2002 · Ostern im Bahnhof Bresewitz

By 23. März 2002Dezember 24th, 2015unterwegs
2 Wochen im stillgelegten Bahnhof mit Blick über den Bodden

Prolog
Wir hatten in Südfrankreich – Zielgebiet zwischen Séte und Pyrenäen in einer Tiefe von ca. 20 km zum Meer wieder nichts Freies gefunden. Das wäre es eigentlich gewesen, mal wieder etwas Wärme, einen schönen Kaffee, Oliven, Kn., Rumrennen ohne Jacke und Schal. Stundenlange Internet-Recherche brachte nichts. In unserer Not buchten wir zum Horrorpreis von 72 EUR eine FeWo im alten Bahnhof Bresewitz in der Boddenlanddschaft zwischen Barth und Zingst. Anschließend bestellten wir bei der zuständigen Tourist-Information einen Berg Prospekte in den schönsten Sommerfarben und versetzten uns in der Phantasie in einen blühenden, sommerartigen Urlaub zwischen Wasser, Eisenbahngleisen, alten Backsteinkirchen, Zeitung-lesender und Kuchen-essender Weise.

Palmsamstag, 23. März 2002
Wir werden immer routinierter. Das Packen findet jetzt regelmäßig unmittelbar vor der Abreise statt, nicht am Abend vorher – weil keine Zeit. Außerdem waren wir noch auf dem Markt, um etwas Stofelotto und Appi zu kaufen. Auch dieser Gang fand damit zum zweiten Mal statt. Wie immer, war vor Abfahrt auch ein Abstecher zum Finanzamt nötig, um die Umsatzsteuer-Voranmeldung einzwerfen. Lediglich die PAGE brauchte nicht gekauft werden, da der 23. des Monats nun mal kein PAGE-Tag ist. Die Fahrt verlief sehr harmonisch. Auf der B104 hinter Lübeck und B105 hinter Rostock war es sehr zähflüssig. Zum Heimspiel von Hansa Rostock gegen HSV waren viele Idioten unterwegs. Wir bretterten durch bis Ahrenshoop, stiegen aus um dort die ersten Tests durchzuführen. Testkriterien waren:

  • Wetter: windig, 5 – 6 Grad kalt (gefühlt: -5 bis -6), grau in grau
  • Gegend: Kiefernwald, viel Knüste mit Schilf, Sand, Felder
  • Bebauung: Viel neues Falsches, wenig neues Gutes, aber auch viel altes Armes. Überall trifft man noch auf DDR-Relikte, stärker als in Usedom, z.B. Baracken-Architektur* und holperige Beton-Pisten.
  • Die Preistafeln sagen: alles ist teuer.

Weiter gings durch Wälder und Felder, immer wieder kurz Boddenblick nach Zingst. In der dortigen City fanden wir sofort jene Mietobjekte, die auch noch auf unserer Liste standen, aber gegen den Bahnhof verloren hatten. Zum Glück! Der erste Eindruck von Zingst: Man hatte eine Touristenfalle aus dem Boden gestampft. Viele Läden, wo man überflüssigen Tinnef kaufen konnte, jede Menge Kneipen mit Energiesparlampen und weißen Bodenfliesen, Autos unerwünscht bzw. flächendeckend nur gegen teure Parkgebühren 365/24 geduldet. Das ungemütliche Wetter trieb uns weiter zum Bahnhof. Wir waren über eine Stunde zu früh und standen vor verschlossener Tür. Also ging es mit dem Auto weiter nach Barth, von dem man von weitem schon die wuchtige Kirche sehen konnte. In Barth war es menschenleer und schwer lastete die DDR-Vergangenheit obendrauf. Außer in den obligatorischen Gewerbegebieten am Stadtrand war der Westen nur notdürftig in der einen Fußgängerzone zu erkennen, die man aber auch mit dem Auto durchfahren durfte. Nach drei Runden durch die Stadt über holperigem Pflaster entschieden wir uns für das einzige Café, parkten und kehrten ein. Zumindest preislich war noch alles wie vor der Euro-Einführung. Punkt 17 Uhr standen wir wieder am Bahnhof und kamen immer noch nicht rein. Doch da kam auch schon “Monsieur” wie wir ihn in Frankreich genannt hätten. Herr Müller hatte offensichtlich schon Schlimmes durchgemacht, denn er konnte uns zur Begrüßung  nicht die Hand reichen, sondern nur ein paar verstümmelte Glieder am Ende des Armes. Vermutlich war er wegen eines „staatsfeindlichen Vorkommnis“ bei der NVA zur Strafe ins Arbeitslager geschickt worden, wo er sich aus selbst verstümmelt hatte, oder so. Auch zu Fuß war er Handy-gekäppt: Ums Haus humpeln und die Treppe rauf kann er noch, für Strecken ab 50 Meter steigt jedoch er auf einen zum Caddi umgebauten Aufsitz-Rasenmäher, mit dem er über das Gelände reitet. Er zeigte uns die Bude, wir talkten zähflüssig Small und das war’s. Pluspunkte sammelte er, als Geld keine Rolle spielte, besonders bei der vertraglich geforderten Kaution, von der spontan keine Rede mehr war. Wir zogen ein und verließen das Haus nicht mehr. Es war gemütlich warm, nicht übermäßig geschmacklos eingerichtet und bot exzellenten Ausblick.

Meckerpunkte:

  • Schräge Decken, die das Rangieren behindern.
  • Sehr kleine Schlaf- (Zimmer wäre übertrieben) Kammern mit sehr flachen Betten = Matratze auf der Erde. Gefühl: Provisorisches Übernachten mit Schlafsack auf Luftmatratze, fehlt nur der morgens von Frans van Koppen angereichte Becher Tee mit rundem, Zucker-bestreutem Zwieback (Beschuitjes)
  • Unpraktische Küchenzeile mit für den Preis zu lückenhafter Ausstattung, weitere Details dazu wären jetzt unpassend.
  • Tiefspülendes Klo mit hohem Plumps/Spritz-Faktor
  • Radio ohne CD-Player, wo wir diesmal unsere schönsten CDs mitgebracht hatten
  • Zu kleine und mickrige Korbsitzmöbel in der Sitzecke, hier fehlt ein gemütliches großes Sofa

Pluspunkte:

  • Toller Rundumblick über die Landschaft praktisch nach allen Richtungen. Wanderer und Radfahrer sieht man schon bis 20 Minuten vor der Passage am Haus
  • Gemütliche helle Sitzecke (trotz der Möbel)
  • Gemütliches Klo (trotz des Faktors)
  • Großer Tisch zum Essen, Lesen, Schreiben

Wir aßen zu Abend unsere Hasenbrote mit einem Schickoreh-Apfel-Salat und schauten etwas fern.

Palmsonntag, 24. März 2002
Das Wetter war noch genauso lausig kalt und windig, nur viel sonniger. Ein erster Spaziergang führte auf dem Bahndamm Richtung Süden nach Pruchten. Das Gleis lag bis zur 600 Meter langen sog. Kloer-Brücke, welche ein flaches Ried-Gebiet überspannt, noch einigermaßen frei, danach war es mehr und mehr überwuchert. Man fragt sich, wie weit sie mit ihrer Schiebedraisine und dem Diesel-getriebenen gelben Schienenbauwagen mit Anhänger kommen, wenn sie damit los fahren. Von unserer gemütlichen Ecke ist die Strecke bis hinter die Brücke einsehbar. Ein Jammer, dass wirklich kein Zug mehr kommt. Unterwegs fror uns der Küttel in der Hose fest. In Pruchten erkundeten wir den Ort, es war aber erwartungsgemäß rein gar nix los. Immerhin ein Restaurant hatte offen. Wir wollten aber nicht schon gleich so mit der Kohle rumwerfen und gemütlich sah es obendrein nicht aus – Stichwort Energiesparlampe und obligatorisch weiß gekachelter Fußboden. Auf dem Rückweg hatten wir Gegenwind. Blaugefroren kamen wir daheim an. Gegen 16 Uhr fuhren wir mit dem Auto nach Zingst, parkten soweit außerhalb, dass es garantiert nichts kostete und erkundeten zwei Stunden ohne jede Einkehr so ziemlich den ganzen Ort und den Boddenhafen. Bei Heimkehr zeigte das Thermometer 2 Grad an, immerhin über null. Aus der gemütlichen Ecke war das Ende des Sonnenuntergangs zu beobachten. Es war schon fast dunkel, als die beiden Radfahrer mit den Sicherheits-leuchtend-roten Jacken aus Richtung Barth zurück nach Zingst und Prerow fuhren. Sie waren morgens in die Gegenrichtung gefahren. Hut ab vor so viel Abhärtung. Wir verzehrten ein karges Abendbrot. Nach dem Essen hätten wir kein Problem gehabt, eine überraschend servierte Portion Steack/Frites/Salade zu verschlingen.

Karmontag, 25. März 2002
Den ganzen Tag schönes Wetter, aber kalt: 3 – 5 Grad, tagsüber windig, erst ab 16.30 abnehmend. Nach dem Frühstück ging es nach Barth. Wir schlichen am Hafen rum, wo einiges, was man auf Prospektfotos noch sehen konnte, schon abgerissen und durch Lücken oder Neubauten ersetzt war, z.B. ein nettes Restaurant, in welches wir um diese Uhrzeit aber nicht einkehren mochten. Aus einem Speicher oder Lagerhaus hatte man ein “Ring”-Hotel gemacht mit kaltem, schwerfällig veredeltem Ambiente: wuchtiger Stahl, Fensterdruchbrüche, Anbauten. Preise für den Fraß: ab 40 EUR. Daher leider ohne uns, es hätte sonst ein gutes Etappenziel abgegeben. Unsere Suche nach einer gemütlichen, nicht zu teuren Einkehr blieb vergebens. Wir sahen Neues, aber auch viel DDR-Vergangenheit und Tristesse. Die DDR-Architektur bestand aus drei Typen: Die 4-6-stöckige Platte, das 50er-Jahre-Siedlungshäuschen Typ Hundehütte und die Baracke: Nur Erdgeschoss, sehr flaches Giebeldach, dreigeteilte Fenster. Mauern stets mit schmutzig-grauem Zement-Putz ohne Anstrich. Der Haustyp Baracke geht nahtlos über in den Typ LPG: ähnliche Erscheinung, nur gröber – offen stehende Metalltore, betonierte Hofflächen, defekte Straßenlampen, eingeschmissene Fensterscheiben. Zurück nach Barth: Auch die große Kirche St. Marien wartete noch auf eine Innen-Restaurierung. Drinnen war es noch kälter als draußen. Wir saßen am großen Marktplatz. Dort gab es ein Café, welches aber schon wieder dicht gemacht hatte. Es ist ein Trauerspiel. Mit dem Auto fuhren wir aus der Stadt heraus bis zu einem Gewerbegebiet mit jeder Menge Supermärkten. Wir entschieden uns für FAMILA und wurden ausnahmsweise nicht enttäuscht. Schönes Einkaufsflair, wie en France, nur edler. Für das Abendessen kauften wir 20 Bratwürstchen. Bei Rückkehr am Bahnhof trafen wir Müllers. Sie machten ein paar Andeutungen zur Geschichte des Bahnhofs. Die Mittagspause bestand aus Kaffee, Kuchen und Lesen. Um 15 Uhr brachen wir zu Fuß auf über den Bahndamm und die 450 Meter lange große sogenannte Meiningen-Brücke nach Zingst. Bereits hinter der Brücke war der Film voll. Wir schleppten uns auf einem Damm durch einen Taiga-ähnlichen Birkenwald, am einem Campingplatz vorbei wo welche zusammen saßen und grillten. Wir kauerten am Fuß der Düne und fraßen unser mitgebrachtes Brötchen. Strandaufwärts ging es weiter bis zum touristischen Mittelpunkt von Zingst, dem Platz zwischen Kurhaus und Steigenberger-Komplex. Das Kurhaus ist ein größerer, neuer Fachwerk-Pavillon, wie am Ende einer besseren Seebrücke, nur direkt in die Dünen gepflanzt. Der Steigenberger-Komplex hat verschiedene teure Läden und bietet übertünchte Langeweile. Unweit davon findet man die „Strandkiste“, ein kleiner Andenkenladen mitten in der Einkaufsmeile, dessen Ferienwohnung in der ersten Etage wir in falscher Einschätzung fast gebucht hätten, wäre zuvor die Inneneinrichtung auf den winzigen Fotos nicht als besonders potthässlich aufgefallen. Noch mal Glück gehabt. Wir kehrten im Kurhaus ein, wo es warm und atmosphärisch aushaltbar, wenn auch nicht empfehlenswert zuging und drei Leute vom Service es trotz spärlicher Kundschaft nicht gebacken kriegten. Der Kakao war aus Wasser, die Sahne hatte einen sauren Stich. Udo fraß eine ölige überbackene Banane mit Eis, das so süß war, dass es einem den Hals zuschnürte. Teuer, wenn auch noch nicht so, dass man die Bullen holen musste. Danach traten wir den Rückzug an. Durch den Ort ging es auf der ehemaligen Bahntrasse im schnellen Schritt – fast Nordic-Walking-like Richtung Meiningen-Brücke und Bahnhof. Kaum waren wir oben, sahen wir wieder die beiden Radler mit den leuchtend-roten Jacken Richtung Zingst radeln. Das Abendessen war diesmal ausreichend. Von den 20 Nürnberger Würstchen schafften wir 16.

Kardienstag, 26. März 2002
Grau-in-graues Wetter, das erst gegen Abend aufklarte. Ein erster Spaziergang führte um 10.00 Uhr zur Brücke, welche genau zweimal die Woche für Schiffe, die in oder aus Richtung Bodstedter- bzw. Saaler Bodden passieren wollten, geöffnet wurde. Erst hatten wir keine Lust, und als wir doch noch los rannten, kamen wir natürlich zu spät. Bei Ankunft wurde die Brücke bereits wieder geschlossen. Es blieb ein Rätsel. Vor der Brücke liegt noch eine Ponton-Brücke, die das eigentliche Hindernis für die Schifffahrt darstellt. Diese Brücke ist für Autos und Fußgänger sowieso gesperrt. Wozu wird sie dann geöffnet und geschlossen? Wir werden Müller befragen. Nach einem sehr süßen Mittagessen – süße Kartoffeln, Salat mit süßer Soße und süßem Ketschup – das alles aber ohne Zuckerzusatz – sowie den vier letzten Würstchen – ging die zweite Tour ab 15 Uhr mit dem Auto erstmal nach Bodstedt, ein Hafenort an der südlichen Boddenküste. Bodstedt war an Trostlosigkeit nicht zu überbieten und so fuhren wir überland nach Ribnitz-Damgarten. Es bot das mittlerweile gewohnte Bild: Bemühungen, das Ortsbild zu verschönern, hier und da getätigte Investitionen, wenig Menschen, leere Läden, Leerstand, viel DDR-Vergangenheit. Immerhin – Uferzone und Marktplatz waren Schwerpunkte der Modernisierung. Mitten durch die Stadt wälzte sich einspurig die B105. Im Café des Bernsteinmuseums erholten wir uns von der Kälte. Es machte zeitig zu, so dass wir den eigentlichen Museumsbesuch auf ein anderes Mal verschoben. Die nächsten Stationen waren kurze Stopps in Dierhagen-Dorf, Dierhagen-Strand und Wustrow. In Wustrow hatten sie dermaßen investiert, dass ein fast vollständig westliches Erscheinungsbild das Ergebnis war. Hier hat man quasi den ganzen Ort ausgetauscht, was im Endergebnis auch nicht besser ist. Sehr viel falsche Pracht und gehobene Spießigkeit. Insgesamt aber kein schlechter Ort, weil die Strandallee einen Kern von alter Substanz suggeriert, die etwas großzügiger als z.B. in Zingst angelegte Bebauung nicht nur aus winzigen Reetdachhäusern besteht, das Ortsbild von deutlich weniger Kiefern und Tannen beherrscht ist und gelungen zwischen Ostsee und Bodden liegt. Wir kamen im Dunkeln bei unserem Bahnhof an. Es waren 0,5 Grad.

Brief an Steinhövels

Liebe Steinhövels, wir beneiden euch. Ihr residiert da im mondänen Weltbad Langeoog, welches ihr nach einer kurzen, erquickenden Fahrt durch die friesische Frühlingslandschaft erreicht habt, genießt den perfekten Rundum-Service und die tropischen Klimaverhältnisse. Ein Team erfahrender Pädagogen und Animateure unterstützt euch bei der Erfüllung jeglicher Wünsche der Kinder nach Kurzweil, Spiel und Abenteuer. Unter gleich gesinnten Mitbewohnern habt ihr schon viele Freunde gefunden, und auch das Glaubensleben kommt nicht zu kurz, denn der Protestantismus „ist gar nicht so“. Im Ort stehen euch alle erdenklichen sportlichen, gastronomischen und kulturellen Einrichtungen offen, sei es ein spannender Lichtbildervortrag über Vogelkolonien und Deichbau, italienische Eisspezialitäten wie das köstliche und originelle Spaghetti-Eis, die geführte Dünenwanderung, erlesene Fischgerichte, amüsante Heimatabende mit plattdeutschem Liedgut oder künstlerisch anregende Textil-Färbe-Kurse. Viele Freunde haben euch sicher schon besucht und Abwechslung gebracht. Sorgen macht ihr euch sicher nur über den zu erwartenden Klimaschock, wenn ihr ins kalte, nasse, graue, unfreundliche Paderborn zurück müsst. Aber das ist ja noch lange hin und so lasst euch berichten, wie wir es antrafen.

Nach Kurzbesuchen in Weimar, Erfurt, Dresden und Wismar in den Jahren 1998 bis 2000 waren uns die Prosperität, das sprühende, pulsierende Leben, die ungestüme Bautätigkeit dieser Städte und ihr aufregendes Flair als selbstverständliche Beweise der Überwindung von Agonie, Rückständigkeit und sozialistischer Vergangenheit erschienen. In Orten wie Barth, Ribnitz-Damgarten, Bodstedt und Pruchten, ja selbst in Zingst sind sie allerdings noch nicht ganz so weit.
Als Trost haben wir unseren Bahnhof, er macht uns viel Freude. Der im Erdgeschoss lebende leicht verrückte Hausmeister/Verwalter/Eisenbahnhistoriker/Eigentümer-Vertraute/Kunstförderer Müller ist sehr freundlich und erklärte uns auf Nachfrage, der Eigentümer hätte den Bahnhof so stilecht restauriert, dass das Ergebnis perfekt mit den erst kürzlich wiedergefundenen Plänen (spannend, nicht?) von drei Bahnhöfen gleichen Typs aus der Erbauungszeit um 1910, die aus dem Fundes des ehemals königlichen Eisenbahnarchivs Stettin stammten, und von den man bis dato glaubte, sie wären nie gebaut worden, überein stimmten. Wow! Und in so einem Bahnhof dürfen wir wohnen. Wir haben das Dachgeschoss für uns, in welches man trotz penibler Plan- und Originaltreue 10 neue Fenster hinein gebaut hat – zu Glück, denn die bringen’s. Wir blicken praktisch in alle Richtungen. Nach Norden zur Meiningen-Drehbrücke, die zweimal wöchentliche geöffnet wird. Nach Süden zu einer Brücke, die ein Feucht- und Riedgebiet, ein Ausläufer des Barth-Stroms überspannt. Nach Westen, der hellsten Seite, zum Bodstedter Bodden und nach Osten zum Barther Bodden. Am meisten prägt natürlich die stillgelegte Bahnlinie die Szene. Wir schauen im Abstand von 3 Minuten aus dem Fenster, ob nicht doch ein Zug kommt, aber alles was wir an Bewegung erkennen, sind die Autos am Horizont, die wechselseitig über die schmale ehemaligen Eisenbahnbrücke auf die Halbinsel Darß fahren und natürlich den geh- und greifbehinderten Herrn Müller, der auf einem motorisierten Rasenmäher, neuerdings mit Anhänger, sitzend, mit eingeschaltetem Mähwerk auf dem Gelände sinnlose weite Schleifen zusammen mäht, obwohl gar kein Gras wächst. 100 Jahre Einsamkeit.
Fortsetzung folgt.

Über Gegenindikationen freuen sich Arzt und Schwester von der
Praxis Dr. Udo Böger, zur Zeit vereist nach:
Bahnhof Bresewitz
Bahnhofstraße 1
18356 Bresewitz
Karmittwoch, 27. März 2002
Strahlend blauer Himmel, aber aus dem Fenster sieht man nichts, weil eine dicke Eisschicht erst wegtauen müsste. Ein Super-Sonnentag mit etwas gemildertem Frost. Wir starteten am Mittag mit dem Auto nach Prerow, parkten am Hafen und erkundeten zu Fuß den Ort und das zwischen Ort und Ostsee liegende Wald/Prerow-Strom-Gebiet. Nach dem Ablaufen den kompletten Seebrücke entschieden wir uns spontan zu einem Restaurant-Besuch. Es ging ruhig-schlecht-bürgerlich zu und mehr war beim besten Willen nicht zu erwarten, es war OK. Wir fanden eine Bäckerei im Ost-Look mit Gebäck noch zu Preisen weit vor der Euro-Einführung. Geplanter Verzehr: am Hafen. Aber dort zog es ziemlich und wir vertagten auf zu Hause. Prerow war der unspektakulärste der Halbinsel-Orte, nicht so wuchtig wie Wustrow, nicht so eng und aus dem Boden gestampft wie Zingst, östlich, aber nicht ärmlich. Der Prerow-Strom geht bis auf 50 Meter an die Ostsee heran, es wäre ein Leichtes gewesen, hier durchzustechen. Aber anscheinend bringt das mehr Nach- als Vorteile mit sich. Die heimische Kaffee-Pause zog sich bis zum Abendessen hin. Wir lasen. Manche kuckten im Minutentakt mit dem Fernrohr aus dem Fenster, immer bei der Kontrolle, ob Welche auf dem Radweg parallel zur Bahnlinie unterwegs waren. Und heute waren mehr unterwegs, als an allen anderen Tagen zuvor. Heute hat man die Ponton-Brücke eröffnet, so dass der Verkehr jetzt nicht mehr ampelgesteuert wechselseitig läuft, sondern permanent in beiden Richtungen. Gleichzeitig werden die Brücken nicht mehr zweimal wöchentlich, sondern zweimal täglich geöffnet. Es bleibt also spannend. Wir lasen uns in der Literatur-Beilage der Zeit zur Leipziger Buchmesse müde und schwindelig und waren uns hinterher klar, wie doof, ungebildet und unvermögend wir doch sind.

Gründonnerstag, 28. März 2002
Von den unterdurchschnittlichen Temperaturen einmal abgesehen, war den ganzen Tag tolles Wetter. Nach einem gemütlichen Frühstück ging es Richtung Stralsund. Über kurvige, enge Alleen und holperige Dorfdurchfahrten kamen wir am Kranich-Informationszentrum Groß Mohrdorf vorbei, wo wir anhielten. Wir hatten uns das Zentrum so vorgestellt: Ein großer moderner Pavillon mit viel Glas und Holz. Parkplätze, Andenkenbuden, Café-Restaurant, Bootsverleih, viele Rummel. In Wirklichkeit war es eine kleine unscheinbare Bruchbude und machte es einen abweisen, verschlossenen Eindruck. Wer hineinwollte, musste an der Pforte sein Interesse in einer Art Prüfung schriftlich begründen und seine Kranich-Kompetenz beweisen. Wir fuhren weiter nach Barhöft, einem kleinen Hafen am Fuße einer bewaldeten Anhöhe nördlich von Stralsund, früher nur militärisch genutzt. Der schluchtartige Waldweg dorthin war begrenzt von mehreren verlassenen Plattenbauten, die schaurig vor sich hin verfielen. Unter gab es einen Kiosk, einen Hafen mit echtem Fischer und ein Hotel, in dem sich nichts rührte. Wir machten eine kurze Pause mit Kaffee und Lion, obwohl es auch Twix gegeben hätte. Den Kaffee holten wir als einzelne Tasse aus dem Kiosk. In Stralsund parkten wir umsonst hinter dem Theater und erkundeten zunächst den Hafen. Als Referenz für den Fortschritt nehmen wir später das tolle Buch „Küste Mecklenburg-Vorpommern aus der Luft“ von 1995 zur Hand, in dem die Veränderung gegenüber 1994/95 genau zu sehen sind. In den Häfen wird nicht mehr benötigte Infrastruktur abgebaut, z.B. Schuppen, Hallen, Kohlenhalden, und dafür touristische aufgebaut, z.B. Kneipen, Restaurants, Hotels, Marinas. So war es auch in Stralsund. Auf einem Marktplatz bot ein ambulanter Chinamann zwei Gerichte an: Gemüsepfanne mit Schweinefleisch und Huhn mit Champignons. Wir entschieden, dass das Angebot sich mit unserem Wunsch deckte, etwas gegen den Hunger zu tun, aber nicht gleich teuer essen zu gehen. Nun, dies war das schlechteste Preis-Leistungsverhältnis (3 EUR), was wir je geboten kamen. Ein übler suppiger Fraß, gegen den jede Maggi-Suppe mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet worden wäre. Nach ein paar Löffeln kippten wir den Rest unbeobachtet in die Büsche und schleppten uns danach sehr langsam zum Meeresmuseum (in einer ehemaligen Dominikaner-Klosterkirche untergebracht, gab es schon zu DDR-Zeiten). Müde und hungrig drehten wir eine Runde entlang der touristischen Highlights durch die Innenstadt. Leute, die nur rumhängen, wenig Kaufbetrieb, keine Hektik, dafür perspektivlose Jugendliche und Kaputte. In der Stadt noch mehr verfallene Ruinen als anderwo, selbst im innersten Bezirk. Ganze Straßenzüge bestehen nur noch aus Fassaden. Es gab immer wieder abrupte Brüche zwischen ansehnlichen Neubauten, Restauriertem und Verfallenem. Dabei ist die Stadt als Gesamtanlage ungewöhnlich interessant: bis auf zwei kleine Übergänge von allen Seiten von Wasser und Grün umgeben, drei große Backsteinkirchen, Historisches an allen Ecken, Marktplätze, enge Gassen, Wasserarme und Hafengebiet. Hanseatik, wie Lübeck im Kleinformat. Schließlich landeten wir nach mehreren Runden in einem Kaffeehaus gegenüber des Meeresmuseums, das uns zuvor natürlich noch nicht gut genug gewesen war. Der Patron war höflich bis unterwürfig, die Preise zivil. Letzter Akt: Besteigung des Turms von St. Marien. Wir kamen schnell ins Jappen. Oben wäre bei klarem Wetter ein Bombenaussicht gewesen, aber der Wetterbericht sagte korrekt: „Westliche Ostsee, diesig“. In der Kirche selbst gab es außer dem wuchtigen Ausmaßen nicht viel zu sehen. Nach einer letzten Runde am Hafen verließen wir Stralsund, diesmal nicht über die Dörfer, sondern über die von einem glühenden Sonnenuntergang beherrschte, parallel zu der erneuerten, leider nur eingleisigen Bahnstrecke nach Rostock entlang führenden B105. Bei Martensdorf kurzer Stop für ein Foto. Am Abend gab es Thunfisch-Ratta mit Nudeln.

Karfreitag, 28. März 2002
Tolles Wetter, aber noch immer zu kühl. Wir ließen es ruhig angehen, z.B. mit Kaffee und Plätzchen auf der Bank hinter dem Haus. Müller holte einen Tisch aus dem Schuppen und stellte ihn dazu. Am Nachmittag fuhren wir mit dem Auto bis fast zum Campingplatz hinter Prerow und liefen von da aus eine Stunde auf Betonpisten durch den Wald bis zum Leuchtturm Darßer Ort. Wir wollten ein Foto schießen von der Stelle, wo der Wald direkt, ohne Dünen, an den Ostsee-Strand grenzt. Leider war es dort diesig und zuviel Volk unterwegs. Obwohl das Ufer vor Bernstein förmlich wimmeln musste, fanden weder wir noch andere etwas von dem Zeug. Vom Leuchtturm führte ein Holzbohlenweg „zur Darß-Bahn“, wo wir im Zuge des Rückwegs auch genau hinwollten. Leider endete der Holzbohlenweg nach einem Kilometer mitten in einem Ried/Sumpfgebiet. Wir hatten das bereits geahnt, weil eine Gruppe von 5 Leuten, die auch wieder Richtung Prerow wollten, uns auf dem Weg entgegenkamen, ohne uns zu warnen. Immerhin erlebten wir das Naturschauspiel hunderter blauer Frösche, die im Sumpf vor sich hin zappelten. Nach erreichen des Rückzugs-Ausgangspunktes am Leuchtturm waren wir fast die Letzten dort. Und es wurde bereits dunkel. Wir schleppten uns entkräftet durch den Wald. Allerdings reichte es noch, um uns kurz auf dem FKK-Campingplatz „Regenbogen“ umzuschauen, einem düsteren Gelände im Kiefernwald, wo Autos und Autofahren offensichtlich ganz oben auf der I-Bäh-Liste standen. Dafür machten sowohl die Baracken und Bauten des Geländes als auch die Wohnwagen der Dauercamper einen vernachlässigten und abstoßenden Eindruck. Müde und hungrig fuhren wir dann ohne weitere Einkehr zurück zum Bahnhof.

Karsamstag, 29. März 2002
Vormittags der bisher wärmste Tag der Reise, nachmittags war davon nichts mehr zu spüren. Wir fuhren nach Barth, lungerten erst am Hafen rum, schlichen dann eine Runde durch die Einkaufsmeile und tranken beim Clubhaus des Segelclubs ein Rostocker und eine Cola. Fast hätten wir das angebotene Mittagsmahl – Hackbraten mit Kartoffeln und Beilage – für rührende 3,60 EUR bestellt, als sich am Tisch weitere vier Wessi-Touristen niederließen und augenblicklich mit blasiertem Gestänkere über die nicht vorhandenen Qualitäten des Ortes und des Ostens allgemein begannen. Selbst der Holzhaufen des Osterfeuers war ihnen zu mickrig. Betrübt stellten wir das Gespräch ein, schauten demonstrativ weg, zahlten mit einem üppigen Trinkgeld und gingen. Niemand bestellte während unserer Anwesenheit die angebotene Mahlzeit. Wir beschlossen, nach Ostern wiederzukommen und mehrere Lokalrunden Essen zu schmeißen. Einkaufen bei Famila, wenig Auswahl beim Brot, so dass wir auf ein sogenanntes Mischbrot auswichen. Höhepunkt des Nachmittags war Kaffee und Kuchen auf der Sitzbank zwischen den Gleisen. Ab 15 Uhr bewölkte und bekühlte es sich zusehends.

Ostersonntag, 30. März 2002
Doofes Wetter. Nicht sehr kalt, aber trüb von diesig bis neblig. Wir verbrachten die erste Tageshälfte lesend und aus dem Fenster kuckend. Die Ostergäste aus der Nord- und Südwohnung in der ersten Etage machten mit ihren Kindern zwischen den Gleisen ein Ostereier-Suchen. Nachmittags drehten wir zu Fuß eine Runde um Zingst. Höhepunkt war der Besuch eines Eiscafés, wo aus einem Lautsprecher Musik im Hossa-Fiesta-Stil quäkte und Tischnachbarn saßen, für die das zu hoch-kulturell war.
Kriterien guter Einkehr im Urlaub:
•    Verpennte Atmosphäre, keine Hektik, wenige, aber nicht gar keine „Gäste“
•    Glaubwürdiges Ambiente, von schlicht  bis edel
•    Etwas vom Trubel zurückgezogene Lage, jedoch Blickmöglichkeit auf das pralle Leben
•    Preiswertes, angemessenes Angebot
•    freundliche Bedienung
Zum Abend kochten wir das Ostermenü: Nudeln mit Erbsen, Pilzen, Speck und Sauce Béarnaise. Wir wurden pappensatt.

Ostermontag, 1. April 2002
Das Wetter war wieder besser. Die von unten reisten ab und wir starteten zum Ausgangspunkt einer Wanderung: Althagen –  Niehagen – Barnstorf – Wustrow – Steilufer – Ahrenshoop – Althagen.
Besondere Eindrücke: Der obligatorische Parkscheinautomat am Ortsrand (täglich 1,- pro Stunde) war zum Glück kaputt bzw. schon randvoll und fraß keine Euros mehr. Unterwegs wurde es schnell warm und wir waren eindeutig zu dick angezogen, so dass Brigitte ihren Trümmerfrauen-Mantel die ganze Zeit über dem Arm getragen hat und es darüber hinaus ablehnte, sich bei dieser Last abwechseln zu lassen. Udo schleppte ebenso schwer an seinem dicken blauen Anorak und der Kamera um den Hals, obwohl das Wechselobjektiv schon zu Hause geblieben war. Wir kamen auf dem sich abwechslungsreich dahin schlängelnden Boddenuferweg an mehr oder weniger gelungen restaurierten Ferien- oder dauergenutzten Domizilen vorbei. Außentreppen sind hier schwer angesagt, wie unser Außentreppen-geschultes Auge erkannte. Nach einem Drittel Wegstrecke machten wir auf einer einsamen Bank mit sonnigem Boddenblick Rast, verzehrten die wohlweislich vorher geschmierten Butterbrote und es gab nichts zu meckern. In Wustrow am Hafen hielten wir kurz an und entdeckten dann, dass gegen freie Spende der kleine neugotische Backsteinkirchen-Turm bestiegen werden konnte. Ein Lichtblick. Danch schlugen wir uns langsam durch den Ort mit seiner aufgeräumten und aufgehübschten Kuratmosphäre bis zur Seebrücke, hielten Inne um leicht schaudernd in das österliche Touri-Aufkommen einzutauchen (man selbst ist natürlich kein gewähnlicher Tourist, sondern schlicht äReisenderä oder vorübergender Resident). Der zweitletzte Teilabschnitt führte entlang des Steilufers zurück nach Ahrenshoop. Es waren dort weit mehr Leute (Touris) als auf der Bodden-Seite unterwegs. Man kam aus dem Rücksicht-nehmen/Aus-dem-Weg-gehen/Platz-machen gar nicht raus. Der Blick von dem ca. 10 – 15 Meter hohen Ufer war wegen der Diesigkeit eingeschränkt. Statt bis ins Dänische Falster z.B. sah man, wie das spiegelglatte Wasser ohne erkennbare Horizontlinie nahtlos in den milchigweißen Himmel überging. In Ahrenshoop waren die meerseitigen Wege und Straßen nach den sogenannten Künstlern ehemaligen sogenannten Künstlerkolonie benannt, z.B. Gerhard Marks, Käthe Miehte, Fritz Koch-Gotha. Ein Schild wies darauf hin, dass in jener desolaten Bruchbude am Hang neben dem sandigen Pfad, auf dem wir kraftlos entlang gestolpert kamen, der weltberühmte Maler Karl Muchow-Grahn oder so ähnlich (1870 – 1945) gelebt habe. Man sah förmlich, wie er vom dramatischen Licht inspiriert war, wie er mit der kargen und doch lieblichen Landschaft intensiv gelitten und gerungen hatte, wie der ehrliche Menschenschlag der einfachen Fischer und stolzen Kapitäne, das raue Wetter und der weite baltische Himmel ihn verzaubert und in den Bann genommen hatten und die unbarmherzige See ihn eines Tages bzw. Morgens, kurz bevor der zweite Weltkrieg, den er nicht gewollt und doch hatte kommen sehn, zu Ende ging, auf geheimnisvolle Weise für immer behielt. Vielleicht war Karl Muchow-Grahn auch ganz anders gestrickt, ein übler Nazi z.B. und hat sich zuletzt tot gesoffen. Auf solchen Mythen jedoch fußt noch heute die Einstufung „Künstlerdorf“, wo in zahlreichen ansässigen Galerien (Neues Kunsthaus, neue Galerie etc.) vom Ölschinken bis zur Butterdose aus Steingut Pseudoware aller Art an den Mann gebracht wird. In Ahrenshoop war der Nachmittags-Bär los, aber wegen der Zingst-Erfahrung vom Vortag bewegten wir uns tapfer an allen Einkehrmöglichkeiten vorbei und konzentrierten uns auf die Suche nach einer geöffneten Bäckerei, um ein Stück Kuchen für den heimischen Verzehr zu kaufen. Die einzige Bäckerei hatte zu. Nach dieser bisher längsten Wanderung fielen wir schließlich reichlich kaputt ins Auto. Auch in Prerow hatte „unsere“ Bäckerei geschlossen. Zu Hause auf unseren Bahnhof liefen im Fernsehen auf „RP“ die letzten 10 Minuten der Übertragung der feierlichen Amtseinführung von Dr. Reinhard Marx als neuer Bischof von Trier. Bei einer schönen Tasse Kaffee empfingen wir seinen Segen.

Osterdienstag, 2. April 2002 und Ostermittwoch, 3. April
An zwei aufeinanderfolgenden Tagen fanden Rügen-Ausflüge statt. Wetter: Immer sonnig, Mittwoch aber viel windiger und kälter. Erste Station war Altefähr. Über ein extremes Holperpflaster, das auf Rügen öfter vorkommt, gelangten wir von der B96 zum dem kleinen verpennten Segelhafen Altefähr mit seiner traumhaften kleinen Hanglage gegenüber Stralsund. Was könnte man hieraus machen. Statt dessen: Wenige neue oder renovierte Gebäude, aber viele verfallende. Immerhin gab es eine nette Hafenkneipe, die uns einen Kaffee zum Mitnehmen verkaufte. An einigen Booten wurde rumgepfriemelt, es war alles nicht alles verlassen und leer. Wir dösten ein bischen in der Sonne und fuhren über die Rumpelstrecke zurück zur B96. Oft sind kleine Dorfdurchfahrten mit Eichenalleen grob gepflastert. Dadurch erübrigt sich jede Tempolimitierung, mehr als 30 gehen eh nicht. Teilweise scheinen die Pflasterabschnitte sogar neu angelegt zu sein. Auf Altefähr zu hat man es jedoch übertrieben, es geht in Richtung Leute vergraulen und Autos kaputt machen. Über Garz fuhren wir nach Putbus. Lt. unserer vorgefertigten Meinung erwartete uns da eine in Vergessenheit und Verfall geratene DDR-Kleinstadt mit dem berühmten klassizistischen Circus, ein gigantischer Kreisverkehr mit Randbebauung aus kurfürstlicher Zeit. Der Live-Eindruck wurde aber von anderen Merkmalen bestimmt: Die meisten Gebäude am Circus waren schon restauriert, manche hatten eine neue Nutzung. Auch der Rest der historischen Bebauung im Ort fügte sich angenehm ein. Dazu kamen ein großer, geländegängiger Schlosspark mit heller, ziemlich preußisch daherkommender Kirche, Marstall und Orangerie, aber ohne Schloss. An der Allee stießen wir in einer Art Touristbüro auf eine Rad- und Wanderkartenserie zu Rügen von einer nie gesehenen Qualität, was kartographische Zeichnung, Typografie, Farbgebung und Detailreichtum betrifft. Obwohl wir diese Karten nicht wirklich brauchten, war der Must-have-Faktor so groß, dass wir das Blatt „Bergen/Putbus“ als gutes Beispiel kauften. Nächstes Ziel: Entlang der Strecke des Rasenden Rolands nach Sellin, von dem wir nichts wussten, außer, dass es einer der bekannteren Badeorte ist. Schön zu sehen, dass man die Gleisführung erneuert hat, eine Investition in die Zukunft. Überraschend war die Landschaft, wir hatten nicht mit so großem Abwechslungsreichtum und mit so großen Höhenunterschieden gerechnet. Dazu die Durchdringung von Land und Wasser und die schönen geraden oder gelegentlich abknickenden Alleen. Nur die verschiedenen Spielarten der DDR-Architektur passen auf Rügen noch weniger als anderswo hin. Man fragt sich, warum ein ganzes Land ungeachtet allen Geld- und Materialmangels so erschreckend wenig Sinn für Ästhetik im Bauen hatte. In anderen armen Ländern siehts doch auch nicht so schlimm aus. Aber das Gröbste ist überwunden, Plattenbausiedlung, Baracke sowie doppelstöckige Kurzbaracke mit Zementputz dominieren nicht mehr. Baabe und Göhren haben wir aus Zeitgründen ausgelassen. Sellin liegt vor einem hohen bewaldeten Dünenzug, dahinter, ohne Bebauung, die Ostsee. Eine verpennte Strandkneipe ließen wir aus und wanderten statt dessen auf dem Strand entlang des hohen Abrutschhanges bis zur Seebrücke. Eine Treppe führte über ca. hundert Stufen zur Haupt-Flaniermeile des Ortes. Auf der Terrasse eines Cafés kehrten wir ein zu Kaffee und Kuchen. Später ging es mit dem Auto weiter zur dritten Station des ersten Rügen-Tages, nach Binz. Auch Binz sah anders aus, als erwartet. Insgesamt hatten wir uns die Küstenregion flacher, aufgelockerter, düniger und waldloser vorgestellt, etwa wie Wissant. Es war deutlich kälter und windiger geworden. Wir wanderten die Strandpromenade nach Norden raus, bis die Bebauung dünner wurde und die Kneipen aufhörten. Auf der rückwärtigen Seite ging es zwischen Parkpaletten großer Hotel- und Appartmentkomplexe und aufgestylten „Edel-Plattenbauten“ zurück in die City. Gesamteindruck: das Westerland Rügens, nur nicht so hässlich. Zwischen Bergen und Stralsund ist Rügen sehr Bahn-affin, da die teils ein- teils zweigleisige Bahnstrecke Sassnitz – Stralsund immer entlang der B96 läuft. Interessant waren die Abendstimmung mit Sonnenuntergang entlang der Strecke und die standardisierte Bahnarchitektur aus dem 19. Jahrhundert, die sich noch zwischen Stralsund und Löbnitz fortsetzte.
Am Mittwoch fand die zweite Rügen-Tour statt mit dem Ziel Stubnitz/Königsstuhl. Der Stau vor Stralsund vom Dienstag wiederholte sich nicht. Auf der Brücke des Rügendamms standen wieder hunderte von Anglern, die zur beginnenden Saison nach Heringen fischten. Unglaublich, dass das nicht zu einem einzigen Schnüre-Verheddern führt. Erster Halt an dem Damm zwischen großem und kleinem Jasmunder Bodden bei Lietzow weil magische Merkmale wie zwei Wasserseiten – Brücke – handbekurbelt-beschrankter Bahnübergang mit ständig verkehrenden Zügen – gebirgige Kulisse mit Schlösschen und ausreichend kostenloser Parkplatz zusammenkamen. Den Fährhafen Mukran sahen wir nur im Vorbeifahren, da das Hafengelände zum Durchstreifen zu gigantisch, unzugänglich und öde schien. Zwischen Bundesstrasse und Fähranleger ziehen sich riesige stillgelegte Bahn-Verlade- und Verschiebeanlagen hin, auf denen nichts mehr passiert. Dann Sassnitz. Der Ort könnte auch mehr aus sich machen, er scheint den Anschluss verpasst zu haben. Plattenbauviertel, Bäder-Architektur, die zum großen Teil noch auf die Restaurierung wartet, schlechte Straßen. Vielleicht haben wir auch nur die falschen Ecken gesehen. Von dem einst riesigen Fisch-Kombinat ist anscheinend nur noch wenig Fischwirtschaft übrig geblieben. Es gibt aber nicht nur Stillstand und Rückschritt, sondern auch ein paar neue Ansätze. Am Hafen entsteht etwas Gastronomie. Leider landeten wir in der falschen Kneipe, wo ziemlich schmierige Typen ihre Schlampigkeit als italienische Lässigkeit verkauften und für unterdurchschnittliches Eis/Cappucino überhöhte Preise kassierten. Die Mischung von Gewerbe und Tourismus wirkt authentischer als etwa in Hamburg oder Bremerhaven, wo die jeweils rechten Uferseiten völlig zu Lifestyle-Bezirken umgewandelt werden. Hinter Sassnitz fuhren wir durch den Nationalpark Stubnitz zum Parkplatz Hagen. Eine insgesamt 8 km lange Wanderung durch den hügeligen Buchenwald führte uns auf ausgetretenen aber für uns neuen touristischen Pfaden zu den Kreidefelsen Königstuhl und Victoria-Sicht. Wir waren teilweise enttäuscht (Brigitte) oder hatten es nicht anders erwartet (Udo). Den Abstieg zum Geröllstrand ersparten wir uns wegen des kalten heftigen Windes. Das dänische Gegenstück Møns Klint ist leichter zugänglich, beeindruckender in der Wirkung und größer im Ausmaß. Kosten: Parkplatz 3,90; 3 Ansichtskarten 2,40; Eintritt 2,-. An der Victoria-Sicht und auf dem Bus-Wendeplatz am Fuß der ehemaligen Bewachungstürme der DDR-Grenzorgane fand das lang aufgeschobene Picknick statt. Dort war es erstaunlich windstill. Letzte Station: der neue Hafen Lohme, den man nur von See oder per Treppe erreicht. Die nette kleine Terassenkneipe „Café Niedlich“ war auf einem Gestell am Steilhang erbaut, aber wir waren bereits in Rückkehr-Stimmung: Heimdrang, Hungerdrang, Stuhldrang. Allerletzter Stopp: Vor dem Rügendamm, aber für ein stimmungsvolles Bild von der Stralsund-Silhouette war es noch zu früh und zu hell. Von den Anglern waren schon viele verschwunden. Abends kam auf NDR-Fernsehen ein aktueller Bericht von Rügen, der das Erlebte ergänzte und erhellte. Den nördlichen und westlichen Teil von Rügen haben wir jetzt nicht kennengelernt, ebenso nicht den Zustand im Sommer. Leider war noch gar nichts grün, auch nicht die niedrigen Büsche und Sträucher, ganz zu schweigen von Wäldern und Alleen. So war die vorherrschende Farbe Grau-braun. Sollte es uns einmal im Sommer nach Rügen verschlagen, dann wahrscheinlich in die Ecke Putbus/Granitz/Mönchgut. Als wir wieder bei unserem Bahnhof angekommen waren, war es auch dort genauso windig. Wir erlebten in unserer gemütlichen Ecke einen sauberen Sonnenuntergang über dem Bodden.

Gegen 18.30 ein letzter Abstecher nach Barth. Am Hafen ist definitiv nichts los, und zwar absolut.

Osterdonnerstag, 4. April 2002
Nicht mehr so windig, aber sonnig und wieder extrem klare Sicht. Wir klüngelten zu Hause rum und machten einen kleinen Spaziergang durch das von schilfigen Gräben durchzogene Marschenvorland bis zu einem von weitem sichtbaren Jäger-Hochsitz, ohne diesen zu besteigen.

Brief an Hans, Brigittes Vater und gelernter Hausschlächter

Lieber Hans,
Etwas abseits an der B105 liegt ein kleiner Betrieb mit der im Vorbeifahren sichtbaren Firmierung „Pommersche Wurstspezialitäten“. Wäre das nicht auch etwas für euch? Bekannte Namen wie Sommerwurst (Firma Reinert), Pieper, Lippische, um nur einige zu nennen, zeigen, das der Versuch es wert ist. Wir sollten von dem bekannten, aber leider manchmal ungerechtfertigt in Anspruch genommenen Qualitätsmerkmal „nach Hausmacher Art“ ausgehen und eine neue Wurstserie mit der genialen Markenbezeichnung „Hansmacher“ auf den Markt bringen. Denn „Hausmacher“ glaubt eh keiner mehr, und wo es drauf steht, wird doch meist in der Fabrik produziert. Wäre es nicht schön, wenn die berufstätige Hausfrau in der Mittagspause an der Wursttheke im Supermarkt nebenan wie selbstverständlich nach 250 Gramm Hansmacher fragt? Und die Fleischereifachverkäuferin nimmt mit der großen zweizinkigen Gabel 10 dicke Scheiben vom Stapel und fragt: „Darfs etwas mehr sein?“ Die Hansmacher gibt es in 2 Sorten: Eine halbgrobe Salami (Hansmacher S) und eine graue Leberwurst mit Zwiebeln (Hansmacher L). Feiner können die Leute sowieso nicht differenzieren. Da wir, lieber Hans, des Schlachtens und Wurstens leider nicht mächtig sind, sieht die Kompetenzen-Verteilung wie folgt aus: Marketing und Personalabteilung: Udo; Vertrieb: Änne; Logistik: Brigitte. Einkauf und Produktion: Hans selbst, Produktionsassistent: Oppa. Der Betrieb wird am Deipenweg im Keller aufgenommen, der administrative Bereich im sogenannten Stübchen untergebracht. Wir brauchen nur einen DSL-Zugang: www.hansmacher.de sollte noch frei sein. Die Bereiche Buchhaltung, Steuern, Recht lagern wir von vornherein an externe Dienstleister aus. Name der Firma: Hansmacher GmbH. Claim: Die Hansmacher – von Hans gemacht.

Mittags kochten wir die Reste weg: Nudeln, Speck-Sahne-Käse-Kräutersoße, Salat. Später fuhren wir – immer noch bei strahlendem Sonnenschein und großer athmosphärischer Klarheit nach Prerow und wanderten am Strand entlang zur Seebrücke. Wir machten eine größere Runde durch den Ort und machten einen zweiten Strandspaziergang von Prerow-Hinten zurück zur Seebrücke. Am Hafen war nichts los und wir kehrten lange vor Sonnenuntergang heim. Nie wieder Prerow, nie wieder Zingst. Furchtbar. Gegen 19.30 machte Udo einen letzten Gang zur Meiningen-Brücke, die mangels Schiffsaufkommen nicht geöffnet wurde. Den Abend verbrachten wir mit Vorbereitungen für die Heimreise.

Epilog:
Ohne uns noch mal von Müllers verabschieden zu können, verließen wir den Osten ohne Umwege. In Lübeck, wo es arschkalt, windig und grau war, machten wir einen Stopover bei einer teuren Tasse Kaffee und Brötchen im Auto. Im Verlauf der weiteren Reise wurde das Wetter sonniger. Leider erst vor Hannover fiel uns ein, bei Musik Produktiv in Ibbenbüren einen Besuch abzustatten, und so quälten wir uns durch Bad Oeynhausen und die A30 bis zum Autobahnkreuz Lotte, das wir zwei Stunden eher erreicht hätten, wären wir gleich hinter Hamburg nach Bremen abgebogen. Die erhoffte Ware, ein braun geflammtes Schlagbrett für den Fender Jazz Bass, war bei Musik Produktiv natürlich nicht verfügbar.
Zu Hause wartete der Oppa auf uns mit Kaffee und Kuchen. Er interessierte sich natürlich nicht dafür, wie es war, sondern erzählte ohne Umschweife Kleinkariertes aller Art.

Dies war unser letzter Urlaub, bei dem wir die Fotos auf Diafilm geschossen hatten. Die Dias sind auch 2009 noch nicht gerahmt.