Von Sonntag 18. bis Sonntag 25. November 2018

Schon wieder Amrum. Obwohl wir erst 2005 hier waren. Davor 2001. Davor 1984. Und mindestens noch ein weiteres mal zwischen 1984 und 2001 – aber das liegt zeitlich/erinnerungstechnisch im Dunkeln, bis auf folgende Phänomene: Wir holten Rolf, der am Wochenende nachkommen wollte, von der Fähre in Wittdün ab. Sofort ging es nach Nebel zum Fressen bei Friedrichs. Höhepunkt war ein Miles-Davis-Live-Konzert, allerdings nicht auf Amrum, sondern im Fernsehen. Die Erinnerungen an 2001 sind durch einen Beitrag hier im Messdienerausflug.de etwas gefestigter. Seinerzeit hatten wir Amrum gründlich entmystifiziert. Über 2005 (Eine Wohnung mit dem schrecklichen Namen Turmhüüs) im äußersten Osten von Wittdün ist leider nichts zu finden, obwohl wir einen schwabbeligen und leistungsschwachen Fujitsu-Siemens Laptop dabei hatten. 2005 war kein W-Lan verfügbar. Für dringende Internet-Arbeiten fuhren wir nach Norddorf ins Hotel Seeblick, wo wir in ungemütlicher Atmosphäre in einem ungeheizten Raum, der gerade bei offener Tür und Sparbeleuchtung geputzt wurde, in einer Ecke geduldet wurden, um unseren 30-Minuten-Pass zu verbraten. Selbst bei Isemann, dem Amrumer Elektro-Platzhirsch, war nichts zu machen.

Heute stellen wir fest, dass die Zeit auch an Isemann nicht vorbeigegangen ist. Er hat sich im Haupthaus (eine der drei größten Bausünden im Wittdüner Hafenbereich) längst zurückgezogen und verkauft seinen Krempel stark verkleinert am Fortsatz der Inselstraße. Im Schaufenster liegen Geschirr, Andenken und drei Waschmaschinen. Unten ist jetzt ein Sportklamottengeschäft. Wir nehmen hier also erstmal das Amrumer Erscheinungsbild durch. Die Mutter suchte bei Google nach den Begriffen AMRUM und RESTAURANT und kam auf eine Seite der „100 besten Restaurants von Wittdün“. Wir wollten es genauer wissen und machten eine Evaluierungsrunde persönlich und zu Fuß, allerdings ohne Einkehr. Wir entdeckten:

  • Ein paar kleinere sogenannte „Cafés“, alle geschlossen.
  • Das „Fischrestaurant“ Klabautermann – eine Kellerkneipe mit angeblich großen Portionen zu kleinen Preisen
  • Das Bistro „Mundart“ – eine Art Pommesbude mit Sitzgelegenheit.

Und das war es. Kulinarisches Epizentrum von Amrum ist im Prinzip Norddorf – außer im November. Auch am Nebenschauplatz Nebel sieht es nicht besser aus. Nur Friedrichs hält tapfer durch. Ansonsten ist Nebel das touristisch aufgeschäumte Nichts. Die Tourist-Information war eingerichtet wie eine Mischung aus Aufenthaltsraum im Kur-Sanatorium und evangelischem Gemeindezentrum. Das Info-Mädel hauste hinter einem verglasten Verschlag. Rund um die Kirche St. Clemens hatte man mächtig aufgeräumt und die historischen berühmten Walfänger-Grabsteine auf einem Rund-Parcours aufgestellt wie in einem Museum. Touristen sollen das wohl nicht mit einem Friedhof verwechseln.

Wie wir gestern auf einer Wanderung sahen, gibt es noch ein paar schaurige und heruntergekommene Gastronomien im weitläufigen Insel-Gestrüpp zwischen Krüppelkiefern und Sanddornbüschen, die aber alle geschlossen hatten, z.B. die blaue Maus. Der sonstige Einzelhandel (außer EDEKA) schließt bei Einbruch der Dunkelheit, spätestens um 17 Uhr. 17.30 ist tiefe Nacht. Ganz Amrum hat am Mittwoch-Nachmittag geschlossen. Das ist man sich schuldig. Was reichlich vorhanden ist:

  • Post-Briefkästen für Schreibwütige
  • Leere Linienbusse, die die einzige Inselstraße immer rauf und runter fahren
  • Behinderten-Parkplätze
  • Einsam gelegene Park- und Halteverbote

als Ausdrucksform behördlich orientierten Korrekt-Meinens.

Bereits 2001 formulierten wir folgende Vorschläge zur Verbesserung der Infrastruktur und  Inselqualität:

  1. Rigoroser Stopp des pathologisch übertriebenen Natur- Dünen- Watt- und Vogelschutzes.
  2. Beseitigung der Hauptstraße Wittdün – Norddorf. Statt dessen:
  3. Bau einer Strasse durch die Dünen von Wittdün bis zur Nordspitze, ähnlich wie auf Sylt von Rantum nach Hörnum.
  4. Bau einer weiteren Straße von Wittdün über Steenodde, Nebel, Norddorf zur Nordspitze.
  5. Bau einer Brücke von der Nordspitze nach Sylt, ähnlich der Brücken über die „Keys“ in Florida. Föhr darf sich an dieses Brückensystem anschließen, kann aber auch einen Tunnel nach Amrum bauen.
  6. Abriss des Komplex „Alte Post“ + Nachbarschaft in Wittdün, statt dessen Neubau eines eleganten Zentrums mit Gastronomie und gutem ganztägigen Blick über das Hafentreiben.
  7. Abriss aller 70er/80er/90er-Jahre „Flachdach-Plattenbauten und anderer Bausünden, wie dem „Maritur“
  8. Aufbau eines S-Bahn-Netzes:
    Pacific Line: Wittdün – Steenodde – Nebel – Norddorf – Nordspitze
    Atlantic Line: Wittdün – Leuchtturm – Satteldüne – Kniepsand – Norddorf.
  9. Rodung mehrerer Hektar Kiefernwald und Pflanzung von Laubwald.
  10. Ausbau des Leuchturms als Besucher-Magnet: Gastronomie auf der Sockel-Zone, 24-Stunden-Besichtigung. Allein durch die Eintrittsgelder könnte man die Punkte 1-9 finanzieren.

Im „Gastronomie-Führer Amrum 2018“ schlagen wir zur Probe die Seite 14 auf:

Heidekate

Zitat: „Hier gibt es nicht nur Fisch auf dem Teller. Von der Südterrasse genießen Sie den Blick auf die Dünenlandschaft und den Leuchtturm. Seit 25 Jahren steht der Chef hinter dem Herd und lebt seine Leidenschaft. Die abwechslungsreiche Mittagskarte veranlasst Wanderer und Radfahrer zur Pause. Ab 17 Uhr wird hier die Abendkarte präsentiert, auf der neben tollen Gerichten auch ausgesuchte Weine und Köpi vom Fass vertreten sind. Lieblingsgericht des Chefs: Lammfilet mit Schafskäse überbacken.“

Unsere Interpretation : Zusammengesülzt mit breiigen Floskeln von einem Werbetexter alten Typs, der es vorzog, das Objekt nicht selbst ausprobieren zu müssen. Der Laden hat in Wahrheit nichts zu bieten. Bereits nach zwei Jahren hinter dem Herd war die Leidenschaft des Kochs (ohne Namen) erloschen und er selbst mental/physisch/psychisch am Ende. Er möchte lieber heute als morgen abhauen, aber wohin ? Lt. online-Speisekarte wimmelt alles vor überbackenem Käse und deftigen Zwiebel-/Lauch-Unterlagen. Die zufällige in-Augenscheinnahme der Liegenschaft auf der Wanderung gestern (wir hatten den Gastronomie-Führer noch nicht gelesen) ließ uns sprachlos erschaudern. Wie zu erwarten geschlossen, rumpeliges Gelände, in die Jahre gekommenes Ambiente, alles total ranzig.

Friedrichs

Heute Mittag fassten wir Mut und wanderten eine Stunde durch den Wind der Stärke 5–6 Beaufort am Wattenmeer entlang zu Friedrichs, dessen Besuch außer 2005 zum Pflicht- und Standardprogramm gehört. Und siehe da. Der damals vorgenommene Entzug des Mythos-Status konnte rehabilitiert werden:

  • Fischsuppe und Scholle mit warmem Kartoffelsalat waren recht ordentlich und reichlich
  • Der Service-Mann hatte launige Sprüche auf Lager, aber nicht zu pentrant aufdringlich
  • Wir waren nicht die einzigen Gäste
  • Zum Kaffee gab zwei echte Pralinen statt einem billigen Spekulatius
  • Auf der von der Mutter nachgefragten Aquavit-Liste befanden sich nicht nur die üblichen drei Sorten (Linie, Jubiläum, Aalborg und Malteser, sondern auch ein uns bis dato unbekannter „Helbing“, den wir orderten
  • Die Rechnung wurde diskret in einer Holzschachtel überreicht, in der sich zudem vier Mini-Mars-Twix-Bounty-Snikkers zum Mitnehmen befanden.

Dagebüll

Abfahrt daheim 11.30 Uhr. Wir erreichten Dagebüll um 16.45. Nochmal solange brauchten wir, um endlich im Haus in Amrum anzukommen. Ein Erkundungsspaziergang in der Dagebüller Dämmerung ließ uns zu der Erkenntnis kommen, dass sich seit unserer dortigen Camping-Woche im Jahr 1976 einiges verändert hatte. Die Zufahrt zum Hafen hatte man auf eine Umgehungsstraße verlegt. Der dorfeigene Tourismus war durch gewollt skandinavisch anmutender Bebauung entlang der Hauptstraße aufgepeppt. Ein paar neue Hotels und Restaurants waren hinzugekommen. Wir kehrten zu Kaffee und Kuchen ein – leider in der falschen Location, nämlich dem ältest-eingesessenen „Strandhotel“, das schon auf nachkolorierten Ansichtskarten von 1900 genauso aussah, wie heute noch. Bei genauem Vergleich natürlich nicht. Der Kuchen war „geht so“, das Ambiente erinnerte an eine umgenutzte Geisterbahn. Wären wir doch gleich in der modernen Imbiss-Bude im Hafenterminal eingekehrt (Baujahr ca. 2004).

Auf hoher See

Obwohl wir uns vom Kuchen in Dagebüll noch ziemlich abgefüllt vorkamen, rief die Pflicht: Einmal Bockwurst mit Kartoffelsalat auf dem Dampfer (LNG Antrieb ?) namens – natürlich Uthlande. Wir bereiteten uns darauf vor, auf dem nächtlichen „Sonnendeck“ vom Sturm entkleidet zu werden und steifgefroren über Bord zu gehen. Es war windstill und so dunkel, dass der Autofokus unserer Kamera trotz EV -3 nichts zustande brachte.

Das Haus

Die Villa Helgoland hat zwei schöne Wohnungen. Am schönsten ist die große im Obergeschoss mit Rundumblick zu allen Seiten. Dort wohnt eine einsame Dame mit Kölner Nummernschild, die sich vor uns konsequent versteckt, nicht grüßt und auch kein Willkommens-Geschenk für uns bereithielt. Dann die größere Ost-Wohnung, die fast immer leer steht, die man uns aber trotzdem nicht geben wollte. Wir haben die dritte, die deutlich zu klein ist und den falschen Blick hat. Aber für fundiertes Gemecker bietet sich auch nicht genug Anlass. Lassen wir es dabei. Immerhin gibt es ein W-Lan, und das wird bei Ferienwohnungen zwar immer als vorhanden angegeben, bleibt aber oft nur Theorie. Es ist warm genug, es zieht nicht, und bei der Beleuchtung hat man das Zeitalter der armseligen Energiesparlampen überwunden.

Strand-Spaziergang (andere nennen sowas Wanderung)

Am Montag nach der kritischen Nebel-Inspektion wollten wir nicht geradlinig zurück, sondern nahmen den Weg an der Klinik Satteldüne vorbei, durch die Dünen über den Strand. Wir hatten noch nie zuvor soviel Strand solange für uns alleine. Eine Stunde auf mehreren Quadratkilometern begegneten wir von Anfang bis Ende niemanden. Dazu schien unangeküdigt die Sonne, und der scharfe Ostwind war hier nicht zu spüren. Zusammen mit zwei Wittdün-Gängen lag das Tagespensum kumuliert bei 16 Km zu Fuß.

Norddorf

Am Mittwoch, 21. November war unser Norddorf-Tag. Zunächst ging es zum Leuchtturm, der nur Mittwoch-Vormittag für das Publikum geöffnet hat. Wir fotografierten die Graffittis aus 100 Jahren und stellten fest, dass es oben 10 Grad kälter war als unten, und oben der Wind mit 5 Bft. mehr pfiff. Der Leuchturm heißt natürlich nicht Leuchtturm, sondern Seefeuer. Das eigentliche „Feuer“ besteht dann aus einer alten 250 Watt-Halogenbirne, die angeblich 42 Seemeilen weit sichtbar sein soll. Das glauben wir glatt nicht. Auch heute noch kritzeln Besucher im Treppenturm ihre Namen und Besuchsdaten auf die Backsteine. Z.B. „Pummel + Pupsi 2016“. Sprechende Namen – die kann man sich gut vorstellen.

In Norddorf steuerten wir den großen Parkplatz an und begannen die planmäßige Nordspitzen-Umrundung. In Höhe der Location, wo früher das schwarze Hospiz stand (wir hatten es damals noch selbst gesehen) reichte uns der Wind und wir stiegen quer durch die Dünen, um von da aus zurückzugehen. In Norddorf war wirklich alles geschlossen, Einkehr nicht möglich, selbst bei Café Schult nicht. Viele geschlossene Kneipen sahen auch nicht so aus, als würde es sich lohnen, sie jemals wieder zu öffnen. Zum Schluss suchten wir das bereits 2001 unrettbar heruntergekommene Hallenbad, das nur von diversen Verbotsschildern zusammengehalten wurde. Man hatte es inzwischen als Notlösung zu einem Wattenmeer-/Dünen-/Natur-/Infozentrum „MARITUR“ umkfunktioniert. Natürlich ohne es zu renovieren.

In der Metropole Wittdün war EDEKA das einzige offene Geschäft. Später, ab 14.30 Uhr, machte auch Claussen wieder auf, deren Version der Friesentorte wir testeten. Leider zu süß.

Wenn wir zuhause sind, schauen wir überwiegend aus dem Fenster. Dann gibt es folgendes zu sehen.

Fensterblick

Föhr 1
Am Donnerstag, 22. November, wanderten wir um 9.00 Uhr zum Hafen, um die 9.30 Uhr Fähre nach Föhr mitzukriegen. Am Anleger hieß es „plus 60 Minuten wegen Niedrigwasser“. Zurückgehen war auch zu doof, sodass wir eine Runde durch das leere, öde, und von grauem Wetter bestimmt Wittdün drehten. Ein längerer Aufenthalt beim Bücher- und Medien-Platzhirsch Quedens führte zum Kauf zweier Bücher, bei uns ein guter Brauch bei Auswärts-Aufenthalten aller Art. Später an Bord war es sehr ruhig und entspannt. Die Modernisierung des Fähren-Fuhrparks in den Jahren 2010/2011 hat wirklich etwas gebracht. Lautlos gleitende Glastüren, GPS-Positionen auf Monitoren, erträgliches Mobiliar, große, fast bodentiefe Fenster und Lounge-artige Sitze an Front und Heck des Decks gefallen. Früher waren es enge Luken mit schweren Eisenhebeln, durch die man stieg, steile, enge Treppen, verrostete Geländer und kleine schmierige nie geputzte Scheiben, durch die man nichts sah außer ob es Tag oder Nacht war. In Föhr angekommen, machten wir uns ohne Umschweife auf den einstündigen 5 Km Weg nach Alkersum. Ziel war das Kunst Museum der Westküste mit der Ausstellung Emil Nolde und das Meer. Die Ausstellung war ungefähr wie zu erwarten. Die gezeigten Werke stammten fast alle aus der Nolde-Stiftung Seebüll, waren also nicht aus aller Welt zusammenholt. Eine weitere Sonderausstellung Susanne Kessler ODISSEA zeigte künstlerische Interpretationen über die erschütternde monatelange Irrfahrt eines deutschen Frachtschiffes rund um Kap Hoorn 1905. Das Museum, seine Bestands- und Eweiterungsarchitektur, Shop und Restaurant erlebten wir auf der Höhe der Zeit und als inspirierenden Lichtblick. Das Personal war freundlich und man durfte alles fotografieren. Die Beschriftung war deutsch englisch dänisch. Nach der Besichtigung leisteten wir uns die Einkehr im Bistro-Teil des Restaurants. Ein Blick auf die Uhr gemahnte zum Aufbruch. Nach einer weiteren Stunde Fußmarsch hatten wir noch 10 Minuten Wartezeit im Hafen. Gerne hätten wir uns noch etwas in Wyk aufgehalten – vielleicht das nächste Mal bei „Föhr 2“