2016 · noch mal Heikendorf

By 6. Februar 2016April 20th, 2016unterwegs
Trüber Fördeblick zur Bußzeit 2. – 7. Februar 2016

Prolog

Als Einstimmung auf die österliche Bußzeit wollten wir während der karnevalistischen Hochphase eine Auszeit im neutralen Norden verbringen. Travemünde-Priwall war in der engeren Auswahl, wurde aber wegen der umständlichen Erreichbarkeit Lübecks und wegen der Lage in dritter Reihe einer öden „dänischen“ Ferienhaussiedlung wieder verworfen. Die Wohnungen im Travemünder Maritim-Hochhaus sahen alle ziemlich 70er/80er-verwohnt aus. Die Wohnung in Heikendorf, wo wir im Juni 2011 residierten, hatten wir in der Erinnerung immer mehr verklärt. Die Schiffe ! Der Blick auf die Förde ! Die schnelle Fahrt mit der Fähre direkt nach Kiel. Bäcker und Supermarkt in luxuriöser Nachbarschaft fußläufig erreichbar. Die abendlichen Sonnenuntergänge auf der Terrasse. Maritimes Leben am Nord-Ostsee-Kanal. Das mondäne Heikendorf und das noch mondänere Laboe mit ihren Shopping- Freizeit- und Restaurant-Möglichkeiten. Soweit zum Mythos.

Mythos

Den wollen wir nun nach und nach knacken:

  1. Die Wohnung mussten wir von gefühlten 4 auf 3 Sterne (System 5-Star-Rating) herabstufen:

Con’s

  • etwas zu klein und eng
  • Lücken in der Ausstattung
  • wenig Steckdosen
  • meistens nicht warm genug (Februar)
  • keine Sauna
  • zweites Schlafzimmer (für uns immer die Abstellkammer) nur über eine 2,5 m senkrechte Leiter an der Wand über dem Sofa und eine Schiebeklappe erreichbar. Als verrücktes Experiment oder Abenteuer für 7–11-Jährige ok, für normale Nutzung zu umständlich.

Pro’s

  • Immer noch schöner Blick, aber nicht mehr phänomenal, weil zu sehr hinten in der Bucht mit mangelndem Seitenblick. Die selbe Wohnung an den Hot Spots „Möltenort“ oder „Kitzeberg“ wäre optimal gewesen.
  • schnelles W-Lan
  • Zugang über coole Außentreppe mit Kommandobrücken-Charakter
  • Schneller, schöner Fußweg ins Dorf (bis auf die ersten 100 m)

2. Die Enttäuschung schlechthin: Die Fähre ab Möltenort nach Kiel mit sfk-kiel.de fährt erst ab März. Mit dem Auto geht’s zwar auch, macht aber keinen Spaß. Ein Verhau aus verstopften Schnell- und Umgehungsstraßen, mangelndem Durchblick, fehlenden Parkmöglichkeiten.

3. Bei Bäcker und Supermarkt ist die Situation gleich gut geblieben, das muss man zugeben. Außer der Filiale von „Landbäcker“ im sog. „Einkaufszentrum“ gibt es mittlerweile eine Filiale des Holsteinischen Großanbieters Steiskal (das Logo liest sich wie „Scheißkerl“). Ein offenes Wort zum Landbäcker, gelegen in der Halle (könnte man attraktiver machen) der etwas unbelebten oberen Etage des „Einkaufszentrums“: kein Vergleich zu Steiskal. Triste Asmosphäre, uninspirierte Bedienung, falsches oder nicht vorhandenes Backwaren-Portfolio, wenig Kundschaft. Wir kauften 1-mal – eher aus Mitleid.

Der Supermarkt gehört zur Gruppe COOP/SKY, sowas ähnliches wie REWE. Neuentdeckung für uns: zwei kleine reinrassige Metzgergeschäfte, wo gibt es das noch. Wird hier der Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Gesundheit deutlich ? Metzger Steffens probierten wir zuerst aus. Seine Spezialität sind Schinken und Wurstwaren aus dem Katenrauchwurstbereich. „Guten Tag, haben Sie auch Katzenrauchwurst?“ wagten wir nicht zu fragen, sondern eröffneten umständlich: „Guten Tag, wir kommen aus Paderborn. Haben Sie etwas, was bei uns „Holsteiner Mettwurst“ heißt?“ Steffens mit seinen tätowierten Armen und dem Boxergesicht ging nicht darauf ein und deutete wortlos auf einen Stapel Wurst vom Typ xyz. Am nächsten Tag entdeckten wir, dass die Metzgerei „Ralf“, ein paar Meter nebenan, mit seinem bretonischen Ambiente (drei Treppenstufen hoch, gelbe Kacheln) noch viel authentischer, ursprünglicher und vielleicht stärker beim Heikendorfer Native verankerter war. Wieder verlangten wir nach der Katzenrauchwurst. Diesmal kam die Ware dem, was wir von zu Hause als Holsteiner Mettwurst kennen, schon näher. Die Auswahl insgesamt war erschreckend klein. Da hatte Steffens wesentlich mehr zu bieten.

4. Heikendorfs vermeintliche Mondänität wirkt in Wahrheit bieder. Es gibt ein „Casablanca“ (italienisch angehauchte Baracke mit Spelunken-Qualität) und ein „Amici“ (Dorfpizzeria) wo wir sogar gegessen haben. Genauer wollen wir uns dazu nicht äußern. Das war’s. 3 Apotheken lassen auf einen hohen Krankenstand schließen. Brillengeschäft, Ärzte, Physiotherapeuten – das macht die Leute nicht gesünder. Immerhin eine Boutique – vestitum – mit Klamotten oberhalb des dörflichen Erwartungshorizonts, wo wir sicher für die Mutter ein schönes Klamöttchen finden würden. Immer noch schön: Die freie „Classic“-Tankstelle, thront wie eine Burg im absoluten Zentrum, da haben wir auch ordentlich getankt. Leider grade Baustelle. Unverändert seit mindestens 2011 vertreten sind die Fahrschule, wo wir drei bis viermal täglich herkommen, sowie der Woll- und Stoffladen und die „Bücherinsel“ in der selben Straße. An diese Institutionen sollte die Heikendorfer Tapferkeits-Medaille vergeben werden.

Kiel 1

Während des knapp 6-tägigen Aufenthalts waren wir 3 mal in Kiel, davon aber nur einmal „richtig“. Richtig heißt: Mit dem Auto hin, zu Fuß durch die Stadt, bei eintretendem Groggy-Gefühl wieder nach Hause. Wir fuhren hinter der Schwentinebrücke rechts ab und parkten gratis hinter der Polizeistation an der Wilhelmstraße oberhalb des Hörns und gelangten über einen eindrucksstarken Fußweg über die Pontonbrücke am Hörn zum Hauptbahnhof. Dort wärmten wir uns vom scharfen kalten Wind auf in der ausgedehnten Shopping Mall „Sophienhof“. Nächster Zielpunkt: Die Stadtgalerie, ein Kunst- und Kulturzentrum mit Bücherei, Ausstellungsflächen und Bühne, wo Künstlerinnen wie Lisa Bassenge und Julia Hülsmann auftreten – leider vor oder nach unserem Urlaub. Junge preisgekrönte Kunst war zu sehen, von der eine gewisse Inspiration abstrahlte. Station 2: Die Kunsthalle Kiel. Ein Museum von 1909 mit beachtlicher 1950er-Jahre Operetten-Treppe und neuem Eingangsbereich von 2012. Der Eindruck drinnen ist gemischt, manches ist renovierungsbedürtig und in die Jahre gekommen. Positiv: Ein Saal hatte ein soweit abgedunkeltes Fenster nach draußen, dass auch bei Tageshelligkeit drinnen und draußen die gleiche Lichtstärke herrscht – auf Fotos wirkt das Fenster nicht wie ein strahlendes Loch, sondern wie ein Bildnis der äußeren Realität mit Blick auf den Stadthafen an der Förde. Wir waren die einzigen Besucher, erst beim Gehen kamen andere. Essenstechnisch wollten wir es nicht herausfordern, sondern auf uns zukommen lassen. Von unseren Besuchen 2003 und 2011 hatten wir das „Louf“ in guter Erinnerung. Jetzt im Winter war es nicht verlockend und wir bevorzugten das „Seaside 61“. Hört sich besser an als es war und so wollen wir dieses Thema wiederum nicht vertiefen. Nach dem Platznehmen wähnten wir uns zunächst in verpennter Gemütlichkeit, bis eine Truppe Rentner hereingewälzt kam, die eigentlich weiter wollte, aber sich vor dem Regenschauer in Sicherheit bringen musste. Da wir die Förde-Uferzone, hier „Kiel-Linie“ genannt, nun schon ausreichend oft abgewandert hatten, nahmen wir den Rückweg etwas weiter im Landesinneren mit dem theoretischen Zwischenziel „Rathausturm“, ein Turm in venezianischer Optik. Je näher wir herankamen, desto mehr verloren wir den Turm aus den Augen und erreichten ihn nicht. Vermutlich steht er in einem städtischen Hinterhof unter Verschluss. Auf dem weiteren Weg liefen wir an einigen netten Cafés und Kneipen vorbei, ohne weitere Einkehrversuche. Die evangelisch-katholische Nikolaus-Kirche machte nicht viel her. Am Europa-Platz waren erschütternde Beispiele sichtbar, wie geschmacklose Lokalpolitiker in den 1980ern wuchtige, architektonisch völlig overstylte Pavillons haben bauen lassen, von denen sie sich seinerzeit die Re-Vitalisierung eines Sanierungsgebiets versprochen haben mochten – oder so. Durchgefroren nahmen wir noch einen Auftauversuch in der Sophienhof-Mall vor und kletterten dann wieder hoch zum Auto. Es dämmerte stark.

Kiel 2

Wir wanderten bei mittlerem bis für die Jahreszeit ordentlichen Wetter am Ostufer der Förde in südlicher Richtung. Für ortsfremde wie uns ein erstaunlich abwechslungsreicher und netter Weg. Man kommt vorbei an Grundstücken von Luxusvillen, an Waldgebieten, am Segelhafen Mönkeberg, an einem Kraftwerk, über verwunschene Bahngleise, durch unheimliche, verwilderte und mit Stacheldraht abgesperrte und daher als gefährlich einzustufende Ecken. Die Richtung ändert sich ständig und es taten sich immer neue Perspektiven auf. Auch mussten Höhenmeter überwunden werden. Am Ende waren wir am nördlichen Schwentine-Ufer angekommen. Der ausgedehnte Komplex davor gehört zur Fachhochschule Kiel mit vielen Neubauten und dem Computermuseum in einem alten Hochbunker, vermutlich das „zweitgrößte“ Computermuseum der Welt. Am Geländerand Ecke Grenzstraße fiel uns ein historisches Gebäude mit Turm-artigem Gebilde auf dem Dach auf, welches nach Internet-Recherche das sog. „Industriemuseum Howaldtsche Metallgießerei“ ist. Wir wussten das nicht und setzten den Bau auf unsere Merkliste für Locations, aus denen man einen schönen Tanz-Schuppen machen könnte. Sodann interessierte uns vor allem der umgestaltete Flussdurchlass „Holsatiamühle“ mit zwei alten Mühlengebäuden, von denen eines ein vielgepriesenes Restaurant ist, das wir vielleicht noch besuchen wollten. Ein Blick auf die Speisekarte riet davon aber vor allem wegen der Häufung von Putengeschnetzeltem wieder ab. Hinter der zweiten Mühle fanden wir in einem kleinen Pavillon überraschend das zwergig kleine, studentisch angehauchte cafeluna.de  wo wir hausgemachten, mal nicht quietschsüßen Schwarzwälder Hirsch bestellten. Ein reiner Glücksfall, der uns immer in Erinnerung bleiben wird. Danke an das Store-Management. Wir wärmten uns dabei wieder gut auf und konnten gestärkt den Rückweg antreten, diesmal zunächst nicht am Ufer (wegen der unschönen Kraftwerk-Umgehung) entlang, sondern über die Hauptstraße. Erst ab Mönkeberg liefen wir wieder runter zur Förde, wo gehobene Wohnqualität verbunden mit dezemter Maritimik vorherrschte.

Kiel 3

Diesmal zum Westufer der Förde, genauer gesagt zur Kanalmündung bei Holtenau. Der Verkehr auf der B76 und der B503 war heftig und dank trübem Nieselregen schwierig. Wir fuhren eine Abfahrt zu früh und landeten in Kiel-Wik vor den Toren der Bundesmarine. Wir drehten und versuchten es erneut vor dem Nord-Ostsee-Kanal, um an der Uferstraße nach der Fähre Ausschau zu halten. Diese war grade weg, fuhr auch nicht ständig hin und her, sondern nach Fahrplan. Die Gegend war schaurig-tatortig, jeden Moment konnte Borowski mit Frau Jung auftauchen, aber wir wollten es bequem und gelangten mit dem Auto über die Hochbrücke auf die andere Seite, nach Holtenau. Ein kurzer Fußmarsch führte uns an Hermann Tiessens Kneipe vorbei (keine Einkehr) und an einem Gebäude, das verdammte Ähnlichkeit mit dem „Packhaus“ in Tönning hat. Bei Luzifer hinter dem Holtenauer Leuchtturm kehrten wir zum ersten Mal seit 2003 wieder ein. Die renovierte und erweiterte Einrichtung und der Zustand war ansprechend, der Service hingegen lustlos-müde-schwerfällig. Apfelkuchen / Pflaumenkuchen mit Sahne. Das ist nicht unwichtig. Nach ein paar Schritten am Fördeufer Richtung Seezeichenhafen war der Weg versperrt und wir kehrten um. Im „Packhaus“ befand sich eine schöne Kneipe namens Hafenwirtschaft.

Laboe

Laboe ist ein Touristenort am äußeren, breiten Ende am Ostufer der Kieler Förde. Am bekanntesten ist das am nördlichen Ortsrand stehende Marine-Ehrenmal, das aber für den praktischen Tagestourismus wohl nicht so wichtig ist. Zentrum von Laboe ist der erträglich modernisierte Hafen mit einer kleinen Werft mit (seit ein paar Jahren) neuem Show Room, Yacht-Liegeplätzen und Kneipen. Zum Hang hinauf liegt der gewachsene Ort und das Geschäftszentrum. Parallel zur Förde der touristische Bereich mit einschlägigen Kneipen und Läden. Dieser kommt uns überproportional und unangenehm aufdringlich vor mit viel ranzig-bis-hässlicher Anmutung. Stark nachgelassen hat unser Lieblings-Angelshop in einem französisch anmutenden 1930er-Jahre-Bau direkt an der Uferpromenade. Liegt vielleicht an der Jahreszeit, aber vor der Tür sind ein paar von diesen schlimmen, für Münzgeld in Betrieb zu setzenden Rüttelgeräten zur Kinderbelustigung aufgestellt, die das Bild schädigen. Stadtentwicklungtechnischer Tiefpunkt ist die Fußgängerzone „Reventloustraße“ mit ausgedehnter Ödnis, überflüssigen Geldinstituten und unvermeidlichen Gelegenheiten, den Touristen das Geld für Unnötiges aus der Tasche zu ziehen. Menschen in Kurgast-Optik (beige oder weiße Hose etc.) waren nicht zu sehen.

Platzhirsch ist die „Fischküche“, für ein durchrationalisiertes Self-Service Restaurant noch erstaunlich gemütlich und attraktiv. Eingerichtet in einem Gebäude, welches früher wohl fisch-industriell genutzt worden war. Hier waren wir 2011 eingekehrt und jetzt wieder. 2 1/2 von 5 Sternen.

Möltenort

2011 hatten wir Möltenort nicht so richtig auf dem Schirm, aber bei näherem Hinsehen ist es eine gute Alternative zu Laboe. Liegt näher dran, ist überschaubar und nervt nicht.

Schiffe

Sie kommen und gehen sehr unregelmäßig. Mal staut es sich vor und hinter der Schleuse zum Nord-Ostsee-Kanal, mal sieht man stundenlang gar keine. Auf marinetraffic.com wird leider auch nicht alles angezeigt. Die Fähren von Stena und Color sind in Fahrt zu sehen, wenn sie in Kiel liegen, schalten sie ihren Transponder wohl ab. Die Bundesmarine-Schiffe sieht man überhaupt nicht. Auch wundert uns, dass eine große Stadt am Meer wie Kiel so völlig ohne kommerzielles maritimes Leben, von Sportschiffahrt und behördlich-institutionellen Schiffen mal abgesehen, auskommt. Selbst in Hamburg am Burchardt-Kai war von der Autobahn aus gesehen kein einziges Schiff zu erkennen. Besorgniserregend, wie es mit der Seewirtschaft bergab geht.

Schönberg

Auf dem Hinweg zum „ausgedehnten Strandspaziergang“ bei Schönberg-Strand machten wir bewusst einen Schlenker über das etwas landeinwärts liegende Schönberg City auf das die Bezeichnung „Stadt“ vom Charakter nicht passt, auch nicht Dorf, eher eben ein „Ort“, womöglich ein Un-Ort. Vielleicht nicht ganz so schön und groß wie Lütjenburg, die große Metropole in der Probstei. Als wir am Strand ankamen, erinnerten wir uns, dass wir hier schon mal waren. Wir gingen nach rechts auf dem Deich bis zu einem Naturschutzgebiet und auf dem Rückweg am Wasser entlang. Bei einer Fischbratbude kauften wir zum Mittagessen daheim zwei Bratheringe und etwas Seegras bzw. Algensalat. Leider schmeckte uns das Zeug nicht. Wir hatten etwas in der Art wie fischiges Sauerkraut erwartet, aber es schmeckte eher wie überhopftes Bier. Da waren die Salicorns in der Normandie leckerer. Auf dem weiteren Nach-Hause-Weg entdeckten wir den uns bisher völlig unbekannten Ortsteil Holm. Ein gigantisches Hochhaus (sah von weitem wie ein Speicher der Getreide AG aus) und eine Reihe von niedrigeren Wohnblocks aus Beton. Bei ZEIT-online fanden wir später die 1995 erschienene Beschreibung „ … Tiefpunkt der 1970er-Jahre-Architektur, genutzt nicht mehr von Urlaubern, sondern für die zwischenzeitliche Unterbringung von Russland-Aussiedlern.“ Ob und wer dort heute residiert, konnten wir nicht herausfinden. Schnell weg.

Epilog

Wie schon so oft, fielen sämtliche in Gedanken durchgespielte touristische Rahmenprogramme für die Rückreise komplett aus:

  • Malente / Plön
  • Lübeck
  • Hamburg

Ohne Zwischenfälle gelangten wir nach Hause.