Unser phänomenales und oft skeptisch angezweifeltes Datumsgedächtnis stützt sich vielfach auf die Funktion der mitgeführten Kamera, das Datum zu speichern. Die alten Nikons und Hasselblads speicherten kein Datum, daher lässt sich aus heutiger Perspektive über das Datum des ersten Besuchs zum Gitarrenkauf in Viersen nur spekulieren.

Erster Besuch im Gitarrengeschäft in Viersen

Es existiert ein einziges, später digitalisiertes, Foto. Aus den getragenen Klamotten leiten wir ab, dass es ungefähr 1981/82 gewesen war. Keine Erinnerungen an das touristische Rahmenprogramm – Köln, Holland, Kaffeetrinken ?

Wir waren zu viert (Ulkers, die Mutter und wir selbst) nach Viersen aufgebrochen, um dort eine seltene Linkshänder-Gibson ES 335 zu testen. Die ES bestand den Test und Rolf kaufte das Teil. Natürlich spielte er die Gitarre – zutiefst bescheiden, wie er war – nur zuhause und nicht auf der Bühne, dort spielte er ein No-Name Stratocaster Imitat. Erst ganz spät im Leben wagte er sich mit seiner echten Telecaster nach vorne.

Zweiter Besuch im Gitarrengeschäft in Viersen

Es war, dank EXIF-Kommentaren feststellbar, am 14.11.2002, als Rolf Ulker und ich unseren alten Freund Ganter in Krefeld besuchten, um mit ihm einen Fachbesuch in eben jenem Geschäft abzustatten. Ganter war Gitarrenexperte, er baute und vermarktete sein eigenes Label. Bekanntester Käufer und Spieler seiner Gitarren war der Ruhrgebietsrocker Stoppok. Um was es bei dem Besuch genau ging, wissen wir nicht mehr – „irgendwas mit Gitarren“. Wir selbst vertrieben uns die Zeit, indem wir uns vom Verkäufer einen Fender Jazz Bass vorführen ließen, den wir dann 1 Jahr später auch kauften, allerdings bei Schallenberg in Paderborn. Nicht zum Spielen, nur als Möbelstück. Das touristische Rahmenprogramm an dem Tag bestand aus einem Kaffee oder Eis in einem Viersener Eiscafé. Das Gespräch drehte sich natürlich ausschließlich um Gitarren und Amps, was uns herzlich wenig interessierte. Wir waren abgemeldet und genossen es, einfach im Eis rumzumatschen. Allerdings hatte uns auf der Fahrt von Krefeld nach Viersen und zurück das Niederrhein-Fieber erfasst, was bedeutete: Wir wollten und wir würden wiederkommen, und eine Radtour durch die Gegend starten.

Viersen am 18. Mai 2018

Wir nahmen die Fahrräder mit, buchten uns Mittags im Hotel Hindenburg ein und verbanden das Angenehme mit dem Schönen. Das Wetter zeigte sich von seiner OK‘esten Seite. Wir waren so früh angereist, um uns noch in Ruhe Viersen anzuschauen. Erste Station: Süchteln. Eine ehemals wohl selbständige Kleinstadt mit einer Fußgängerzone und Wochenmarkt. Verpennt, rheinisch, sattgrün und gefällig. Wir tranken einen Kaffee und lauschten den Krankenhaus-Geschichten am Nebentisch. Mit dem Rad ging es dann weiter ins 4 Km entfernte Viersen-City. Schöler kamen uns entgegen, sie starteten in die Pfingstferien. Näher in der Stadt verloren wir erstmal die Orientierung, weil Einfallrichtung und innerer Kompass nicht übereinstimmten. Wir hatten Viersen genau andersrum in Erinnerung. Es kam zu keiner Einkehr. Die Fußgängerzone hatte nicht diese intakte rheinische Gelassen- und Gesättigtheit, die uns vorschwebte. Eine ermüdende Suche mit vielen Kontrollblicken auf Google Maps nach dem Gitarrengeschäft begann. Irgendwann fanden wir es am Gereonsplatz. Wir fanden auch noch raus, dass sie nicht diejenigen waren, die wir von 1981/82 bzw. 2001 in Erinnerung hatten, sondern Nachfolger, immerhin auch mit Gitarren.

Impressionen aus Viersen-Süchteln

Dritter Besuch im Gitarrengeschäft in Viersen

Zunächst lockte seit 2001 nur die Radtour. 2015 kauften wir eine Rad-Karte „Kreis Viersen“. Anfang 2018 lasen wir von einem Konzert unserer verehrten Lieblings-Pianistin Julia Hülsmann im Jazzclub Viersen-Süchteln. Fixdatum 18. Mai. 2018. Mehr dazu weiter unten im „touristischen Rahmenprogramm“.

Der Laden am Gereonsplatz hieß jetzt Acoustic Delite. Wir gingen rein und erklärten, dass genau sie hier zu unserem Bestand an Mythen zählten, Mythen, die wir im Laufe der Zeit alle wieder zerlegen mussten, bzw. die sich bereits von selbst in Luft aufgelöst hatten. Der Guitar store konnte einen ordentlichen Schuss zu diesem Prozess beitragen. Wir kamen ins Gespräch, und sie erklärten, dass das Geschäft Ende Mai endgültig schließen würde, weil sich das Business einerseits wegen der übermächtigen Konkurrenz von Internet-Giganten wie Thomann und Industriebetrieben wie Musicstore, andererseits wegen dem regionalen Minderbedarf an Gitarren im Kreis Viersen einfach nicht rechnen würde. Die beiden anderen Standbeine, nämlich das Acoustic Delite Trio als buchbare unplugged Band und das Förderprojekt für Musik blieben aber bestehen.

Nun war es an der Zeit, zur Erinnerung doch etwas zu kaufen. Wir entschieden uns in Dankbarkeit für ein Gitarrenkabel. Damit könnten wir theoretisch den Jazz Bass nun endlich an das vorhandene Zoom Audio Interface anschließen. Das wirklich schöne, rote, transparent abgeschirmte Kabel liegt repräsentativ in der Bude, wurde aber bisher nicht angeschlossen.

Die obligatorische Radtour

Der weitere Nachmittag bestand aus der Weiterfahrt mit dem Rad nach Viersen-Dülken, wo so rein gar nichts los war. Die tiefe Glocke vom Turm der kathedralartig überdimensionierten Kirche St. Cornelius schlug dumpf, vermutlich zu einem Requiem. Wir sahen aber niemanden hineingehen. Es für die Kleinheit des Ortes ungewöhnlich zahlreiche Lokalitäten, zumeist Italiener und Griechen, aber für eine Einkehr nach unseren Vorstellungen war nichts rechtes dabei. Wir wollten nicht schon wieder so’n süßes Eis. Auf mit Nummernsystem nach niederländischem Vorbild beschilderten Wegen radelten wir mit einigen Höhenmetern durch den Wald wieder zurück nach Süchteln, um uns in Ruhe auf den Konzertbesuch vorzubereiten.

Konzert: Julia Hülsmann Trio

Der Saal im Weberhaus zu Viersen-Süchteln, 20 Minuten vor Konzertbeginn. Der Bassmann probt, das Publikum hat mit Jacken die angestammten Plätze markiert und ist wieder in Foyer entschwunden.

Beginn 20.30 Uhr. Wir waren viel zu früh.  Um 18.15 Uhr fanden wir eine Kneipe zum Abendessen, über welches mal wieder nur der Mantel des Schweigens und des Vergessens gebreitet werden muss. Danach hatten wir noch endlos Zeit, um mehrere öde Runden durch das um die Zeit ausgestorbene Süchteln zu drehen. Das Konzert selbst war natürlich enttäuschend. Das Warten im Foyer vom Typ 1970er-Jahre-Kolpinghaus war noch rheinisch-gemütlich-entspannt, die Musik aber nicht. Es ist immer das selbe: Studio-Produktionen klingen ausgewogen, meditativ, ätherisch. Live drehen sie dann alle übertrieben auf, wirklich alle, die wir bisher gehört haben. Julia Hülsmann spielte zwar technisch exzellent, aber ihre beiden Mitmusiker, vor allem der Drummer, machte alles kaputt. Heinrich Köbberling spielte auch nicht straight, sondern in einem Modus permanenter Variabilität und angestrengter Virtouosität, der uns auf die Nerven ging. Wir hatten das Gefühl, synchron in 2 Konzerten zu sitzen: Hauptsächlich ein Drum-Konzert und gleichzeitig ein Klavierkonzert, das gegen die Drums nicht ankommt. Der sehr mittig, unakzentuiert und knorrig klingende Schimmel-Flügel setzte sich nur bei dem schönen Stück „The Water“ etwas durch. Zur Pause verließen wir die Location, ein Schulaula-artiges Fossil des frühen 20. Jahrhunderts mit einer Bühne wie beim Kasperle-Theater, und gelangtem mit Umweg über einen REWE-Markt wieder ins Hotel, wo eine Zeitlang noch das Rumpeln aus der unter unserem Zimmer liegenden Küche zu hören war.

Der zweite Tag – Samstag, 19. Mai 2018

am Tag der Hochzeit von Prince Harry

Nach dem ausgedehnten Frühstück und mehrmals umgeschmissener Tagesplanung machten wir uns mit dem Auto auf den Weg zur Napoleonschleuse an der B 221. Nach der Besichtigung des Bodendenkmals „Schleuse“ radelten wir durch den auigen, schattigen Wald bei reichlich kühler Temperatur unter grauem Himmel um die Torfseen Richtung Schloss Krickenbeck. Oberflächlich bekamen wir einen Eindruck von der biologischen Station mit Info-Zentrum, aber ohne Einkehr – es war noch zu früh und es war nicht auf. Statt zum de Witte See weiterzuradeln, disponierten wir spontan um und schlugen die Richtung nach Venlo ein. In Venlo reichte die Lust und die Zeit sogar zu einem Besuch der Geschäftszone, wo das pralle Leben herrschte mit unzähligen Straßencafés, Wochenmarkt und belebtem, revitalisierten Maas-Ufer. Es gab Kibbeling mit Cola und einen Klamottenkauf. Ein Stück an der Mass entlang fuhren wir „oben rum“ wieder Richtung Napoleon-Schleuse zum Autoparkplatz am Wald. Es wurde immer sonniger und wärmer. Die sich bietenden Gelegenheit zu Koffie met Gebak waren nach unserem Geschmack zu rummelig, so dass dieser Tagesordnungspunkt überraschend an den de Witte See verlegt wurde. Die Ausflugskneipe, das Ufergrundstück, die Portionen Schwarzwälder Hirsch mit Kaffee werden aber keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, sie waren eher Pflichtprogramm. 16 Uhr war Abfahrt nach Paderborn. Die ETA 18.00 Uhr wurde auf die Minute eingehalten.

Impressionen vom zweiten Tag: Radtour durch die Nette-Auen und nach Venlo: