2011 – zwischen Hoek van Holland und Delft

By 29. Oktober 2011Dezember 24th, 2015unterwegs
Hohe Erwartungen an einen „Holland“-Kurzurlaub

Freitag, 28. Oktober 2011

Für den Aufenthalt in Holland (ab drei Übernachtungen zählt er für uns nicht mehr zu der Kategorie „Tour“, sondern gilt als regulärer Urlaub) hatten wir diesmal keine Ferienhaus gewählt, sondern ein Hotel. Da bietet sich zunächst ein kleiner Exkurs über unsere globale Einschätzung der niederländischen Hotelszene an: Es gibt in den Niederlanden relativ weniger Hotels als z.B. in Deutschland. Vermutlich, weil hier keiner darauf angewiesen ist, im Hotel zu übernachten, sondern abends wieder nach Hause fahren kann, denn soweit ist es ja nicht. Die wenigen Hotels gehören entweder zu großen Ketten, sind in den 1970ern oder -80ern erbaut und liegen verkehrsgünstig an Autobahnkreuzungen und vorstädtischen Schnellstraßen oder, wenn sie in den Städten angesiedelt sind, handelt es sich um familiengeführte Geisterbahnen und Gruselkammern mit Klo auf dem Gang, dann gerne mit Teppich verkleidet. Nun hatten wir uns auf der Suche nach alten selbsterlebten Mythen in dem Dreieck Den Haag, Rotterdam und Delft an Monster erinnert, ein kleiner Küstenort an der Nordsee unweit von Hoek van Holland. Da waren wir in den 1970ern mit Frans’ gelbem Ford Escort auf dem Strand rumgebrettert, weil es erlaubt war und manchen, wenn auch nicht allen Teilnehmern, „Laune machte“. Durch Zufall kam bei der Recherche das Hotel Elzenduin auf den Schirm, das sofort unsere erhöhte Aufmerksamkeit erfuhr. Cool, wie wir es lieben, mit ästhetischem Anspruch, nicht luxuriös teuer, sondern bezahlbar. Immer wieder verschoben, war es nun für den 28. – 31. Oktober 2011 fest eingeplant. So konnten wir sogar zu Allerheiligen wieder zurück sein.

Die Hinfahrt verlief nahezu glatt. Bei Bodegraven/Waddinxveen, wo die Navigon Software uns erwartungsgemäß Richtung Den Haag weiterschicken wollte, konnten wir nicht anders und sind, wie „hunderte“ Male seinerzeit, von der A12 auf die A50 Richtung Rotterdam abgebogen, um diese alte Gefühl wieder zu erleben. Natürlich war nichts mehr, wie es war. Die stille Landschaft war zu einer Hochhauswüste geworden und der damals plötzliche Land-Stadt-Übergang war einem Eindruck von endloser Agglomeration gewichen. Mutete Holland schon immer amerikanisch an, so tut es das heute mehr denn je. Der nördliche Autobahnring um Rotterdam mit dem Abzweig nach Den Haag/Amsterdam war total verstopft und wir standen in sehr zähflüssigen Stop und Go bis kurz vor Hoek van Holland. Als wir uns Monster näherten, beschlichen uns Zweifel. Was sollten wir in dieser gottverlassenen Gegend drei Tage machen?

Erst mal zum Hotel. Den hohen Erwartungen wird es in keiner Weise gerecht. Oder hatten wir das letztendlich nicht sogar irgendwie geahnt ? Die sehr ästhetisch mit Flash gebauten Internetseiten zeichnen ein Bild, das geschickt Negatives und Ungelungenes ausklammert. Im Prinzip lebt dieses Hotel von seinem Designer-Restaurant-Bereich. Das Essen wird wohl nicht schlecht sein, aber wir haben es nicht probiert und nicht erlebt. Nirgendwo hängen Speisekarten, man sieht keine Preise. Wir vermuten aber, dass es sich um feinsinnig drappierte Nichtigkeiten auf dem Teller ab 40,00 € aufwärts handelt. Die Angebote zum Frühstück (für 17,00 €) sind so künstlerisch inszeniert, dass es in Albernheit überschwappt. Bei der Recherche hätten wir hellhörig werden sollen, als wir die Bemerkung lasen, dass einige, aber nicht alle Zimmer Dünenblick hätten. Nun, daraus schlossen wir, dass die Zimmer ohne Dünenblick, hat Meerblick haben. Doch wohl nur die Junior-, die Senatoren- und die Präsidentensuite in der Loft-Etage könnten Meerblick haben. Wir schauten jedoch von unserem Eck-Zimmer in der ersten Etage auf die Lagerhalle der KNRM (Koninglijk Nederlandse Redning Maatschappij). Das Zimmer ist ein langer Schlauch mit niedriger Deckenhöhe, einem normalen Fenster, das nicht bis zum Boden geht, keinem Balkon und mausgrau gestrichenen Wänden. Dem Design-Konzept geschuldet, gibt es weder Bilder an den Wänden noch einen Haken im Bad, keine Fußmatte trotzt dem Sand. Am Schreibtisch fehlt eine Lampe wie ein Abfallkorb, und der Fernseher zeigt 22 niederländische Albern-Programme, darunter alle 7 Varianten von RTL. Selbst eine Klobürste ist ihnen zu spießig, aber wir wissen uns zu helfen. Sollten (theoretisch) „Streifen“ im Klo entstehen, so schütten wir mit dem Zahnputz-Becher so lange heißes Wasser nach, bis sich die Streifen auflösen. Geht auch.

Nach der ersten Inspektion schauten wir zunächst am Strand nach und wählten die Marschrichtung Norden. Es handelt sich um einen normalen Nordseestrand ohne besondere Merkmale. Die Mutter war jedoch verwöhnt vom bretonischen Strand im August und geizte mit Lob, um es positiv auszudrücken. Nach einem Kilometer bogen wir wieder ab Richtung Monster und erkundeten den Ort. Monster erwies sich als erschreckend langweilig und nichtssagend. Kein Restaurant, keine einzige Einkehrmöglichkeit. Selbst die Kirche mit dem Turm aus dem 15. Jahrhundert gehörte heute zur „hervormerde Kerk“. Irgendwann zogen wir die Reißleine und starteten durch nach Hoek van Holland. Und das war genau richtig. Der Ort liegt am Nieuwe Waterweg und ist Abfahrtshafen der Schiffs- und Fährlinie nach Harwich/England, hier sagt man Engeland. Nach kurzer Orientierung gerieten wir in die Kneipe namens Torpedo-Loods, die wir sofort als einkehrenswert einstuften. In einem vorgebauten Rondell war in Nachbarschaft von drei durchreisenden Tommies ein Tisch für uns frei. Wir bestellten „Kippeling“ und „Fish and Chips“, beides für jeweils 17,00 €. Ungewöhnlich war die Art der Anrichtung: Auf einer schmalen Schale, nicht etwa auf einem Teller. Fleisch bzw. Fisch bzw. Fritten lagen auf einer dunkelblauen Serviette, und man säbelte mit dem Messer auf der Serviette herum, bis sich Fleisch, Soße und Servietten-Fetzen zu einem „Frikandel-Speciaal“ verwandelten . Uns machte es aber nichts aus, denn der Blick aus dem Fenster entschädigte für alles. Man saß fast direkt am Maas-Ufer, mit Blick auf die gewaltigen Hafenanlagen des Europoort Rotterdam, illuminiert von einer herbstlichen Sonnenuntergangs-Szenerie. Vermutlich war das der schönste Moment des Urlaubs. Gegen 20.30 Uhr wieder im Hotel, waren wir so groggy, dass nichts mehr ging und selbst Lesen im Bett ausfiel. Eine starke Bewährungsprobe stellte dann das Bett, welches zu weich und nur mit einer einzigen riesigen Bettdecke ausgestattet war und damit keine Entspannung erlaubte.

Samstag, 29. Oktober 2011

Der Delft-Tag. Navigon ging erst nicht, weil die Wolkendecke zu dick war. Von hier aus gesehen ist Delft eher ein Vorort von Den Haag. Wir waren Delft-mäßig stark vorbelastet, weil unser letzter Besuch hier, im November 1979, dem Besuch einer Totenstadt glich. Neblig bis zum totalen Sichtverlust mit absoluter Menschenleere, das alles an einem Samstag-Vormittag. Nun war wieder Samstag-Vormittag, und der Funktionsausfall der Navigon-Software bzw. eher der GPS-Antenne sprechen für sich. Im Umfeld der Delfter City wurde städtebaulich grade ziemlich geholzt mit verwüstetem Anblick und Umleitungen der Durchgangsstraßen. Wir parkten hinter der TU in einer stillen Wohnstraße, aber für einen Haufen Geld. Von da aus war der Gang in die Stadt nicht gerade ermutigend. Grau in Grau, morbide, depressiv, mitten durch stadtentwicklungsfragwürdige Abschnitte. Noch auf dem großen Marktplatz zwischen Rathaus und Kirche fragten wir uns die stets in solchen Situationen aufkommende Frage: „Wer kam auf die Idee?“ Nun wollten wir es die Lethargie überwinden, es aktiv angehen, uns sahen Leute auf dem Kirchturm. Da wollten wir auch rauf. 3,50 Eintritt, aber nun gut. Selten haben wir ein so enges und trotzdem übervölkertes Spindeltreppengehäuse live erlebt. Nichts für Phobiker aller Art. Auf drei Levels konnte man nach draußen treten und hätte keine Probleme gehabt, sich auf den Marktplatz zu stürzen. Während unseres Besuchs tat das jedoch keiner. Der Ausblick hätte wegen der enormen Höhe (ca 80 m) phänomenal sein können, aber das Wetter ließ den Blick kaum über den Rand der Innenstadt zu. Selbst die Hochhäuser von Den Haag waren kaum zu ahnen, von Rotterdam nichts zu sehen, auch die Nordsee gab es nicht. Wieder unten, kauften wir eine ziemlich verzimtete Appelflappe, die die Mutter fast im Alleingang fraß. Lediglich die Ränder waren allgemein genießbar. Dann war der Knoten geplatzt und es ging Schlag auf Schlag. Ein Besuch im Jan Vermeer Centrum brachte die an Gewissheit grenzende Vermutung, dass der Maler der Stadt kein einziges Bild hinterlassen hat, sondern seine Werke in die ganze Welt verstreut sind, allen voran das Mädchen mit dem Perlenohrring, ein wahrer Marketing-Star. Wir sparten uns die 7 € Eintritt, nahmen ein paar Prospekte mit durchstreiften kreuz und quer die Delfter Altstadt. In einem Trödelladen kauften wir 3 gebrauchte Weingläser. Zur Einkehr hätten am ehesten die kleinen Kneipen an den Grachten gelockt, aber da waren wir mal wieder schneller dran vorbei, als sich der Wunsch konkretisieren konnte. Letztes Ziel war der Botanische Garten der TU Delft, etwas außerhalb der City gelegen und nur 2 € Eintritt teuer, allerdings auch nicht viel mehr wert. Ein paar alte Bäume, viel Unkraut und ein winziges tropisch feucht warmes Gewächshaus. Auf dem Rückweg nach Monster verschluckte sich die Navigon Software und wir drehten eine Runde zuviel im Autobahn-Verhau zwischen Delft und Den Haag. Zu Hause im Hotel geruhten wir etwas und brachen dann auf zu einem einstündigen Strand-Spaziergang, diesmal nach Süden. Ein Strandspaziergang von 1,5 Km reine Strandstrecke empfindet man immer schon als große Entfernung, bei der man sich nicht vorstellen kann, dass man es selbst ist, der solche Leistungen vollbringt. Am Rande der Gewächshaus-Welt und Monster-City ignorierend, brachen wir ohne weiteren Zimmer-Aufenthalt sofort mit dem Auto auf nach Hoek van Holland. Am Nieuwe Waterweg entlang gelangten wir, erst bei Dämmerung, zum Schluss bei vollkommener Dunkelheit, über Hoek-Strand wieder nach Hoek City. Am Ufer entdeckten wir noch mehrere Einkehrmöglichkeiten, die sich alle als große Frittier-Stationen für Frittierbares aller Art erwiesen. Ganz Hoek van Holland war eine einzige Frittenfett-Wolke, und wir mittendrin. Niemand hatte Lust, sich da schon wieder reinzustürzen, und so sahen wir zu, dass wir etwa gegen 20.00 Uhr wieder im Hause waren, um auf dem Zimmer gemütlich das Dinner einzunehmen, denn das minimalistische Restaurant im Elzenduin kam nicht in Frage. Wir bereiteten folgende Mahlzeit zu: Rotweinschorle, 2 Flaschen 0,3 l Grolsch, 4 Schnitten Weißbrot mit Erdnussbutter und altem Käse, 1 Apfel, gesalzene Erdnüsse. Das war schon was.

Sonntag, 30. Oktober 2011

Die Mutter startete mit einem Solo-Strandspaziergang in den Tag, noch vor dem Frühstück. In der Nacht hatte die Zeitverschiebung von Sommer auf Winter stattgefunden. Obwohl wir uns speziell für Frühaufsteher halten, gelang es uns nicht, vor dem Schwung den Frühstückraum zu besetzen. Andere waren noch schneller. Dafür blieben wir besonders lange und machten sogar ein paar unerlaubte Fotos. Tagesmotto war die Fahrt nach Rotterdam. Mit der Bahn von Hoek van Holland Strand per Dag-Retour-Ticket, das wäre entspanntes Reisen, vielleicht sogar mit einem Pilsje in der Stadt. Erst fanden wir keinen Parkplatz, weil die 2 KM von Hoek Strand bis Hoek City ein riesiger Flohmarkt mit sehr großem Auftrieb stattfand. Wir wichen aus und wählten als Abfahrtsbahnhof den mit dem Schiffsanschluss nach Harwich aus. Dort scheiterten wir letztendlich an den Ticket-Automaten bzw. daran, dass Tickets nur mit Münzen oder einer albernen Chipkarte bezahlt werden konnten. 20 Euro in Münzen, wer hat die schon parat? Und Schwarzfahren, zu denen, die sich das trauen, gehören wir nicht. Also verzichten oder mit dem Auto. Wir erreichten Rotterdam ohne Zwischenfälle und parkten vorsichtshalber reichlich außerhalb etwa 1 KM nördlich des Hauptbahnhofs. Im Verlauf der Wanderung durch die Stadt bis zum Museum Bojmans van Beuningen wimmelte es natürlich vor freien Parkplätzen. Seit den 1970er Jahren hat sich Rotterdam einiges weiterentwickelt. Die alten stadtnahen, historischen Häfen waren zwar damals schon außer Betrieb, allerdings noch dem allgemeinen Verall und Stillstand ausgesetzt, während sie heute durchweg historisiert und kulturell-touristisch hergerichtet sind. Vor allem aber die ausufernde Hochhaus-Kulisse zwischen Maasufer und Bahnhof prägt den Eindruck der erneuerten Stadt. Im Museum Bojmans van Beuningen war normaler Andrang, die Sonderausstellungen nichts Besonderes, und zunächst widmeten wir uns der ständigen Sammlung. Unser Lieblings-Stilleben von C.F. ??? war nicht verschwunden, sondern vermochte durch stilles da-hängen zu erfreuen. Die Runde war recht groß und dauerte, daher zögerten wir zunächst, uns auch dem neuen Gebäude-Teil (jedes große Museum, das auf sich hält, hat einen neuen Erweiterungsbau) zu widmen, wo die aktuellen Sonderausstellungen laufen. Die riesige Fläche war durch entsprechend riesige Installationen ausgefüllt, z.B. Videos, die mit ebenso riesigen Beamern kinogroß auf frei im Raum stehende Wände gebeamert wurden. Irgendwann reichte es, und wir wählten von den zwei vorhandenen Restaurationen die mit der Bezeichnung Espresso-Bar für ein kurzes Abhängen aus. Die Mutter stellte sich dankbarerweise in die lange Schlange und bestellte in perfektem Niederländisch „twee Kopjes Koffie a.u.b.!“ Noch zu erwähnen wäre jetzt die Garderobe, die per Selbstbedienung funktionierte und noch nicht mal etwas kostete: An einem Seil ließ man einen Kleiderbügel herunter, hängte den Mantel auf, zog mit dem Seil den Mantel in die Höhe, hängte einen Knoten in einen Haken und schloss diesen Haken dann mit einem nummerierten Schlüssel ab. Die Schließfähcher bestanden aus abschließbaren Drahtkörben, wenn auch in klassischer Schließfach-Anordnung an der Wand aufgebaut. Von Bojmans führt ein Weg durch den Park zu dem anscheinend neuen Museum Kunsthal Rotterdam, von dem wir bis dato noch nichts gehört hatten. Schien sehr interessant, aber ein Museum pro Tag reicht erstmal. Das Ziel hieß Maas-Ufer und Entern der Erasmus-Brücke. Das trübe Wetter hatte sich noch weiter eingetrübt und Fotografieren machte überhaupt keinen Spaß.