9 Tage das Ibiza der Niederlande

Prolog

Bloemendaal – hört sich irgendwie südafrikanisch an, liegt aber am Rande der Dünen zwischen Nordsee und Haarlem. Haarlem ist kein Stadtteil von New York. Warum hier ? Erste Wahl wäre nach der  2-Jahres-Turnus-Regel wieder Frankreich gewesen, aber da „haben wir nichts mehr bekommen“. Vor zwei Wochen plötzlich wären noch schöne Wohnungen bei Wissant zu haben gewesen, sogar in einem Haus, das wir 2009 genau zu diesem Zweck bereits (von außen) inspiziert hatten. Es sollte am Meer liegen und auf urbane, kulturelle und landschaftliche Qualitäten zurückgreifen können. Neben der Lage spielt auch die innere Beschaffenheit der Unterkunft eine Rolle. Ebenso die Einschränkung, nicht ewig danach suchen zu wollen. Fündig wurden wir bei Wimdu. Somit mal wieder eine Wohnung, die nach dem AirBnB-Prinzip vermarktet wird.

Samstag 25. Juli 2015

A 44 bei Soest

A 44 bei Soest

Hinter Arnhem

Hinter Arnhem

östlich von Schiphol

östlich von Schiphol

Um Punkt 10.00 Uhr starteten wir, ausgerechnet und sehr schweren Herzens zu Beginn der Libori-Woche 2015. Optimal wäre es gewesen, heute, so gegen 15.00 Uhr, wieder aus dem Urlaub zurück zu sein.

Wir wählten die Süd-Route: A44, A1, A2, A3, A12 (Nederland, über Arnhem, Utrecht, Haarlem). Ab Soest wurde es windig, ab Arnhem sehr nass und sehr windig und ab Utrecht ziemlich stürmisch, nass und undurchsichtig. Bis Bloemendaal City ging es ohne Navi, aber auf der Zielstraße wussten wir nicht, in welche Richtung sich die Hausnummern entwickeln und wo wohl Nr. 83 liegen könnte. Fatalerweise hat der Bloemendaalse Weg zwei Zentren an den Enden, und an jedem Ende liegt ein Albert Heijn. Das verwirrte uns zunächst. Jochem war in 15 Minuten zur Stelle und sehr nett. Die Wohnung ist karg, aber erträglich. Hier die Bewertung in Schulnoten:

  • Lage: 3
  • Größe 3
  • Einrichtungsgeschmack 3
  • Ausstattungsqualität und Menge 4
  • Fensterblick vorne 3, hinten 5

Nach dem Auspacken brachten wir das Auto in eine kostenlose Zone, ca. 200 m entfernt. Wir kauften gegenüber bei Albert Heijn das nötigste ein und versuchten dann, etwas Gemütlichkeit herzustellen. Das Internet ist recht lahm, vielleicht liegt das an den 26 W-Lan-Netzen, die die Umgebung verstopfen. Der Router ist in einem Schrank versteckt, dessen Tür wir zur Beschleunigung erst mal geöffnet haben. Als wir um 17.00 Uhr in die falsche Richtung aufbrachen um ein Buch-/Zeitungsladen zu suchen, endete gerade dessen Geschäftszeit. Für einen längeren Erkundungsgang war es noch zu stürmisch. Allenthalben war man dabei, abgerissene Äste zu beseitigen, auf den Straßen liegende Bäume klein zu sägen und die Berge von Laub zusammenzufegen. Selbst unsere immer noch hinten auf der Anhängerkupplung stehenden Fahrräder sahen aus, als wären wir unter Wasser angereist.

Nach einer ausgiebigen Ruhepause beruhigte sich auch das Unwetter, es wurde zum normalen Wetter. Um 19.00 Uhr erkundeten wir den Bloemendaalse Weg bis zum Bahnübergang (Ost-West-Bahnlinie Haarlem–Zandvoort) und zurück. Anschließend mit dem Auto zum Strand. Auf dem Weg dorthin nahmen wir eine Abkürzung, die einem abendlichen Abstecher in in gigantisches und unheimliches Labyrinth aus alten Luxusvillen in Waldlage gleichkam. Lauter Psycho- bzw. Hexenhäuser. Der Weg zum Strand schließlich über die N200 war lang und öde. Vor Ort riesige, überfüllte Parkplätze zum Tarif von 2,30 die Stunde, 15,00 Tagesflatrate. Es war Ebbe, 21.30, hier heulte der Wind immer noch und wir deutlich zu dünn angezogen. Aus den Strandbars drang das Wummern der Ibiza-Club-Musik.

Sonntag 26. Juli 2015

Der Sturm war vorbei. Vormittags, und auch zeitweise nachmittags, schien die Sonne. Beim Bäcker gegenüber kauften wir drei Pistolets. Ein komischer Name für Brötchen. Nach dem Frühstück ging es mit dem Rad auf Rundtour. Und wie so oft, konnten wir zunächst den Einstieg nicht finden. Und zwar: 99, 66, 18, 37, 77, 83, 82, 35, 21, 20. Oder im Klartext: Durch das gigantische Dünengebiet Kennemerland zur Strandbude „Parnassia“, wo wir einkehrten und zwei Cola und ein „Toast met gerookte Kip en Avocado“ zu uns nahmen. War gar nicht teuer. An vielen Stellen hatte der Sturm gestern Bäume entwurzelt und man musste das Fahrrad drüber heben, es waren auch „Boswachters“ mit Kettensägen unterwegs. In einem Waldstück trafen wir auf gefährliche Wildpferde, die als besonders gefährlich gelten, wenn sie Hunger auf Menschenfleisch haben – das wiederum vor allem an Tagen nach Windstürmen … Richtung Süden zerrte ein entschiedener Gegenwind an unseren Kräften. Nun wünschten wir uns ein Elektrorad mit Ei-förmiger winddichter Glaskabine.  Entlang der Auto-Rennstrecke bei Zandvoort fuhren wir auf Aerdenhout und West-Heemstede zu, wo es vor alten schicken Villen in kreativen Stilrichtungen mal wieder nur so wimmelte. Das wäre hier ein schönes Zielgebiet für Architektur-Fans. Leider hatten nun alle Bäcker zu, und schon wieder einkehren – obwohl es dafür in Overveen und Bloemendaal tolle Kneipen gegeben hätte – wollten wir nicht. Die Fahrräder bockten wir nicht wieder auf den Auto-Fahrradträger, sondern schlossen sie auf der Straße an.

Gegen Abend brachen wir (eine immer und immer wiederkehrende Formulierung, aber so ist es. Nach einem Tag mit unstrukturierten Abschnitten will man abends noch mal was anderes sehen), also wir brachen noch mal auf: mit dem Auto nach Ijmuiden zum Fähranleger über das Ij. Wir warteten einen Tanker ab und fuhren weiter zu den Ij-Schleusen. Vielleicht lag es an der grauen Verregnetheit, vielleicht an der Tristesse des Ortes oder am Sonntagabend, aber es war ähnlich enttäuschend öde wie 2012 in Den Helder. Holland besteht wohl nicht nur aus luxuriösen Villenvierteln.

Montag, 27. Juli 2015

Morgens schüttete es. Um 12.00 hörte es kurz auf, und wir gingen los, um die südöstlichen Wohnviertel von Bloemendaal zu erkunden. Irgendwie lief es schnell auf eine Wanderung nach Haarlem hinaus. Wir erreichten die Stadt von der Bahnhofsseite. Flair und Atmosphäre litten unter dem Wetter, es war nichts los. Unsere Unternehmungen in kurzer Auflistung:

  • 2-mal kreuz und quer durch die Innenstadt; immer wenn ein neuer Schauer ansetzte, gingen wir in einen Laden, ohne etwas zu kaufen.
  • In einer schlimmen Pommesbude vom Typ Bahnhofs-Unterführung gönnten wir uns eine Ladung Frietjes met Pindasaus en Ketchup.
  • Zum Eintritt in die „Grote of St Bavo Kerk“ zahlten wir jeder 2,50 und hielten uns eine Weile auf.
  • Das Fahrradgeschäft an der Gedempte Oude Gracht gab es nicht mehr.
  • Den Douwe Egbert Flagship Store an der Zijlstraat hatte es zerlegt, hier entsteht ein Café.
  • Das Frans Hals Museum und das Architektur-Forum gegenüber waren beide geschlossen.
  • Bei „Stempels“ am Groene Markt kehrten wir für eine ausgiebige Pause ein. Es gab ein Glas Wein und eine Art holländischen Tapas-Teller, u.a. mit kalter grüner Gurkensuppe, Bitterballen und Mini-Loempias.

Mehr fiel uns hier auch nicht ein und wir tigerten auf einem anderen, etwas längeren Weg wieder zurück nach Bloemendaal.

Dienstag, 28. Juli 2015

Auch heute regnete es erst. Aber bereits um 11.00 Uhr gab es ein regenfreies Zeitfenster, da setzten wir uns aufs Rad um eine Radtour in die Dünen zu unternehmen, die wie folgt verlief:

  • Die Burgruine Brederode, die wir besichtigen wollten, weil sie uns an Schloss Moyland erinnert, hatte Dienstags geschlossen.
  • Dann fing es an zu regnen, und wir legten die Capes an. Kurzfristig stieg die Laune, weil es sich unter dem Cape wie Camping anfühlte – man war gemütlich „drinnen“, konnte rausschauen und kam dennoch voran.
  • Hinter dem Knotenpunkt 66 lauerte in 50 m Entfernung ein Zottelstier am Wegesrand, der grimmig schaute, unterirdische Grrrrr-Laute schnaubte und uns auf seine XL-Hörner nehmen würde, wenn wir uns näherten. Daher kehrten wir um Richtung Knotenpunkt 18.
  • Zwei Minuten später hatte die Mutter einen Dorn im Reifen und damit einen Platten. Eine Holländerin wollte helfen, hatte aber weder Werkzeug noch Ersatzteile parat. So mussten wir bei starkem Gegenwind bis zur Strandkneipe Parnassia  rund 4,5 km schieben.
  • Wir kehrten bei der Gelegenheit kurz ein, es war angenehm nix los. Draussen verhinderte der Sandsturm, dass wir Fotos machen konnten, ohne die Kamera zu verstopfen.
  • Einer von uns fuhr mit dem Rad zurück nach Bloemendaal, um das Auto zu holen. Reine Radelzeit: 30 Minuten.
  • Beim Verfahren in dem düsteren und ausweglosen Millionärsviertel leuchtete eine Warnung zu einem unbestimmten Motorschaden auf, den man bitte eben beheben solle, bevor man weiterfährt. Selbstverständlich.
  • Beim Bäcker in Overveen gab es so gut wie keinen Kuchen, schon mal gar keine Flappen (Appelflappe bzw. Kersflappe).
  • Wieder zuhause, ließen wir bei Sander Fietsen sofort den kaputten Schlauch austauschen, natürlich mussten wir mit einem falschen Ventil Vorlieb nehmen.

Nach einer Ruhepause stellte sich die Frage: Den Nachmittag unstrukturiert in den Abend überleiten oder noch wohin ? Wir entschieden uns für eine überwiegend ungemütlich-frierend, aber doch wohltuend, den Blick befreiend wirkende 16-Km-Tour: Über Santport-Zuid nach Spaarndam als Endpunkt. Ein altes Straßendorf auf einem Damm, rechts und links viel Wasser und alt-holländische Idyllik. Die Kneipe dort hieß „De Toerist“ wo im Außenbereich längs der Front zwei Frauen (Touristinnen ?), jede ein Steak auf dem Teller hatten: Format Schuhsole Größe 46, ca. 7 cm dick. Uns hätte schon ein Pannekoek gereicht, aber die Steaks sahen auch nicht schlecht aus. Dermaßen gestärkt wählten wir den Rückweg über Haarlem an der Spaarne entlang. Ab Hauptbahnhof waren es nur noch 3 Km zurück nach Bloemendaal. Zwischendurch regnete es leicht, aber das macht uns nichts aus, solange es nicht stürmt.

Mittwoch, 29. Juli 2015

Das Wetter war kalt, aber nicht zu regnerisch. Nach dem Pistolets-Frühstück trafen wir Vorbereitungen für den obligatorisch fälligen Amsterdam-Ausflug, praktischerweise mit der Bahn. Wir liefen zu Fuß zum Bahnhof und betätigten den Fahrkarten-Automat. Angeboten wurde die Zahlung per „OV-chipkaart“ –die hierzulande natürlichste Methode. Dann „Kredietkaart“ – das sprach eher uns an. Lt. Display waren Mastercard, Maestro und VISA mögllich. Drittens „Muntgeld“. Da 20,90 € aufgerufen wurden, hätten wir wenigstens 11 lückenlos funktionierende 2-€ Stücke vorweisen müssen. Die Maestro-Karte, in Deutschland aus alter Gewohnheit fälschlich als EC-Karte bezeichnet, wurde dann aus unerklärlichen Gründen nicht akzeptiert. Nicht lesbar – völliger Unfug, denn bei der Reparatur des Fahrrades gestern hatte sie noch funktioniert. Für die Mastercard wurde eine PIN-Nummer verlangt. Dafür waren wir nicht gebaut. Bei Mastercard reicht als Authentifikation üblicherweise die Unterschrift. Ein PIN gibt es zwar, aber wir wissen sie nicht auswendig. Traurig zogen wir wieder ab. Bei der Rabo-Bank trugen wir unsere Ansinnen vor, aber Bargeld – so etwas Altertümliches kam bei der Rabo-Bank selbstverständlich nicht vor. Man empfahl uns, das Münzgeld in den umliegenden Geschäften zusammenzubetteln. Wir hatten jetzt genug von den Demütigungen niederländischer Alltags-Organisation, Amsterdam war gelaufen. Nun wollten wir unseren vollen Müllsack in den hochmodernen zentralen unterirdischen Müllcontainer vor dem Haus entleeren. In Holland ist alles innovativ und ultramodern. Doch die Klappe ließ sich nicht öffnen – dafür ist ein Identifikations-Chip notwendig, den man uns weder angekündigt noch ausgehändigt hatte. Was tun ? Wir beschlossen, den Tag zu nutzen, um das kaputte Auto zum nächsten Peugeot-Händler zu bringen, notfalls es da lassen und mit dem Rad zurück zu radeln. Im Internet fanden wir heraus, dass Firma Nefkens in Santpoort-Noord zuständig sei. Wir montierten die Räder auf den Trailer und fuhren dahin. Nefkens war nicht auffindbar. An der Stelle war eine FIAT-Werkstatt, bei der wir fragten, wo wir Nefkens finden. Pleite! Man musste ihnen alles aus der Nase ziehen. Nach längerer Diskussion begriffen sie, dass wir gar nicht verlangten, dass sie unser Auto reparieren, sondern nur damit herausrücken, wo der nächste Peugeot-Händller abgeblieben ist. Empfohlen wurde dann Firma van Zwienen in Heemskerk. Nun streikte unsere Navi-App in der Form, dass es die erste Ansage zwar noch machte, dann aber schwieg. Es zeigte alles richtig an, aber sprach nicht, und lautlos ist es unbrauchbar. Wir verpassten die Autobahn mit dem Tunnel und nahmen die Landstraße, sodass wir mit der Fähre über den Nordzeekanal übersetzen mussten. Bei van Zwienen waren sie sehr freundlich, sprachen etwas deutsch, kannten einen aus Paderborn (Camping-Urlaub 2003 in Italien), boten Kaffee an, checkten das Auto und holten sich einen 1300-€ Auftrag ab. Wir ließen die Karre da und radelten nach Heemskerk-City, einer seelenlosen 1980er-Jahre Stadt. In einem Eetcafé bestellten wir 8 Frühlingsrollen und zwei Heineken. Anschließend fanden wir nicht auf Anhieb die Richtung nach Süden. Der Wind frischte auf und es fing an zu regnen. Bei der Regenstärke „Schauer“ legten wir die Capes an und fanden wenig später auch Schutz in einem Bus-Wartehäuschen. Eine Viertelstunde darauf wurde das Wetter wieder erträglicher (nur noch sehr windig) und wir beschlossen einen Abstecher von Beverwijk nach Wijk aan Zee. Hier sind die Dünen hoch wie ein Gebirge, und verdecken dadurch zum Glück das hässliche Industriegebiet der Stahlwerke von Ijmuiden. Für die Rück-Überquerung des Nordzeekanals hatten wir eine Fährverbindung von Noordpier nach Ijmuiden Terminal herausgefunden. Auf einem Schild wurden vier Abfahrten am Tag angekündigt, davon die nächste um 15.35 Uhr, also noch eine gute Stunde. Nach 20 Minuten Gegenwind waren am Noordpier, anscheinend ein Windsurfer- und Kitesurfer Hotspot. Dazu eine runtergekommene Spelunke, die wir mieden. Es stellte sich heraus, dass die Fähre eher ein Wassertaxi war, das auf Anforderung kam. Dazu musste man eine Fahne am Mast hochziehen, welche auf der Gegenseite beobachtet wurde – wohl altmodisch per Fernrohr, denn der Kanal ist hier über ein Km breit und gehört schon zur offenen Nordsee. Erwartbar wäre gewesen, dass man dafür eine App braucht. Nach langem Schutzlos-im-Wind-Frieren war um 15.35 Uhr noch nichts zu sehen – um 15.40 kam das Boot endlich angejagt. Speed und Seegang ließen es mächtig schaukeln, und die Wellen schlugen weiße Gischt über das Deck. Wir waren die einzigen Passagiere, mussten 10 € zahlen, die Fahrräder flach aufs Deck legen und durften in den hinteren Teil der Kabine schwanken. In Ijmuiden Terminal wurde gerade eine riesige Autofähre nach Newcastle abgefertigt. Der Regen setzte wieder ein, und bevor wir die Capes anlegen konnten, tat sich eine gut besuchte Imbiss-Bude auf. Wir gönnten uns eine Portion Kibbeling mit Remoulade, die unerwartet gut schmeckte und einem im Nachhinein nicht ständig wieder hochkam. Ijmuiden in seiner Hässlichkeit war nicht ganz so deprimierend wie am Sonntagabend, da irgendwie mehr Betrieb herrschte. Die letzen 11 Km nach Hause verliefen ohne besondere Vorkommnisse. Wir kauften bei Albert Heijn ein paar Zutaten, kochten auf dem 5-flammigen Gasherd streng vegan und machten noch einen Abendspaziergang mit Unterkühlungstendenz. Dabei traten manche in Hundekacke, welche erst bei Zimmertemperatur ihre volle olfaktorische Kraft entfaltete.

Donnerstag, 30. Juli 2015

Nicht gerade ein heißer Tag, für den wir die obligatorisch fällige Amsterdam-Tour vorgesehen hatten. Schließlich hatten wir schon zu Hause überall rumposaunt, welch naher Katzensprung es mit dem Rad nach Amsterdam sei, und dass wir da wohl mindestens ein paar mal hinwollten. In der Vorplanung – eigentlich gab es keine Vorplanung – hatten wir nicht gewusst, wo genau die Strecke herführen würde, aber hier vor Ort wird einem manches klarer. Im Laufe dieses Urlaubs ergaben sich drei Eckpunkte, die wir immer wieder unseren Weg kreuzten:

  1. Bahnübergang Bloemendaalse Weg in Overveen
  2. Oudeweg-Brücke über die Spaarne
  3. Bahnübergang beim Bahnhof Santpoort Zuid

Nr. 2 entsprach Knooppunt 23 auf dem Weg nach Amsterdam. Im Prinzip blieben wir immer entlang der N200, bis auf einen kleinen Umweg über Haarlemmerliede, kein Dorf, nur eine Siedlung ca. 4 km östlich von Haarlem in einem Wassergebiet. Dort gründeten die Franziskanerinnen Salzkotten auf der Flucht vor dem Bsmarck’schen Kulturkampf im späten 19. Jahrhundert eine Niederlassung. Wir wollten sehen, was davon noch übrig geblieben ist: Eine Schule mit dem Namen Franciscus-School, eine Straßenbezeichnung Franciscanessenweg und das frühere Schwesternhaus neben der Kirche. Beeindruckend auf der Weiterfahrt war trotz der Monotonie der immer geradeaus führenden Strecke die relative Einsamkeit. Relativ heißt: Die N200, die Abschnittweise zur A200 wurde mit gigantischen Autobahnkreuzen und Abzweigungen und die Bahnlinie Haarlem-Amsterdam ließen keine akustische Ruhe aufkommen, aber man sah über 5 Km kaum Häuser, nur Wiesen und Wälder. Fast niemand begegnete uns. In Höhe des Kreuzes A10/A200 befand sich an diesem Tag die Einflugschneise für große Flugzeuge nach Schiphol. Sie flogen im Sinkflug im Minutentakt.

Danach kam ein 11 km langer Abschnitt mit zunehmendem Grad an Urbanität, ohne dass es  dabei nett wurde. Endlose Wohnblock-Siedlungen und die Büro-Vorstadt Sloterdijk bildeten die Struktur am Wegesrand, dazu Kreisverkehre, Kreuzungen, Einmündungen mit Ampeln. Erst ab „Westerpark“, ein sehenswert umgbauter ehemaliger Industriekomplex in der Kasernen-Optik des 19. Jahrhunderts wurde es belebter, und schnell kamen wir beim Grachtengürtel an. Haarlemmerdijk und Haarlemmerstraat wirkten sehr „szenig“ und wuselig. Wir kämpften uns durch die Masse der Radfahrer, Autos, Ampeln, Touristen, am Hauptbahnhof vorbei bis zur Prins Hendrikkade, wo wir sogar noch ein freies Stück Geländer zum Anschließen unserer Fahrräder fanden. Wir haben noch nie soviele Fahrräder gesehen wie in Amsterdam. Es regnete leicht, aber nicht schlimm. Erster Programmpunkte sollte der Besuch der zentralen Bibliothek OBA sein. Die OBA war ok, keine 10 Jahre alt, haute uns aber nicht um. Auffällig fanden wir die schlappe Zahl der Besucher. Am meisten waren noch Touristen da, die wie wir irgendwie von der OBA erfahren hatten, vor allem von dem Restaurant in der 7. Etage mit Dachterrasse und begrenzter Aussicht, jedenfalls hätte das an dieser Stelle erwartbare „atemberaubend“ nicht zugetroffen. Viel Bio, hohe Preise. Wir gönnten uns einen Imbiss und dazu einen Smoothie (Schmusi). Das Wetter wurde wärmer uns sonniger. Nächstes Ziel: Die Herengracht und das Haus von Petronella Oortman, zu erkennen an den Delphinköpfigen Türklopfern. Nach ein paar Metern gaben wir auf, danach zu suchen. Die Herengracht ist 2,5 km lang und beidseitig mit Häusern bestanden. Wir hatten uns die Hausnummer nicht gemerkt. Am Leidse Plein wurde uns klar, dass es dort war, wo wir im August 1999 auf ein Bier und ein Sandwich gesessen hatten, zusammen mit dem Messdiener O., und nicht etwa, wie bisher geglaubt, am Rembrandt Plein. Die Fußgängerzone und Geschäftstraßen mieden wir – unabsichtlich. Über die belebte Spiegelstraat mit vielen speziellen Geschäften für das hier anzutreffende kauflustige Museumspublikum kamen wir beim Rijksmuseum an. Unser erster Besuch dort seit 1999 (Ausstellung „Het Nederlandse Stilleven – Still live paintings from the Netherlands“). Damals hing die Nachtwache unbeachtet in einer Ecke. In der Zwischenzeit hatte man das Rijksmuseum jahrelang umgepflügt und upgedated. Am dollsten war der Eingang und der tiefer gelegte Innenhof, den es in der Form wohl vorher nicht gegeben hatte. Wir investierten 17,50 € pro Mann und verzichteten dennoch auf die meisten Abteilungen, kümmerten uns nur um 1100 bis 1700. Herzstück war der Saal der Hämmer. Man durfte tatsächlich alles kurz und klein fotografieren, wovon allgemein reger Gebraucht gemacht wurde, vor allem von asiatischen Gruppen. Vor der Nachtwache herrschte regelrechter Hype. Wir ermüdeten und waren um 16.30 wieder draußen. Beim Stedelijk gleich nebenan wollten wir uns nur auf Shop und Foyerzone konzentrieren. Das Van Gogh ließen wir komplett aus. Es war total ’70er, was man wohl erkannt hat und durch ein neues externes gläsernes Eingangsgebäude von diesem Image ablenken möchte. Der Rückweg zum Fahrrad führte ein Stück an der Amstel entlang. Wir fanden an dieser Stelle das erbärmlich runtergekommene Hotel, wo wir 1999 zwei Zimmer zum alltime-schlechtesten Preis-/Leistungsverhältnis gebucht hatten. Der rechte Grachtengürtel ist kleiner und langweiliger, aber auch kürzer. Wir verspürten Hunger Bereits auf dem Heimweg, fanden wir ein Restaurant an der Ecke Korte Prinsengracht/Haarlemmerstraat, kurz vor Verlassen des Centrums, wo wir eine Kleinigkeit zu uns nahmen. Eine Alternative Strecke war nicht in Sicht, wir mussten mit dem Hinweg Vorlieb nehmen. Start 19.00 Uhr, leichter Gegenwind, nicht so stark, wie befürchtet. Dafür kam die Sonne von vorne, was auch anstrengend sein kann. Nach 25 km waren wir um 20.45 Uhr wieder in Bloemendaal angekommen und völlig groggy.

Freitag, 31. Juli 2015

Wir warteten bis 11.00 Uhr und wollten dann anrufen, was aus dem Auto geworden war. Doch in dem Moment klingelte das Telefon – Auto fertig. Wir sattelten auf (ja, die Fahrradsättel wurden abends immer mit ins Haus genommen) und machten uns auf den Weg nach Heemskerk. Diesmal ging es schneller, weil die Sonne schien und wir auf dem Umweg über Ijmuiden verzichteten. Die Fähre war umsonst. Zur Autoreparatur gab es nichts Schriftliches, keinen Beweis, nur einen freundlichen Händedruck. Da wir schon mal in Heemskerk waren, bot sich ein Strandbesuch mit dem Rad von Castricum/Bakkum nach Castricum aan Zee an. Wir parkten wehmütig an unserem Urlaubsmittelpunkt Juli 2010 – der Parkplatz neben der Pommesbude „de Klomp“ und gleich nebenan unser Ferienhaus, wo Eigentümer Japp inzwischen die damals stark vermisste Bank in den Vorgarten gestellt hatte. Der Weg zum Strand war angenehm kurz, nicht zu steil und das letzte Ende Fußmarsch nicht zu lang. Auch nicht zu viel Rummel, nahezu ideal. Wir verbrachten ein Stunde dort und ging sogar mit den Füßen ins Wasser. Einkehrziele taten sich zunächst nicht auf. Uns fiel wieder die nette Terrasse des „Loetje Overveen“ Ecke Zijlstraat in Overveen, Gemeente Bloemendaal, ein. Dort fragten wir nach „Koek, Tart, Cake“, aber die Bedienung wollte uns nicht verstehen. Sie wandte sich ab und wir verschwanden. Eine Straße weiter trafen wir auf mehr Verständnis. Kuchen ist in Holland zu 90 % Appeltaart, und ein solces Stück, ergänzt um ein Kaasbroodje konnte uns in einem Café problemlos geliefert werden. Zwei Tische weiter saß eine berühmte Schriftstellerin und hackte Geistesblitze in ihren Compi, während gegenüber eine Möwe auf dem Tisch stand zu interessiert zuschaute.

Der Abend brachte eine überraschende weitere Einkehr mit sich, und zwar bei uns 100 Meter die Straße rauf, wo wir bei „Fleurie“ Gambas in Safransoße und Zitronengras bestellten.

Samstag, 1. August 2015

Das Wetter hatte sich stabilisiert, es war geradezu normal bis freundlich geworden. Zeit für einen intensiven Haarlem-Tag, natürlich inklusive Franz-Hals-Museum. Langsam lernten wir diese Stadt, wo wir schon so oft gewesen waren und doch von der Stadt-Topografie immer wieder überrascht wurden, besser kennen. Im Osten das gewellte Spaarne-Ufer, im Norden die Nieuwe Gracht und der Bahnhof, im Westen die Leidsevaart und im Süden der Kampersingel, in dessen Nähe das Frans Hals Museum liegt. Dieses steuerten wir zuerst an. Die drei Hämmerbilder mit den „Vorständen“ hatte man aus dem zentralen Saal entfernt und in einen anderen Gebäudeflügel gebracht, wo sie öffentlich vor Publikum restauriert wurden. Eins war schon fertig. Ausgerechnet dort durfte nicht fotografiert werden. Im Frans Hals Museum begegneten wir dem zweiten Käse-Stilleben, das wir als Plakat seit Jahrzehnten in der Küche hängen haben. Ein erneutes Déja-vú.

Auf das Architektur-Forum hatten wir keine Lust mehr. Statt dessen glaubten wir, unsere ANWB-Fietskaart „Noord Holland Zuid“, die wir für die anschließende Radtour benötigten, verloren zu haben. Also fragten wir uns durch, wo es einen ANWB Laden gibt. Alle kannten ihn, aber jeder hatte eine andere Adressbeschreibung. Nach einer Odyssee fanden wir ihn endlich, und liefen trotz wieder-erstandener Landkarte auf ziemlichen Umwegen zu unserem Fahrrad-Stellplatz an der Spaarne-Drehbrück bei der Windmühle. Dort kehrten wir ein auf eine eiskalte Cola. Die Speisekarte wurde uns nicht gereicht, und so begannen wir hungrig unsere weitere Radtour: Spaarne-aufwärts bis Cruquius, wo wir das Gelände eines der dollsten Golfplätze überhaupt überquerten. Ziel war der Weg neben der Startbahn West des Flugplatzes Schiphol. Dort saßen schon jede Menge Plane-Spotter mit Klappstühlen und Teleobjektiven, aber es kamen nur kleinere Spielzeugflugzeuge von Easy Jet herein. Bald war Haarlem wieder erreicht. Wir hatten keine Zeit mehr, weil wir bis 20.00 Uhr noch das Einkaufen bei Albert Heijn in Bloemendaal erledigen wollten.

Sonntag, 2. August 2015

Stabiles Sommerwetter. Vormittags eine ausgiebige und anstrengende Dünen-Radtour über den „Zeeweg“ an den Strand. Am Ende war ein Fahrrad-Parkplatz, von wo man die sehr hohe Düne über einen sandigen Aufgang überqueren musste. Auch das Wasser war sehr weit weg. Strandbesuche fallen für uns stets ohne strukturelle Hilfe aus: Keine Matten, keine Stühle, kein Windschutz, nichts zu essen oder trinken. Lediglich unsere Tchibo Picknick Decke aus den 1980er Jahren garantiert uns heimatliche Gefühle.

Außer Postkartenschreiben, Aufräumen und Packen gab es noch einen unerledigten Programmpunkt: Das Captain’s Dinner. Wir versteiften uns auf das „de Toerist“ in Spaarndam, aber da war natürlich kein Platz mehr frei. Schwerpunkt der gesamtniederländischen Freizeitgestaltung lag an diesem Sonntag-Nachmittag im Freien, speziell auf dem Wasser. Wer ein Boot hatte, kurvte damit rum. Die Mutter entdeckte am mal wieder angelaufenen Knooppunt 23 (Spaarne-Brücke) ein Restaurant in einem umgebauten ehemaligen Speicher. Es waren Plätze frei, wir studierten die Speisekarte und bekamen tatsächlich etwas zu essen. Die Mutter was mit Lachs, der Messdiener K. rosa gebratene Scheiben vom Osterhasen (Osse Haas).

Montag, 3. August 2015

Der Abreisetag, zugleich wärmster Tag des Urlaubs.

Nach einigem telefonischen Hin und Her waren Daan und Jochem 20 Minuten verspätet erschienen, um den Schlüssel zurück zu nehmen. Das machen wir nächste Mal besser: 9.00 Uhr ist viel zu spät. Man bekäme auch bis 8.00 Uhr alles gepackt. Da hatten wir schon 1 Stunde wartend auf der Straße gestanden und unsere Eindrücke vom holländischen Way of life vertieft. Es kamen und gingen overstylte Bankerinnen mit High Heels, dicke Apothekerinnen die vorher noch eine rauchten und Albert Heijn-Kundinnen mit dem beachtlichen Elektro BMW i3.

Wir tankten zum teuersten an diesem Montag beobachteten Preis zwischen Haarlem und Amstelveen und fuhren durch bis Xanten, wo das touristische Rückreise-Rahmenprogramm stattfinden sollte. Xanten war wie immer bezaubernd. Niederrheinische Klein-Gemütlichkeit, verpennter Tourismus, und die Highlights, die wir dort immer wieder anlaufen:

  • Stiftkirche St. Viktor, der Xantener Dom
  • Stiftsmuseum (Montag geschlossen)
  • Eiscafé Santin (Einkehr !)
  • Spielzeuggeschäft (Zwei Figuren zum Aufziehen gekauft)
  • Hutwerkstatt Wera Köhler (Montag geschlossen)

Diesmal nicht besucht, obwohl geöffnet

  • das Römermuseum
  • Hotel/Restaurant Hövelmann, desen Speisekarte sehr verlockend klang.

Wir beschlossen, bald an den Niederrhein und nach Xanten wieder zu kommen und fuhren ohne Umwege nach Hause.