Küchen geschlossen hatten und man teilweise schon beim Schrubben der Klo’s war. Der diensthabende Türke an der örtlichen Dönerbude war so freundlich, uns noch eine Portion Pommes mit Ketschupp und Majonäse zu verkaufen.

Da der Heimweg zu Fuß nur bei völliger Dunkelheit durch den verschneckten Wald möglich gewesen wäre, entschieden wir uns, auf den verlassenen Bus der Linie 100 zu warten, welcher 10 Meter von der Haltestelle entfernt eine Fahrpause einlegte. Als der Busfahrer eine Minute vor Abfahrt aus dem Nichts eintraf, fragten wir ihn, ob er bereit wäre, uns bis Heikendorf mitzunehmen. Er bejahte die Frage mürrisch, stellte aber klar, dass wir nicht an Ort und Stelle einsteigen könnten, sondern an der – wie gesagt – 10 Meter entfernten offiziellen Haltestelle. Wir gingen zur Haltestelle, der Bus fuhr hinter uns her, und dort durften wir tatsächlich einsteigen. Der lange Gelenkbus war ansonsten so gut wie leer. Während der Fahrt mit Umweg über entlegene Dörfer war uns irgendwie nicht wohl. Als wir wieder ausstiegen, wurde uns klar, warum: Unser Sitz war offensichtlich von irgendjemand vorher eingenässt worden, so dass auch unsere Kleidung (Hose, Jacke, T-Shirt) durchdringend feucht geworden war. Zu Hause fielen wir in sofortigen Tiefschlaf – bis 8.02 Uhr, siehe oben.

Während des Verfassens obigen Tatsachenberichts mit entschuldigender Wirkung wird uns das Schreiben erschwert durch heftige Umtriebigkeit auf der Kieler Förde: Fortwährend ändert sich das Wetter – blickdichte Regenschauer, klare kalte Sonnigkeit, diesige Schwaden, das alles bei steifem Wind aus Südwest. Der Schiffsverkehr ist heute vor allem militärischer Natur: Es zogen ein zur Kieler Woche die Boote: F804, F791, 127, 58, 20, A50, A515, M1099, L16, P291, P163, und als Gast das niederländische Schiff A832 sowie ein kleines polnisches U-Boot ohne Nummer. Maritime Kenner schnalzen mit der Zunge.

Nach dem Mittagessen – halbes trockenes Brötchen – machten wir uns mit dem Auto hinüber auf die Förde-Westseite, um dort in etwa nordwestlich des Tirpitzhafens parkend, den oben beschriebenen Auftritt der Crème de la Crème der Bundesmarine aus der Nähe anzuschauen. Leider war von keiner Seite dranzukommen, alles abgeriegelt und schwer bewacht. Wir wurden abgewimmelt. Mit dem Auto fuhren wir durch dunkle, verlassene Gegenden zum Südufer des Nord-Ostsee-Kanals, wo eine seit unserem letzten Besuch 2003 stark renovierte Fußgänger-Fährverbindung (gratis) den Link zum Nordufer herstellte. Von dort wanderten wir entlang von in erster und zweiter Reihe geparkter Zwei- und Dreimaster aus der Zeit zwischen 1890 und 1910 hin zum alten Leuchturm, wo eine sichtlich uninspirierte lesbische Hochzeit stattfand. Auf dem Rückweg kehrten wir bei Tiessen** Schiffsbedarf zwecks Kaffee und Kuchen ein. Kaffee wieder aus dem Tank. Bei Kaffee haben sie hier tatsächlich noch Nachholbedarf. Im Rausgehen sahen wir das Sonderangebot: Krabben auf Schwarzbrot für 3,00 €. Hah, wenn wir da gewusst hätten ! Für den Heimweg nach Heikendorf mussten wir nun wieder Kiel südlich umrunden auf der B76 und der B502. An der Schwentine-Brücke entschieden wir uns für einen touristischen Abstecher. Hinten rum ging es über die Oppendorfer Straße runter auf Wasser-Niveau durch ein wunderschönes unprätentiöses Villenviertel, eigentlich eher gutbürgerlich. Unten an einem Ensemble aus alten und neuen Brücken über die Schwentine genossen wir die allseitigen Ausblicke und fuhren irgendwann weiter auf Nebenstrecken nach Heikendorf. Unvermutet kamen wir am „Computermuseum“ vorbei, von dem wir schon einige Male gelesen hatten. Zum Besuch reichten heute weder Zeit noch Lust.
**Hermann Tiessen, seit Jahrzehnten tot. Aber als praktisch-kompakt-volkstümlicher Namensgeber immer noch zu gebrauchen.

Um 18.00 beschlossen wir, den Tag nicht so ausklingen zu lassen wie gestern. Wir wollten es uns beweisen und im ersten Haus am Platze in Laboe nordisch geprägte Gastronomie pur und live erleben. Die Fischküche. Das erste Haus am Platze bot echte Massenabfertigung im Halbstundentakt dank maximal durchrationalisierten Betriebablaufs. Zum Bestellen an die Theke, Prepaid-Vorkasse, Getränke selbst mitnehmen, zur Benachrichtigung der Fertigstellung der Speisen, die man ebenfalls selbst zum Tisch schleppte, bekam man einen Piepser ausgehändigt. Bis zum Piepsen konnte man Leute beobachten und Vergleiche anstellen. Wir saßen auf einer Art Parkbank hinter einem fest in den Boden gerammten Tisch, so dass man in einer Haltung wir auf dem Klo sich zu dem zu hohen Tisch hinbeugen musste. Es war ziemlich rummelig, aber, da halb-draußen stattfindend, nicht zu laut. Nach dem Essen machten wir noch einen Spaziergang bis zum berühmten Marine-Ehrenmal, wo aber nix mehr los war. Während diese Zeilen entstehen, ist es 21.45 Uhr und noch taghell. Auf der Förde ist es ausgesprochen ruhig. Die Bundesmarine ist längst angekommen, die großen Fähren von Stena-, Color- und DFDS Lisco** auf der Zielgeraden in Stockholm, Oslo und Klaipeda einlaufend, und auch die Frachter Richtung Nordostseekanal schlafen schon.

**DSDF-Lisco: Der 2010 vor Langeland ausgebrannte Seelenverkäufer.

Auf den Fregatten, Zerstörern und Corvetten drüben im Tirpitz-Hafen kam nun anscheinend gesellschaftliches Leben auf. Nicht nur „über die Toppen“, geflaggt, sondern auch mit Lichterketten versehen wie auf dem Traumschiff am Abend des Captain’s Dinner, kann es sich nur um das Spezial-Bankett für geladene Freunde der Bundesmarine handeln. Ob der gestrenge Herr De Maizière davon weiß?

Samstag, 18. Juni 2011

Die Rückreise führte bis Hamburg nicht über die A215/A7, sondern über die B404 und A21, was sich kaum weniger langweilig erwies. Ein gefundener offener Parkplatz wollte 5 Euro Mindestgebühr haben, und wir drehten wieder ab. Weit ab vom Schuss, am Högerdamm fanden wir einen Umsonst-Parkplatz, von dem aus wir die City ansteuerten. Blick in die Petrikirche, Falsches Kaufen bei Schuhbeck, man weiß gar nicht, was wir da wollten. Irgendwie gerieten wir in die Speicherstadt, als das Wetter drohte. Mit einem Eis in der Hand flüchteten wir vor einem Wolkenbruch in eine Security-bewachte Baustelle (Phase Innenausbau) wo wir kurz geduldet wurden. In den Deichtorhallen war grade keine lohnende Ausstellung, und so traten wir mal wieder Heimweg an. Von Hamburg nach Hause ist eigentlich immer ganz gut fahren.