2000 · Überraschend nach Perros-Guirrec

By 21. August 2000November 23rd, 2016unterwegs

rÜberraschender 1-wöchiger Sommerurlaub

Prolog

Weil Udo glaubte, bei Siemens gelte in der Probezeit Urlaubssperre, hatten wir zunächst nichts gebucht (vereinfachte Version). Bei vorsichtigem Nachfragen erwies sich, dass man das dort nicht so eng sieht, sofern es die Projektlandschaft erlaubt. Ideal wären Normandie oder Ile de Ré gewesen. Frau Neukirchen hatte zum unverschämten Preis von 1375,- DM pro Woche noch eine Bude in Perros-Guirec, Nord-Bretagne, und eine in Belz, Südbretagne, frei.Für genau eine Woche. Da wir annähernd zu Libori wieder zurück sein würden, sprach nichts gegen Perros.

 

Dieses Urlaubs-Tagebuch schreiben wir ausnahmsweise nicht für den Oppa, da bei nur einer Woche Aufenthaltsdauer der Versand eines ersten Teilberichtes per Diskette* Quatsch wäre. So sparen wir uns auch das Theater, alle französischen Wörter und Begriffe durch entsprechende deutsche zu ersetzen, diese gar noch zu erfinden, wenn es nichts adäquates gibt. Der Oppa ist ein netter Kerl, aber halt ein anspruchsvoller Leser (um es positiv auszudrücken).

*Lächerlich, diese Disketten, die wir seit Jahren an den Oppa schicken, und den diese journalistisch-logistische Meisterleistung völlig kalt lässt. Spätestens im nächsten Urlaub hört das auf.

 

Freitag, 14. Juli 2000 Nationalfeiertag

Wie immer vor dem Start in den Urlaub mussten wir noch ein paar Dinge erledigen: Nein, nicht die Steuererklärung zum Finanzamt bringen, das hatten wir längst schon Donnerstag den 13. erledigt und sogar die PAGE gekauft. Aber: 1. Am Todestag von Ise noch mal auf dem Friedhof vorbeikucken und Freddy Danke und Wiedersehen sagen für das gezahlte astronomische Urlaubsgeld. Um halb zehn waren wir endgültig unterwegs. Brigitte fuhr diesmal nicht durch Belgien. La Wallonie empfanden wir noch runtergekommener, ungemütlicher und stagnierender als zuvor. Selten mal ein Abschnitt neu geteert. Und nirgends liegen so viele abgefahrene Reifenreste rum. Um Liège regnete es zum Trost. Die belgischen Einheitsbrücken sehen alle aus, als wenn sie jeden Moment zusammenkrachen. Dazu passt der Fahrstil der Leute. Nach dem Grenzwechsel verspürt man ein nahezuhes Aufatmen. Bis Paris wurden wir gelegentlich vom TGV oder vom Eurostar überholt. Nach der Einfahrt auf den Boulevard Peripherique ging es nicht gleich auf die linke Spur, sondern sofort wieder runter – wir wollten – 28 Jahre danach – sehen, ob es (Achtung, Mythos!) das Hotel Moderne noch gab. Damals, 1972, hatten Rolf Ulker, Günter Schreiner, Gilla Körber und Udo dort zweimal Stopover gemacht auf dem Weg hin zur und zurück von der Atlantik-Küste. Der Zimmerpreis betrug damals 25 Francs, geteilt durch zwei, mal Kurs 0,65 = DM 8,13 pro Person und Nacht. Keine Dusche, Klo auf dem Gang. Aber der Patron blieb uns bis heute als cooler Typ in Erinnerung. Cool und professionell tranken wir seinerzeit zum Frühstück einen Grand Café noir und zeigten dadurch ganz klar, dass wir keineswegs als Touristen unterwegs waren sondern quasi als Einheimische. Das Hotel Moderne war erstaunlicherweise unverändert. Die gleiche Fassade, die gleiche Bar unten drin, gegenüber immer noch der Fußballplatz und der Blick auf Sacre Cœur. Leider vergaßen wir heute, den aktuellen Zimmerpreis zu ermitteln. Wortlos ergriffen kehrten wir um und kümmerten uns auch nicht mehr um den an der Ecke liegenden großen Flohmarkt an der Porte Clignancourt. Doch nun tat sich eine Hürde auf, an der wir unzählige Male bereits scheiterten, die wir aber unerschrocken, ja geradezu tough jedes Mal, wenn wir über Paris fahren, suchen: die richtige Ausfahrt Porte St. Cloud. (Siehe div. Urlaubstagebücher vergangener Jahre). Man nimmt die Ausfahrt, und fährt ein, zwei Kilometer mitten durch Boulogne Billancourt auf die Pont de Sevre zu, von wo eine Autobahnähnliche Schnellstraße aus Paris südwestlich herausführt. Mit dieser Abkürzung ist man anderen deutschen Touristen (ach ja, wir sind gar keine Touristen, wir sind keine Touristen, nein, wir sind keine Touristen) an Cleverness haushoch überlegen, darum machen wir das. Heute nun hat es zum ersten mal ohne Verfahrerei geklappt. Hinter Chartres wurde das Benzin knapp und nach 800 gefahrenen KM mussten wir tanken. Bei La Ferté Bernard kamen alte Erinnerungen hoch – die schreckliche Hotel-Kaschemme mit De-Luxe-Restaurant Le Perdrix. Gegen 18 Uhr erreichten wir Le Mans, wo wir erstmal fast nichts wiedererkannten. So kann einen die Erinnerung in Stich lassen, wenn sie will. Das angepeilte Hotel, wo Udo 1990 mit dem Heiligen abgestiegen war, hatte man disqualifizierenderweise in „Videotel“ umbenannt. Das sagt alles. Es lag auch doof. Besser lag das IBIS, direkt an der Sarthe. Zimmer war frei und billig und wir hatten Sarthe-Blick. Der Stadtbummel brachte die Erkenntnis, dass auch hier nur mit Wasser gekocht wird, zumindest bei den Attraktionen zum Nationalfeiertag. Mehrere Bühnen mit wummernden Folklore-Rhythmusgruppen und kaum Publikum. Nicht mal Merguez-Würstchen, von Bier ganz zu schweigen. Auffällig war jedoch ein dichtes Restaurant-Aufkommen. Wie mag wohl der durchschnittlich-verfressene Manceller Bürger, auf Pilgerfahrt in Paderborn weilend, unser heimisches Restaurant-Aufgebot finden? Ein peinliches Trauerspiel. Trotzdem waren sie so generös, die Strasse unterhalb der Kathedrale „Avenue de Paderborn“ zu benennen. Wir gerieten in eine Imbiss-Stube mit Sitzgelegenheit, weil uns nach teurem Menü nicht war und fraßen nur einen 08/15-Salat ohne Geschmack. Zum Schluss gab es auf dem Zimmer noch für jeden ein hochgeholtes Bier von der Bar. Das Wetter blieb den ganzen Tag „schön“.

 

Samstag, 15. Juli 2000

Weiterfahrt zunächst nicht auf der Autobahn, sondern der parallel verlaufenden N157 bis Laval. Ländliches hügelauf- und hügelab pur. Fast immer schnurgeradeaus. In St-Jean sur Erve wollten wir die zweite Gelegenheit dieser Reise zur Vergangenheitsbewältigung nutzen, siehe Urlaubstagebuch von 1998, Reise nach Kervalay, Süd-Bretagne. Diesmal hatten wir auf einem Schlenker in der Bahnhofsbuchhandlung in Le Mans extra noch in eine Karte gekuckt, wie dieses verdammte St-Jean genau zu erreichen ist, denn unsere aktuelle Landkarte IGN 1:250.000 Blatt 106 von 1980 ist leider seit langem verliehen und nicht wieder zurück gekommen. Wir bogen, als es soweit war, von der N175 links ab und standen schwupp – vor dem von uns so-getauften „Kuttelhotel“ von 1980. Es existierte noch. Man hatte das rechte Nachbarhaus hinzugenommen, etwas modernisiert, eine übertriebene Leuchtreklame angebracht und die Kutteln von der Speisekarte gestrichen. Der Betrieb ruhte an diesem Tag wegen eines irgendwo auswärts ausgerichteten Banketts. Nach zehn Minuten andächtigen Staunens fuhren wir ernüchtert weiter. Die Strecke von Laval über Rennes, St-Brieuc, Guingamp, Lannion nach Perros-Guirec zog sich endlos hin. Teilweise Nieselregen, teilweise nur tief bewölkt. In Perros wurde das Wetter besser. Wir drehten mit dem Auto mehrere Runden, fanden schon mal das Haus, stiegen hier und da zur Erinnerung an damals (1983) aus und parkten in der Nähe der Agentur, wo wir den Schlüssel für das Haus abholen wollten. Es war noch Zeit für eine „Coca“ und einen Kaffee. Bier wurde nicht bewilligt. Das Wetter wurde immer besser. Die Agentur gab uns zwischen den Zeilen zu verstehen, dass Kurtaxe zahlen zwar Pflicht, aber schön blöd ist. Wir verstanden. Nun zum Haus. Zuerst das unvermeidliche Meckern: 1. Sehr schmale Terrasse, der anschließende Garten gehört schon zum Grundstück des nebenan wohnenden Besitzers, M. Duchesne. Die Terrasse ist von Büschen und Blumen als gegenseitige Blickkontakt-Sperre etwas zu üppig eingefasst. Bedauerlicherweise ist sogar kaum Platz, um die Fahrräder zu stellen. Wir parken das Auto auf der Straße neben der Haustür, die direkt in die Wohnküche führt. So kurze Wege für die Gepäckverstauung hatten wir noch nie. Monsieur übrigens hat sich vor Jahren bei einem Sex-Urlaub in Thailand eine dementsprechende Frau mitgebracht, die inzwischen leidliches Französisch spricht, ihre Herkunft und ihre anderen kulturellen Wurzeln aber stets hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt. Die Ärmste wird hauptsächlich für die niederen Arbeiten wie Rasen mähen, Müll an die Straße stellen und mit dem Köter kacken gehen etc. herangezogen. Man sollte sich angesichts dieser Zustände vielleicht an die Menschenrechts-Konvention der UN in Genf wenden. Duchesne hatte uns zur Ablenkung von diesem Missstand einen so-lá-lá schmeckenden Pflaumenmus-Käsekuchen auf den Tisch gestellt und in den Kühlschrank eine Flasche Cidre, die wir selbstverständlich nicht anrührten. 2. Das Klo. Sehr kleiner Raum, winziges, niedriges Kinderklo, kein Fenster, nur ein Ventilator, der den Mief verquirlt. Sehr hoher Plumps-Spritz-Faktor, keinerlei Ablagemöglichkeit für Bücher und Hefte. Wie soll man hier die Zeit lesen können. Unser Haus ist für französische Verhältnisse ziemlich cool eingerichtet: Keine Blümchentapeten, keine „Bauern“-Möbel, kein tonnenweiser Nippes, dafür überall Halogen-Lampen, weiße Wände. Am Esstisch unten wird unser Blick immer wieder angesogen durch den Kaminaufsatz des Nachbarhauses. Er dreht sich mit der Windrichtung und sieht aus wie ein kleiner Bischof; bei Ostwind – selten in der Bretagne – jedoch wie eine Eule. Duschen ist erstmals seit Jahren wieder im Stehen möglich. Im Badezimmer-Spiegel kann man sich mühelos sehen, ohne in die Knie gehen zu müssen. Wasserkräne gehen richtig rum auf und zu. Es kommt einem schon fast unheimlich vor und man fragt sich, was wohl der Preis für soviel Entgegenkommen ist. Das Schlafzimmer im Obergeschoß müssen wir neidlos oder auch neidvoll als klar gemütlicher einstufen, als unseres zu Hause. Hell, freundlich, harte Matratze, durch das Kipp-Fenster Blick auf den Jacht-Hafen und die Bucht Richtung Louannec. Gut, dass wir das Fernrohr mit haben. Doch halt, <mecker /> ! Als erstes flog die verdammte Nackenrolle in hohem Bogen ins unbewohnte Kinderzimmer nebenan. Als Füllung für unsere Bettbezüge stehen wie zu erwarten gewesen nur hauchdünne und unformatige Pferdedecken bereit, die die unangenehme Eigenschaft haben, sich in kürzester Zeit im Bezug zu Kugeln zusammen zu rollen.

Später kauften wir ein, fraßen zu Abend und machten eine Radtour bis nach Ploumanac’h. Was uns auffiel: Die Hortensien hatten sich gegenüber damals noch gewaltig vermehrt. So viele und so kernige haben wir noch nirgends gesehen, auch nicht im Urlaub Juli 1998, in Kervalay, als wir Hortensien bereits zu einem eigenen Foto-Schwerpunkt-Thema gemacht hatten. Angesichts des diesjährigen Hortensien-Booms wissen wir nicht, wie wir unser selbstgestecktes Ziel erreichen sollen, nämlich ausnahmslos alle Hortensien zwischen Nantes und Brest zu fotografieren. Wenigstens alle in Perros-Guirec.

 

Sonntag, 17. Juli 2000

Tagesbeschäftigung: Lesen, Runden durch den Ort, Rad fahren, die Flut abwarten am Plage Trestrignel mit fettigem, mehligem Crêpe zwischendurch. Wir hingen auf einer Bank und beobachteten die anderen Leute, überwiegend Doofe. Es gibt Steigungen wie in Cassis, aber nicht so anhaltend lang. Man ist schneller oben. Im Ort hat sich viel verändert seit damals, alles ist perfekter, umfassender, touristischer geworden. Am Plage de Trestraou suchten und fanden wir die tolle Badebucht von damals. Der alte Baumbestand am Steilhang, wo man runter musste, war stark ausgedünnt. Furchtbare Stürme müssen hier getobt haben, womöglich schon früher, als die noch in guter Erinnerung stehenden Stürme von Weihnachten 1999. Sandstrand gab es unten gar keinen mehr, nur noch Steine und Geröll. Wir fanden einen rundgeschliffenen Stein, den wir in den nächsten Tagen da noch weg holen müssen. Eine Spezial-Operation. Das Restaurant über der Klippe mit dem Aussichtsbalkon hatte den Preis für das billigste Menü von damals 50 Francs auf inzwischen 118 Francs angehoben. Gegen Abend sollten planmäßig bei einem Glas Bier diese Tagebuchaufzeichnungen begonnen werden. Das erwies sich jedoch als schwierig bis unmöglich, da unser mitgebrachtes „Kaltgeräte-Netzkabel“ nicht in die französischen Steckdosen mit dem komischen Pinn passte. Es blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis ein Elektrogeschäft am Wegesrand auftauchte, um dort vielleicht ein passendes Kabel zu kaufen. Das dauerte.

 

Montag, 18. Juli 2000

Traumhafter Blick aus dem Schlafzimmerfenster am Morgen. Die Bucht im milchigen Gegenlicht. Rechts am Berg durch den Dunst eine Staffelung in der Tiefe. Bis 19 Uhr verbrachten wir den Tag im und am Haus mit Essen (Fischfilets Lieu Noir, Pellkatoffeln Salat), Lesen, Schlafen. Abends drehten wir Runden durch den Ort, aber zum Einkehren war es etwas zu spät, zu leer, zu ungemütlich und zu kalt. Wir fanden für das Vorhaben „Kabel-Kauf“ einen Bricolage-Laden am Ortsrand bei dem Kreisverkehr, der vor 17 Jahren zwar schon vorhanden, aber deutlich kleiner war. Dafür hatte die kleine niedliche Esso-Tankstelle weichen müssen.

Dienstag, 19. Juli 2000

Hauptaktivität war eine ausgedehnte Wanderung beginnend am Plage de Trestraou über den „Sentier de Douarniers“, den Zöllnerpfad, bis nach Ploumanac’h. Es kam uns heiß und anstrengend vor, aber man sah viel Landschaft (Felsen und Wasser) und übles Volk, das einem entgegenkamen. Wir waren nicht die einzigen, die sich für den Zöllnerpfad entschieden hatten. In Ploumanac’h kehrten wir kurz entschlossen im Hotel-Restaurant Coste Mor (kostet mehr) ein und orderten Salade Normande (Brigitte) und Salade de l’Ocean (Udo), welcher durch die rosa Cocktail-Soße verdorben war. Der Laden war voll aber nicht überfüllt, die Bedienung hatte schwer zu tun und es dauerte endlos, bis wir den Rückweg antreten konnten. Anstrengendes Wetter: Volle Sonne, dass man kaum kucken konnte, aber kalter Zugwind, frieren und schwitzen. Zurück ging es, nach gierigem Kauf von Ansichtskarten, die wir, wie wir später feststellten, schon hatten, über la Clarté. Dort verliefen wir uns, was man zu Fuß durchaus folgenschwerer empfindet als mit dem Rad. Völlig ausgelaugt und groggi kamen wir um 16 Uhr wieder zu Hause an. Jetzt war, vorher noch Geld am Automat ziehen, der Kabelkauf dran. Udo hatte die Kamera nicht mit und prompt stand am Straßenrand ein klogrüner Ford Mustang. Also noch mal los. Die Abendtour führte mit dem Auto zum dritten mal nach Ploumanac’h. Wir schlichen uns durch die Büsche von hinten an das Oratorium heran, ein kleiner Bildstock (Kapelle wäre stark übertrieben) im Wasser, der nur bei Ebbe zugänglich ist. Danach standen noch zwei „Moulins en mer“ von 1889 auf dem Programm, von denen eine noch zu musealen Zwecken in Betrieb war. Ein paar Fotos später waren wir auf dem Heimweg. Der Steinbruch, in dem der Granit Rosé gewonnen wird, war leider unzugänglich.

 

Mittwoch, 19. Juli 2000

Ausflug nach Treguier. Wieder so ein Erinnerungstrip auf den Spuren von 1983. Es war Markt und jede Menge Rummel. Friedhofs-Bummel, eine Runde durch die Kathedrale (ohne Kerzenopfer, ohne kostenpflichtige Klosterführung) Grab des hl. Yves, Markt, Wein und draußen-Bier in einer Bar am Marktplatz. Atmosphäre eher französich als bretonisch, was auf die ganze Stadt zutraf. Am Hafen unten war noch mehr Markt, wo wir Nektas, Apricots und einen verdammt strengen Käse kauften. Wir hätten den ganzen Käsestand leerkaufen können, so lecker sah alles aus. Und die Würste gegenüber, aus der Auvergne! Auf der Hafenmauer machten wir Pause und fraßen ein paar Teilchen. Segelschiffe fuhren mit Motorkraft dem offenen Meer zu. Weiter gings über Plougrescant – Bild vom schiefen Kirchturm – nach Le Gouffre, einem der bekanntesten Plätze der ganzen Bretagne, weil dort in Ufernähe in einer Landschaft, die stark nach „Ende der Welt“ aussieht, ein Haus zwischen zwei Felsen gequetsch gebaut ist. Dort wohnt seit Jahrzehnten niemand mehr, aber die Leute macht sowas an, weil es dunkle Fantasien anregt. Etwas zum Schaudern und Schütteln. Uns beeindruckt es natürlich nicht. Das Haus müsste schon einen wesentlich verfalleneren Eindruck machen, aber die Fassade wird wohl von touristisch orientierten Gremien erhalten. Die Uferlandschaft sieht teilweise wie auf dem Mond aus. Ein heiterer Sommertag wie heute ist eine denkbar schlechte Gelegenheit, sich sowas anzukucken. Eigentlich schreit die Gegend nach Nebel, Regen, Sturmflut. Wir bekamen schnell genug davon und drängten zur dritten wichtigen Erinnerungsstätte dieser Reise, nämlich dem „besten Restaurant der Welt“ (Name nicht bekannt), wo wir 1983 unvergesslich und fürstlich das 65-Franc-Menü gegessen hatten. Seinerzeit uns erstmals bewusst, dass eine Terrine keine Suppe ist, und wir bekamen unser erstes Johannisbeer-Eis vorgesetzt, während unzählige Fliegen am Fenster klebten. Wir hatten in bar gezahlt und Rolf gehörte noch nicht zu den Gewohnheitstrinkern, er fuhr uns sicher in seinem Polo heim. Was war heute? Die Kneipe gab es noch, sie hatten die Fensterrahmen rosa gestrichen und leider war von außen keine Speisekarte zum Vergleich ausgehängt. Diesen Mythos konnten wir also abhaken. Über Penvénan, wo wir abermals nichts wiedererkannten, gelangten wir nach Port Blanc, dem Epizentrum unseres damaligen Treibens. Wenigstens dort war die Zeit – fast – stehen geblieben. „Unser“ Haus hatte man erweitert, die Hecken waren höher gewachsen, Leute tummelten sich auf unserem Grundstück. Es schien kein durch INTERHOME vermietetes Ferienhaus mehr zu sein. Wir legten uns gegen 14 Uhr an den noch dünn belegten Strand und beobachteten die Ebbe, den Segelschulbetrieb, öckernde Kinder und schrieben einfallslose Ansichtskarten. Bis 16 Uhr wurde es immer voller, die Leute immer dööfer und wir verzogen uns in Richtung Grand Hotel, wo wir ein spezielles Gericht verlangten, das nicht auf der Speisekarte stand. So professionell treten wir mittlerweile auf! Man brachte uns umgehend den gewünschten Crêpe sucre. Was passierte jetzt? Variante 1: Nach dem Zahlen hinterließen wir üppige 2 Francs auf dem Tisch. Um sicher zu stellen, dass das Trinkgeld nicht in falsche Hände geriet, versteckten wir uns hinter dem Auto und beobachteten, wie der Kellner die 2 Francs an sich nahm. Ein breiter Anflug von Dankbarkeit huschte über sein Antlitz, erfüllte seine Mine. Variante 2: Nach 20 Minuten kehrten wir zurück und wandten uns nochmal an den Kellner mit der Frage, ob er 2 Francs gefunden habe, die hätten wir aus versehen auf dem Tisch liegen lassen. Variante 3: Es waren 10 Francs. Welche Variante ist wahr? Das Wetter bedeckte sich, die Sonne verschwand (außer nachts) zum ersten mal seit unserer Ankunft. Abends gab es das „Steak-mit-grünen-Böhnchen“-Ritual, zum Nachtisch den unheimlichen Käse (für manche). Für den Abend war vorgesehen, dem heimischen Lapidarium durch gezielte Neuzugänge von der kleinen Bucht kurz vor der Plage de Trestraou neue Impulse zu verschaffen. Wir hatten ja neulich schon einen bestimmten Stein ausgekuckt, für den die Spezial-Operation notwendig war. Brigitte trug juristische Einwände mit sich und sprach allerhand Bedenken, Drohungen und Verbote aus, aber der Jagd- und Sammeltrieb war stärker. Zwar musste das angepeilte Stück am Strand liegenbleiben, weil unverhofft eine kleine Gruppe gesetzloser Gestalten mit gefährlich wilden Bestien den Strand besetzt hielt und uns als vermeintliche Eindringlinge argwöhnisch belauerte, aber wir verstellten uns als harmlose Sonnenuntergangs-Kucker und warteten ab, bis die Kaputten mit ihren Kötern wieder abzogen. Auch eine französische Kleinfamilie, die engstirnig über den nationalen Bestand an Kieselsteinen wachte, gab schließlich auf und wir hatten den Strand für uns allein. Alle Steine gehörten praktisch uns. Die Dämmerung nach Sonnenuntergang verlebten wir auf- und ab- tigernd im Rummel-Gebiet Trestraou. Von oben sehen die bunten Lichter dieses Areals vermeintlich nett und verlockend aus. Schwer was los, denkt man und ist hingerissen (Die Verlockungen falscher Was-Losizität wurde in anderen Tagebüchern intensiv ausgemalt). Wenn man aber dann mitten drin ist, spürt man, wie oberflächlich, künstlich und billig alles ist. Hier möchte man nicht wirklich teilhaben, nicht essen gehen, kein Eis kaufen, kein Bier trinken. Nur ein bischen ekeln.

Liebe Steinhövels.

Wir haben bereits allen Bekannten Karten geschrieben, vor allem, weil wir vor lauter Gier zu viele Karten gekauft haben, ohne zu merken, dass wir sie schon doppelt haben und die nun wegmüssen. Die Karte für euch wurde zwar mit Bedacht und gleich als erste ausgewählt – nur bei euch fällt uns nichts ein, weil wir an den selbstgesteckten hohen inhaltlichen Zielen scheitern: Die Karte sollte so originell und witzig sein, dass einerseits das Kreativ-Team der Harald-Schmidt-Show sie als Ausgangsmaterial für mehrere Sendungen benutzen könnte, andererseits auch Dreijährige ausdauernd herzhaft lachen können. Sie sollte so freundlich und liebevoll sein, dass euch Tränen der Rührung kommen und ihr euch fast verpflichtet fühlt, uns zu einem Mittagessen auf den Fischteichen einzuladen. Idealerweise wäre die Karte aber auch hilfreich und hätte „als Mehrwert“ jede Menge praktische Tipps für alle Lebenslagen (Wie schlachtet man ein Kaninchen, wie richtet man eine Telefon-Anlage ein, wie lauten die Tennisregeln, wann ist die beste Zeit für Hummer etc.) In wenigen Sätzen müssten wir vielleicht auch beschreiben, wie dieser Urlaub hier verläuft, natürlich so, dass kein Neid aufkommt, sondern die Gewissheit verbreitet wird, nur verbohrte lernunfähige Blödmänner kommen auf die Schnapsidee, sich in ein Auto zu setzen und in eine unsägliche und aberwitzige Gegend namens Bretagne zu verfahren. Es gehört also der entschiedene Ausdruck von Heimweh und Reue hinein. Das Haus Steinhövel, davon gehen wir aus, legt unbedingten Wert auf religiöse Schwerpunkte, deshalb haben wir als Karten-Bildmotiv das hier regional volksfrömmigkeitsrelevante kleine „Oratorium“ gewählt, Ziel diverser Fischer-Pardons, welches von der Pilgerschar nur im Wasser watend erreicht werden kann, außer bei Ebbe, aber so leicht macht sich das keiner. Und kurz muss sie sein, wir wollen schließlich niemanden langweilen oder die Zeit stehlen. Am wichtigsten und schwierigsten aber wird uns das Vermitteln von künstlerischer Kompetenz. Welche wichtigen Ausstellungen haben wir in diesem Urlaub bisher gesehen, welche Umwege sind wir dafür gefahren, welche Strapazen haben wir dafür aufgenommen, welche entscheidenden Impulse haben sie uns gegeben, wie werden wir unser Leben danach neu ausrichten? Um das Kennenlernen welcher Künstlergrößen haben wir uns bemüht, welche ihrer wichtigen Werke kaufen zu können gehofft? Sind wir bei allen bedeutenden Balett- und Theater-Aufführungen gewesen oder haben zumindest deren Rezensionen in der FAZ gelesen? Hieran müssen wir noch arbeiten, wenn wir denn mit einer Ansichtskarte Beachtung finden wollen. Fröhlich einen Kanon anstimmend, grüßen euch alle von Herzen…

Mittwoch, 21. Juli 2000

Im Mittelpunkt stand heute eine Wanderung rund um die Ile Grande westlich von Trégastel. 7 KM, offizielle Wanderdauer 2 Stunden, was ungefähr hinkam. Bei Ankunft Ebbe. Kilometerweit kein Wasser zu sehen, wie in den verdorrten Zonen der Welt. Wir machten diverse Fotos von der Ebbe, von Geröll-Feldern, vom Badebetrieb in den kleinen Buchten, wo etwas Sand lag. Am Ende reichte es auch und ohne dem kleinen Ort in der Inselmitte einen Besuch zu widmen, verzogen wir uns wieder Richtung Trégastel. Wir parkten vorzeitig und wanderten Richtung Strand, wo es ein paar Hotels, Kneipen und ein unter der Promenade neu gebautes Hallenbad gab. Am beeindruckendsten waren die Felsen am Strand und an exponierter Stelle das stillgelegte Hotel „de la Plage et de la mer“. Archäologisch ließ sich feststellen, dass es wohl bis 1993 bewirtschaftet worden ist. Zu dem Zeitpunkt hören die an den Eingang geklebten Auszeichnungen von Automobilclubs und Touristik-Verbänden auf. Man stelle sich vor, auf welchem Standard die Zimmer gewesen sein mögen, welche Ängste und Sorgen die Betreiber beim Gedanken an die Zukunft getrieben haben mögen, wie es dem Ende zuging, wie sich die letzten Gäste gefühlt haben mögen, und es schaudert einen dabei. Das Hotel mag um 1910 gebaut worden sein. Vielleicht war es die Herberge für Freddy’s immer wieder erwähnten Urlaub in Trégastel 1940… Nach einem Rundgang entschieden wir uns für die Hotel-Terrasse gegenüber, wo wir ein (zu teures) Eis bestellten. Bestellung, Lieferung und Verzehr zogen sich ziemlich hin und wir konnten dabei ein wenig abhängen. Das Mädel, das die Bestellung aufgenommen hatte, kam 10 Minuten später noch mal, um zu fragen, was wir wünschten. „Immer noch zwei Eis“, sagte Brigitte, und sie erinnerte sich dann doch. Um 20 Uhr waren wir wieder daheim. Das Abendprogramm bestand aus einer kleinen Radtour zum Zweck der Hortensien-Fotografie, wofür es leider schon zu spät war, dem Abendessen und einer Autotour zum anderen Ufer, wo wir rund um Louannec verschiedene Punkte ansteuerten, für die es schon mal längst zu spät war. Zwar fanden wir noch ein paar schöne Steine, aber die beabsichtigten Fotos ließen sich nicht mehr schießen. Um 23 Uhr standen wir in der Telefonzelle, hörten die Box und versuchten vergeblich, den Oppa anzurufen, der aber – deutet man das Besetzt-Zeichen richtig – mit seinen Frauen (wirres Zeug?) quatschte.

Nächtlicher Traum.

Liebe Steinhövels,

wenn mir jemand einen Traum erzählen will, habe ich immer ein ungutes Gefühl und höre am liebsten weg. Zu unrealistisch, zu privat, zu unverständlich, zu peinlich, kein bischen witzig. Deshalb erzähle ich selbst keine Träume. Hier nun mein Traum, weil er von kunsthistorischen Interesse ist und deshalb gerade euch nicht vorenthalten werden darf.

Vorgeschichte zur Erklärung (jetzt wird es leider ein wenig privat, unverständlich und peinlich): Freddy hatte im Verlaufe seiner Amtskarriere (1958 – 1978) drei Vorgesetzte [Erläuterung zur Vorgeschichte zur Erklärung: Was war das Amt? Ein Zusammenschluss der 5 selbständigen Gemeinden Schloß Neuhaus, Elsen, Sande, Hövelhof, Stukenbrock auf Verwaltungsebene mit Sitz in Schloß Neuhaus. An der Spitze der Behörde der Amtsdirektor]: Amtsdirektor Ernst Bahlsen senior – eine anerkannte Autorität, aristokratisch, weitsichtig, kühn und strategisch in seinen kommunalpolitischen Entscheidungen, streng und gerecht in der Führung seines Personals, geachtet bis gefürchtet. Der Kennedy des Amtes. Für sich selbst und für Freddy rangierte er wahrscheinlich noch vor Bundeskanzler Adenauer. 1972, 3 Jahre bevor Schloß Neuhaus tragischerweise nach Paderborn eingemeindet und das überaus leistungsfähige „Amt“ zu Gunsten der Stümper in Paderborn aufgelöst wurde, schied er als sogenannter Wahl-Beamter“ nach zwölf Dienstjahren aus dem öffentlichen Dienst aus und heuerte bei der N. Aktiengesellschaft als interner Liegenschafts- und Immobilienhai an, wo ihm das Nicht-Beamtentum damit versüßt wurde, dass er den Titel Direktor weiterführen durfte, obwohl es außer ihm sonst keinerlei Direktoren bei N. gab. Er kungelte im Firmenauftrag den Bauern ringsum hektarweise das Land ab, wo später der Industriepark für N. und seine Nachfolge-Firmen entstand. Der dritte und letzte Amtsdirektor war, von Freddy gehasst und verachtet, der spätere Anwalt Dr. Friedrich Winterthur. Zur Blütezeit des Amtes in der Ära Bahlsen waren die familiären Beziehungen zwischen Familie Udo und Familie Bahlsen dergestalt, dass Udos (echte) Mutter eine stille Bewunderin von Frau Bahlsen war, weil diese anders als ihr Mann jegliches hochtrabende standesdünkelige Verhalten unterließ, statt dessen bescheiden und freundlich auftrat, sich im Metzgerladen die Wurst nur dünn schneiden ließ und bei zufälligen Begenungen auf der Straße manch gutes Wort für Mutter übrig hatte. Udo hatte eine Schülerfreundschaft mit Ernst Bahlsen junior (heute Anwalt irgendwo) angefangen, welche hauptsächlich in regelmäßigen verlorenen Schach-Partien im Hause Bahlsen (Amtsweg x) ihren Ausdruck fand. Bei den Besuchen dort mussten stets die Straßenschuhe gegen bereitstehende Pantoffel getauscht werden, um das wertvolle Parkett zu schonen. Freddy hatte die Ehre, regelmäßig samstags das Bahlsen’sche Auto waschen zu dürfen, einen zweifarbig lackierten Ford 17M mit Lenkradschaltung. Was tut man nicht alles für seinen Vorgesetzten. Außerdem durfte er persönlich bei längeren Abwesenheitszeiten der Amtsdirektorenfamilie im Amtsweg 21 die Blumen gießen und die Schallosiehen rauf und runter ziehen, wo Mutter aber, obwohl sie brennend gern gewollt hatte, nie mit durfte, um jeglichen Verdacht der Schnüffelei abzuwehren. Ende der Vorgeschichte zur Erklärung, zurück zum Traum: Auf Vermittlung von Brigitte (ich lasse jetzt mal alle traumtypischen, verworrenen Schlenker weg) trat Frau Anneliese Block-Ricky an mich heran, mit der Bitte, mich der Restaurierung einer Großfigur aus der Hand des Meisters Josef Ricky, anzunehmen. Ich war bereit, als ich hörte, in wessen privaten Haushalt sich die Figur befände, und auch ihr ahnt es. Ich klingelte an der Tür vom Haus Amtsweg x und die nunmehr betagte Gattin, noch rüstig, öffnete mir. Ich stellte mich vor und erwähnte vorsichtshalber in Kurzform die Fakten: Mutters Sympathie, die Schachpartien, Freddy’s unterwürfige Dienstbarkeiten. Doch sie stellte sich stur und sagte unterkühlt: „Möglich. Ich erinnere mich nicht.“ Sogleich betrat Ernst junior die Szene, mittlerweile ein stattlicher Herr mit grauem Vollbart und Halbglatze (in Wirklichkeit habe ich ihn seit 1965 nie wieder gesehen). Erneut stellte ich mich dummerweise noch mal vor: „Noltenhans, guten Tag, ich komme wegen der Ricky-Figur.“ Stellen sich so alte Schulfreunde vor? Gilt nicht ein lebenslanges „du“, egal wieviele Jahrzehnte man sich nicht gesehen hat bzw. wie berühmt einer von beiden geworden ist? Aber auch Ernst junior wollte mit Bögers aller Art nichts zu tun haben. Aus psychologischer Sicht ein katastrophaler Traum, aber wie sagt der Rheinländer? „Et is wie et is.“ Das einst peinlich gepflegte Parkett war stark abgeschabt, irgendwann müssen sie aufgehört haben, es von zum Pantoffel-Tragen zwangsverpflichteten Gästen schonen zu lassen. Vielleicht ab dem Zeitpunkt, als es aufhörte ein Geheimnis zu sein, dass der saubere Herr Direktor einer seiner jungen Verwaltungsangestellten ein sogenanntes uneheliches Kind angedreht hatte und damit ein sichtbarer Riss durch die perfekte Fassade ging. Das Mobiliar war sehr lückenhaft wie etwa während eines gerade stattfindenden Umzugs. Nun erschien er selber. Unnahbar, selbstherrlich, arrogant ignorierte er mich in seinem eigenen Haus. In einem Nebenzimmer entdeckte ich auf einem sperrigen Sockelgestell die Ricky-Figur: Ein ca. 3 Meter langer, unproportionierter, auf dem Rücken liegender geschlechtsloser Bär mit länglichem Kopf, kleinen gemeinen Augen, für Bären unüblich langen Ohren und am ganzen Körper mit graubraunem Frottée bezogen, wie euer Tetz, lieber Steinhövels, so dass man nicht erkennen konnte, aus welchem Material er geschaffen war. Ich stellte fest, dass wir den Bären nicht in unser Auto bekamen und überlegte, was für ein Fahrzeug wohl nötig wäre, um ihn fort zu schaffen. Darüber wachte ich auf und war ohne Trost.

 

Freitag, 22. Juli 2000

Vormittags machten wir eine Tour mit dem Rad durch den Ort, um noch einmal zu kucken, was wichtiges noch nicht fotografiert ist. Am Hafen tranken wir ein Bier, dösten in der Sonne und beobachteten eine Dame am Nachbartisch, die dreimal in die Bar rannte, Rubbellose kaufte und sie am Tisch sitzend in gespannter Erwartung aufrubbelte. Dabei stülpte sie eine Sonnenbrille und eine richtige Brille übereinander, setzte eine coole Miene auf und rauchte. Zwei Läden weiter rempelten Passanten einen großen Ständer mit folkloristischen Porzellantellern die Stufe hinunter. Sofort bekamen wir Schuldgefühle. Später am Telefon berichtete unser Oppa von permanent schlechtem Wetter in der Heimat, dass Jan Ullrich die Tour de France nicht mehr gewinnen würde und der Zustand von Mutter unentschieden sei. Mittags gab es Reste: Nudeln mit Lardons und Avocado. Nachmittags fuhren wir nochmals mit dem Rad durch den Ort, fotografierten die allerletzten Hortensien, klauten am Strand noch einen schönen Stein und empfingen zu Hause Monsieur Duchesne, der den Scharmanten machte und halb auf französisch mit etwas deutsch vermischt sich um eine kleine Konversation bemühte Thematischer Aufhänger war sein Köter, der mehrere Male durch ein Loch im Maschendrahtzaun auf unser Gelände gedrungen war. Wir bauten die Fahrräder auseinander und fuhren nach Ploumanac’h zum Abendessen. In der Kneipe, wo wir neulich schon mal waren, gab es für Brigitte einen Napf mit 12 Crevetten und für Udo einen Topf Muscheln à la Bretonne, d.h. mit Sahnesoße, Blumenkohl und Lardons. Es war voll aber nicht hoffnungslos, etwas windig aber sonnig, und die aufkommende Flut umspülte langsam das Oratorium.

 

Samstag, 22. Juli 2000, der Tag der Rückreise.

Wetter: Stürmisch, kältlich und bedeckt. Wir standen um halb sieben auf und verzichteten spontan darauf, noch umständlich zu Bäcker zu fahren und für ein Baguett einen Hunni kleinzumachen. Früh waren wir mit packen fertig und hatten noch viel Zeit, bis um 9 Uhr Madame Rizzoni auftauchen sollte, um die Übergabe zu regeln. Daher begannen wir, die Endreinigung selbst durchzuführen. Als bis 20 nach neun niemand erschien, nahmen wir die Dinge selbst in die Hand und regelten die Schlüsselübergabe via Mme. Duchesne, der importierten Thailänderin, die schon fünf Minuten nach dem Klingeln in einem orangenen Morgenmantel öffnete und für alles Verständnis hatte, indem Sie nix verstand. Bon Voyage.

Wir verfuhren uns bei Lamballe („l’ am Ball bleiben“) und gerieten auf St-Malo zu. Wir wurden dafür entschädigt durch einen netten kleinen Ort, Typ „Etappe-Halbzeit“wo wir spontan ein Baguett und etwas Mettwurst kauften. Man kann unterwegs nie genug Mettwurst kaufen. Beim Gezeiten-Kraftwerk an der Rance kurze Pause. Bei St-Lô Picknick am Flüsschen Vire. 14.30 Uhr waren wir in St-Laurent en Bessin und verbrachten Nachmittag und Abend bei und mit Familie Ulker, die dort traditionell die Sommermonate verbringt, weil sie dort ein großen Haus in den Dünen besitzen. Essen gehen in Ste-Honorine des Pertes, wo es so französisch zuging wie schon lange nicht mehr. Allerdings fiel das geschmacklich o.k.’e Menü für den Preis zu mickrig aus. Wir verließen das Institut hungrig wie die Wölfe. Das Meer war wellig wie an der Nordsee, Wolken von aufgewirbeltem Sand flog über die Uferstraße und wir waren froh, den Urlaub nicht dort verbracht zu haben.

 

Sonntag, 24. Juli 2000

Weiterfahrt bei beruhigtem, diesigen Wetter über Bayeux, Caen, Pont de Normandie, Chateauneuf, Amiens auf Cambrai zu. Wir kamen überraschenderweise bei Peronne raus, wo wir ohne Umschweife auf die Autobahn Richtung Belgien fuhren. Damit verzichteten wir auf die traditionellen Fritten in Peronne und die Weiterfahrt auf der Landstraße. Belgien sonnig. Das touristische Rahmenprogramm sollte eine hautnahe Fahrt entlang des Braunkohlen-Baggerlochs Garzweiler sein. Sie hatten aber an allen Rändern zu den Straßen und Autobahnen große begrünte Wälle aufgeschüttet, so dass man praktisch nichts sah. Um 20.30 Uhr waren wir wieder daheim und gingen sofort auf Libori.