2013 · Bensersiel

By 21. Oktober 2013unterwegs
Wiedesehen mit niedersächsischen Wattenmeer


Prolog
Ein Kurzurlaub am Meer, an einem von PB auf kürzest möglichem Weg erreichbaren Ort an der Küste, sprich niedersächsisches Wattenmeer. Ausgeschlossen die, wo wir schon mal waren – Greetsiel, Harlesiel, Neuharlingersiel. Auch nicht die, wo wir es unverhohlen doof finden würden : Norddeich, Hooksiel, Horumersiel, Dangast. Bleibt also Bensersiel.

Früher suchte man ein Hotel, buchte, wenn noch frei, und wurde angenehm oder unangenehm überrascht oder es war normal bis langweilig. Heutzutage liest man endlos in Meckerforen die Bewertungen und weiß schon vorher, dass das Optimum Wunschdenken bleibt. Der Benser Hof besitzt eine relativ moderne Optik, hat aber nur mittelmäßige Kritiken. Wir entschieden uns für das Risiko.

Art Deco Hubbrücke über Küstenkanal in OldenburgBensersiel,  Freitag, 18. Oktober 2013
Die geplante Abfahrtszeit am Freitag, 18. Oktober um 9.30 Uhr konnte sogar eingehalten werden. Weil wir erst um 14.00 Uhr einschecken konnten, glaubten wir gut in der Zeit zu liegen und beschlossen in Höhe von Cloppenburg einen spontanen Abstecher nach Oldenburg, wo es uns im Juni beim Elsfleth-Ausweichprogramm gut gefallen hatte. Kaum näherten wir uns von Süden eine Abfahrt zu früh den Vorstadt-Vierteln, wurde eine Umleitung verkündet und wir verplemperten eine glatte Stau-Stunde in der Siedlung zwischen Klappsmühle, Feuerwehr und Stadtteil-Wochenmarkt. An der Hubbrücke Bremer Straße über den Küstenkanal hielten wir spontan an und freuten uns, dass wir dort, wo wir seinerzeit mit dem Rad hätten herfahren wollen, nun unverhofft vorbeikamen. Die Stimmung stieg wieder.

_dsc1986Wir parkten hinter dem Theater in einer Nebenstraße zwischen gut- bis bestbürgerlichen weißen Villen. Noch immer stieg die Stimmung. Nun galt es, sich dem Kurzzeit-Mythos „runder geschmiedeter Eisentisch“ zu widmen – entweder ihn bewältigen oder ihn einzulösen – also den Tisch zu kaufen. Unglaublich – der Tisch stand immer noch da vor dem Laden, wo wir ihn seinerzeit entdeckt hatten. Wir veranstalteten ein Probe-Rütteln und der Tisch fiel durch. Er war ein für allemal erledigt – obwohl … Nun schnell zum Spielzeuggeschäft alten Typs, wo wir durch zwei Aufdreh-Wackeltiere (Pferd und Schnecke) symbolisch entschädigt wurden. Zum Schluss einen Kaffee im von uns so getauften Heilig-Geist-Viertel. Bei Café „Raster“ kehrten wir – draußen – ein und begnügten uns mit einem Croissant und einem dünnen sauren Kaffee aus dem Tank. Stadtauswärts begegneten wir einer alten Bekannten – der Hochschule Jade für applied Sciences. Wegen nochmaligen Verfahrens* kamen wir mit fast 90 Minuten Verspätung in Bensersiel an und waren erstmal reichlich skeptisch. Alle Meckerkritiken in den Foren wurden durch die  Wirklichkeit bestätigt: unangenehm-muffiger Gestank aus dem offenbar unzureichend konstruierten Abflusssystem,  ein W-Lan, zu dem kein Zugang möglich ist und das Nichtakzeptieren von Kartenzahlung unter dem fadenscheinig-albernen Vorwand, das Lesegerät wäre zerlegt. Wir wussten all dies, haben es trotzdem gewagt und bekamen ein großes Zimmer mit für Bensersieler Verhältnisse relativ hohem Gemütlichkeitsfaktor in der zweiten Etage mit Blick auf Hafen und Bense – was will man mehr. Der Ort selbst ist nicht der Rede wert. Kalt, ungemütlich, ein Monster am Wattenmeer, Wildwest auf friesisch, viel Getöse wegen nichts.

*Grundsätzlich verfahren wir uns immer dann, wenn wir den Ansagen des Navis keinen Glauben schenken, und unsere Intuition uns gleichzeitig im Stich lässt.

 Zimmer im Hotel Benser Hof Hotel Benser HoNach dem Einschecken mussten wir uns erst sortieren und nach einigem Hin und Her war es bereits 15.45 geworden, als wir aufbrachen, um vor, auf und hinter dem Deich Richtung Dornumersiel/Accumersiel zu wandern. Lt. Google knapp 8 km, in Wirklichkeit unter 7. Der Deich zog sich mit langen öden Abschnitten unter grau-in-grau verhangenem Himmel hin, war ziemlich schafsverkackt und das Siel am Ziel hatte nichts zu bieten, wobei „nichts“ immer noch besser ist als zuviel „falsches“. Eine DB-Navigator-Abfrage nach Buslinien für den Rückweg brachte kein Ergebnis, und wir wanderten mit geringem Abenteuerfaktor die ganze Strecke auch wieder zurück. Der Mond stieg grade auf und beinahe im Dunkeln kamen wir an. Um 19.30 gingen wir zum Essen. Einer Vorauswahl am Nachmittag zufolge traf es das Heeren’s Hotel am rechten Hafenrand. Ein konventionelles Old-School-Restaurant, jedoch hell, freundlich und auf nostalgisch-gutbürgerliche Art gemütlich. Diverse schlechte Stilelemente der 1980er und 1990er Jahre hatte man glücklich vermieden. Im Ausschank die rare Spezialität „Deichinger“ – zu verstehen als Alternative zum hierzulande alles beherrschenden Jever, welches zugegeben vor Ort besser schmeckt als in der Fremde. Wir aßen irgendetwas fischig-Ortsübliches, Moment mal – wahrscheinlich Matjes in der Variante mit Bratkatoffeln. Seit einiger Zeit fallen wir nicht mehr auf Matjes „Hausfrauen-Art“ rein – eine weiße Pampe mit Zwiebeln, Zwiebeln, Zwiebeln, dann Äpfel und als geschmackgebendes Element ein Zentner Süßstoff. Die namensgebende Ingredienz „Kartoffeln“ ist allenfalls in homöopathischen Alibi-Dosierungen enthalten. Nach dem obligatorischen Aquavit (Aalborg Jubiläum) gingen wir die 100 Meter heim, und freuten uns über den Vollmond über der Bense und noch mehr über den samstäglich angeleuchteten Kirchturm von Esens. Wie ein holländisches Landschaftsbild von Jacob Ruisdael.

Samstag, 19. Oktober 2013
Das Frühstück im zur Bense gelegenen rund geschwungenen Wintergarten-Restaurant ist für die Preisklasse durchaus überdurchschnittlich zu bewerten mit gutem, freundlichem Service – um auch mal was Nettes zu sagen. Deshalb ließen wir uns reichlich Zeit und immer wieder Kaffee nachschütten. Beim Bäcker gegenüber kauften wir mit fachkundiger Beratung eine der vier verfügbaren regionalen Tageszeitungen – den Harlinger Anzeiger – „ist die Beste, die lesen hier alle“. Um 10.15 waren wir beim Terminal der Schiffahrt Langeoog zur Stelle – das Schiff sollte um 11.30 losgehen, also in 75 Minuten. Aber nicht nur wir, sondern alle waren so früh eingetroffen, und ständig kamen noch mehr. Insgesamt gibt es 6 Schiffe. Ein Monitor zeigt die jeweiligen Positionen. Das neue Terminal im futuristischen Stil mit dem Flair eines großen internationalen Airports hatte nichts mehr mit damals (= Ostern 1999) zu tun. In Kombination mit dem riesigen Außenareal wähnte man sich fast auf der Route Fishguard-Rosslare, mindestens aber Holyhead-Dublin. Tag und Nacht liefen die roll-on/roll-offs. Wir machten in der integrierten Nepp-Boutique ein paar Fotos und wurden dafür angeraunzt. Obendrein verwackelt und also wieder gelöscht.

Irgendwann ging es wirklich los. Als die Sonne kurz rauskam, kletterten wir unter Deck und gönnten uns kurz vor Schließen des Verkaufs noch einen Riemen mit Senf für 2 €. Die Welt war kurzzeitig in Ordnung. Nach Ankunft nutzten wir nicht die Inselbahn mit den bunten Waggons, sondern den Fußweg der westlichen Inselumrundung. Ein schöner Weg mit Wulf-Ligges-artigen Szenen. Als wir vom Deich- und Salzwiesenland kommend die Strandzone erreicht hatten, war die Mutter enttäuscht von der Brandung und dem ozeanesk erwarteten, aber in Wirklichkeit eher lagunigen Gesamteindruck. Schuld daran trug eine künstlich aufgespülte Sandbank 300 Meter vor dem Ufer. Jenseits der markanten Wasserturm-Landmarke nahm die Mutter die Gelegenheit zu einem kurzen kühlenden Bad in der nun offenen Nordsee wahr. Leicht ermüdet, aber tapfer erreichten wir in Höhe des sog. Strandpavillons das Hospiz Kloster Loccum – seinerzeit und bereits mehrfach die Absteige von Familie Steinhövel. Man hatte es inzwischen in „Haus“ umfirmiert – offensichtlich klingt Hospiz zu sehr nach Sterbe-Anstalt, ansonsten war es geradezu unverändert. Durch die Fußgängerzone machten wir uns auf den Rückweg mit ein paar Erledidgungen nebenbei:

1) Bei Rossmann erlebten wir voller Überraschung, dass die These, auf den Inseln seien die Preise deshalb so unverschämt teuer, weil alles und jedes umständlich mit dem Schiff herantransportiert werden muss, nicht unbedingt zutrifft. Beweis : Eine Tube Zahncreme, die in PB 1,39 kostet, bekamen wir hier für 1,19 €.

2) Am Hotel/Restaurant zur Post fiel uns der trocken-fade Backfisch in Eihülle ein, den wir 1999 im trüben Licht der Energiesparlampe runterwürgen mussten, und der unverändert auf der Karte ganz oben angepriesen wird. Unglaublich. Ganz Langeoog erwies sich als eine einzige Veranstaltung, den sich gepflegt-gelangweilt durch die Straßen wälzenden Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen für Unnützes wie Friesengeschirr, Teespezialitäten und Sanddorn-Scheußlichkeiten. Es gibt kein richtiges Kaufen im Falschen; da sind wir uns einig, hierzulande ist der Kommerz eindeutig zuviel des Guten. In Verbindung mit Stadtmöblierung, Fahnenschmuck, Spaßbäder-Rutschen, endlosen Campingplätzen und Pseudo-Platt vom Schlage „Achter`n Diek“ und „Kiel mol rin“ kann man von einer regelrecht umgekippten touristischen Infrastruktur sprechen – auf der Insel und an der ganzen Küste.

Getränkepaletten warten auf ihren Transport nach Wangerooge, wo sie von Pferdefuhrwerken verteilt werden

Getränkepaletten warten auf ihren Transport nach Wangerooge, wo sie von Pferdefuhrwerken verteilt werden

3) Hinter der Kirche drehten wir eine Runde, um die unsägliche Pension zu finden, in der man uns `99 so übel mitgespielt hatte – die Anekdote haben wir wieder und wieder erzählt, allein, der Name ist vergessen und die Lage nur noch grob zu rekonstruieren. War es das Haus Margarethe? Die Architektur könnte es gewesen sein, die Lage Ecke Hauptstraße eher nicht. Der Mythos blieb für diesmal ungeknackt. Auf unserem weiteren Weg begegneten uns viele arme Menschen, die ihre Habseligkeiten auf zu überteuerten Preisen gemieteten Bollerwagen hinter sich herzogen, wie damals auf der Flucht aus Ostpreußen. Hier allerdings ging es darum, das sakrosante Prinzip der Autofreiheit auf die Spitze zu treiben. Manche glauben sogar, die gesamte Insellogistik würde mit Pferdewagen bewerkstelligt. Wir haben kein einziges Pferd im Einsatz gesehen.

Am dorfseitigen Terminal der Inselbahn wurden wir nochmals positiv überrascht: Eine Kioskfrau überließ uns den Coffee-to-go voll Vertrauen auf unsere Ehrlichkeit in echten Tassen statt Pappbechern, obwohl wir ihn nicht auf ihrem Gelände, sondern in 20 Metern Entfernung einzunehmen gedachten. Ein Mini-Rabe hatte die Lage gepeilt und wollte von unserem Gebäck etwas abhaben. Weil es politisch unkorrekt ist, gingen wir darauf natürlich ein. Nach dem Kaffee starteten wir dann auf der gepflasterten Piste die letzten 2 Kilometer Richtung Hafen. Gesamte Wanderstrecke: 11 Km. Das Schiff nahm sich eine derbe Verspätung, aber das war uns egal, schließlich hatten wir ja Urlaub. Es war längst nicht mehr so voll. Nun den Abend einfach ausklingen zu lassen, war nicht unsere Absicht. Mit der Option, einfach im Hotel zu essen und mit der uninspiriert-überteuerten wie auswahllosen Hauskarte vorlieb zu nehmen, wären wir unter den Möglichkeiten geblieben. So starteten wir zum Captain’s Dinner, welches in jedem Urlaub am Vorabend der Abreise stattzufinden hat, ins „Waterkant“ (ca. 80m) und entschieden uns erst im letzten Moment gegen die Muscheln – warum eigentlich? Angst? Hier die vollständige Verzehr-Aufzählung: Eine Fischsuppe „vorweg“, wie der Oppa das Timing bezeichnen würde. Dann Schollenfilet mit Brakato bzw. Krabben mit Backkatoffel. Im Nachgang Creme Brulée und Mousse-au-Chocolade, beide überraschenderweise sogar home-made und etwas zuviel Deko auf dem Teller. Jede Menge Jever und Radeberger begleitete das Mahl. Freundlich und preiswert. Wir empfehlen Bensersiel-Reisenden das „Waterkant“.

Sonntag, 20. Oktober 2013

Bahnhof Harle 1984/86

Bahnhof Harle 1984/86

 Bahnhof Harle 2013

Bahnhof Harle 2013

Das Frühstück ist bereits unter Samstag hinreichend beschrieben. Am Nachbartisch wieder die zweikindrige Familie. Kurz nach der Abfahrt steuerten wir das als touristisches Rahmenprogramm gewählte Carolinensiel an. Daraus entwickelte sich eine vollständige Wanderung Harle-abwärts nach Harlesiel, um den Aufenthaltsort unserer Kurztour von 2001 wieder zu erleben und auch ein Vergleichsfoto von den Resten des ehemaligen Bahnhofs zu schießen, den wir zum ersten Mal  um1984/86 gesehen hatten, und dessen einziges Bild wir immer wieder gerne anschauen. Ein Trauerspiel, was daraus geworden ist. Die gesamte Bahnlinie ist ab Esens stillgelegt. Man könnte heulen : was hat diese Bahn nur geritten ?

Auch der Rest von Harlesiel/Carolinensiel hat sich nicht weiterentwickelt. Up`n Diek, unser Lieblings-Restaurant im 1950er-Jahre Flachdachbau neben dem Sieltorgebäude, welchem es schon 2001 schlecht ging, hatte den Betrieb eingestellt und befand sich im Zustand des inneren Verfalls, wie wir bestürzt-betrübt feststellen mussten. Einer in Vergesseneheit geratenen, aber noch hängenden Speisekarte nach zu urteilen, hatte das Institut wohl immerhin noch die Euro-Zeiten aktiv miterlebt. Wir glaubten seit 2001 eine Zeitlang, es wäre unmittelbar am nächsten Tag geschlossen worden, nachdem wir am Abend zuvor die einzigen Gäste gewesen waren, der Kellner zwar nett, aber der Fraß verdächtig lausig in Erinnerung geblieben war. Bereits damals waren wir ernsthaft besorgt. Die drei anderen Hotels zwischen Harlesiel und Carolinensiel machten ebenfalls einen stark in-die-Jahre-gekommenen Eindruck. Unser Auge war nun ziemlich geschärft für die reichlich vorhandenen Geschmacklosigkeiten und Bausünden am Wegesrand. Missmutig ernüchtert wanderten wir wieder Richtung Auto und wunderten uns nur, dass sie nicht hinterhältig auf der Lauer gelegen hatten, uns Schwarzparkern ein Knöllchen zu verpassen. Bei Jever verließen wir die offizielle Umgehungsstraße, um im Ort zu tanken. Im Weiterfahren durch die trübe, öde und menschenleere Stadt kamen wir auch an der berühmten Brauerei vorbei. Damit war das touristische Rahmenprogramm beendet, falls man nicht auch den Coffee-to-go vom Autohof an der A1 bei Bramsche dazurechnen möchte. Vor 16.00 Uhr waren wir wieder daheim.
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