Lifestyle bei Champion

By 20. November 2012August 4th, 2014Beobachtungen am Point of Sale

2005 · Soulac. Können wir der Supermarkt-Kette Champion ausweichen? Nein. Denn hier am Ort gibt es nur noch Cocci mit ca. 10 qm Verkaufsfläche und einen zweifelhaften Lidl. Lidl ist und bleibt unsympathisch, schon weil er in Deutschland nichts anderes in der Birne hat als den ebenfalls unsympathischen ALDI zu verdrängen. Da ALDI aber mehr Kult-Faktor aufweist und dem Publikum die allgemein als Mythos rezipierte Aufteilung in ALDI-Nord und ALDI-Süd als Übungsgelände für Interpretationen und Zuschreibungen aller Art zelebriert, halten wir in der Theorie eher zu ALDI, kaufen tun wir da nicht. Die anderen Handelsgrößen, z.B. Leclerc, Super-U, Auchan, Géant, Carrefour, Mammouth und Intermarché sind in Soulac nicht vertreten, also soll es in Gottes Namen Champion sein.

Sonntags-Nachmittags hat sogar Champion geschlossen und reißt damit eine bedrohliche Versorgungslücke in das um viele Urlauber angereicherte Gemeinwesen Soulac. Entgegen den Landesgepflogenheiten öffnet Champion Soulac in der Saison die  Pforten bereits Montag morgens wieder. Schon um 8.00 Uhr ist der riesige Parkplatz bis auf den letzten Platz gefüllt. Es ist üblich, dass Familien nicht den Vater oder die Mutter delegieren, sondern zum Einkaufen komplett antreten, besonders wenn die Kinder nicht älter als 5 Jahre sind. Alle sind zum ersten Mal hier, keiner kennt sich aus. Man kauft nicht nach Warengruppen, sondern Entdeckungs-getrieben: vom Obst fahren sie zu den Gummistiefeln, von der Grillkohle zur Wurst, von der Schokolade zur Sonnencreme. Die Sonderangebote-Durchsagen werden in der Lautstärke des Stadionsprechers bei Länderspielen vorgebracht. Irgendwann ist man „fertig“ und stellt sich an einer Kassenschlangen ein. 19 Kassen hat Champion, höchstens drei sind üblicherweise besetzt. Statt einer erkennbaren Kassen-Wartezone dienen die drei Gänge „Damenhygiene, Haushalts-Non-Food, Tiernahrung“ als Platz für die Schlangenbildung. Der Quergang direkt vor den Kassen ist auf jeden Fall vollgestellt mit Sonderposten wie „rustikale Glas-Salatschalen“ und wird ungeachtet der Wartenden, durch die man sich eine Schneise drängelt, gerne als Abkürzung genutzt. Die Förderbänder der Kassen sind gute 70 cm lang, das spart die auch in Frankreich grassierenden Kunden-Trenn-Knüppel. Die Kassiererinnen leisten auf ihren niedrigen Höckerchen als spezielle athletische Dauerübung das „Waren-hoch-über-den-Scanner-hieven“.

Heute wird ein „Neuer“ angelernt, Patrique steht auf seinem Champion-Shirt. Patrique ist damit ausgelastet, seinen Mund gleichmäßig offen zu halten. Den Rest seiner Aktivitäten verteilt er auf langsames Münzen-Anstaunen und die-Taste-auf-dem-Keyboard-suchen. Für einen Durchschnittskunden braucht Patrique 10 Minuten. Wir haben mitgestoppt. Seine Mitbürger aus der Französischen Republik stellten sich um den armen Patrique herum und äußerten ihre Anteilnahme in einer Mischung aus Unglauben, Entsetzen und Amüsement durch hilflose Lachanfälle.

Da wir heute nur eine Flasche Mineralwasser kaufen wollten, galt der Einkauf zeitlich gesehen als Quickie und Brigitte wartete „kurz“ draußen. Zum Glück hatte sie das Familienhandy nicht dabei, sonst hätte sie die Polizei gerufen oder eine Suchmeldung über das Rote Kreuz für uns abgesetzt.

Champion Soulac

Champion Soulac

Champion Soulac

Champion Soulac

Auch an Kassen mit routiniert arbeitendem Personal geht es nicht wirklich voran, denn die französische Geldwirtschaft bevorzugt das famose Zahlungsmittel „Scheck“. Der (Bar-)Scheck ist nach unserem Verständnis eigentlich kein Zahlungsmittel, sondern eine Anweisung an das kontoführende Geldinstitut, seinem Überbringer den ausgewiesenen Betrag zu Lasten des eigenen Kontos in bar auszuzahlen. Ehe das Geld seinen Empfänger erreicht, müsste der Scheck erst mal zur Bank bewegt und dort gebucht werden. Wir vermuten jedoch, dass die Funktion des französischen Schecks bereits gekappt ist auf das, was man bei uns „Lastschrift“ nennt, und der Bank nicht mehr vorgelegt wird, höchstens im Revisionsfall und vor Gericht. Die EC/Maestro-Karte ist in Frankreich de facto unbekannt, VISA und Master schon eher, haben aber die Champion-Kundschaft kaum durchdrungen und die populäre Carte-Bleue wird bei Champion nicht akzeptiert. Also Scheck. Für das Ausfüllen muss der normal-analphabetäre Kunde nicht mehr selber ran (das wäre der Zusammenbruch des Einzelhandels) sondern es wird ein Kassen-Peripherie-Gerät, vermutlich ein Nadeldrucker, bemüht. Dann bekommt ihn der Kunde zur staunenden Ansicht und natürlich, damit er seine einzigartige, schwungvolle Unterschrift mit großen wichtigen Schnörkeln und Schleifen darunter setzt. Anschließend wird das ganze Scheckheft am Stück der Kassiererin gereicht, die sorgfältig mit einem Kugelschreiber auf dem beim Rausreißen aus dem Heft verbliebenen Abschnitt das Datum und den gerade verbratenen Euro-Betrag einträgt, damit der Kunde stets den Überblick über sein Budget behält. Was uns als die pure Umständlichkeit vorkommt, ist tiefenpsychologisch gesehen die gewünschte und zugestandene Selbst-Inszenierung frei nach Andy Warhol. Jeder Franzose kann bei Champion 10 Minuten lang legal den Betrieb aufhalten und die eigene Wichtigkeit dokumentieren.

Aber: Dieser ritualisierte Auftritt ist wiederum liebenswürdig im Vergleich zum immer sofort erkennbaren deutschen Urlauber, der gar keinen Ton in deutscher Sprache zu sagen braucht. Seine ausströmende Arroganz, gepaart mit Inkompetenz, sein gestörter Blick, seine typische Mimik, sein verqueres Rumstehen und überflüssiges Hantieren verraten ihn genauso wie seine von herablassendem Unmut gekennzeichneten verbalen, lautstark mit nerviger Stimme hervorgebrachten kleinmütigen Äußerungen, z.B. unnötige Kommandos an die Kinder.

Eines muss man Champion lassen: Die Zugangskontrolle funktioniert. Am Eingang ist ein Türsteher postiert, der das äußere Erscheinungsbild der Kunden einschätzt und z.B. alle Nackten oder die, die er dafür hält, wieder wegschickt, sich was anzuziehen, angeblich aus Hygienegründen, aber vielleicht ist Champion auch nur ein bischen verklemmt. Brigitte hat beobachtet, dass unter den abgewiesenen Nackten im Beobachtungszeitraum komischerweise keine Deutschen waren.