Samstag, 27. Juni 2020

Als Ersatz für eine stornierte Reise nach Wissant (mit Kent-Blick wie 2009) fanden wir 5 Tage vor Urlaubsbeginn eine Unterkunft in der Vineta-Stadt am südlichen Rand der Boddenlandschaft in MVP. Nachdem der Februar-Urlaub in Kappeln Olpenitz ohne Blog-Aufzeichnungen begangen war, soll jetzt im Sommer wieder berichtet werden. Für den ersten NRW-Ferientag wurden schlimme Verkehrsverhältnisse vorausgesagt, aber so voll war es gar nicht. Den von Google angekündigten Stau vor Lübeck umgingen wir durch einen kleinen Umweg über Ratzeburg an der Ratze (nur in der Nähe, nicht in). Den angeblichen Stau hinter Rostock auf der B105 umgingen wir über Bad Sülze, auch das nur aus einiger Entfernung. Weil wir uns aber verfuhren (infolge ungläubiger Missachtung der Navi-Ansage), bescherte uns das einen kurzen Abstecher zu einer echten unverfälschten Plattenbausiedlung in der Nähe der romantisch-ruhig-auig dahinflließenden Recknitz. Wir hätten dort zwei Wochen bleiben können, so schön war es. Bis zur Vineta-Stadt zog es sich über enge, holperige Eichen-Alleen, die für eine Radtour leider sehr ungeeignet sind.

Die Wohnung

Die mit raumhohen Erkern ausgestattete Wohnung unter dem Dach hat tatsächlich 4 Balkone, davon 3 begehbar. Am schönsten ist der Küchenbalkon nach Norden – also zum Hafen. Andererseits – es ist eben nur eine Dachwohnung mit Schrägen. Lt. dem Hersteller-Schild datiert der Schindler-Aufzug von 2011; da wird das Haus nicht viel älter sein. Hört sich vielversprechend an, aber die äußere Stilistik orientiert sich am sehr biederen Architekturgeschmack mit entsprechender Formensprache der 1990er Jahre. Völlig visionslos, wie der Investor so drauf war. 2002 sahen wir an dieser Stelle noch große Kohle-Haufen, die man vielleicht besser so gelassen hätte. Morgens kommen jede Menge ambulante Pflegedienste, um die Bewohner zu versorgen. Wer gehen kann, steht oder sitzt tagsüber bei Regen und Wind auf dem Bürgersteig vor der Arzt-Praxis in Erdgeschoss, denn ins Wartezimmer lassen sie wegen Corona keinen rein.

Die Vineta-Stadt

Zuletzt, bzw. überhaupt erst einmal waren wir 2002 hier. Es hat sich viel getan und es wurde viel Entwicklungsarbeit geleistet, ohne, dass es wie zuviel des „Guten“ wirkt. Damals gab es fast keine Gastronomie. Auch heute ist es noch nicht so übertrieben wie weiter an der Küste. Vineta Stadt lebt nicht zu 100% vom Tourismus, und das tut wirklich gut.

Wir kauften bei REWE ein und machten daheim eine gemütliche Kaffeepause. Später ein Rundgang am mittleren und östlichen Hafen. Dabei entdeckten wir im Speicher-Viertel eine traumhafte Ferienwohnung, zu der eine frühere Eis-Abfüllstation umgebaut war. In der Stadt gibt es eine Bäckerei-Café-Filiale von Junge, die wir auf den Schirm nehmen wollen. Das Abendessen nahmen wir selbst zubereitet daheim ein, unter Verstärkung eines Backfisch-Beigabe von einem gastronomischen Fischkutter.

Sonntag, 28. Juni 2020

Das dolle Wetter ließ ein Frühstück auf dem Balkon zu, aber es wurde schnell zu heiß. Am Vormittag brachen wir bei mittlerer Diesigkeit zu einer Radtour auf: Pruchten, Bresewitz, Meinigenbrücke, Zingst und zurück. Der ehemalige Bahnhof Bresewitz, unser „Dominizil“ Ostern 2002, schien seitdem in Stillstand verharrt zu sein, war aber bewohnt. Es zog uns nicht dahin zurück. Der gehbehindertet Kerl mit dem Aufsitzrasenmäher als Geländefahrzeug war nicht zu sehen. Die Meiningen-Brücke verfällt. 2002 war sie noch einseitig für den Autoverkehr frei, inzwischen gesperrt und quer zur Fahrbahn gedreht. Am schönsten war der Blick auf den einsamen Bodden mit Regenfront am Horizont und breiten Schilfzonen direkt im Blickfeld. Zingst, 2002 eher langweilig, war trotz Corona touristisch übergeschnappt. Kein wirklich schlimmes Ortsbild, aber zuviel, zu voll und zuviel Falsches. Ohne Einkehr oder Kauf ging es die 14 Km zurück, und kurz vor Heimkehr erwischte uns das näher kommende Regenband mit den ersten Tropfen. Der richtige Schauer kam erst, als wir oben waren und uns das ganze gemütlich aus unserer Wohnküche anschauen konnten. Am späten Nachmittag drehten wir eine stille Runde durch die stillen Gassen der Innenstadt. Am Hafen wohnten wir der Ankunft des albernen Schaufelraddampfers bei. Das Schaufelrad drehte sich, hatte aber keine Antriebsfunktion. Drei Leute stiegen aus. Auf einem anderen Fischkutter als gestern sollte es laut Kundenstopper an der Kaimauer Fischbrötchen mit Brathering geben. Wir betraten das Schiff. Ein Kerl war hinten am Brutzeln, die Alte vorne nahm sich reichlich Zeit, mit einem dreckigen Lappen rumzuwischen, was aber nicht der Reinigung diente, sondern um uns demonstrativ zu ignorieren, bis der Kerl rief „Da steht einer“. Sie kuckte uns dann mürrisch an und wir fragten mit Pieps-Stimme „Ist vielleicht ein Brötchen mit Brathering möglich“ worauf ihr der Kragen platze: „Wir haben überhaupt keine Brötchen!“ Wir entschuldigten uns und verließen den Kutter mit schlechtem Gewissen. Wir hatten Einheimische durch falsche Fragen beleidigt, was sicher die Zusammenarbiet der Bundesländer noch weiter beeinträchtigt. Der Abend war gelaufen.

Radtour nach Zingst

Montag, 29. Juni 2020

Super Wetter. Wir standen um 7 auf und holten Brötchen. Mittags Radtour von Ribnitz-Damgarten über Dearhagen-Hafen nach Grale Morry. Der Hafen machte nicht soviel her, dass sich ein Foto gelohnt hätte, aber immerhin gab es ein Fischbrötchen vom Kutter. Erfreulicherweise fing es dann an zu Regnen, aber nicht wirklich gefährlich. Wir schauerten erst 10 Minuten vor einem Damenklo, dann 15 Minuten unter einer doppelten Eiche, bevor die Sonne rauskam und wir die Fahrt durch den Wald nach Grale Morry fortsetzen konnten. Ziemlich viel Wald, ziemlich viel Volk. Man kann selten nebeneinander fahren. Bemerkungen über Beoabachtungen von Elektro-Radlern sparen uns wir hier, da unter den Lesern dieses Blogs zu viele ernsthafte Elektroradler sich gemeint fühlen könnten, was sie natürlich nicht sind. Trotzdem. Grale erschien uns etwas ernsthafter, seriöser und altehrwürdiger als Zingst. Die von daheim mitgegebene gehobene Speiseempfehlung „Waldhotel“ konnten wir leider aus Gründen unseres unrepräsentativen und unbotmäßigen Stylings nicht wahrnehmen – wir waren underdressed und wirkten abgekämpft. Wieder durch den endlosen Wald auf dem Ribnitzer Landweg, der in hochherrschaftlich-preußischer Zeit (falls die Preußen hier das Sagen hatten) als Reitweg zum Jagdauflug des Landgrafen, wenn nicht sogar des Kurfürsten diente, ging es zurück. In Ribnitz-Damgarten verzichteten wir auf die Realisierung der Kaffeegelüste, weil der Kellner sich plötzlich nicht mehr blicken ließ, und in Löbnitz auf das Fotografieren der Störche, die sich zum Schlafen gelegt hatten und kaum über das Nest kucken mochten. Wieder daheim in Vineta Stadt geschah zweierlei:

  • Ein putzmunterer Rentner machte uns darauf aufmerksam, dass der Parkplatz, auf dem unser Auto stand, kein öffentlicher Parkplatz sei. Wir gaben ihm vollumfänglich recht.
  • Es erreichte uns per Whatsapp die Nachricht, das Mäuschen eine neue Handy-Nummer hat. Wir gratulierten schriftlich.

Radtour nach Grale Morry

Dienstag, 30. Juni 2020

Heute war glatt nix los. Grau in Grau, stürmisch, kalt. Wir schlichen die Dammstraße entlang, als uns ein „Designer“-Haus auffiel. Während wir noch kuckten, kam die Mutter ** falsch: Omma! aus dem Haus und fragte nach unseren Wünschen. Wir äußerten unser Gefallen an der Architektur und sie erzählte aus ihrem Leben. Es handele sich, so erfuhren wir, um das Büro von Sybille und Christian. Sie selbst sei Juristin aber fände Architektur auch ganz schön. Wir waren drauf und dran, ihr einen Kaffee bei Junge auszugeben. Was uns besonders gefiel:

  • Fassade aus rostigem Corten-Stahl mit Schiebe-Laden zum Schattieren
  • Rankgerüst aus Baustahl-Matten
  • Schuppen – nicht der rustikale Holztyp aus dem Baumarkt, sondern in blanker Container-Ausführung
  • Palisadenzaun aus alten  Bahnschwellen

** Eine kritische Leserin dieses Blogs fand die Bezeichnung „Mutter“ – von uns als Synonym für Frauen aller Art verwendet – übergriffig, und daher tauschen wir aus gegen „Omma“.

Bau-Ideen by „Architektur & Gestaltung“

Mittwoch, 1. Juli 2020

Wetter erst doof, dann besser. Ab Mittag Radtour: Born am Bodden – Ahrenshoop – Wustrow – Born. Ca. 32 Km. Bei Gegenwind hin, mit Rückenwind zurück. Wir parkten gratis in Born und waren von der Niedlichkeit dieses Ortes überrascht. Eine Spur zu niedlich, aber ging noch; und nicht touristisch übergeschnappt. 2 nette kleine Segel- und Bootshäfen am Bodden. Wir erreichten das sagenhafte Ahrenshoop, das man englisch ausspricht wie etwa: „Ayron Shoop“. Jetzt laut sprechen „Ayron Shoop“. Uns war hungrig. An der Hauptstraße gab es die üblichen Fisch-Schnell-Imbisse, allerdings zu Hot Spot Preisniveau. Ein Stück Backfisch ohne alles : 9 € etc. Wir radelten ein Stück weiter und siehe da. Fischbrötchen, zu Normalpreisen. Hausgemachtes Eis. Wir stellten uns an und bestellten in der eben genannten Reihenfolge. Dann passierte nichts mehr. Vermutlich machte die Lady, welche an der winzigen Luke für die Essensausgabe zuständig war, erst mal Mittagspause inklusive Mittagschlaf. Dann kam die Überraschung: Das Brötchen mit Brathering wurde auf einem Pappteller mit Garnitur und echtem Besteck überreicht. Vor der Mittagspause aber noch das Eis in die Hand gedrückt, was beim Warten langsam schmolz. Das pappige Lachsbrötchen für die Mutter bestand überwiegend aus Zwiebeln. Wie man im Stehen vom Teller mit Messer und Gabel ist, kennt jeder von entsprechenden Empfängen mit Buffet. Wir matschten den Fisch in das Brötchen, verzichteten auf die vor Süßstoff triefende Garnitur und schlungen/schlangen alles auf Ex wie ein Hund runter. Das Eis erwies sich als Highlight: Unser übelstes Eis der letzten 35 Jahre. Echt jetzt. Wir mussten es nach dreimal abbeißen in die Büsche schmeissen. Weiter gings. Am Beginn des Hochufers Richtung Wustrow gerieten wir in einen Auftrieb von Neugierigen, die  sich das traurige Drama unten am Strand nicht entgehen lassen wollten. Ein Vater war just nach der Rettung seiner 2 Kinder ertrunken, wie die Ostseezeitung am Donnerstag schrieb, was zu dem Zeitpunkt aber noch nicht feststand. Das DLRG-Boot fuhr auf und ab, die Polizei erschien, später kreiste ein Hubschrauber. Eine Omma mit Rollator konnte plötzlich mit Bärenkräften die sandige Düne hochschieben, beflügelt durch die Gelegenheit, eine Sensation live mitzuerleben. Widerlich. In Wustrow besuchten wir die Kirche, wo wir 2002 mal den Turm bestiegen hatten. Nächste Besteigung: in 20 Minuten. Soviel Zeit hatten wir nicht. Am Bodden entlang ging es zurück zum Auto. Wir versägten sämtliche Elektroradler. Vor der Heimkehr machten wir noch einen Abstecher ins spätnachmittägliche Prerow, was auf dem Weg lag. Dort hatten Verwandte vor kurzem Urlaub gemacht, und wir wollten die Lage schecken. Den Bäcker, wo wir 2002 dreimal was kaufen wollten, und der jedesmal zu hatte, fanden wir auf Anhieb. Er hatte offen. Wallnuss-Gebäck, wir fraßen es auf der Seebrücke. Prerow hatte sich weiterentwickelt, wenn auch nicht so umfänglich wie das übergeschnappte Zingst.

Donnerstag, 2. Juli 2020

Der Stralsund-Tag. Mit dem Auto ging es an diversen Kranich-Beobachtungsstationen und Kranich-Informationszentren vorbei nach Parow, von wo wir mit dem Rad nach Stralsund wollten. Es ist immer schön, nicht mitten in einer Stadt plötzlich aufzuwachen, sondern sich mit dem Rad zu nähern. In Großmohrdorf, bekannt durch das dollste aller Kranich-Zentren, war die in MV übliche gepflasterte Dorfdurchfahrt dermaßen heftig gepflastert, dass uns vor Durchgeschüttelt-Werden eines der Fahrräder vom Träger fiel und nur noch an der Reifen-Schlaufe am Auto festhielt. Bei der Gelegenheit hatten wir das Gliederschloss verloren, was wir auch nicht mehr wiederfanden. Ebenfalls wurde das Rücklicht abgebrochen. Nun ja. Nicht so schlimm. Küstennah radelten wir auf die City zu. Endlich kamen wir mal an einem Ernst-Thälmann-Denkmal vorbei. In wirklich jedem Ostkaff gibt es eine Ernst Thälmann-Straße. Er ist dort Nationalheiliger, vergleichbar nur mit Kurt-Schumacher, für den es überall im Ruhrgebiet Straßen gibt. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass wir im Osten kaum Rosa-Luxemburg Locations gesehen haben. Zu ihr passen auch eher Plätze, weniger Straßen. Ähnlich ist es im Westen mit Willy Brandt. Der Ärmste muss meist für Plätze vor runtergekommenen Bahnhöfen herhalten. Dritter im Bunde der Obligatorischen ist – nochmal im Ruhrgebiet – der Obergewerkschafter Hans Böckler. Die Stadtväter waren jahrzehntelang alle stramm auf SPD-Kurs. Am Hafen hatte man das Segelschulschiff George Fuck I. ein paar Meter weitergeschleppt. Uns kam es vor, als läge es schon immer dort. In Stralsund verspürten wir Hunger, wussten zunächst aber nicht, was und wo. Schließlich landeten wir im Pavillon-artigen Anbau des Speichers neben dem Ozeaneum. Gepflegt, groß, durchgestylt, leicht verpennt, lecker und nicht zu teuer. Nach dem Essen Weiterradeln über die alte Rügen-Brücke nach Altefähr, wo wir etwas abhingen, bevor es den ganzen Weg retour ging. Dabei musste viel grobes Kopfsteinpflaster bewältigt werden, was an den Nerven und Kräften zehrte.

Radtour Stralsund und Altefähr in Rügen

Freitag, 3. Juli 2020

Auf dem Plan stand „Warnemünde“ und die Frage war nur noch, bis wieweit wir nach dorthin anreisen sollten. Wir entschieden uns für Rövershagen an der B 105. Mit dem Rad ging es endlos durch den Wald. Trotz Landkarte und Google Maps mussten wir uns mehrfach bei Einheimischen durchfragen, genauer gesagt sprachen sie uns an, ob unseres verstrahlten Blickes. In Hohedüne kamen wir an einem riesigen Areal der Bundesmarine vorbei, welches nicht neu aussah und früher wohl der NVA gehörte. Schaurig. Mit einer Fähre ging es über die Warnow, wo wir dicke Schiffe kreuzten. Warnemünde ist das Travemünde des Ostens, aber mit wesentlich mehr Rummel. Da mochten wir natürlich nirgendwo einkehren, sondern schnappten uns das obligatorische Fischbrötchen zum Verzehr irgendwo im Abseits. Schnell ging es auf fast gleichem Weg zurück. Die rumpeligsten Waldabschnitte sparten wir uns und nahmen direktere Strecken an der Straße entlang, was auch ok war. Auf dem Rückweg lag noch ein spontanes Eis auf dem Marktplatz von Ribnitz-Damgarten drin, sowie ein Stop beim Storch an der B 105 bei Löbnitz. Später halfen wir der Mutter beim Einholen bei REWE, und verfehlten dort beim Altglas-Rückgabe-Automaten dank Maske und beschlagener Brille das Einfüllloch, sodass die Bierflaschen vor dem Automat zerdepperten. Wir fragten nach Besen und Kehrblech, um den Schaden zu beseitigen, aber die REWE-Crew wollte uns den Job nicht machen lassen, sondern selbst übernehmen.

Rummel und Maritimik in Warnemünde

Samstag, 4. Juli 2020

Endlich Wochenende! Die Wetterdienste versprechen ganztägigen Regen, und die Bauern brauchen Regen. Bisher regnet es jedoch überhaupt nicht, und wir glauben es erst, wenn es soweit ist. Bis dahin gönnen wir uns ein schönes Frühstück – siehe Foto: Es gibt Kaffee aus der heimischen Kanne, eine der beständigsten Konstanten unserer Urlaube. Sie ist immer dabei. Nur einmal (2019 Espergæde) vergaßen wir das Rübenkraut und mussten auf der Stelle wieder abreisen. Hier auf dem Bild ist es fast alle, und wird durch Dosen-Schrägstellung fachgerecht ausgequetscht. Danach werden wir die Dose reinigen, auseinander schneiden und abheften. Auf dem Dachboden bewahren wir ganze Aktenschränke von abgehefteten Rübenkraut-Dosen auf, vermutlich mehrere Tausend. Die Ostsee Zeitung titelt: „Daumen hoch für Hansa“. Hansa Rostock kann in der Relegation von der 3. in die 2. Liga aufsteigen. Man wird sehen. Bei Bäckerei Kühl am Marktplatz hatten wir zuvor ebendiese Ostsee Zeitung zusammen mit 2 Brötchen gekauft. Das Personal dort war pampig wie immer, vielleicht eine Spur pampiger wegen Wochenende. Verkaufspersonal wird in MV wahrscheinlich im Pampigkeit extra geschult, um das Image der Bevölkerung zu wahren. Und why auch not.

Außen-Wartezimmer Arztpraxis

Wir waren zu Fuß zum Bäcker angereist. Vorbei an der Hafenpraxis, die heute allerdings aus welchen Gründen auch immer geschlossen war, erkennbar daran, dass keine Patienten auf dem Bürgersteig Platz genommen hatten. Die Hafenpraxis heißt nicht nur so, sondern ist tatsächlich Drehort der seit Jahren laufenden ARD-Vorabendserie „Hafenpraxis“. Von Mo bis Fr wird gedreht, und oft kann man Realität und Fiktion nicht auseinander halten. Wir befinden uns in Staffel 8, Folge 5 (Jede Staffel hat 13 Folgen). Letzte Woche war die Handlung etwa so: Praxis-Inhaber Dr. Heiko Hübner (also ein waschechter Ossi) war auf der Suche nach einer Urlaubsvertretung auf den jungen Arzt Mirko Rochow reingefallen, der nicht nur keine Approbation besaß, sondern weder Medizin studiert hatte, noch ein Abitur vorweisen konnte, aber dazu später. Rochow hatte es nur auf die nicht mehr ganz junge Arzthelferin Schwester Hildegard abgesehen (vielen Zuschauern noch bekannt als Oberschwester aus der Spital-Serie „Schwarzwaldklinik“ (1985–1989). Als der falsche Vertretungsarzt Schwester Hildegard an den Hintern griff, riefen aufgebrachte Patienten Hübner auf dem Handy an, und dem Betreiber der Hafenpraxis platzte angeblich der Kragen. (Können Krägen wirklich platzen ?) Mehr wird hier nicht verraten.

Am späten Nachmittag drehten wir mit dem Fahrrad bei leichtem Nieselregen eine letzte Runde durch die mittlerweile lieb gewonnene Vineta Stadt und kreuzten dabei mehrere Male die ehemalige Bahnlinie Vineta Stadt – Pruchten – Meiningenbrücke – Zingst – Prerow. Wie wir der Presse entnehmen durften, stehen alle Zeichen auf Wiederherstellung der Linie in den nächsten 7 Jahren. Das Geld sei da. Wir kauften beim rot-gelben Netto (ja, es gibt hier auch den schwarz-gelben, der, bei dem der Kamm auf der Butter liegt) letzte Dinge ein. Hier ein paar Bild-Impressionen.

Vineta Stadt am Samstag Nachmittag

Noch ein Wort in einer anderen Sache.

Heute lasen wir in der Ostseezeitung, Lokalausgabe Ribnitz-Damgarten (Einheimische sagen Rimidaga), dass bei Klockenhagen ein Kalb gerissen wurde. Wahrscheinlich von einem Wolf. Schon im April hatte der Wolf in Klockenhagen zugeschlagen, und der Riss vom Herbst 2019 kann ihm womöglich auch zugeschrieben werden. Sehr beunruhigende Nachrichtenlage. Bei Klockenhagen denken viele von euch natürlich sofort an den Eselhof Klockenhagen mit seinem niedlichen Jung-Esel, den man gegen gezahlten Eintritt gerne knuddeln darf. Wir selbst sind in der einen Woche unseres Aufenthaltes hier im Kreis Rügen-Vorpommern beim Durchqueren der großen, einsamen Wälder zweimal bis auf ca. 300 Meter der kleinen Siedlung – Dorf zu sagen wäre übertrieben – Klockenhagen nahe gekommen. Und es war wahrlich kein Schäferhund, der in ca. 30 Metern Entfernung durchs Unterholz kletterte. Aber Esel gelten als furchtlos und tapfer.

Was bleibt ?

Nach großen Ereignissen und einschneidenden Erlebnissen steht oft die Frage im Raum „was bleibt?“ War das schon alles ? Unser Urlaub in der Vineta Stadt ist vorbei. Schade bzw. nicht schade. Was bleibt ist leicht zu beantworten. Wir hatten am Samstag, 4. Juli bei REWE in Vineta Stadt noch voller Hoffnung auf einen schönen selbstgezauberten Früchte-Yoghurt eine Tüte Dr. Oetker Vanillezucker gekauft. Es kam nicht mehr dazu. Die Tüte Vanillezucker wurde nun datiert und kommt ins Archiv. Das wars.

Epilog

Am Sonntag, 5. Juli 2020 um 7.55 Uhr verließen wir das Haus, ohne uns nochmal umzuschauen. Der Storch in Löbnitz schlief noch. Um 16.30 kamen wir daheim in Paderborn an, 75 Minuten später als ETA. Dazwischen: Ein kurzer Stop an der Hafenkante im menschenleeren Rostock, ein scheußlicher Coffee-to-go ebendort zum komischen Preis von 2,09 €, endlose Staus im Regen zwischen Hamburg und Osnabrück.