Das Geistige Gesicht Deutschlands

By 9. Juli 2014April 17th, 2017Beobachtungen am Point of Sale

Bei unserem Rundgang durch Lütjenburg am 7. Juli 2014 taten wir etwas sehr seltenes, fast noch nie vorgekommenes: Wir betraten ein Antiquariat und kauften ein in der Wühlkiste vor dem Laden gefundenes Buch, ein Bildband mit Schwarzweiß-Fotos mit dem Titel: Das Geistige Gesicht Deutschlands.

Portraits von damaligen Geistesgrößen von dem Fotografen Erich Retzlaff und anderen, herausgegeben 1952 von Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart. Wir blätterten darin und ein Anfangsinteresse keimte auf. Auf der unbedruckten Vorsatzseite klebte ein handgeschriebenes grünes Preisschild: 2,– Ob € oder aus DM-Zeiten stammend, ließ sich nicht feststellen. Der Band, beim Kauf seit 4 Jahren auf dem Markt, war lt. handschriftlicher Signatur von „Helga” zu „Weihnachten 1956“ verschenkt worden, vielleicht an ihren Kerl, von dem sie wohl annahm, dass er sich dafür interessieren könnte. Umgekehrt schwer vorstellbar.
Wir hatten 2,– € klein und unterbrachen vorsichtig die Fachsimpelei zwischen einem Kunden und dem schrullig wirkenden Verkäufer, um die Antiquität schnell an uns zu bringen. Der Antiquar ging darauf ein, entfernte aber sofort das Preisschild. Wir bedeuteten ihm, es bitte drin zu lassen, weil es einen wesentlichen Beitrag zum Kaufwunsch geleistet hatte. Der Verkäufer sagte, er brauche das Preisschild (wie gesagt, eine handgeschriebene 2,–) „für die Abrechnung“ – was immer er darunter verstehen mochte. Wir blieben hart und er gab das Schild wieder heraus.

Das Buch verstand sich als Mut- und Hoffnung gebendes Werk, welches Persönlichkeiten aufzeigen wollte, die nach dem 2. Weltkrieg ihre Glaubwürdigkeit behalten hatten und als identitätsstiftend für den Wiederaufbau Deutschlands gelten mochten. Fast alles Leute, die damals schon nicht mehr jung waren. Man erkennt das an den im Register angegebenen Geburtsjahrgängen zwischen 1876 und 1900.

Der Fotograf hat sie mit meisterlichem Können im Studio oder vor neutralem hellem oder dunklem Hintergrund, bzw. in wenigen Fällen vor einer unscharfen Bücherwand in damals üblicher Theatralik ausgeleuchtet fotografiert. Uns fallen besonders zwei Merkmale auf, die auf eine andere Zeit verweisen und die man bei heutigen Porträts so nicht mehr antrifft:

  • Äußerliche Kennzeichen wie Frisuren, Brillen und Kleidung haben sich grundlegend verändert. 6 bis 7 Jahrzehnte danach sieht heute keiner mehr so aus.
  • Die Art und Weise, sich gewollt oder gefordert in Szene zu setzen, eine Pose anzunehmen, haben sich wohl ebenfalls geändert. Das Bemühen der Porträtierten, Ernsthaftigkeit und Würde auszustrahlen, wirkt vielmehr verschlossen, abweisend und attitüdenhaft. Oder misstrauisch, dünkelhaft, grotesk. So etwas wie Humor, Botschaften wie Offenheit, Zugeständnis, Interesse, Gleichgesinntheit, Unbekümmertheit, Leichtigkeit, sind nicht auszumachen. Alle tragen schwer an ihrer Bürde und ihrer Rolle in der Geschichte.