Samstag, 21. Juli 2018

Statt in die elsässische Fachwerkstadt mit dem Isenheimer Altar im von Herzog und de Meuron erweiterten Musée Unterlinden verbringen wir den Vor-Liborianischen Urlaub 2018 im ähnlich klingenden Kollmar, welches, wenn man die Fahrzeiten von günstigen Tagen (Colmar) mit ungünstigen Tagen (Kollmar) vergleicht, ungefähr gleich weit liegt. Die Binnenmaritimik war ausschlaggebend für die Wahl. Wir brauchten am 21.7.2018 von 11 bis 17 Uhr. Mit halb soviel PS haben wir das schon mal in der Hälfte der Zeit geschafft. Die Fahrt zog sich endlos hin, und die Routine-Rituale machten nicht wirklich Spaß: Das Reise-Ei verfrühstückten wir um 15 Uhr auf einem unerträglich lauten Parkplatz bei Seevetal, dessen Fahr- und Standstreifen, wie auch bei mehreren anderen seiner Art an der A7, noch von Adolf Hitler persönlich gepflastert worden sein muss. Die unwirtliche Umgebung zog folgerichtig auch ein spezielles Publikum von Kerlen an, die, während wir bescheiden unser hartgekochtes Ei verzehrten, ausstiegen und sich am ca. 15 Meter entfernten Waldrand zum Pissen aufstellten. Mehrere. Zeitgleich verpassten wir in Paderborn das erste offizielle Läuten der Domglocken nach der Geläut-Erweiterung.

Die Lage des Hauses : Ca. 150 Meter vom Ortszentrum entfernt. Das Zentrum besteht aus dem Café Sünnschien und einem stets geöffneten Deich-Fluttor, durch das viele Autos fahren, um vor dem Deich zu parken, oder um zu den 4 Imbissbuden mit Sitzgelegenheit zu gelangen. Ein sehr runtergekommenes Hotel neben dem Deichtor sieht aus, als wäre es schon seit 2003 geschlossen, aber die Concierge sagt, es war noch bis 31.12.2017 in Betrieb. Mussten die letzen Gäste in der Sylvesternacht betrunken abreisen ?

Unser Haus liegt „am Deich 13“. Wir hatten es nur über AirBnB gefunden und gebucht, obwohl es, wie wir hier sehen, auch eine eigene Homepage mit Buchungsmöglichkeit hat. Hätten wir das gewusst. Hinten auf dem Grundstück findet sich in einer Reihe von kleinem Gehölz ein Törchen im Zaun, durch das man auf den Deich gelangt. 50 Stufen führen nach oben. Nach vorne raus (Wohnzimmer) blicken wir auf eine weite Weidelandschaft mit einem vergessenen Bauernkarren auf der Wiese, der dort idyllisch-dynamisch den Blickfang abgibt. Wenn „Leute“ (Autos sind sehr selten) vor dem Fenster herlaufen, erinnert uns das an ähnliche Erlebnisse 2008 im Haus „Platteweg“ im Niemandsland zwischen Cadzand, Retranchement, Terhofstede und Zuidzsande.

Die Concierge hatte 1 Stunde auf dem Deich sitzend auf uns gewartet, blieb aber freundlich. Seit langer Zeit zum ersten Mal wurde uns eine Bude ohne Kautionszahlung überlassen.

Nun folgt die übliche Hauskritik. Noch nie in 38 Jahren Ferienhaus-Aufenthalten gab es nichts zu meckern. Mängel oder als solche subjektiv empfundene sind also normal, man nimmt sie hin und gewöhnt sich dran. Die Bude ist ganz ok. Groß, überwiegend hell, modern mit IKEA- und Tchibo-Ware ausgestattet. Auffallend: Alles sehr solide, sowohl innen als auch im Außenbereich. Auffällig (= Meckern auf hohem Niveau):

  • Keine Gardinen oder adäquate Privatmodus-Vorrichtungen im ebenerdigen, zur Straße liegenden Wohnbereich.
  • Etwas unterkühlte unpersönliche Atmosphäre: Keine Bilder, keine Bücher, keine alten Zeitschriften. Zum Glück auch wenig Deko. Nun ja, es gibt Schlimmeres, und die Ferienhaus-typische Kunst aus dem Baumarkt hat man erfreulicherweise vermieden, und ein echter Mark Rothko wäre  unwahrscheinlich
  • Wenig Ablage- und Stauraum im Küchenbereich
  • Keine Haken zum Aufhängen von Lappen
  • Keine kleinen Schüsseln und Schalen
  • Eine nicht abschaltbare Dauerlüftung macht ziemlichen Lärm
  • Die Audio-Anlage ist ein iPod-/iPhone-Player alten Typs mit dem 30-poligen Aufstülp-Stecker. Solches Equipment halten viele Fewo-Eigentümer für state-of-the-art, ist tatsächlich aber nach über 10 Jahren Existenz mittlerweile ziemlich out und exotisch. Wir haben vorausahnend versucht, das iPad mit Adapter von 30-polig-auf-Lightning-Stecker zu betreiben, ging aber nicht. Später haben wir entdeckt, dass der Player immerhin Bluetooth kann und darüber vom iPad Musik empfängt.

Strasse am Deich

So das war’s auch schon, nicht zu vergleichen mit der unvollständigen Hitliste einiger vergangener Ferienhaus-Erlebnisse, über die zu beschweren uns nie in den Sinn gekommen wäre. Wir wählen statt der Beschwerde das subtile Mittel, uns an den Lobeshymnen und „Es-war-super-wir-kommen-immer-gerne-wieder“-Beschwörungen im Gästebuch einfach nicht zu beteiligen. Oder man lobt bei den bescheuerten Bewertungsrunden nicht das Haus, sondern Abseitiges wie „Die Pommes nebenan waren sehr lecker“.

In guter Erinnerung geblieben sind folgende Residenzen:

  • Einziger Stecker in Bad und Küche, egal ob zum Heißwasser-Kochen oder zum Rasieren, befand sich hinter dem Kühlschrank, den man dafür etwas zur Seite schieben musste (Wissant)
  • Morgens sah man immer frische Schneckenspuren auf dem Wohnzimmerteppich, die zu einem Gully unter der Anrichte führten (St. Valery sur Somme)
  • Das Klo unter dem Heißwasser-Behälter war nur mit einer Schraube im Holzfußboden befestigt, und beim Hintern-Abwischen mussten schwankende Bewegungen vermieden werden. (St. Aignan)
  • Das Wohnzimmer war so ungemütlich, dass man (bei Dauerregen) und überhaupt immer nur an einem 60 x 50 cm großen Tisch neben der offenen Terrassentür in der Küche sitzen mochte, um auf keinen Fall das Aufhören des Regens zu verpassen. (La Ciotat)
  • Die Möblierung im Schlafzimmer bestand aus einem Bett mit Kuhle, dessen Matratze beim Reinlegen über einem zusammenschlug. Wir vervollständigten die Möblierung mit einem Stuhl aus dem Wohn-/Esszimmer. (Ronce-les-Bains)
  • Die Raumhöhe war so niedrig, dass wir mit dem Kopf ständig gegen die Balken knallten (Spodsbjerg)
  • Der Kühlschrank in der Küche, die gleichzeitig das Schlafzimmer war, ratterte so laut, das wir ihn nachts abschalteten und die Butter morgens rausfloss (Vieste)
  • Die Holzdecke zur ersten Etage, wo die Schlafzimmer lagen, hatte so breite Ritzen, dass der Dreck ins Wohnzimmer runterrieselte (Blavand)
  • Die Wände des Schlafzimmers im umgebauten ehemaligen Stall dünsteten den darin eingezogenen Gestank so stark aus, dass wir jede Nacht zweimal lüften mussten (Sluis Oostburg)
  • usw. etc.

Nach den Formalitäten ging es mit dem Auto zum Einkaufen bei EDEKA in Glückstadt (Die Concierge hätte uns am liebsten zu Lidl geschickt, wie sie immer wieder betonte), und weiter zu einer zu-Fuß-Runde durch Hafen und City. Bei „glücklich@strandgut“ kehrten wir spontan ein auf ein uns bisher nicht bekanntes Gesöff namens Lillet-Apero (Kohlensauer sprudelnder und aromatisierter Likörwein aus dem Südwesten Frankreichs). Umgebung: Sonnig. Hafen- und (entfernt) Elbblick, als Gag Terrassierung auf Sandboden mit versuchsweiser Beachclub-Flair. Wir kamen auch am Restaurant Alte Mühle vorbei, das wir bereits zuhause in die Auswahl der Lieblingsrestaurants eingestuft hatten, und wie vor Ort bestätigt wurde, eventuell zurecht. Nur wäre uns eine Einkehr in dem Moment etwas zu spontan gewesen, und verschoben das auf später. Am großen Marktplatz waren weitere Restaurants mit Außen-Plätzen in Betrieb. Glückstadt enttäuschte also nicht. In die engere Wahl kommen die alte Mühle, das Kandelaber (Brazil) und ein weiteres neben dem Ratskeller, das man über Google Maps aber nicht recherchieren kann.

Da die Anreise sehr geschlaucht hatte, war der abschließende Spaziergang zum Kollmarer Hafen nicht sehr ambtioniert. Immerhin mischten wir uns unter diejenigen, die mit Smartphones und Kameras in der Hand auf die Vorbeifahrt eines aus Hamburg auslaufenden Kreuzfahrtschiffes der besonders albernen Sorte AIDA warteten, um dessen Verschwinden am Sonnenuntergang-geprägten Horizont zu fotografieren. Mutige Jungs (früher hätten wir sie als Bauernlümmel bezeichnet) kletterten an den Duckdalben hoch und sprangen ins Wasser, um die anwesenden Mädchen zu beeindrucken.

Sonntag, 22. Juli 2018

Heute unser Arbeitsplatz

Tag des Gegend-Erkundens ohne Auto. Nach dem Frühstück und Zeitunglesen (Glückstädter Fortuna, drinnen) radelten wir unsere Straße am Deich weiter nach Südosten. Hier wohnen rechts und links der Straßensiedlung Menschen, die es zu einem kleinen, nicht übertrieben protzigen Wohlstand gebracht und ihre Land-Anwesen mehr oder weniger geschmackvoll hergerichtet haben. Ein kleiner Kanal neben dem Weg erinnerte an Entsprechungen in den Niederlanden. Zielpunkt war eine kleine Fähre über die Krückau, die an sommerlichen Wochenendtagen von den Freunden eines Fährvereins betrieben wird. Fähre klingt hier übertrieben, es ist eigentlich nur ein kleines Boot, wo höchstens eine Handvoll Fahrradtouristen reinpassen. euzt. Tide der Krückau hatte just den Höchststand erreicht und das volle Flussbett passte optisch nicht recht zu diesem Dürre-Sommer 2018. Am Ufer war ein Verkaufsstand, wo ein Gärtner von der B431 Gemüse anbot. Wir kauften ihm eine Tüte Tomaten und auch gelbe Bohnen ab, die es sogleich später zu Mittag geben sollte. Das Krückau-Sperrwerk flussabwärts in Elb-Nähe erwies sich erwartungsgemäß als gehoben öde, aber von da aus war es nicht mehr weit zu unserem Elbe-Boarding-Haus. Daheim freundeten wir uns schnell mit den Deichschafen an, die sich erstaunlich zutraulich, verschmust und knuddelfreudig zeigten. Liebe, ehrliche und unschuldige Tiere. Auf unserem Gelände steht ein Apfelbaum mit Sommer-Klaräpfeln, die leider wegen der langen Hitze und Regenlosigkeit sehr klein bleiben und runterfallen. Diese Äpfel werden von den Schafen gerne angenommen. Nun sei ausnahmsweise das Mittagessen erwähnt: Kartoffeln, Tomaten, gelbe Bohnen, und von der Fischbude am Hafen ein Stück Backfisch, das nicht so übel wie vermutet war. Kibbeling hatten sie nicht oder war sogar unbekannt – wir sind nicht in Holland. Später holten wir Home-made-Kuchen vom gut besuchten Café Sünnschien. Die überwiegend als Friesentorte bekannte Sorte wird hier als blauer Heinrich verkauft. Eine weitere Radtour führte uns ab 17 Uhr bis zum Sieltor Bielenberg und zur Kirche in Kollmar. Gegen 22 Uhr ließen wir im Abendlicht den kleinen Hafen auf uns wirken.

Montag, 23. Juli 2018, Namenstag des hl. Liborius

Elbe-Radweg mit Schafen

Über das Wetter berichten wir erst wieder, wenn es sich ändert. Bisher ist es nach wie vor trocken, gnadenlos sonnig und heiß. Wir machten bis ca. 14 Uhr den Ruhigen, lasen viel und brachen erst am Nachmittag zur ersten Fahrt des Tages auf nach Glückstadt; dabei wählten wir die Strecke am Elbdeich entlang. Bis zum Sieltor Bielenberg kannten wir sie schon und danach wurde es sehr deichig-öde. Eine menschenleere vertrocknete Deichlandschaft mit vielen notleidenden Schafen, die rechts und links am Weg lagen, als wären sie kurz vor den Verenden. Schrecklich. Es zog sich hin, wie vor 4 Wochen bei der Tour von Leer nach Ditzum. In Glückstadt waren wir auf der Suche nach a) einer schönen Radfahrkarte der Gegend und b) einer Gelegenheit, ein schönes Stück Kuchen zu ergattern. Leider waren alle Plätze belegt, oder lagen in der prallen Sonne oder der Kuchen war nicht verlockend. Hier ist man in erster Linie auf Fischbrötchen eingestellt, die gibt es immer und überall. In der Tourist Information kaufen wir als Kompromiss eine Karte 1:100.000, die wegen des riesigen Maßstabs nicht wirklich brauchbar ist. Wir wollten auf keinen Fall wieder am Deich zurück und wählten den Radweg an der B431. Glückstadt–Kollmar ging in 45 Minuten inkl. Beratungspausen, auch dank Rückenwind. Kurze Zeit später fuhren wir erneut nach Glückstadt, diesmal mit dem Auto.

Atomique Brokdorf

Nach einer 20-minütigen Warteschleife zur Fuß bis raus zur Elbe, wo man Blick hatte auf die Atomique Brokdorf, bekamen wir in der „Alten Mühle“ einen Tisch. Die Mutter Pifferlinge, der Onkel Matjes (etwas zu weich). Als es schon ziemlich dunkelte, versuchten wir noch einen Abstecher zur Fähre nach Wischhafen hinzubekommen, aber der Rückstau war zu lang, wir kamen nicht wirklich dran. Egal. Nun ein zweiter Versuch, ein Eis zu bekommen. Doch alle Eisbuden und Verkaufsstellen hatten schon geschlossen. Bei Rückkehr nach Hause trafen wir auf neue Hausgäste – ein Pärchen aus New Zealand mit einem Auto mit französischen Nummernschild (18). Madam sagte, sie hätten ein Problem, weil sie niemanden auf Seiten des Vermieters erreichten. Mit ihrem Handy hatten sie keinen Netzzugang. Wir halfen mit unserem Wi-Fi aus, aber Madam‘s uraltes iPhone war ihr zu winzig, sie konnte die Message nicht lesen. Auf unserem iPad konnte sich sich nochmal einloggen in das New Zealand Farmers Network. Die erwartete E-Mail sagte: Anreise nach 18 Uhr nicht möglich. Wir bedauerten, nicht weiter helfen zu können. Sie wollten sich nun spontan ein Hotelzimmer in Glückstadt suchen. Ein ähnliches Vorhaben war uns selbst dort im Jahr 1984 auf der Rückreise aus einem verkorksten Dänemark-Urlaub ebenfalls nicht gelungen. Vorsorglich entschuldigten wir uns für das unprofessionelle Verhalten aller Deutschen, die ja bekanntlich den zweiten Weltkrieg angezettelt hatten, und wünschten good luck – nicht selbstverständlich in Glückstadt.

Dienstag, 24. Juli 2018

Morgens kam die Concierge und brachte als Verstärkung ihre „Kollegin“ mit. Wir erwähnten den nächtlichen Vorfall und die Kollegin ging sofort in Abwehrstellung, sie nahm unseren Bericht als Beschwerde wahr. Nun, sie konnte nicht wissen, dass wir uns nur zweimal im Leben bisher beschwert hatten, nämlich 2015, als der Spinat auf dem Teller nach Chlor schmeckte und 2010, als die Cola, übereinstimmend mit der Meinung anderer Gäste, nach Reinigungsmittel schmeckte. Irgendwann später sattelten wir die Räder auf und fuhren nach Marne im Kreis Dithmarschen. Dort war eine anspruchsvolle Tour geplant: Marne – Friedrichskoog-Spitze – Marne. Friedrichskoog-City ist für seine Seehund-Station bekannt. Wir hatten folgende Vorstellung: Die Seehund-Station liegt einsam an einem kleinen Deich, wartet auf Besucher und steht vor der Schließung wegen Unwirtschaftlichkeit. Am rechten Rand eines leeren Parkplatzes steht kinoreif ein verfallender Fischbrötchenstand mit exakt einem Fischbrötchen im Angebot. Wir sind seit Tagen die einzigen Kunden. Jenseits des Deiches schlägt die Brandung hohe Wellen, man zieht die Mütze tief ins Gesicht.

Nichts von alldem traf zu. Die Nordsee hatte sich kilometerweit zurückgezogen. Auf dem flachen Deichhang, und rund um die saisonale Gastronomie verteilte sich reichlich Volk, bei dem es sich ausnahmslos nicht um die Reichen und die Schönen handelte, bis auf eine Ausnahme: Wie wir heraushören konnten, waren überproportional viele Schweizer anwesend. Sofort begannen wir mit dem Fremdschämen. Schweizer ! Die reichsten und edelsten Menschen der Welt, hier im schäbigen Friedrichskoog. Abermals, nach der Pleite mit den stolzen Neuseeländern, litt das Ansehen Deutschlands in der Welt massiv. Wir ließen uns in einem der Deichcafés nieder und bereuten unsere Bestellung sofort, breiteten auch schnell den Mantel des Schweigens und Vergessens darüber. Weiter ging es durch die entsetzliche Hitze. Dithmarschen ist landschaftlich durch zwei Phänomene geprägt: Kohlkopf-Felder und Windräder. Lt. Wikipedia bzw. der Homepage des Kreises angeblich das größte Kohl-Anbaugebiet Europas. Nirgendwo Schatten, die Kohlköpfe dem Verdorren preisgegeben, denn Beregnungsanlagen, wie sie in der Pfalz und in Frankreich üblich sind, kennen sie nicht. Den Rückweg nahmen wir küstennäher als den Hinweg. Bei Friedrichskoog-City, wo wir zuvor übrigens in einem der besten REWE-Märkte von ganz Friedrichskoog eine Flasche Mineralwasser der Marke Hella gekauft hatten, machten wir einen Abstecher zum Ereignis- und Menschenleeren Hafen. Am Ende der Straße lag der Deich, und als wir dort rauffuhren, um vermeintlich den Blick von Büsum bis Cuxhaven zu genießen, sahen wir im Dunst – nichts. Das pure Nichts. Eine braune Steppe bis zum Horizont, nur ein paar arme Schafe bildeten etwas Kontrast. Auf dem weiteren Weg nach Marne war die Straße komplett gesperrt, auch der Radweg. Wir zwängten uns durch die Absperrung und konnten den Weg fortsetzen. Nach dreihundert Metern trafen wir Radler in der Gegenrichtung, die nicht sicher waren, ob sie durchkämen, und uns mit Schweizer Akzent um unseren Rat fragten. Wir erkannten die Gelegenheit, unser schlechtes Gewissen gegenüber den schweizerischen Ansprüchen zu beruhigen und schickten sie guten Gewissens durch. Andererseits hätten wir sie dringend vor Friedrichskoog-Spitze warnen und zur Umkehr raten müssen. Aber wohin ? Ein Dilemma. In Marne besuchten wir zur Abkühlung ausgiebig den nahezu luxuriösen Frauen-EDEKA. Dort hätten wir die Schweizer hinschicken müssen. Auf der Rückreise gab es einen Zwischenstop in Brunsbüttel, wo der Nordostseekanal in die Elbe mündet. Wieder deckten sich die Erwartungen nicht mit der Realität. Diesmal aber anders rum. Unter Brunsbüttel hatten wir uns immer ein trauriges, graues, leeres, ärmliches Kaff mit maximal einem Aldi, fernab des Kanals und der Schleusenanlagen, vorgestellt. Wir haben im Zuge der Durchfahrt eine nette, offene und belebte Einkaufsstraße (nicht als Fußgängerzone) gesehen und am Kanal Saison-Gastronomie unter alten Bäumen. Der Kanal war ca. 500 Meter breit und verbreitete eindeutige Binnen-Maritimik. Unser erstes Fischbrötchen mit eine Fritz-Cola. Wieder zu Hause angekommen, waren neue Gäste da, die wir aber nicht zu Gesicht bekamen. Leute auf der Fahrraddurchreise aus Hamburg mit nächstem Tagesziel Brunsbüttel. Brunsbüttel ist, so nehmen wir an, nur die Kurzform für Brunsbüttelfedderwarderfehn-Sielkooghusen.

Mittwoch, 25. Juli 2018

Brötchen vom Campingplatz

Brötchen vom Campingplatz

Um 4.50 Uhr klingelten die Hamburger an unserer Tür, weil wir die Haustür abgeschlossen hatten, sie aber ihren Schlüssel bei Abreise in der Wohnung belassen hatten. Der Hamburger saß gefangen auf der Treppe. Die Mutter half ihnen beim Entkommen und stellte fest, dass sie ihr Gepäck in Rollkoffer-Anhängern hinter den Fahrrädern herzogen. Um 8.00 Uhr standen wir pünktlich auf dem Campingplatz  südöstlich von hier, um die telefonisch vorbestellten Brötchen entgegenzunehmen. 3 Stück kosteten 2,70 €, und so sahen sie auch aus. Jeder Bio- und Naturhof-Bäcker hätte sich für seine vergleichsweise eher als Industrieware anzusehenden Brötchen geschämt angesichts dieser durch-und-durchen Bioware. Da nahm man es auch hin, dass die Bio-Bäckerin als erste Amtshandlung vor dem Verkauf den Bio-Köter anderer Bio-Kunden knuddelte. Später tauchte die Concierge mal wieder auf und berichtete vertrauensvoll, dass die telefonische Absprache über die Ankunftszeit und das Check-in der Hamburger wieder nicht geklappt hätte, weil falsche oder nicht bediente Telefonnummern im Umlauf waren. Beide Seiten haben stundenlang aneinander vorbei gewartet. Das Boarding House hat ein Problem. Für heute Nachmittag hat sie echte Franzosen angekündigt. Wir sind gespannt, ob das wieder so ein kommunikatives Desaster wird.

Tipps an Simone, die Heimleiterin:

  • Nur wirklich erreichbare Telefonnummern angeben
  • Telefonisch immer erreichbar sein
  • Schlüsselübergabe zu festen, aber kundenfreundlichen Bürozeiten in einem Agentur-Büro
  • Außerhalb der Bürozeiten in per SMS (nicht per E-Mail) mitgeteiltem Schlüsselsafe.

Postkarte an Karen

Hallo Karen. Vielen Dank für deine Kartengrüße. So reitest du wohl noch immer unermüdlich durchs Wangerland. Recht so. Auch wir sitzen täglich auf dem Sattel, allerdings nur dem unserer Nicht-E-Bikes. Standort sind die Elbmarschen südöstlich von Glückstadt. Ein Ausflug führte uns am bisher heißesten Tag, wir wollen gar nicht von Grad-Zahlen sprechen, zunächst mit dem Auto bis zur Regional-Metropole XXX (Postkartenmotiv) und von dort mit dem Rad an die 17 Km entfernte Küste zu einem Ort der Kategorie C oder D – und wieder zurück. Bitte auf der Karte den spacigen Turm unten rechts beachten, den wir zunächst für den Turm der – nicht vorhandenen – katholischen Kirche hielten. Statt Glocken hat er Antennen. Das Schöne mit dem Nützlichen verbinden.
Fortsetzung folgt.

Am späten Vormittag wollten wir dann die in der Buchhandlung „Bücherstube“ zu Glückstadt die am Montag bestellten Bücher abholen. Ja, so sind wir. Wir entdeckten eine Abkürzung, die über Bielenberg führt und merkten bei Ankunft in Glückstadt, dass wir unterwegs unser Schlüsselbund verloren hatten, höchstwahrscheinlich an der Stelle, wo der Radweg wegen der Baumwurzeln sehr heftig aufgepuckelt war. Noch mal zurück, suchen. Yup, da lag er zum Glück noch. Dies wollten wir nun feiern. Nach ein paar Runden durch den Ort, die wir auch dazu nutzten, die endgültige Auswahl der Lieblingsrestaurants festzulegen (in die engere Wahl kommen „der Däne“ und das „Stilbruch“), landeten wir bei „Nettchen“ am Hafen, eine Mischung aus erweiterter Pommesbude und SB-Strandgastronomie im gemäßigt-modernen Pavillon-Stil. Völlig erschöpft von der Hitze kamen wir am frühen Nachmittag wieder an.

Nun ist es Punkt 18 Uhr. Wir wiederholen eindringlich die Worte der Concierge: Eine Anreise nach 18 Uhr ist nicht möglich. Das bedeutet für uns: Wenn die Franzosen in der Nacht kommen, haben wir sie am Hals. Sie sprechen kein Deutsch, vielleicht ein bischen unverständliches Genuschel, das sie für Englisch halten, und wir müssen Ihnen erklären, dass hier und heute nichts mehr läuft, dass sie vermutlich auch in Glückstadt kein Hotelzimmer mehr bekommen, sondern es bei IBIS oder wer dort sonst noch französisch spricht, in Hamburg versuchen sollen.

Donnerstag, 26. Juli 2018

Die angekündigten Franzosen sind definitiv nicht erschienen. Es gibt mehrere Deutungen

  • Sie sind einfach nicht gekommen.
  • Sie haben von sich aus abgesagt.
  • Sie haben beschlossen, nach 18 Uhr anzureisen und zu spät und vergeblich versucht, Kontakt aufnehmen.

In allen drei Fällen ist eine No-Show-Belastung der Kreditkarte fällig. Bei rechtzeitiger Kontaktaufnahme ist die Anreise auch zwischen 18 und 20 Uhr möglich, kostet dann aber 50 € Aufpreis.

Seit gestern ist Milahn in Neuendorf unser neuer Lieblingsbäcker. Um 8.00 standen wir da, kauften Brötchen (leider nix Dolles) und bekamen Folgendes mit:

Eine gewerblich reisende männliche Person (Handwerker, Außendienst-Mitarbeiter, Versicherungs-Fritze oder was-weiß-ich) ignorierte die fertig zubereiteten belegten Brötchen und bestellte ein besonderes nach seinen Wünschen. Als es ans Bezahlen ging, legte er einen 50-Euro-Schein auf die Theke. Die Bäckereifachverkäuferin fragte, ob es nicht kleiner ginge. Leider nein, irgendwann hätte auch er alles Kleingeld ausgegeben, so der Handwerker, Außendienst-Mitarbeiter, Versicherungs-Fritze oder was-weiß-ich. Wir kauften außer den 4 durchschnittlichen Brötchen auch unsere hiesige  Lieblingszeitung, nämlich das Hamburger Abendblatt. An der Ostsee geben wir der Ostsee-Zeitung den Vorzug, in Berlin dem Tagesspiegel oder der Morgenpost. Im Abendblatt lasen wir passend zum Erlebnis beim Bäcker einen aktuellen Artikel zum Stand der Beliebtheit der kontaktlosen digitalen Zahlungsabwicklung über NFC-fähige Girokarten oder Handy-Apps bei Käufern, beim Handel und bei Geldinstituten. Demnach zahlt kaum noch jemand ohne solche Methoden. In Skandinavien alle. Bei den in allen technischen Angelegenheiten vorweg marschierenden Holländern weiß ich es nicht. Diese interessanten Möglichkeiten waren bis Neuendorf bei Elmshorn allerdings noch nicht durchgedrungen. Warum nicht bei Milahn ? Er könnte seinen Absatz um 100% steigern, solanger er einen Vorsprung hat.

Wenn man einem Foto oder Luftbild Glauben schenkt, welches vom Hafen in Elmshorn bei höchsten Tidestand der Krückau aufgenommen wurde, könnte man glauben, in Elmshorn gäbe es eine lebendige Binnenmaritimik. Die Klappbrücke holländischen Ausmaßes, die Köllnflocken als Kulisse, das am Kai liegende Schiff. Mit solchen romantischen Vorstellungen im Kopf haben wir die ca. 15 Km Radfahrt durch heiße Kornfelder und an schattenlosen verbrannten Deichen entlang bis in die sechstgrößte Schleswigholsteinische Metropole auf uns genommen. Ziel war es, einmal im Leben Haferflocken in unmittelbarer Nähe des Herstellers zu kaufen – als erste Paderborner vielleicht überhaupt, wir würden damit vermutlich in das Guinness Buch der Rekorde aufgenommen. So authetisch wie es eben geht. Das hat bei uns Tradition: Scholle Finkenwerder Art nur in Finkenwerder, Thüringer Bratwurst nur in Erfurt. Etc. Rund um das Werk lag eine olfaktorische Haferflockenwolke in der Luft. Bei REWE wurden wir fündig und entschieden uns für Haferflocken-Kekse. Die Fußgängerzone war eher zum Wegrennen. Keine Hilights, keine ansprechende Architektur, durchschnittliche Handelsketten, Leerstand auch in A-Lagen. Am Platz in der Mitte ließen wir uns zu einem Eis nieder. Allergisch-machende Sofort-Bezahlung verlangt. Kaum saßen wir, kurvte alle 2 Minuten ein lautstarker Bagger vorbei mit Absperrgittern aus Plastik auf der Gabel. Die „offene Kirche“ war geschlossen. Schnell waren wir wieder weg und kürzten den Rückweg durch die Mittags-Glut ab, indem wir den Radweg entlang der B431 nahmen.

Später am Tag fuhren wir nach Glückstadt zum traditionellen Käp’ten’s Dinner. Als solches bezeichnen wir das pro Urlaub oft gegen Ende stattfindende „große“ Essen-Gehen. Von den beiden übrig gebliebenen Lieblingsrestaurants wurde es das „No Limits“. Wirklich ? Nein, unter dem Namen gibt es keins, so hieß die fiktive Kneipe von „Charly“ in der unvergessenen Seifenoper mit mehreren tausend Folgen „Verbotene Liebe“. Nein, natürlich kehrten wir beim „Stilbruch“ ein, welches sich gegen den Dänen durchsetzte, wahrscheinlich zu unrecht. Wären wir ment zum Dänen gegangen. Allerdings saß man bei Stilbruch netter. Beim Dänen waren die Sonnenschirme zu dunkel und zu eng gestellt. Die Tatsache, dass wir nun das Essen nicht erwähnen, mag für sich sprechen. Oder doch soviel: Die Beilage „Bratkartoffeln“ war ok. Ein Eis auf die Hand rundete die Tour ab. Dann noch eine letzte Runde zum Stadthafen ohne weitere Einkehr.

Freitag, 27. Juli 2018

Die Aktion des Tages war eine kurfristig anberaumte Radtour am Nordostseekanal, als Ersatz für einen Hamburg-Trip, wo wir nicht recht gewusst hätten, was wir da so sollen oder wollen. Wir parkten das Auto in Brunsbüttel in einer ruhigen Wohnstraße am Südufer des Kanals, nicht unweit vom Fähranleger. Auf der anderen Seite noch schnell eine Visite beim Frauen-Edeka in der Koog-Straße, der mondänen Flanier- und Shopping-Meile. Es ging zunächst 4 Km Richtung Nordost durch ein Gebiet mit Tankanlagen, Raffinerien, vielen Rohrleitungen und chemischem Gestank. Dann glaubten wir, bei der Fährstelle Brunsbüttel 2 wieder auf die Südostseite übersetzen zu müssen, weil wir Radfahr-Hinweisschilder so interpretierten. Nach ein paar hundert Metern merkten wir, dass wir dort nicht nur ins Abseits gerieten, sondern in ein noch größeres Industriegebiet mit Vattenfall-Atomkraftwerk, Müllverbrennung und ähnlichen Highlights. Also wieder zurück zum Nordwest-Ufer. Das Radeln wurde hier etwas entspannter, und hinter der 4-spurigen, 45 m hohen Kanalbrücke mit der B5 von 1973 sollte es wieder das Südostufer sein, weil es da schattiger war. Auf der Fähre Kudensee stank es abartig nach irgendeiner Chemie, und der Fährmann versuchte, die Stelle an Bord mit ein paar Eimern Wasser zu entschärfen. Das Südostufer war nicht durchgängig befahrbar, sondern ab Höhe Ecklak gesperrt. Durch heiße Felder kamen wir auch durch eine Siedlung namens Aebtissinwisch. Irgendetwas besonders Klösterliches war aber nicht zu entdecken. Bei der Fährstelle Burg ging es wieder rüber auf die Nordwestseite. Burg liegt etwas abseits am Hang eines Höhenvorsprungs. Man kommt auf gut 30 Höhenmeter. Zunächst besuchten wir die Kirche, die neben einer sogenannten „privilegierten Apotheke“ liegt. Dann ein Eis in Burg. Während wir da saßen, sprintete an der Ampel ein nagelneuer Tesla 3 vorbei. Auf reichlich Umwegen durch Felder und Wälder erreichten wir irgendwann Hochdonn, eine uninteressante Straßensiedlung, allerdings mit zwei großen Speichern am Kanal und einer gigantischen zweispurigen Eisenbahn-Hochbrücke von 1913 im Eiffelturm-Stil. Bis zur Fähre Burg radelten wir südöstlich, nach Überfahrt bei Burg wieder nordwestllich, um diesmal den direkten Weg zu nehmen. Die Hitze hielt man kaum aus. Auf nur 10 Km mussten wir zweimal Wasserpause machen. Nun wechselten wir bis Brunsbüttel nicht mehr die Seite. Am Aussichtsufer hingen wir nun die nächsten 90 Minuten auf einem Geländer zum Schiffekucken. Den ganzen Tag waren Schiffe so unter-repräsentiert, dass man sich schon Sorgen um die deutsche Stellung im Welthandel bzw. der internationalen Logistik machen muss. Nun, am späten Nachmittag, kamen noch ein paar vorbei. Auf „unserer“ Bank saßen demonstrativ bräsig zwei Bescheuerte, die weder sprachen noch gewillt waren, Platz zu machen. Leider hatten zwei Kioske zu, und halbschick bzw. pseudoschick im Restaurant essen mochten wir heute nicht.

Privilegierte Reise-Position auf der Fähre „Stettin“ in Brunsbüttel

Als alle Schiffe aus der Schleuse weg waren, setzten wir wieder ans Südost-Ufer über zu unserem Auto. Fährmann, hol über. Die achte Überfahrt an diesem Tag, das ist unser all-time Rekord. Am Schiffsbug ist eine schräge Planke angebracht, welche ähnlich wie der Schneepflug vor einer Western-Lokomotive die Wellen vor dem Schiff bricht, entgegen schwimmenden Unrat zur Seite schiebt und am Anleger unter die Rampe fährt und diese hochdrückt. Als Belohnung für die 8 Überfahrten wurde uns vom Fährpersonal ein an diesem heißen Tag so erfrischender wie privilegierter und natürlich unvergesslicher Aufenthalt auf der Planke gestattet.

Zwar wollten wir danach noch zur Mole, verfuhren uns aber und landeten in einer einsamen Wildnis.

Ab 21.30 Uhr nahmen wir am allgemeinen Mondfinsternis-Zirkus teil, zu dem sich die umliegende Bevölkerung am Hafen in Kollmar zusammengefunden hatte. Im Dunst war der Mond erst sehr spät und optisch kaum zu erkennen, Schulnote 5.

Samstag, 28. Juli 2018

Tag der Abreise. Wir verzichteten auf frische Brötchen vom Lieblingsbäcker und waren eine Stunde vor Abfahrt mit Packen, Aufräumen und Dingen, wie letztes Füttern der Schafe mit Äpfeln, fertig. Die Assistentin der Concierge kam, um uns auszuchecken, so ihre eigenen Worte. Noch einmal mussten wir durch das öde Elmshorn auf dem Weg zu einem kurzen Stopover in Hamburg Altona bei Calumet-Foto. Das verlief planmäßig ohne weiteres touristischen Rahmenprogramm oder Einkehr. Bei der Strecke ab Hamburg entschieden wir uns gegen die A7/A2 und für die A1/A30, was aber letztendlich auch nicht schneller ging. Um 15 Uhr waren wir wieder daheim. Zu spät, zu erschöpft und verschwitzt, um noch zur Schrein-Erhebung in den Dom zu gehen.