2013 · Binnenmaritimik mit der Kogge

By 15. Juli 2013Dezember 21st, 2015Hotelgeschichten, unterwegs
48 Stunden Elsfleth – Oldenburg – Vegesack – Fischerhude

Donnerstag, 20. Juni 2013

Beim Abwägen der Ziele für die 2-tägige Sommerradtour haben wir viele Varianten und Optionen durchgespielt und Bremen-Vegesack schließlich den Vorzug gegeben. Allein die Wahl des Hotels war schwierig. In Vegesack, Ritterhude und Lilienthal waren die Hotels entweder zu teuer, hatten schlechte Kritiken oder das Ambiente auf den Bildern überzeugte nicht. So kamen wir auf Elsfleth am niedersächsischen Ufer der Unterweser. Google Maps zeigte ganz passable Bilder dazu, welche kleinstädtische Beschaulichkeit mit einem deutlichen Schuss Binnen-Maritimik versprachen.

Auf dem Weg über Bielefeld, Osnabrück, Oldenburg mussten einen Umweg machen, der uns von Norden nach Elsfleth über Nordermoor mit herzallerliebsten, niedrigen, restgedeckten Häusern im Stil der Katenrauchwurst führte, die bei weitem authentischer wirkten als das Reetdach-Disneyland in Kampen und Keitum auf Sylt. Trotzdem nix für uns.

Es gab ein paar Verzögerungen beim Bezug des Zimmers im Hotel Navigare, das erst 2013 aus dem vermutlich völlig runtergewirtschafteten Hotel zur Kogge hervorgegangen ist. Uns war beim ersten Sichten im Internet, und erst recht beim Bezug klar, dass die Kogge-Vergangenheit noch erkennbar nachwirkte. Das düstere Interieur im Stil der frühen 1990er Jahre begriffen wir als lebbare Übung zur Bescheidenheit und zum Runterschrauben der Ansprüche. Natürlich gab es kein W-Lan, und natürlich muss die Flasche Wasser in der Zimmerecke 4,50 € kosten. Dem repräsentativen Hotelnamensschild sah man an, dass es nicht viel kosten durfte. Auf den Fluren hingen Bilder mit lokalen Bezügen, was im Grunde löblich ist, allerdings waren die konkreten Exemplare ziemlich in die Jahre gekommen: Unscharfe, schiefe 80er-Jahre Farbfotos von beachtlichen Schiffen, die alle auf der Elsflether Werft gebaut waren. Die Werft arbeitet wohl noch. Aus 500 Meter Entfernung sieht man ein dickes Bundesmarineschiff in Arbeit.

Bevor wir einchecken konnten, hatten wir also unfreiwillig 2 Stunden Zeit, den Ort kennenzulernen. Regel: je weiter entfernt vom Wasser (das Wasser ist die Hunte, die 2km nördlich hinter einem Sperrwerk in die Weser fließt, desto uninteressanter und runtergekommener erweist sich der Ort. In Ufernähe aber konzentrieren sich die Highlights:

  • Ehemalige Hafenkante, heute Marina, Museumshafen, Liegeplatz für das Dreimaster Segel-Schulschiff von 1909.
  • Eingleisige Bahn der Nordwestbahn-Strecke Hude-Nordenham, die im Elsflether Stadtgebiet zwei atemberaubende Bahnübergänge bietet.
  • Neues Bahnhofsgebäude am Ufer, stilistisch ca. 2005, in dem überwiegend Bürofirmen residieren und in einem Anbau sogar die DB selber
  • befahrbare Deichkrone Richtung Hunte-Mündung, die zu beiden Seiten mit gepflegtem älteren Baubestand bestückt ist
  • Einrichtungen des Uni-Standortes der Hochschule Jade (Wilhelmshaven, Oldenburg, Elsfleth). Leider haben wir uns nicht reingetraut. Nächstes mal.
  • vor allem aber das Gebäude im absoluten Schnittpunkt von Bahn, Hafen und Stadt: Ein zweigeschossiger Pavillon mit Hochterrasse und Balkon, in dem unten die Tourist Information und oben das Restaurant PANORAMA (keine eigene Internetseite) untergebracht sind. Höchstmögliches vergebenes Prädikat :  Magischer Punkt.

Unsere erste lokale Amtshandlung war der Besuch auf der Terrasse des PANORAMA mit Kaffee und Kuchen. Der Blick war atemberaubend schön. Am Sperrwerk vorbei radelten wir noch weiter Richtung Zusammenfluss mit der Weser. Dort gab es sogar ein paar Meter echten Strand und einen bescheidenen Jugendlichenfreizeittreffpunkt.

Nach dem Zimmerbezug machten wir uns endlich auf zur großen Radtour – die dann zwei Nummern kleiner ausfiel. Weil es schon 15.30 Uhr war und das die zunehmende Schwüle ein Gewitter wahrscheinlich machte, war nicht mehr Oldenburg als Ziel, sondern nur noch Berne mit der Weserfähre nach Farge. Auf dem Rückweg wurde es spannend. Würden wir es schaffen, vor dem Einsetzen der zu erwartenden wolkenbruchartigen Regengüsse wieder im Hotel zu sein ? Eine faszinierende sprichwörtliche schwarze Wolkenwand tat sich im Westen auf. Hätten wir nicht so viele Fotopausen gemacht, wären wir trocken heim gekommen, aber so ganz gelang uns das nicht. Bei Orth waren wir abgelenkt und merkten nicht, dass wir links hätten abbiegen müssen. So gerieten wir auf die einsame Insel Elsflether Sand, und der Umweg über das Sperrwerk ließ uns die Zeit knapp werden.

Obwohl der Regen erst so richtig intensiv wurde, als wir schon ein Dach über dem Kopf hatten, waren wir reif für die Dusche. Später ging es zum Captain’s Dinner wieder ins PANORAMA, wo wir uns zur Feier des Tages eine Pizza und zwei kleine Becks gönnten. Am besten war wieder der Ausblick von erhöhter Position auf Fluss, Bahn und Hafen. Nach dem Essen drehten wir noch mehrere Runden durch das etwas zu verpennte Elsfleth. Im Restaurant unseres Hotels Navigare war den ganzen Abend kein einziger Gast zu sehen. Traurig, aber wir mochten dort auch nicht aus Mitleid sitzen. Sie müssen selbst ihre Defizite erkennen, etwas Geld investieren und dann läuft das auch. Gefragt sind heute leichte Küche und ein offener und moderner Stil.

Update Dez. 2013: Bereits im August hatte es das Hotel wieder zerlegt – runtergewirtschaftet und dann geschlossen. Die Anzeichen waren klar zu erkennen gewesen. Angeblich wird daran gearbeitet, es unter dem Namen Hotel Kogge mal wieder neu zu eröffnen. Wir werden das beobachten.

Update Jan. 2015: Das Hotel ist wieder unter dem Namen Kogge eröffnet. Den Fotos nach haben sie aber nicht viel verändert – das nächste Scheitern ist vorprogrammiert.

Freitag, 21. Juni 2013

An Radeln war nicht zu denken. Es gab kurze Regenpausen, und richtig auf hörte es es ab 18.00 Uhr. Wir änderten erneut unsere Pläne. Als einzige Gäste im Saal frühstückten wir lange und ausgiebig. Die anderen 4 Radler waren schon weg. Nach einem kurzen Besuch auf  dem Wochenmarkt vor unserer Haustür fuhren wir mit der Bahn inkl. Umsteigen in Hude nach Oldenburg. Oldenburg kam uns fast wie eine Großstadt vor. Durchweg positiver Eindruck:  modernisierter Art-Deco-Bahnhof, wenig Pissecken, viele Grünflächen, vor allem der Schlosspark mit gigantischem Rhododrendron, ausgedehntes Einzelhandelsgebiet mit vielen individuell geführten Geschäften und wenig Ketten. Eine ganze Stunden verbrachten wir in dem auf 4 Etagen sehr gut sortierten Buchgeschäft B&G, wo wir zur Belohnung einige Bücher kauften, weitere auf die innere Merkliste setzten und kaum zwischen Nice-to-have und Must-have unterscheiden konnten. Es gab viel zu fotografieren, und das geschah unter erschwerten Bedingungen: 2 Schirme, 1 Rucksack und eine Einkaufstüte schränkten die Bewegungsfreiheit ziemlich ein. In einer Bäckerei nahmen wir eine kleine Schinkenbrötchen-Himbeerschnittenmahlzeit ein. In den verlockenden Restaurants kehrten wir aus zwei Gründen nicht ein: Hoffnungen auf Wetterbesserung ließen uns a) noch an den nachmittäglichen Trip nach Vegesack glauben. Und b) wollten wir den erneuten abendlichen Besuch im Elsflether PANORAMA nicht gefährden. Uns wurde klar, dass wir die Oldenburger City nicht annähernd schaffen würden. Ein Abstecher zum Schlosspark brachte etwas Ruhe in die vielen Eindrücke. Nachdem wir uns in dem wegen den Regenwetters einsam-verwunschen wirkenden Schlosspark verlaufen hatten, standen wir ratlos an einer Straßenecke, als wir von einem offenbar gut situierten Oldenburger Hilfe angeboten bekamen : Es war bereit, uns zum Bahnhof zu fahren, doch wir lehnten danken ab, weil wir auf dem Weg dahin noch etwas von der Stadt sehen und noch einkehren wollten. Im juristischen Viertel lagen Amtsgericht, Landgericht, Knast und unzählige Anwaltspraxen. Wir hatten noch eine Stunde Zeit und kehrten im „Schwan“ am „Stau“ ein, eine restaurierte klassizistische Kneipe mit gläsernem Wintergarten am Wasser.

Die Bahnrückfahrt zog sich hin, weil beim Umsteigen in Hude eine halbstündige Verzögerung eintrat. Wir standen viel zu dünn angezogen frierend unter unseren Regenschirmen und starrten in die Richtung, aus der der Zug nach Nordenham nicht kommen wollte.

Nach einer kurzen, erfolglosen Aufwärmpause machten wir uns auf den gewohnten, alternativlosen Weg zum PANORAMA, das tatsächlich noch einen freien Tisch hatte. Wer später kam, wurde abgewiesen. Der Fraß war „noch ok“ (zwischen 3- und 4+). Allgemein herrschte gehobene Wochenendstimmung. Die späte Runde durchs Dorf litt dann an Kühle, Spannungsmangel und negativem Flair. Abends mussten wir als unfreiwillige Lauschgäste den lautstarken Ritualen der geschlossenen Versammlung der Nautischen Gesellschaft deren Ende herbeihoffen. Nach Art der studentischen Burschenschaften wurde „Salamander gerieben“ und „Silentium“ geschrien.

Samstag, 22. Juni 2013

Am Rückreisetag wurde das Wetter wieder besser. Zunächst mit dem Auto über die Weserfähre Lemwerder nach Vegesack.

1. Eine flüchtige Inspektion der Hafenmeile brachte die Erkenntnis, dass Elsfleth/Oldenburg auf jeden Fall die bessere Wahl war, gefolgt von einem kurzen Spaziergang zum Lesum-Sperrwerk. Auch hier stellte sich nicht der gewünschte Wow-Effekt ein, das Sperrwerk war kein magischer Punkt, sondern langweilig. Keine Einkehr, keine Marina, keine Bahnbrücke. Bemerkenswert war jedoch die Wohnqualität dieses entlegenen Bremer Stadtteils. Heile Welt, gehobener Standard und viel Natur.

2. Auf der Weiterfahrt brach wieder ein Mythos in sich zusammen: Lilienthal hatten wir als lohnenswertes Etappenziel in Erinnerung, nun war eine kilometerlange Dauerbaustelle daraus geworden, weil komplett die Straßenbahnschienen erneuert wurden.

3. Fischerhude hatten wir in der Erwartung durch Internet-Studien bereits in der Erwartung deutlich herabgestuft. Eine Touri-Idylle mit vielen Gelegenheiten, gehobenen Tinnef kaufen zu können. Der Ort sollte den Scharm eines Bauerndorfes verströmen, wirkte aber sehr künstlich mit seinen Cafés, Galerien und Therapiepraxen. Wir tigerten zu Fuß weit raus bis zum Otto-Modersohn-Museum, zu dem vermutlich bereits alles gesagt ist.

4. Als wir die Nase voll hatten, kauften wir noch ein Eis-to-go und machten den Fehler, für die weitere Rückreise nicht die Autobahn zu wählen, sondern die Landstraße und die B 215 über Achim, Verden, Nienburg. Stellenweise ganz schön, aber es zog sich und das Landschaftsbild wiederholte sich. In jedem Dorf ein Geschäftszentrum bestehend wahlweise aus Aldi, Netto, Kik, mal mit Apotheke, mal mit Blumenladen.

5. Irgendwann, als es einsamer wurde und uns schon an die Gegend östlich der Lüneburger Heide erinnerte, gerieten wir in die Nähe von Kloster Loccum. Wir traten entschieden auf die Bremse und inspizierten dieses Epizentrum des Ptotestantismus. Nach einem Aufenthalt in der Kirche und im Klostergarten fraßen wir mangels herzhaften Angeboten noch ein Stück Kuchen.

6. Kurz vor Nienburg fielen wir auf das erstbeste Spargelangebot der Strecke rein. Der Spargel war nicht schlecht, aber danach kamen noch viele weitere.