Auf Reisen mit Sulky

By 21. November 2012Februar 7th, 2014Hotelgeschichten

Auf eine gewisse Art mochte ich Wolfram Sulkenbach, genannt Sulky, er war kein schlechter Mensch, blieb auf dem Teppich und konnte Sympathie zeigen. Aber ich hätte ihn nicht zum Freund haben wollen. Eher so’n bischen aus Mitleid, wie man ein Tier mag, das von der Mutter verstoßen wurde. Am Tag, als Nixdorf von Siemens übernommen wurde (1.9.1990) wurde ich einer Arbeitsgruppe zugeordnet, die in München zwei Mitarbeiter hatte – Ritchie Modrow und Peter Ober, das waren die Schefs. Formal war Ober der Schef, aber der andere beherrschte die Kunst des Intrigierens und Insistierens knapp entlang der Mobbing-Grenze so gut, dass faktisch er bestimmte, wo es lang ging. Kurzum: Ritchie war ein ausgemachtes Arschloch. (Beim Verfassen dieses Berichts kurz gegoogelt : Er ist tatsächlich noch als Pressefuzzi aktiv, nur nicht mehr bei Siemens.) In Paderborn gab es zwei weitere Mitarbeiter: Sulky und mich. Gemeinsam arbeiteten wir an zwei Standorten daran, eine monatliche Mitarbeiterzeitung namens SNI InLine herauszugeben. 24 bis 32 Seiten, A4, Farbe, gut gelayoutet bei einer Agentur in Warendorf auf einem Mac, einem echten Mac ! Diese Tätigkeit dauerte von Oktober 1990 bis April 1991 – dann wurde die Paderborner Dependance aufgelöst, nicht zuletzt wegen Sulky’s Eskapaden. Die Münchener erwarteten Leistung, Präsenz und misstrauten uns von Anfang an, weil sie nicht sahen, wie und womit wir den ganzen Tag vertrödelten, vielleicht zu recht. Moderne Kommunikationsmittel wie E-Mail, Internet, Mobiltelefon und Skype waren noch nicht erfunden, Stand der Dinge waren das Fax und die Hauspost in braunen Briefumschlägen mit Adressfeldern zum Durchstreichen.

Sulky war gelernter Journalist und hatte eine gewisse Routine. Er schrieb gern floskelhaft mit Begriffen wie „fetzig“ – „Tanzbein schwingen“ – „gerüttelt Maß“ etc. Sein Lehrerbart alten Typs (gestutzter Bart rund um die Fresse ohne Kottletten), korrespondiert mit dem stramm gezogenen Scheitel zum braun/grün-gemusterten Sakko. Er trank gerne, vertrug aber nichts, was sich darin äußerte, dass er sich nach 3 Bieren so benahm wie andere nach 15 – dann wurde er meistens zudringlich. Für das Trinken bevorzugte er Kneipen, die ebensfalls dem weitgehend untergegangenen alten Typus entsprachen: Vergilbte Tapeten, Rauch-geschwärzte grobmaschige Gardinen vor einer Reihe eingegangener Zwerg-Gummibäume, King-Crown-Geldspielautomaten an der Wand, beleuchtete Bierwerbung über der Zapfanlage, ein Behälter mit verkohlten Frikadellen, gestapelte Erdnuss-Schachteln, die obligatorische „Alt’sche“ hinter dem Tresen: Ziemlich jenseits der 50, sommersprossige nackte Arme, blond-gefärbte Kurzhaarfrisur, heiser-raue Krächzstimme. An zwei solcher Kneipen kann ich mich erinnern, die im Rahmen von „Dienstreisen“ für ihn den eigentlichen Anlass solcher Reisen hergaben:

Bierstube Nagel, Hamburg

Bierstube Nagel, Hamburg

1. Hamburg. Er hatte sich, ohne das mit München abzustimmen, ausgedacht, eine Reportage über den Vertriebsstandort Hamburg bringen zu wollen, dazu ein paar oberflächliche Kontakte hergestellt und weil es tief verschneiter Januar war, reisten wir erster Klasse per Bahn an, genauer gesagt per IC, denn der ICE war noch nicht auf der Schiene. Die Geschäftsstelle in Hamburg war in einer deprimierenden 1970er-Jahre-Betongegend angesiedelt, und ich brachte außer einem uninspirierten Porträt von einem verhuschten Fräulein in der beige-braunen Bürolandschaft nichts zustande, was sich zu drucken gelohnt hätte. Kurz vor Rückfahrt nach Hause dann der Höhepunkt: Zielstrebig steuerte Sulky auf jene ihm wohl vertraute „Bierstube Nagel“ zu, jenseits des Hamburger Hauptbahnhofs Richtung St. Georg, wo er bis zur Abfahrt des Zuges noch Gelegenheit hatte, 3 Bier zu kippen und sich dabei über übelgesonnene Kollegen auszuheulen, hauptsächlich über Ritchie.

2. Hannover. Im März machten wir uns traditionell nach Hannover zur CeBIT auf. Wir wollten über die Messe-Präsenz von Siemens Nixdorf auf der CeBIT in Hannover berichten und reisten mit einem Mietwagen (Opel Ascona) an. Wichtigster Tagesordnungspunkt: Noch vor Erreichen des Messegeländes hielten wir auf Sulky’s Veranlassung Station in einem schon damals runtergekommenen Karstadt Einkaufszentrum in Laatzen, um im dortigen Bord-Restaurant „ganz in Ruhe herrlich zu frühstücken“.

Stuttgart. Eine Bahnreise führte uns nach Stuttgart, wo wir für die Null-Nummer unseres Blättchens am Folgetag eine Reportage machten. „Aufbruch in Stuttgart, es geht voran!“ oder so. „Am nächsten Tag“ bedeutete für Sulky: der Vorabend stand ganz im Zeichen des „Einen-drauf-Machens!“ Er hatte reserviert in einem Hotel in Stuttgart Degerloch, unweit des Fernsehturms von 1956. Zimmerlage: ebenerdig – da kann man auch gleich im Auto übernachten. Seine Fahne am nächsten Morgen wusste er geschickt mit einem Extra-Spritzer herben Rasierwassers zu übertünchen. Ich habe nur ein Foto gemacht – von den neuen Firmen-Fahnen, die vor dem Eingang flatterten – immerhin das Titelbild der ersten Ausgabe.

Augsburg. Eine Reportage über das PC-Werk (erst Siemens, dann Siemens Nixdorf, dann wieder Siemens, dann Fujitsu Siemens, dann Fujitsu), zu unserer Zeit jedenfalls Siemens Nixdorf. Wir übernachteten im Dorint Hotel im zehnten Stock mit Blick auf die Alpen. War gar nicht schlecht, ich denke sogar ohne Schaudern daran zurück. Beim abendlichen Stadtbummel hatte ausnahmsweise ich das Vorschlagsrecht, und so landeten wir in einer Lavazza-Espressobar, die stilistisch und lifestylig weit über das Jahr 1990 hinaus wies, was zur Folge hatte, dass Sulky sich sichtlich unwohl fühlte und noch woanders rein drängte – vermutlich irgendwas mit rot-weiß-karierten Tischdecken. Vergessen.

München. Pro Monat standen 2 regelmäßige Reisetermine an:

a) nach Warendorf, wo bei einer famosen Agentur das Heft mit Aldus PageMaker auf dem Mac zusammengeschustert wurde und wir zur Fehlerkorrektur anreisten. Dann saß Sulky in der ersten Reihe neben Frauke, fuchtelte mit dem Zeigefinger auf dem für damalige Verhältnisse riesigen 19-Zoll-Röhrenbildschirm der angesagten Marke MIRO rum, und ich saß in der zweiten Reihe dahinter, mich fragend, wozu ich eigentlich immer mitmusste und erst spät in der Nacht heimkehrte. Die Layouterei ging damals auch nicht schneller als heute voran.

DIN A6 Schreibblock SNI InLine

DIN A6 Schreibblock SNI InLine

b) nach München zur Redaktionskonferenz. Neben den eigenmächtigen Spontan-Terminen, die Sulky sich ausdachte, bekamen wir auch weitere langweilige Pflichtthemen aufs Auge gedrückt, bei denen Reiseaktivitäten kaum zu erwarten waren. Weil die Redaktionskonferenzen stets auf 8 Uhr angesetzt waren, (die ersten Monate im Presse-anerkannt hässlichen Nixdorf-Bau an der Berliner Straße im Norden von Schwabing, später an der Rosenheimer Straße hinter dem Ostbahnhof, wo es immer von den heute nicht mehr existenzten Pfanni-Werken nach Semmelknödel rüberstank, noch später auf dem Siemens Campus in Neuperlach), mussten wir entweder früh hinfliegen (damals noch nicht nach Franz-Josef-Strauss, sondern nach München Riem) oder am Tag vorher mit Übernachtung, was ganz zu Sulky’s Strategie passte.  Sein Lieblingshotel war das Mariott in der Berliner Straße. Dort konnte man nichts unternehmen, sondern war dazu verdonnert, in diesem Hotel rumzuhängen, weil es in einer der vielen reizarmen Bürohochhausgegenden lag. Man war schutzlos diesem deprimierenden Charme des international einheitlichen Business-Hotel-Designs ausgeliefert: gediegene Raumtextilien, glänzend gestreifte Velour-Möbelbezüge, ein Traum in Braun-Beige-Alt-Rosa. Der vorherrschende Umgangston des Personals war geprägt von einer feindselig-ignoranten Höflichkeit. Die letzten Biere solcher Touren wurden dann an Bord des Propeller-Flugzeugs gekippt, im Fahrpreis inbegriffen und so dosiert, dass er hinterher noch einigermaßen mit seinem klapprigen grauen Golf II nach Hause steuern konnte. Danach war ich jedesmal reif für die Klappse.

Erding, Hotel Kastanienhof. Finale und Abschuss. (bekanntes Audio Branding: „das Erdinger Weißbier, das ist tralla-lalla-la lalla-laa“). Unsere InLine-Redaktion war keine Stabsstelle direkt unterhalb der Unternehmensleitung, gehörte auch nicht zur Kommunikation, sondern war, weil Mitarbeiter die Zielgruppe darstellten, an der Personalabteilung angedockt. Nach Erding reisten wir zur Teilnahme am Jahres-Kick-off-Meeting der gesamten Personalabteilung an. Es wurden Themen gewälzt wie langfristige Suchtbetreuung (da hätten sie gleich vor Ort anfangen können), innerer Zusammenhalt der ambulanten Betriebsfeuerwehr und Akzeptanzprobleme des stellvertretenden Behinderten-Obmanns. Das zweitägige Meeting bestand aus den obligatorischen Spielchen: „Die Kleingruppen begeben sich nach dem Kaffee in die Arbeitsräume „Bamberg“, „Würzburg“ und „Dinkelsbühl“. Um 11.15 Uhr treffen wir uns alle wieder im Plenum, und die Gruppensprecher stellen die Ergebnisse vor, die wir dann gemeinsam diskutieren. Moderatorenkarten, Filzstifte und Flipchart-Bogen können vorher abgeholt werden.“ Mit wurde schlecht. Um in diesen Unsinn nicht noch tiefer reingezogen zu werden, bot ich mich an, die Gruppenarbeit fotografisch zu dokumentieren. Nach einer Stunde brachte ich die vollgeschossenen Filme zu einer Foto-Schnelldrogerie um die Ecke und konnte die Bilder bereits zum Tagesordnungspunkt „Diskussion“ präsentieren, nachdem ich vorher noch schnell die schlimmsten und entgleistesten Fressen aussortiert und in den Mülleimer am Straßenrand geschmissen hatte.

Sulky’s Rolle dabei: Am Nachmittag saß er noch schweigend mit eingefallenem Gesicht am Rande. Beim geplant-lockeren „gemütlichen Abend“ taute er bei Warsteiner vom Fass (in Erding!) auf und am nächsten Vormittag verpasste er wegen der abzusehenden Auswirkungen seinen Auftritt. Kann mal passieren, dachte er. Es musste so kommen, dachte ich. Ich wurde dafür mit bösen Blicken und angedrohten Konsequenzen für die Abteilung Paderborn bedacht. Der Anfang vom Ende. Eine Woche später hieß es: Alle Gespräche nach München durchstellen. Post ungeöffnet weiterleiten. Einen neuen Job suchen. Sulky ließ sich rausschmeißen und wurde Privatier und Buchautor im Selbstverlag. Ich ging als autodidaktischer Corel Draw-Designer in Residence ein Stockwerk höher, um im Marketing der damals schon hoffnungslos veralteten Software COMET anzuheuern. Ein weiteres Kapitel mit traurigem Ende.