1999 · Lanchères Urlaub auf dem Bauernhof

By 24. Juli 1999November 8th, 2015unterwegs

Urlaub auf dem Bauernhof

Prolog

Wir schreiben diese Berichte aus dem Urlaub zur eigenen Erinnerung, später. Ausgewählten Empfängern wird das Tagebuch von unterwegs aus mangels eMail per guter alter Diskette unter Inkaufnahme der Zeitverzögerung zugeschickt, aber nur intimen Kennern, die die versteckten Anspielungen und die derben Übertreibungen in die eine oder andere Richtung einschätzen und interpretieren können. So ein Reise-Zwischenbericht mag für den auf Nachrichten Wartenden in der Heimat vielleicht immer noch besser sein als gar nichts (z.B.: „Schon was von D. A. gehört?“ „Nein. Uns schreibt der doch nie.“) bzw. lapidaren und stereotypen Urlaubskarten vom Schlage „Der Lorenz brüllt vom Himmel, wir haben alle schon einen Sonnenbrand, aber dafür fließt abends der Rotwein in Strömen. Bis bald, euer Dieter.“ Unsere Berichte vermischen möglicherweise in Grenzbereichen Realität und Fiktion, entsprechen aber immer der Wahrheit, d. h. der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit. Niemals würden wir Dinge schreiben, die wir nicht so meinen. Und es geht um Genauigkeit, um präzise Darstellung. Schön wäre es daher, vom Leser ein „Feedback“ zu erhalten: „Ja, ich habe gelacht.“  „Toll, das sehe ich genauso“. „Messerscharf, dieser Gedanke.“ Weniger schön wäre es, als einzige Reaktion zu hören: „Auf der Diskette waren aber Viren!“

Zum nachfolgenden Tagebuch: Es geht um den Urlaub vom 17.7. – 31.7.1999 in Lanchères bei Saint-Valery sur Somme im Departement 80, Somme, Nordfrankreich. Standort ist eine Ferienwohnung auf dem ehemaligen Bauernhof von Madame und Monsieur Auguste Dorthe. Die vorkommenden Ortsbezeichnungen mögen zunächst verwirrend wirken, sind aber in einem einfachen Koordinatenkreuz unterzubringen: Lanchères in der Mitte. 5 Km westlich liegt der armselige Badeort Cayeux mit grobem Kiesstrand, 6 oder 8 Km nördlich liegt an der sich zu einem riesigen Sand- und Wattenmeerbecken (Vögel-Schutzgebiet) ausdehnenden Mündung der Somme der etwas größere und kleinstädtisch wirkende Touristenort Saint-Valery mit etwas Infrastruktur, 10 Km südwestlich beginnt bei dem runtergekommenen Ort Ault die französische Kreide-Steilküste, an welcher nachfolgend noch einige andere Orte wie Mers-les-Bains, Le Treport, Criel liegen. Des Öfteren wird der Begriff „Lardons“ fallen. Das sind einfach Schinkenwürfel, die man ein bischen in der Pfanne mitbrät.

Samstag, 17. Juli 1999
Um Halb 10 fuhren wir in PB ab, um auf dem Weg in den Urlaub am Bahnhof noch eine „Zeit“ und eine „Page“ zu kaufen. Da merkten wir, dass wir nur 120 Mark eingesteckt hatten, was für die vielen Dinge, die wir während dieses Urlaubs allein auf deutschem Boden noch kaufen wollen, zu wenig war. Erste Umkehr nach Hause. Dann zu Potrykus, um ein Tacho-Kabel zu kaufen. Der Faulpelz hatte wie immer noch zu. Weiter zu Schwede. Schwede hatte. Danach zu Debus, um diesen kaputten Kompi abzuholen. Halb elf auf die Autobahn. Um 16 Uhr erster touristischer Höhepunkt: Wir machten genau an der Stelle, wo der Kanaltunnel im Untergrund verschwindet einen Abstecher von der Autobahn, hinauf auf das Cap Blanc Nez, wo wir vor vielen Jahren im Januar schon einmal waren, damals die einzigen. Uns umgab (wir sprechen von damals) eine kühne Stimmung, eine undurchdringliche Aura, heroisch schwiff unser Blick nach England, das man hier tatsächlich gut erkennen kann. William dem Conqueror konnten wir gut nachempfinden, wie er 1066 die Schlacht bei Hastings von hier aus vorbereitete und gewann (oder verlor, wer weis das so genau?) Tief unter uns, in der Ebene war im Dunst Wissant zu erahnen. Ein französisch-verbalhorntes ursprünglich holländisches Wort (Wit Sand, weißer Sand). Die vielen Bunker in den Dünen – was müssen sich hier während der deutschen Besatzung für Dramen abgespielt haben. Heute – am 17. Juli 1999 ist alles ganz anders. Das Cap Blanc Nez ein gesuchtes Ausflugsziel. Viel Rummel, Frittenbuden, Karussel, Belgier und Tommies. Die Insel ist im Dunst natürlich nicht zu sehen. Ohne etwas zu kaufen oder zu machen fahren wir weiter, aber nicht direkt auf die Autobahn, sondern über Wissant. Hier spielte der schaurige Roman von Elisabeth Appelmans, in dem es um ein heruntergekommenes Hotel, um dessen hartherzigen Besitzer, um nächtliche Spukgeschichten, um die unerfüllte Liebe zu einem Kerl vor dem Hintergrund des kargen Lebens in den 1960er/1970er-Jahren hier an der äußersten Nordspitze Frankreichs ging. Zwei oder drei Häuser hätten durchaus Schauplatz des Hotel-Epos sein können. Doch in Wissant ging es keinesfalls schauerlich zu, sondern bärig-überlaufen. Wir machten, dass wir weiterkamen. Die nun folgende Landschaft war sogar von der Autobahn aus als spannend und abwechslungsreich zu erleben. Beklommen näherten wir uns dem Ziel. Jeder hatte auf seine Art Angst vor dem Begrüßungsritual; und so losten wir aus, wer die Begrüßung mit drei Luft-Küsschen machen musste und wer dagegen das Haus durch den bereitgehaltenen unterirdischen Tunnel betreten durfte. Es war dann schließlich halb so schlimm. Madame und Auguste Dorthe (Dazu später mehr) waren überaus freundlich, luden uns auf der Stelle zu Kaffee und Keksen ein und wir stammelten irgendwelche Banalitäten in Französisch daher.
Nun folgt natürlich das unvermeidliche Gemecker über das Haus. Es hat keine benutzbaren Garten/Terrassenplätze, nur öffentliche Bühnenplätze. Kein Radio, Telefon, Fernsehen. Keine gemütliche Beleuchtung. Keine Schallisolierung zu den Dorthes. Aber: Blick in einen sonnigen Gemüsegarten mit Backsteinmauer drumrum. Hortensien vor dem Schlafzimmerfenster. Rosen vor dem Küchenfenster. Altmodische Einrichtung. Der Supermarkt (Intermarché) war genau zwischen den zwei Straßenkreuzungen vor den Toren Saint-Valery‘s, wo wir ihn zuhause vorhergesagt hatten (Oppa kann das bezeugen). Darauf waren wir mächtig stolz. Einkauf für 260 Francs, bar bezahlt, Karte nicht benutzt. Die Franzosen sind vorbildlich bei der Preisauszeichnung in Euro. Überhaupt sind sie große Europäer, die blaue Fahne mit den 12 gelben Sternen hängt überall gleichberechtigt neben der Trikolore. Unsere erste rein touristische Aktivität bestand aus einer Fahrt nach Cayeux. Kein Sandstrand, nur relativ steil abfallender grober Kies. Eine endlose Reihe von gleichen Strandhäuschen, dicht an dicht nebeneinandergestellt warteten auf Benutzer. Es war nix los. Ein paar Jugendliche auf Mopeds, ein paar Frittenbuden mit lauter Musik. Kein netter Gesamteindruck, sondern das Ergebnis von jahrzehntelanger Fehlplanung und Improvisierung. Null Scharmanz. So schnell kann man ein Vorurteil fällen. Denn einen Tag später, um dem vorzugreifen, erlebten wir Ault, und gegen dessen Trost- und Lieblosigkeit, Verfall und Aussichtslosigkeit war Cayeux die Scharmanz pur.

Sonntag, 18. Juli 1999
Tour 1 führte uns auf Umwegen erneut nach Cayeux. Um Mittag war es dort sehr bärig, wohl weil das an Sommer-Sonntagen in allen französichen Küstenorten so ist. Wir tranken eine relativ billige belgische Cola, 10 Francs, und radelten auf einem geheimtippigen Schleichweg durch die Pampa zurück nach Hause. 16 Km. Mittagessen daheim: Carbonara und Salat. Tour 2: Wieder mit dem Rad (33 Km) durch die hügelige Landschaft und sonntäglich verpennte Dörfer, zwischendurch an der kanalisierten Somme entlang nach Saint Valery. Auch dort war es erwartungsgemäß bärig und nicht mehr vergleichbar mit unserem Stopover damals im März des Jahres 1990. Alle Kneipen voll, die Hafenpromenade voll, und es waren nicht die Reichen und die Schönen, die hier Aufenthalt machten, sondern die Alten, Armen und Dicken. Wir kauften für 8 Francs eine Kugel Eis (1,20 € für eine winzige Kugel und einem Hörnchen aus Styropor, denn die Waffelhörnchen gibt es erst ab 2 Kugeln) und schmierten uns von Kopf bis Fuß damit zu. Eine Kugel Eis=zwei zugeschmierte Menschen. Zu diesen gehörte auch die achtsame Brigitte. Doch durch geschicktes Drapieren eines Lappens konnte sie den schlimmsten Eindruck vermeiden. Am Ende des Ortes bediente zu unserer Überraschung in einer runtergekommenen Strandspelunke eine Epigonin von, Marlies S., dem von allen männlichen Bediensteten der Universität Paderborn angehimmelten Sauf- Radel- und Tratschwunder. Wir kauften ihr ein Bier und ein Perrier ab. Etwas ermattet gingen wir die letzte Etappe nach Hause an, noch 8 Km. Was war am schönsten? Die Dörfer in den Bergen. Felder, Pappeln, Idylle, Pferde, kläffende Köter, muhende Kühe. Tour 3 nach dem Abendessen. Diesmal mit dem Auto, nach Ault, wo der flache Abschnitt aufhört und die 12o Km lange Steilküste beginnt. Man sollte meinen, so ein Ereignis hätte es in sich, aber weit gefehlt. In Ault waren wir übrigens damals auch schon mal, nachmittags gegen 15 Uhr, zielsicher steuerten wir das beste Restaurant am Platz an und fraßen einen kleinen Salat mit Lardons. Wir fuhren zurück und behielten Ault bis heute in guter Erinnerung. Nun aber war es nicht wiederzuerkennen. Hier waren nicht die Schönen und die Reichen, auch nicht die Alten, Armen und Dicken unterwegs, sonder gar keine, bestenfalls die Kaputten. Wir machten einen langen erschütternden Erkundungsgang (innerhalb des Ortes) an der aufsteigenden Steilküste entlang und kamen irgendwann deprimiert zum Auto zurück. Festgehalten wurden ein paar zweifelhafte Sonnenuntergangsfotos. Unsere Wirtsleute waren den ganzen Tag emsig damit beschäftigt, Gäste zu bewirten. Es wurde von morgens bis abends gekocht, bewirtet und aufgetischt. Selbst wir bekamen etwas ab, nämlich kleine selbstgebackene Taschenkuchen mit Puddingfüllung und Schokoladenüberzug. Waren es Petit Fours? Waren es Scones? Trotzdem – der Aufenthalt unter den Augen der gütigen, jedoch gestrengen Wirtleute ist nicht sehr erholsam für uns kontaktscheue Wesen. Ständig muss man Bonjour, Merci, Ca va etc. sagen und oui auf Fragen antworten, von denen man kein Wort verstanden hat.

Montag, 19. Juli 1999
In der Nacht hatte es geregnet, was den „Bauern“ ungemein gefreut hat. Morgens war es etwas kälter als sonst. Wir mussten zunächst Bürokram erledigen, das heißt den Köppen von der Agentur in Amiens klarmachen, dass sie aus uns keine weiteres Geld herauspressen würden können und dem Oppa schonend beibringen, dass er unsere weitreichenden Sonderwünsche von der Heimatbasis aus erfüllen muss. Dazu begaben wir uns schräg gegenüber zur Post, wo nach einigem Warten eine Omma aus dem Hinterstübchen erschien und bedauernd bekannt gab, dass sie kein Fax verschicken kann. Nur in Saint Valery möglich.

Unsere katzenfreundlichen Wirtsleute haben uns unter Kontrolle, nicht wir sie. Und weil sie, wie gesagt, „den Freundlichen machen“, kommen wir formal nicht dagegen an. Statt dessen verschanzen wir uns auf der unbequemen Fensterbank zum Garten hin, hocken den ganzen Tag in der dunklen Küche und lauschen dem lauten Straßenverkehr und vor allem einem völlig durchgedrehten Hund in der Nachbarschaft, der unentwegt Geräusche von sich gibt, die sich wie eine Mischung aus schmerzhaften Gejaule, Bellen und Lachen anhören. Den Verkehr vor der Tür zu wissen, ist eigentlich ganz schön. Er gibt einem die Illusion, es wäre Sommer und es wäre damals und man dürfe das Glück genießen, mitten in Frankreich, zum Beispiel an der Hauptstraße zwischen Bourges und Montlucon zu verweilen und den nie abreißenden Strom der Reisenden hörend zu vernehmen bzw. selbst ein Teil dieses Stroms zu sein, auf dem Weg in den Süden. Ganz Paris ist unterwegs. Man befände sich im Jahr 1967 oder 1977. Die Straße führt an zahlreichen Restaurants vorbei. Wir haben sie schon öfter beschrieben und idealisiert. Parkplatz vor der Tür, viel Leuchtreklame, Efeu- oder Weinbewachsene Fassade. Drinnen ein schlichter Saal ohne viel Deko, eng gestellte Tische, Mutter und Tochter bedienen schweißüberströmt. Hunde der anderen Gäste betteln am Tisch. Mittags hält man einfach an und bestellt Steak, Frites, Salad für 12 Francs, was umgerechnet damals noch etwa 4 € waren. Das teure Menü für 18 Francs konnten wir uns niemals leisten. Die Fritten sind lecker, das Steak extrem blutig, aber im Urlaub denkt man Augen zu und durch, und die Salat-Sauce irgendwie anders als man sie zu Hause macht. Zur Überraschung gibt es noch eine Crème Caramel. Ein leckerer Weißwein gefährdet fast die Weiterfahrt. In Wirklichkeit sind wir aber nicht mitten in Frankreich, sondern am äußersten Rand, an der Nordspitze. Zwar liegt London näher als Paris, aber der Verkehr, dessen nie abreißende Geräuschkulisse durch die Hofeinfahrt zu hören ist, klingt verdammt wie damals, mitten in Frankreich. Es ist der spezielle Asphalt, der, mit speziellen Reifen überrollt, diese speziellen Geräusche erzeugt. Sie klingen völlig anders als etwa die Autogeräusche an der B64 zwischen Rietberg und Delbrück.

Den Mittag verbrachten wir in Valery. Es galt, das Fax an den Oppa zu schicken, damit er uns ein Paket mit Nachschub zur Verfügung schickt. Wir kamen um 12.15 an der Post an und sie hatte bis 14 Uhr zu. Daher gingen wir langsam zurück bis zum Restaurant Minigolf und beschlossen spontan, Moules Frites zu essen (Udo noch mit Fischsuppe vorweg). Alles sehr lecker, Fischsuppe mit Knobi-Sauce, geröstete Brotkrümmel und Käse. Der Postaufenthalt brachte trotz halbstündiger Bemühungen nichts zustande. Entweder sie konnten mit dem Fax nicht umgehen oder Oppa hatte kein Papier drin. Also fuhren wir erstmal nach Hause und ruhten etwas. Die zweite Fahrt führte zum Supermarkt auf freiem Felde vor den Toren Valery‘s und dann entgegengesetzt nach Cayeux. Wir wohnten passiv dem Strandleben bei und kauften noch ein paar Sachen. Die natürliche Fortbewegungsart am Strand ist der Eiertanz, weil auf dem groben Kies mit Barfuß nichts anderes möglich ist.

Mutter Dorthe wetzte ständig zwischen Hauptküche und Hilfsküche schräg über den Hof hin und her. An Mittagsschlaf war nicht zu denken, weil deren Salon direkt an unser Schlafzimmer grenzt und drinnen laut schandalt wurde. Erst am späten Nachmittag kehrte für eine Stunde etwas Ruhe ein. Nach einem sehr leckeren Frisée-Salat mit Lardons und Schnittchen ging es zu Fuß auf die Suche nach einer Telefonzelle. Eine, neben dem Rummel, war dauerbesetzt und eine andere, am entgegengesetzten Ende des Dorfes, gab es nicht.

Dienstag, 20. Juli 1999
Am Morgen regnete es immer noch, die Bauern triumphierten.
Die Nacht hatte einen ersten brauchbaren Traum geliefert: „Brigitte, Oppa und Udo standen kurz davor, eine Gemeinschaftspraxis zu eröffnen. Brigitte war für Fußreflexzonenmassage zuständig, Oppa für Psychotherapie und Udo machte Verwaltung, Marketing, Werbung. Unklar war der Standort. Sah es erst so aus, als wäre die Praxis an der Hauptstraße in Willebadessen, so stellte sich später heraus, dass es in Altenbeken sein sollte, die Straße an der ehemals die Post lag. Allerdings kam es nicht zum praktischen Betrieb. Zu viele Hürden und Hindernisse waren noch zu überwinden. Es kamen viele Kindergarteneltern, die aber keine Fußreflexzonenmassage wünschten, sondern darauf hinwiesen, dass sie Engländer seien und vor Praxiseröffnung zunächst sichergestellt sein müsse, dass sie auch ein Testament machen könnten. Das sei nach englischem Recht aber nur in London wirksam zu hinterlegen. Brigitte musste nun mit Udos Hilfe herausfinden, wo in London die Behörde zur Testamenthinterlegung angesiedelt ist. Wir wussten es beide nicht, und wussten auch nicht, wen wir fragen sollten, Udo war sich aber ziemlich sicher, dass mit der Suche in der südlich der Themse liegenden Stadthälfte zu beginnen sei. Ein weiteres Problem vor Eröffnung war natürlich auch die Gestaltung der Internet-Seiten. Und so verzögerte sich das Vorhaben immer wieder bis zum Aufwachen aus dem Traum.

Der Mann/Knecht/Sohn/Bruder unserer Wirtsleute begab sich vormittags gegen alle geltenden Regeln „in die Bohnen“ und pflückte. Haben wir nicht bei der Miss gelernt: „Im Regen niemals“? Kennt er nicht den Mondkalender? Hat er noch nichts von Feng Shui gehört? Überhaupt, wer ist er? Das er der Hausherr ist, können und wollen wir nicht glauben. Dazu sieht er zu schlicht aus. Die beiden passen nicht zueinander, eher eine Zweck- und Notgemeinschaft. Sein Alter lässt sich schwer schätzen.

* * *

  • Theorie 1: Bruder
    Er könnte möglicherweise der jüngere Bruder von Madame sein. Ihr Ehemann starb früh, vielleicht sogar schon im Zweiten Weltkrieg, wo er in eine versehentliche Salve der Allierten geriet. Für diese Annahme spricht, dass Madame sich beharrlich weigert, englisch mit uns zu sprechen. Sie ist immer noch sauer, dass die Tommies ihr den Mann genommen haben. Oder er hatte sich als verhasster Kollaborateur mit den Deutschen verkalkuliert und wurde von den eigenen Landsleuten zur Strafe umgelegt, so Anfang 1944. Daher hat sie nichts gegen Deutsche. Sonst hätten wir am Sonntag kein Stück Kuchen abbekommen. Ihr Mann kann also nicht durch die Hand der Deutschen ums Leben gekommen sein. Doch darüber spricht sie nicht. Sie mochte dann nicht noch mal heiraten. Aber ein Mann musste schon her auf dem Hof, wie sollte es denn weitergehen? Zum Glück lag ihrem Bruder Auguste nicht viel an Frauen, was mit seinem schlichten Wesen zusammenhing. Auf dem Hof war er ganz passabel zu gebrauchen. So blieb es lange Jahre und heute pflückt er wie selbstverständlich die Bohnen.
  • Theorie 2: Sohn
    Madame war in jungen Jahren ein durchtriebenes Flittchen und bereitete ihren grundanständigen armen Eltern die Schande, mit 13 schon ein Kind zu bekommen. Das war 1938. Sie nannte ihn Auguste, in falscher Erinnerung an den nutzlosen Vater, der sich bereits Ende 1937 aus dem Staub gemacht hatte, wir vermuten nach Algerien. Man hörte niemals wieder etwas von ihm. Freunde glaubten, ihn in den 50er Jahren gelegentlich in Paris auftauchen gesehen zu haben, aber er leugnete seine Identität. Mit ihrem Sohn Auguste hatte Madame es in den ersten Jahr schwer. Nachbarn, Verwandte, Freunde, alle schnitten sie. Doch je älter das Kind wurde, desto mehr wurde er von allen ins Herz geschlossen. Mit Recht: Einen so ehrlichen, freundlichen, hilfsbereiten Mann wie Auguste haben wir selten kennengelernt.
  • Theorie 3: Mann
    Auguste ist der Mann von Madame. Allerdings kam sie auf Umwegen zu ihm: Madame ist streng katholisch erzogen. Dafür spricht, dass es im Departement Somme sowieso sehr fromm zugeht, dass in unserem Schlafzimmer ein Kreuz über dem Bett hängt und dass Madame in den ersten 5 Minuten nach unserer Ankunft bereits bedauernd erwähnte, dass in Lanchères nur alle 4 Wochen die Heilige Messe in der Kirche gefeiert wird. Madame wurde also höchstwahrscheinlich von ihren gestrengen Eltern ins nächste Benediktinerinnen-Kloster gesteckt bzw. trat aus freien Stücken nach der bitteren Erfahrung einer unerwiderten Liebe in den Orden ein. Allerdings war die dortige Mutter Oberin ein derartiges Scheusal, dass Madame es im Kloster nur eine begrenzte Zeit aushielt (immerhin von 1942 bis 1950). Ihre damals als sehr lebenslustig in Erinnerung stehende Tante Jeanette riet ihr, ja hintertrieb es förmlich, dass Madame unter Gewissensqualen ihre Gelübde brach und wieder austrat. Sie wurde von den Eltern, die sich lange weigerten, mit ihr überhaupt zu sprechen, widerwillig aus Pflichtgefühl aufgenommen. Sie brauchte lange, um Ihr Gefühlsleben zu ordnen, ihre Beziehung zu Gott neu zu definieren. Zum Zeitpunkt, als sich trügerische Routine einstellt hatte, kamen jäh beide Eltern bei einem tragischen Jagdunfall unter nie ganz geklärten Umständen ums Leben, Madame bzw. damals korrekterweise Mademoiselle – stand plötzlich allein da. Das Ereignis war damals ein wochenlanges Thema der nordfranzösischen Presse. Wir werden das genaue Datum noch durch Studium der Grabsteine auf dem gegenüberliegenden Friedhof recherchieren. Leider war durch das 8-jährige Klosterleben ihre Libido versaut, sie suchte und fand nicht mehr den einen, der zu ihr gepasst hätte, sondern nahm, was kam, und das war halt unser Auguste.

Mittlerweile ist die Wolkendecke aufgebrochen, die Sonne scheint, wenngleich es auch noch ein wenig zu windig ist, um von schönem Wetter zu sprechen. Auguste hat die Regenjacke ausgezogen und sich von den Bohnen in die Zwiebeln verzogen, wo er, im klassischen hellblauen Arbeitsanzug, wie man ihn in ganz Frankreich bei Haus- und Hofarbeiten gerne trägt, zwiebeltypische Verrichtungen macht: Das heißt, er reißt sie aus dem Boden und legt sie zum Trocken hin, wie auch wir es gelernt haben.

* * *

  • Theorie 4: Knecht
    In den 1960er Jahren, als die Bürokratie der EU noch nicht so stark bis in jeden Bauernhof hineinregierte, lief es ganz gut und man brauchte für die viele Arbeit eine Magd und einen Knecht. Über den Verbleib der Magd ist wenig bekannt, sie war ungewöhnlich hübsch und wurde weggeheiratet, von einem Hallodri aus dem Nachbardorf. Der Knecht ist bis heute übriggeblieben. Nach dem Tod von Monsieur im Jahre 1974 (Grabsteinstudien werden dies sicher belegen) legte Knecht Auguste seine rollenbedingte Unterwürfigkeit allmählich ab und bekam Oberwasser. Er wurde mehr denn je gebraucht. Im Laufe der Zeit spielte er mit wachsender Selbstverständlichkeit den Hausherrn und trat so de Facto an die Stelle von Monsieur. Geheiratet haben die beiden allerdings nicht, dazu ist das Standes- und Klassenbewusstsein in Frankreich zu stark ausgeprägt. Aber sie ergänzen sich prima, spielen nach außen das Paar, und in katholischen Pfarrhaushalten geht ja bisweilen ähnlich zu.

* * *

Brigitte glaubte, es wäre kalt, doch das war es nicht. Madame und Monsieur verhielten sich unauffällig. Den Vormittag verbrachten wir mit Nebentätigkeiten: Lesen, Ansichtskarten schreiben, diese zur Post (schräg gegenüber) bringen, Mittagessen kochen – Möhren al dente mit Ingwer-Butter, Lardons und Pellkartoffeln, alles sehr lecker. Nachmittags musste was passieren. Doch nicht schon wieder Cayeux oder Saint Valery. Eine Radtour nach Abbeville, die Sub-Präfektur des Departements Somme, ca. 20 Km Somme-aufwärts gelegen, war das Gebot der Stunde.  Um 14.15 Uhr brachen wir auf. Es war heiter (abwechselnd Wolken und Sonne), gemäßigter Rücken- bis Seitenwind. Nach 10 Km wollten wir mit dem fotografieren anfangen und stellten fest, dass der Film voll war und der bereitgelegte Ersatzfilm noch genauso bereit auf dem Küchentisch lag. Schade, aber nicht ohne Chancen-Potential: Nicht geschossene Fotos bescheren automatisch ein Zeit-Plus. Wir vermeiden an dieser Stelle bewusst das langatmige Aufzählen von im Grunde doch nichts-sagenden Ortsnamen. Ausnahme: Cahon. Dort kamen ein kanalisierter Bachlauf mit Mühle, Bahnübergang, Bahnhof, Château, Kirche auf engstem Raum in gesteigerter Idylle so komprimiert zusammen, dass es erwähnt werden muss. Hinter Cahon ging es so steil bergauf, dass wir (vor allem manche) fluchend abstiegen und schoben, trotz 21 Gänge. Auf der anderen Seite des Berges schlug die an Fröhlichkeit schon nachlassende Stimmung ins Gegenteil um. Durst ohne Möglichkeit für Getränkenachschub, Orientierungslosigkeit – mehrere Versuche, die Somme zu finden, endeten im Gebüsch oder auf der Müllkippe, tiefziehende Regenwolken und die ersten Tropfen hätten fast zur Umkehr gezwungen, aber niemand wagte den Gedanken auszusprechen und so fanden wir die Somme und eine halbe Stunde später standen wir vor der Kathedrale von Abbeville. Es gab dort nicht viel zu sehen. Ein stark zerfressener Tympanon mit ehemals großartigem ikonografischem Programm, drinnen ein leergefegtes Gotteshaus und zugleich Großbaustelle. Wir schoben durch die Hauptverkehrsstraße auf eine Bar/Tabac zu, um dort etwas zu essen und zu trinken. Die City von Abbeville war offensichtlich das Ergebnis eines Nachkriegs-Wiederaufbau-Programms in den 50ern. Vermutlich von den Tommies bombardiert um die besetzenden Deutschen zu treffen. Da nimmt man als loyaler Abbeviller Einwohner ein Bombardement ja gerne hin. An der Bar stand von außen: „Butterbrote zu jeder Zeit (Sandwiches à toute heures“). Natürlich gab es keine Sandwiches, wir nahmen Vorlieb mit einem Quiche lorraine aus der Microwelle und einer riesigen Cola. Kaum saßen wir in dem verglasten Vor-Pavillon, fing es an zu regnen. Aber wir blieben cool und setzten darauf, dass es bei Weiterfahrt schon wieder aufhören möge. Und so war es. Um nicht die gleiche Strecke durch die Berge zurückzumüssen, entschieden wir uns für die schnurgerade Strecke an der kanalisierten Somme entlang. Die letzten der insgesamt 60 Kilometer fielen verdammt schwer. Der Abend verging mit essen, trinken, lesen, ohne das Haus noch mal zu verlassen.

Mittwoch, 21. Juli 1999
Etwas kälter als gestern, sehr stürmisch, wolkig, zunehmend heiter, abends wolkenlos. Vormittags kochen und essen, nachmittags Tour mit Auto und Fahrrädern nach Eu. Wir planten, über die Hochfläche nach Criel zu fahren und dann an der Küste entlang über Mesnil Plage (wo wir damals zwei Nächte verbrachten) nach Le Treport zu gelangen, dem touristischen Höhepunt dieser Nachmittagstour. Schon in Eu ging das Fluchen los. Mit Fahrrädern und ballastigem Gepäck (Regenbekleidung, Fotoausrüstung, Speisen und Getränke, Literatur, etc.) lässt sich kein anspruchsvolles touristisches Rahmenprogramm absolvieren, man besichtigt Kathedralen und Monumente vor Frust unkoordiniert nacheinander statt gemeinsam. Der Gegenwind wurde immer heftiger. Die Steigungen, um auf die Hochfläche zu gelangen, gerieten in einen mehrstelligen Prozentbereich. Nach 5 Km mussten wir zwingend umdisponieren, weil auf dem Feld vor uns etwas brannte und wir durch den Rauch nicht hindurchgekommen wären. Ein „leichter“ Umweg bot sich nicht an und so kürzten wir erheblich ab. Direktes Ziel war nun Le Treport. Zunächst steuerten wir den markanten Aussichtspunkt auf dem Felsen an. Direkt daneben befand sich nach wie vor das Hotel, aus dem wir damals nach erstem Augenschein mit der Ausrede „Wir holen eben schnell das Gepäck“ mit quietschenden Reifen geflüchtet sind, so schrecklich war es. Es schien noch in dem selben Zustand zu sein, nur die angeschlossene Kneipe hatte man aufgepeppt. Weiter nach unten. Treport im Sommer ist völlig anders als im März. Jede Menge Rummel, Andenkenbuden, Volk, Karussels. Der karge Eindruck seinerzeit war total umgedreht. Es hatte damals etwas sehr zeitloses an sich, man hätte ohne weiteres einen Film drehen können, der in den 1960ern spielt. Wir waren froh gewesen, an der Ecke zur Uferstraße eine Bar zu finden, die offen hatte, und wo wir frierend ein Stella Artois trinken konnten. Die Bar gab es noch, aber die Atmosphäre fehlte. Außerdem hatten wir ja immer noch die Fahrräder und das Gepäck als Klötze am Bein. Und so brachen wir den Treport-Aufenthalt ab und radelten zum Auto nach Eu zurück. Ergebnis: 17 Km. Erleichtert ging es in die zweite Runde: Wieder zur Kathedrale, diesmal zu Fuß und zu zweit. In der Krypta ruhten in steinernen Sarkophagen die Ritter von Artois und der Schutzpatron, von Eu, Ritter Lawrence o‘Tool, gleichzeitig im 11. Jahrhundert Erzbischof von Dublin. Über der Kathedrale wehten die entsprechenden Flaggen: Irland, Frankreich, Europäische Union und die eines benachbarten ehemals allierten Verbündeten und die eines benachbarten ehemaligen Erzfeindes. Geschichtlich stark bewegt bummelten wir durch die Fußgängerzone von Eu. Nach spontanem Abhören der Box war uns klar, dass der Oppa daheim das Gebot, hin und wieder aufmunternde heimatliche Worte per Box an uns zu richten, sehr ernst nimmt. Er scheut auch vor Texten nicht zurück, die sinngemäß lauten: „Hier ist soweit alles in Ordnung, der Blitz hat nicht eingeschlagen und es ist keine Post angekommen.“ Danke, Oppa, Danke. Du tust so viel für uns, was können wir für dich mal tun. In Mesnil Plage hielten wir einen Moment vor dem tollen Hotel von damals inne. Hier wohnten jetzt in der Saison die wenigen Reichen und Schönen, die sich überhaupt in diese Gegend verirren. Unter der Gesamtmasse der Reichen und Schönen sozusagen die Einäugigen und Blinden. Der Himmel war nun strahlend blau, die Felsen gaben eine beeindruckende Kulisse ab und wir mussten ständig anhalten, um die Aussicht zu genießen, die großen Wellen zu bestaunen und entsprechende Fotos zu machen. Immer wieder der Vergleich zu damals. Zum zweitenmal an diesem Nachmittag näherten wir uns Le Treport, um uns zu Fuß noch einmal alles genau anzusehen. Gekauft haben wir nichts. Nach einem Zwischenstop in Mers-les-Bains, die Partnerstadt von Beverungen, von wo es nichts zu berichten gibt, außer dass Mers nach unserem Eindruck genau wie Treport offensichtliche den Verfallsprozess stoppen konnte, kehrten wir gegen 20.30 Uhr geschafft von Kilometern, Sonne und Wind heim. Der Blick aus dem Küchenfenster zeigte, dass Monsieur in unserer Abwesenheit erstens einige Reihen römischen Salat gepflanzt, zweitens den Porree auseinandergepflanzt, drittens die Kartoffeln „ausgemacht“ hatte.

Donnerstag, 22. Juli 1999
Wetter: Kälter als gestern. Man kann sagen, mit dem Wetter ging es bisher überwiegend abwärts. Morgens: Strandbesuch kombiniert mit etwas Einkaufen in Cayeux. Sehr starke Wellen, das Meer grau-grün, wie aufgewühlter flüssiger Kitt. Wir machten ein paar Fotos. Von unten, von der Wasserkante den steilen Kiesstrand hinauf, sieht die Szene noch unwirtlicher aus. Mittags gab es Entrecôte, feine grüne Bohnen, vielleicht die besten Bohnen die es je gab, und Pellkartoffeln. Plötzlich trat akute Müdigkeit auf, die mit Schlaf bis um 15 Uhr erfolgreich bekämpft werden konnte. Nachmittags mit dem Auto nach Norden, über die Somme hinweg auf die andere Seite des Beckens, nach Crotoy. Es war die Zeit der absoluten Ebbe, und bei klarer Sicht war bis zum Horizont nichts als Schlick zu sehen. In Crotoy ging es verschlafener und ruhiger zu als in Cayeux. Alle Leute langweilten sich, weil in Crotoy gar nichts los war. Andenkenläden, Restaurants, an der Promenade das obligatorische Karussel. Wir gingen hierhin und dahin, beobachteten dunkle Wolkenbänke, die sich in einiger Entfernung über der Land bildeten und bewegten. Die einen fanden es schaurig, und andere wünschten sich genau das. Gegen 18 Uhr fuhren wir wieder zurück mit einem kleinen Abstecher nach Saint-Valery, in der Hoffnung, dort den schon öfter beobachteten Triumph TR2 zum Fotografieren vozufinden. Aber Saint-Valery bescherte uns neben zwei schönen Ansichtskarten nur den lange befürchteten Tritt in die Hundekacke. Beim Abendspaziergang zur Telefonzelle und durch die angrenzenden Kuhwiesen fing es an zu regnen. Wir sitzen nun bei einbrechender Dunkelheit am geöffneten Küchenfenster, schauen in den von Auguste gut bestellten Garten und vom wolkenverhangenen Himmel geht ein kleiner ländlicher Regen herunter, während wir auf dem kaputten Kompi an einem Text feilen: Entwurf für eine Postkarte an die Miss. (liebe mutter.doc)

Freitag, 23. Juli 1999, Hochfest und Namenstag des Hl. Liborius, begangen im Landes seiner Heimat, wenn auch nicht in seinem Department 72, sondern in 80.
Das Wetter schien sich gut zu entwickeln und so blieb es auch. Höhepunkt des Tages war eine kombinierte Auto/Radfahrt nach St. Riquier, einem Dorf in den Hügeln hinter Abbeville mit großem Kloster und spätgotischer Kathedrale, ein mittelalterliches Kulturzentrum ersten Ranges, gegründet im 6. Jahrhundert durch Abt Sowieso. Auf dem Hinweg nach Abbeville fotografierten wir die Stellen, die wir auf unserer Radtour ein paar Tage zuvor mangels Film in der Kamera nicht fotografieren konnten, gefolgt von  einer ausgedehnten Pause auf einer Wiese in den Auen an der kanalisierten Somme. Die kanalisierte Somme ist das Idealbild bukolisch-kontemplativem Kanallebens. Wenn ein Schiff kommt (Urlauber auf gemieteten Hausbooten), ist der Schleusen- oder Brückenwärter zur Stelle und bedient die Technik. Wir beobachteten, wie zwei Männer mit langen Stangen in der Runde gehend eine Mechanik zum Wegdrehen der Brücke bedienten, sodass das Schiff hindurchpasste. Neben der Brücke macht die Bahnlinie von Abbeville nach Le Treport eine Kurve und verlässt die parallele Kanal-Trasse in Richtung Berge. Ein Zug fuhr vorbei, den wir durch das dichte Gebüsch aber nicht sehen, sondern nur Rattern hören konnten. Auf der anderen Seite der Somme gab es noch eine weitere Bahnstrecke, sogar zweigleisig. Nach zwei Käsestullen fuhren wir nach Abbeville hinein und parkten neben dem Tor der Polizeikaserne. Mit dem Rad ging es weiter auf einer stillgelegten und angeblich zum Radweg umfunktionierten ehemaligen Bahntrasse Richtung St. Riquier. Nach zwei Kilometern wurde die Strecke ohne dass vorher irgendwelche Zwischenziele ansteuerbar gewesen wären, deutlich unwegsamer. Zentimeterweise arbeiteten wir uns durchs Gestrüpp voran (der Point of no return war bereits überschritten) in der Hoffnung, überhaupt noch irgendwo raus zu kommen. Tatsächlich erreichten wir die Landstraße nach St. Riquier. Dort angekommen, besichtigten wir nicht zuerst die Kathedrale, was ratsam gewesen wäre, sondern hängten uns auf die Außen-Bestuhlung eines Restaurants. Wir bestellten das billigste Gericht der Karte: Salat mit Speckkuchen. Beim Bier hatten wir die Auswahl zwischen drei Sorten: 1. (? (Nicht verstanden)) 2. Leffe – klang zu sehr belgisch. 3. Klöb-bäh. Wir fragten noch mal nach, aber es blieb dabei. „Klöb “ wird kurz gesprochen wie in „Röstkatoffeln“ und „~-bäh“ wie „I-bäh“! Eben Klöb-bäh. Man murmelt es so vor sich hin wie das Kult-Wort „Brünneken“ in Salzkotten-Verne. Kurz und gut, es handelte sich um das Produkt „Club“ (jetzt zu Mitschreiben: Klöb-bäh, weil in der französischen Aussprache-Logik ein Wort nicht mit einem harten b enden kann) der Biermarke Stella Artois. Wenn wir das gleich gewusst hätten. An den Salat brachten wir etwas Geschmack, indem wir jedes Blatt mit dem dazugestellten Semf bestrichen. Brigittes Salat enthielt keine große lebende Schnecke, daher hat sie auch alles aufgegessen. Nach dem abschließenden Café ging es kulturhungrig in die Kathedrale, deren Dölle unser Freund Steinhövel uns schon im Jahre 1993 gepriesen hatte. Vor dem Tor filmte ein Team von Television France3 ein japanisch/chinesisch oder asiatisch dreinblickendes Mädel. Als wir drin waren, kamen auch sie hinterher und machten mit der Filmerei weiter. Überall waren Scheinwerfer aufgebaut, nummerierte Zuschauerplätze, eine Bühne, Aufnahmetechnik, Vorbereitungen für abendliche Konzerte im Zuge einer Festwoche, für die es sicher keine Karten mehr gab. Das Mädel stellte sich auf die Bühne und fing an zu geigen, was das Zeug hielt. (Die Star-Geigerin Mae West war es aber nicht, Name vergessen). Obwohl wir versucht hatten, uns unauffällig zu verhalten und dem abwechslungsreichen Treiben noch eine Weile zuzuschauen, rannte der Hausmeister oder Regisseur hinter uns her und gab uns zu verstehen, wir wären in ihre Aufnahmen hineingeplatzt und sollten jetzt endlich verschwinden. Wir waren verstört. Nach einer verlegenen Runde zu Fuß durch den Ortskern sattelten wir wieder auf und fuhren locker, weil gut im Training, über die Hügel zurück nach Abbeville. (Vergleichbare Strecke: Paderborn – Marienloh – Neuenbeken – Dahl – Paderborn) Weil uns daheim nur der fuhrwerkende Auguste auf den Geist gegangen wäre, verzögerten wir die Rückkehr noch mit einer Bummel-Runde in der Stadt. Heute zeigte sich Abbeville von seiner schönen Seite. Es war sommerlich und geschäftig-belebt. In einer Straßenbar tranken wir ein „Pelforth blonde“ und gedachten schwermütig der Tatsache, dass zur Stunde in Paderborn feierlich 799 eröffnet wurde, so oder so ohne uns. Da es auch nach 18 Uhr noch sonnig und warm war, legten wir an der gleichen Stelle wie auf dem Hinweg an der Somme eine letzte Kuchen-Rast ein (Schweine-Öhrchen und Mandel-Croissant). Es kam kein Schiff und auch sonst passierte nichts. Nach dem Abendessen (daheim) war es noch nicht zu spät und wir legten einen Sonnenuntergang in Cayeux hin. Jener war zwar nur mittelprächtig, formal aber erfüllt. Weiter Richtung Cap Hourdel, einer Landzunge an der äußersten Spitze der Somme-Mündung. Der Weg dahin war unheimlich, und was wir nicht wussten, eine ausgewiesene Einbahnstraße. Auf dem Rückweg sahen wir die Sperr-Schilder und die Bullen, die Leute, welche die Regelung mißachteten, anhielten und fertig machten. Wir bekamen Angst und drehten um in Richtung Hourdel, wovon wir nicht wussten, ob es überhaupt erreichbar war oder ob wir aus dieser Falle jemals legal herauskämen. Im Dunkeln kamen wir zu Hause an und stellten fest, dass neue Gäste ihre Schrottkarre auf unserem Platz geparkt hatten: Norweger. Monsieur sagte, dass sie nur eine Nacht blieben.

Samstag, 24. Juli 1999
Den ganzen Tag wolkenlos, warm und windstill. Wir wollten nur etwas einkaufen, saßen schon im Auto, als Monsieur ankam und eine aufmunternde Bemerkung loswerden wollte. Wir antworteten unverbindlich improvisiert: Wir fahren nach Quend-Plage!. Und um nicht nach einer Stunde wieder zurückzusein und radebrechend Erklärungen abgeben zu müssen, warum wir doch nicht nach Quend-Plage gefahren seien (Wo wir gar nicht hin wollten, weil es dort, wie an allen französischen Stränden an den Wochenenden in den Ferien zu voll ist) haben wir spontan in den sauren Apfel gebissen und sind aus Verpflichtung tatsächlich dorthin gefahren: 45 Km hin und 45 Km zurück. Das leistet eine gute katholische Erziehung. Quend-Plage liegt 40 Km nördlich, der erstgelegene von uns erreichbare Sandstrand, und so ein Ziel will gut überlegt sein. Wir hatten weder Badeklamotten noch Handtuch noch was zu essen und trinken mit. Quend liegt in einer Dünen/Kiefern-Landschaft, wie Udo sie grundsätzlich nicht leiden kann. Das Angebot an Attraktionen war dürftig. Ein Ort, der nur im Sommer existiert. Strandbedarf, Fressbuden, Fritturen. Viel billiges Volk. Da wir auch nichts zum Einkremen bei hatten, war unser Auftritt bei zwar gemäßigten Temperaturen, jedoch brennender Sonne, zeitlich begrenzt. Weiter gings nach Mahon-Plage, 5 Km davon entfernt. Im Prinzip das Gleiche in grün, nur viel größer, voller Strand, kilometerweit kein freier Parkplatz, zuhauf schlimme Leute und insgesamt trotz schönsten Wetters deprimierend. Der kulinarische Teil der Reise bestand aus zwei mittleren Portionen Fritten mit Mineralwasser. Gegen 15 Uhr reichte es endgültig und wir begaben uns in angemessenere Gefilde: Nach Saint-Valery zwischen die beiden Schleusen am Ufer der Somme, wo wir im Schatten, im Grünen,  mit Blick auf den Fluss uns von der Strand-Strapaze ausruhten und dösend die friedliche Atmosphäre genossen. Gnag-gnag machten die Enten und fiep-fiep die Möwen. Die Schleuse war geöffnet und die Somme floss hinaus in die Bucht. Leider kam kein Schiff vorbei. Später, zuhause, kochten wir für den folgenden Sonntag schon mal die Spaghetti-Soße und stellten fest, dass Fremde auf unserer Terrasse saßen. Im Garten waren keine weiteren Veränderungen eingetreten. Nur der Salat macht uns Kummer. Morgens steht er leidlich frisch und aufrecht, als habe er sich bekrabbelt, ab dem Nachmittag hängt er schlaff am Boden wie wochenlang ohne Wasser. Nach so einem Nachmittag musste zum Ausgleich noch eine schöne Abend-Attraktion her, um den Tag nicht in Schieflage enden zu lassen. Wir fuhren also mit dem Auto 2o Km nach Mers-les-Bains, immer noch Partnerstadt von Beverungen. Auf der Hochfläche am Rande der Steilküste hat man einen sogenannten atemberaubenden Blick aufs Meer, auf das Tal Richtung Eu und vor allem auf Mers-les-Bains und im Hintergrund die abendlichen Lichter von Le Treport. Wir sahen einen Sonnenuntergang und fotografierten in den verschiedenen Stadien des „Dunkler-Werdens“ und „Lichter-Angehens“ alles kurz und klein. Zum Schluss machten wir noch einen Bummel über die Promenade von Mers, wo „schwer wat los“ war. Nur die Ufer-Seite ist schön. Von hinten hat man den Eindruck, dass die einzigen Aktivitäten in den letzten 5 Jahrzehnten der gelegentliche Abriss von irgendetwas war.

Sonntag, 25. Juli 1999
Gutes Wetter, aber sehr windig. Bis zum Nachmittag haben wir nur rumgeklüngelt. Die Spaghetti-Soße war o.k. Am Nachmittag wurde uns klar, dass wir uns nicht weiter so verschließen und verkriechen können. Da die Abreise der Norweger zu erkennen war, verhielt sich Udo auf der Terrasse präsent und quatsche sie an. Die Norweger, (Vatter, Mutter, große Tochter, kleiner Sohn, Mercedes E-Klasse) berichteten, dass es Ihnen bei Madame und Monsieur, in Lanchères und in Nordfrankreich überhaupt, gut gefallen hat. Sie sprachen kein Wort französisch, waren aber innerhalb weniger Stunden mit Madame und Monsieur per Du, und wesentlich vertrauter geworden als wir es je werden würden. Sie saßen in Madame‘s Küche und kuckten Fernsehen, während Madame deren dreckiges Geschirr abwusch. Wahnsinn. Sind alle Skandinavier so locker, oder nur die vor Öl triefenden Norweger? Norwegers waren über Holland, Belgien, Paris gekommen und schon wieder auf der Rückzug über England direkt heim nach Nowegen. Was es alles gibt. Sie hatten noch einen Tip für uns: Östlich von Cayeux hatten sie schönsten Sandstrand entdeckt. Und wir Doofmänner fahren 45 Km bis Quend!. Also ging es bald nach der Norweger-Verabschiedung mit dem Fahrrad nach Le Hourdel. Die Strecke war tödlich. Extremer Gegenwind und extreme Schlagloch-Strecke. 3 Mal verloren wir das Gepäck vom Fahrrad. Am Strand gab es tatsächlich einwandfreien Sand, allerdings kein Wasser. Das Meer war wegen Ebbe kilometerweit zurückgezogen und so dösten wir ohne Literaturkonsum, bis die meisten Leute weg waren und wir hektarweise Strand für uns alleine hatten. In Cayeux tranken wir noch ein Bier (Amstel). Wie bereits vermutet, hatten die Preise angezogen. Das Bier war von 11 auf 13 Francs gestiegen. Nach dem Abendessen waren wir noch nicht ausgelastet und machten eine kleine Fahrt nach Saint-Valery. Zunächst erledigten wir die immer wieder aufgeschobene Besichtigung der Oberstadt mit Kirche und kleinen Gassen. Das städtische Ambiente war derart stehengeblieben, dass uns sofort die Idee kam, hier könnte man einen Historien-Film drehen. Und tatsächlich! Es standen Wagen eines Film-Teams herum und die Häuser waren als Kulisse hergerichtet: „Feldkommandantur“ hieß eines, „Heeresabschnittsleitung“, Schilder mit der Headline „Im Namen des Führers“ etc. Hier wurde ein wunderbarer Nazi-, Wiederstands- oder Kriegsfilm gedreht. Ohne Verzehr und mit halbherzigen Fotos machten wir eine Runde am Hafen entlang und verschwanden wieder.

Montag, 26. Juli 1999
Wetter gut und sonnig. Im Mittelpunkt des Tages stand eine langgeplante Radtour von Abbeville Somme-aufwärts. Zwei Eindrücke herrschten vor: Durch und durch französisch, und, sehr, sehr auig. Eine Auenlandschaft, wie wir sie in der Ausdehnung noch nie und vom Eindruck her nur einmal erlebt haben (1990, am Kanal de l‘Ourcq entlang von Cambrai über St. Quentin bis Meaux (Der Kanal de l‘Ourcq geht noch weiter und endet mitten in Paris) Es war auch nicht präzise Meaux, sondern der Vorort Trilpot, wo wir vor dem Hotel/Restaurant „Chez Daniel“ keinen geringeren als Wolfram Siebeck, den Fresspapst der ZEIT, mit Jogginganzug (!) auf und ab tigern sahen. Pappeln, Wasser, Seerosen, Angelhütten, Enten, Stille. An einer Schleuse fraßen wir ausgehungert unsere Bagetts. In einem Dorf entdeckten wir ein kleines Restaurant etwas erhöht mit sonnigem Balkon und Ausblick auf die Somme. Manche Gäste aßen das Tagesgericht, viele ließen fast volle Teller zurückgehen und wir beschieden uns mit einem Stück Kuchen und einem Eis im Hörnchen. Vor der Tür stand ein MG. Ziel der Tour war ein Dorf weiter ein auf der Landkarte ausgewiesenes „Camp de Cesar“, was immer das sein mochte. Wir radelten die 4 Km dorthin, aber es gab nichts zu sehen. Während der Hinweg bisher unter strikter Vermeidung von vielbefahrenen „roten“ Straßen nur auf weißen Straßen und schotterigen Feldwegen im Zickzackkurs verlief (30 Km), fuhren wir zurück nach Abbeville auf der Roten, was viel schneller und kürzer ging, nur halt nicht so schön und ungestört. Gesamtleistung: 51 Km. In Abbeville hatten wir wieder vor dem Tor der Polizeikaserne geparkt. Die Nachbarn begrüßten uns bereits als alte Bekannte. Überhaupt wird viel mehr gegrüßt. Zunächst kühlten wir unsere roten Birnen im Schatten unter Bäumen ab, dann gönnten wir uns in einer Bar an der Ausfallstraße ein Bier zur Belohnung (Jupiler, 11 Francs), welches wir mit einem Mineralwasser verdünnten, was den Geschmack je nach Biersorte noch verbessert und den Genuss somit verlängert. Dieser Teil der Veranstaltung war in jedem Fall geplant. Der Barmann hatte sich seine Tätowierung wegmachen lassen. Daheim auf dem Hof gab es nichts Neues. Keine neuen Gäste, Madame und Monsieur hatten merkwürdigerweise die Tür zu und kuckten Fernsehen. Hätten auch wir unseren Fernseher von zu Hause mitbringen sollen? Vielleicht nein. Denn in Frankreich wird nach der SECAM-Norm gesendet, in Deutschland nach der PAL-Norm. Frage: Wie konnte dann in der DDR jahrelang Westfernsehen gekuckt werden, wo die DDR-Geräte doch aus purem BRD-Hass auch auf SECAM geeicht waren… In der Region war nun voll die Weizenernte im Gange. Überall dröhnten Mähdrescher und Trecker-Konvois mit Kippanhängern voll Korn.

Dienstag, 27. Juli 1999
Keine Bermerkung mehr über das Wetter. Es hat sich extrem stabilisiert. Die Getreideernte beherrscht die Szene. Alle zwei Minuten kommen riesige Trecker mit modernsten Kipp-Anhängern durch Lanchères gebrettert und man ist dankbar, dass die Bauern mit der Ernte Glück haben. Morgends klüngelten wir rum, mittags gab es Bratkatoffeln und Mörn mit Ginger. Der Nachmittag stand im Zeichen einer Fahrt mit dem Auto nach Mesnil-Plage und kurzem Abstecher von dort aus nach Criel, wo es keinen Geldautomat gab. Unser Geld war bis auf 20 Francs alle. Wir haben in den 10 Tagen bisher umgerechnet 250 Euro ausgegeben (in Form von ca. 1500 Francs, die wir zu hause in einer Schublade noch von früheren Aufenthalten gefunden hatten).
In Mesnil-Plage herrschte die angenehme heiter-verpennte Atmosphäre, die wir so lieben. Ein bischen los, aber nicht zuviel. Schönes Wetter, ankuckbares Ambiente, bestehend aus: Den Felsen im Nordosten, den Felsen im Südwesten, dem Kiesstrand dazwischen, ein paar Häuser auf den Hügeln und drei Kneipen. Wir versuchten zunächst, die scharfgezackte Felsenkante im Südwesten zu erklimmen. Leider war alles eingezäunt. Wir hofften auf ein Schlupfloch auf dem angrenzenden Campingplatz, auf dem nur Holländer und Belgier wohnten, nach Nationen strenge getrennt, doch nichts. Wir gaben daher auf und verlegten uns aufs Steine-Sammeln am Kiesstrand. Danach kauften wir antike Ansichtskarten um diese an Pütz zu verschicken, die Neues aller Art verabscheut. Auf der Terrasse einer Kneipe tranken wir Kaffee und Kuchen und freuten uns ganz allgemein. Nun ging es die besiedelte Klippe im Nordosten hoch. Die beiden letzten Häuser ganz oben machten einen merkwürdig verlassenen Eindruck. Bei einem sind wir mutig in den ungepflegten Garten gestiefelt. Die Schallosinen hingen auf halb acht, und als wir durch die offene Terrassentür ins noch voll eingerichtete Wohnzimmer blickten, waren wir uns der Verlassenheit nicht mehr so sicher und wichen verschreckt zurück. Beim nächsten Haus dasselbe, aber noch verlassener. Als wir hinter das Haus kamen, war uns klar, warum hier keiner mehr wohnte: Die Steilküste war durch Abbrüche im Laufe der Zeit immer näher ans Haus herangekommen und derweil mitten auf der Terrasse zum stehen gekommen. Der Estrich hing buchstäblich in der Luft. Tief beeindruckt machten wir ein paar Fotos und stellten uns sofort vor, wie die selbe Entdeckung am Abend oder in der Nacht gewirkt hätte, welche Psycho-Filme man drehen könnte etc. Der Abend verlief ruhig daheim.

Mittwoch, 28. Juli 1999
Das Wetter. Unser Tag stand ganz im Zeichen der bevorstehenden Reise mit dem Eurostar durch den Kanaltunnel nach London. Abfahrt 8.04 Uhr in Calais-Fréthun, Ankunft Waterloo Station bereits 8.45 Uhr, den ganzen Tag Bummeln in einer der wenigen wirklichen Weltstädte: New York, Paris, Tokyo, Rom, Singapore, HongKong, Sidney, Rio oder eben London. Trödelmarkt in Notting Hill, British Museum, National Gallery, Tate Modern und Britain, die City, Harrods, Liberty‘s, die Palmenhäuser von Kew Gardens, die Docklands, Turmbesteigung auf St. Pauls Cathedral, Andacht in Westminster Abbey, Hyde Park, Buckingham Palace, the Mall, das Wimpy Restaurant am Hay Market, das Fremantle House in der Gloucester Road, Bootsfahrten Themse-auf- und abwärts, Einkauf bei Habitat, Essen bei Conran, Abschreiten der mit Linkshändergitarren gepflasterten Shaftsbury Avenue und viele andere Dinge sollten absolviert werden. Rückkehr 16.48 Uhr. Brigitte war nach anfänglichen Bedenken unter Vorbehalt mäßig begeistert. In Abbeville auf dem Bahnhof sollten die Fahrkarten gekauft und die Reservierung vorgenommen werden. Vorher war die Mittagszeit und wir beschlossen, in Saint-Valery noch mal beim Minigolf-Restaurant schick zu essen. Ficelles de Picardie (Überbackene Crèpes nach Art der Gegend) waren schon mal nicht zu kriegen. Die Tagesplatte bestand u.a. aus Meeresfrüchteauflauf, vor dem wir prinzipiell Angst hatten, weil er eventuell Schnecken und Tintenfisch enthalten konnte. Also gingen wir auf Nummer sicher und bestellten was Harmloses. Brigitte bestellte Thunfischsteak mit Reis und Kartoffeln, als Vorspeise ein Teller Crevettes rosé, wovon sich 75 % als kleine graue Nordseekrabben herausstellten. Udo fraß noch einmal Moules Frites und ist damit die nächsten zwei Jahre versorgt. Es waren 107 Stück, die er bis auf 2 tapfer gegessen hat. Obwohl sie relativ lecker waren und keine negativen Nachwirkungen zeigen, stieg der Ekel von Stück zu Stück. Durch das Einzeln-Auspulen ging es noch; die technische Komponente lenkte von der Vorstellung ab, die Muscheln lägen bereits fertig gepult auf einem großen Haufen und müssten durch rumstochern mit Messer und Gabel en block verdrückt werden. Dieser nicht zu unterdrückende Gedanke wurde immer lebendiger und noch gesteigert durch die Vorstellung, eine plötzliche Übelkeit mache das Auskotzen und den anschließenden Anblick dieser 105 Muscheln in dem dann zutreffenden Aggregatszustand notwendig. Die Bedienung war nur zu zweit und so warteten wir eine Stunde auf die Rechnung. Wir beobachteten dabei schwitzend die Gezeiten. Bei der Vorspeise (Udos Fischsuppe schmeckte heute latent pissig) stieg die Flut in der Somme-Mündung noch in Strömen rein. Beim Hauptgang kam es zu einem nur 5-minütigen Stillstand und als wir die Kneipe verließen, hatte deutlich die Ebbe eingesetzt. Auf nach Abbeville, Tatsachen schaffen. Am stilvoll restaurierten und innen modernisierten Bahnhof in Abbeville wurden die schönsten London-Pläne jäh zerschlagen: Vom Preis. Regulär zusammen 3.600 Francs, völlig unannehmbar. Selbst der Bahn-Heini riet dringend ab. Am Wochenende nur noch 1600,- , aber da wollen wir schon wieder im Dom zu Paderborn sitzen und die letzen Reste von Libori mitkriegen. Völlig geplättet fuhren wir heim auf unseren Bauernhof. Madame tröstete uns mit einem selbstgebackenen Stück Kuchen. Wir berichteten kurz und die gesamte anwesende Verwandschaft war mit uns einer Meinung: Zu teuer. Gegen 17.00 dachten wir, so schnell wollen wir nicht aufgeben und hofften, dann eben mit dem Hoovercraft Boot und der normalen British Rail zu fahren. Jedoch hatte ein einziger gescheiterter London-Versuch Brigitte resistent gegen weitere macht. Das Abendprogramm. Mit dem Auto nach Mers-les-Bains, ein paar Fotos nachholen, im Supermarkt den Kaffee für daheim besorgen und auf der Klippe oberhalb von Le Treport das große Neon-Kreuz fotografieren. Bisher in diesem Urlaub ging jeder Versuch schief, in Imbiss-Buden den französischen Fast-Food-Klassiker früherer Jahre zu bekommen: Den Crocque-Monsieur (Zwei Scheiben Toastbrot, mit Schinken und Käse belegt und in einem speziellen Toaster zusammengeklebt. Gab es früher überall da, wo es sonst nichts gab, in seiner Verbreitung also vergleichbar mit den deutschen 60er-Jahre-Gerichten „Bockwurst mit Brot“ und „Ochsenschwanzsuppe“. Hat uns vor ein paar Jahren mal sonntags in Cambrai gerettet) So auch diesmal. Auf den Karten und Aushängen steht der Crocque zwar oft noch drauf, aber haben tun sie ihn nicht. Auf der Rückfahrt wurde jedem von uns mulmig, weil wir gedanklich und stumm den Stress des nächsten Tages durchgingen, den eine England-Tagesreise von diesem abgelegenen picardischen Bauernhof auslöst: 5.30 Uhr aufstehen, frühstücken, fertigmachen. 6.00 Abfahrt. 8.30 Ankunft Calais. Abfahrtskai suchen, parken, Ticket kaufen. Ablegezeit der Fähre unbekannt, typischerweise Schiff gerade weg, nächstes um 9.30. Ankunft Dover: 11.00 (Greenwich Time: 10.00) Abfahrt nach London unbekannt, typischeweise Zug gerade weg, nächster: 12.00 Uhr. Ankunft London: 13.30 Uhr. 4 Stunden bummeln, davon 3 Stunden Warten und Stehen in der U-Bahn. 17.30 Zug nach Dover verpasst, nächster: 18.50 Uhr. Ankunft Dover: 20.20 Uhr. Ablegezeit der Fähre unbekannt, typischerweise Schiff gerade weg, nächstes um 23.30. Ankunft in Calais: 01.00 Uhr.(MEZ: 02.00 Uhr) Auto suchen, Parkplatz bezahlen, Heimfahrt. Ankunft auf dem Bauernhof: Freitag, 04.15 Uhr. Und so bliesen wir ab – vielleicht ein andermal. (Update: am 4.7.2008 wurde es Realität).

Donnerstag, 29. Juli 1999
Die Tageszeitung: Sie kam nicht. Nur das von Oppa sorgfältig zusammengestellte und aufgegebene Pakat kam an. Den Vormittag verbrachten wir am Strand bei Le Hourdel. Wir waren nahezu die einzigen. Jetzt wurde uns klar, was die Verbots- und Warnschilder zu bedeuten hatten. Die Flut bricht dermaßen schnell und heftig herein, dass allen, die sich auf der vorgelagerten Sandbank tummelten, der Rückweg abgeschnitten würde, wenn sie nicht rechtzeitig dort verschwänden. Sogar ein Hubschrauber suchte das Gebiet nach Versprengten ab. Mittags wieder zu Hause, Reste-Essen. Am Nachmittag stand mal wieder eine Radfahrt zur Somme auf dem Programm. 5 Km Somme-aufwärts fanden wir bei einer Drehbrücke einen Liegeplatz auf einer Wiese und hielten es dort fast 2 Stunden lesend, die vorbeiradelnden Touristen bekuckend und dem Chor der Gnag-Gnag-Enten lauschend aus. Auf dem Rückweg kehrten wir noch mal bei „S’s. Marlies seine Doppelgängerin“ ein und tranken im milden Abendlicht ein Bier, natürlich mit Wasser verdünnt. Gesamtleistung: 28 Km. Dann war Bescherung von Oppas Paket: Dreisprachiges Paderborn-Bilderbuch, französische Paderborn-Broschüre und drei Flaschen Paderborner Bier. Sie haben sich sehr gefreut.

Freitag, 30. Juli 1999
Der letzte Urlaubstag vor der Abreise. Sonnig und warm. Es kamen die Zeitungen von Dienstag und Mittwoch, sodass wir am Vormittag mit Lesen ausgelastet waren. Um halb zwölf wurden wir und die Urlauber von der anderen Wohnung zum „Captain‘s Dinner“ eingeladen. Im großen Salon von Madame und Monsieur gab es einen Aperitiv, einen süßen von der Loire, Kekse und Knabberzeug und man machte in Konversation. Leider verstanden wir von allem höchstens 5 %. Themen waren Sprachunterschiede in Frankreich, Dialekte, Kochen, Reisen, die Vergangenheit des Hauses, die Probleme der Gegend, Abwanderung der Jungen, Erlebnisse während der deutschen Besatzung und anderes. Man bemühte sich rührend um eine gastfreundliche Stimmung. Monsieur schüttete immer wieder nach. Obwohl er süß war, hatte es der Wein ganz schön in sich. Um halb eins brachen plötzlich alle auf und der Empfang war vorbei. Wir kochten schnell ein paar Reste und mussten einen ausgiebigen Mischla halten. Nachmittags fuhren wir mit dem Auto nach Le Hourdel an „unseren“ Strand. Es war Halbzeit zwischen Ebbe und Flut. Die Polizei ritt hoch zu Ross vorbei, aber man hatte den Eindruck, dass sie nur den Tag rumkriegen wollten. Das Abendprogramm bestand aus einem letzten Besuch mit Biertrinken und den üblichen melancholischen Betrachtungen in Cayeux.

Widmung für das Gästebuch.
„Liebe Madame Dorthe, lieber Monsieur Dorthe,
Unsere Ferien bei Ihnen waren sehr schön. Ihren Hof, die Umgebung von Lanchères, das Departement Somme, die Küste bei Le Tréport, aber besonders Ihre große Herzlichkeit und Gastfreundschaft werden wir dank unseres Tagesbuchs niemals vergessen. Vielen Dank für alles.“

Wir hatten uns fest vorgenommen, ihnen ein paar schöne Fotos zu schicken. Doch dazu sind wir nie gekommen. Vielleicht später.

Samstag, 31. Juli 1999
Die Rückfahrt ab 9.00 Uhr brachte noch folgendes: Croissant/Café/Foto in St. Riquier, eine beeindruckende Fahrt napoleonisch-schnurgeradeaus immer rauf und runter bis Amiens, üppige Auigkeit an der Somme auch hinter Amiens, Abwursten in einem Waldstück, Entdecken eines (des!) Gites des France Ferienhauses direkt am Somme-Ufer zwischen Amiens und Peronne, Stopover ohne Kirchenbesuch in Corbie, Peronne ohne Aufenthalt und ohne Fritten/Cola (wie damals), Belgien wie immer, Aachen mit sommerlichem Flair. Wir wären gerne noch geblieben. Besuch am Schrein Karls des Großen. Eis. Hause. Das wars.