2014 · Eine Woche Holsteinische Knüste

By 5. Juli 2014November 23rd, 2014unterwegs
Hohwacht in der Hohwachter Bucht, 5. – 12. Juli 2014

Prolog
Unglaublich oder nicht – die Steuer ! Die Aufträge. Der Friedhof. Am 4. Juli abends noch ein privates Fußball-WM Viewing mit Grillen und Bier im Garten.

Samstag, 5. Juli
Morgens fuhren wir zum Wochenmarkt, um Proviant einzukaufen, denn in Schleswig Holstein würde man nirgendwo etwas bekommen. 2. Station: Blumen gießen auf dem Waldfriedhof in Schloss Neuhaus. Da merkten wir, dass wir die sogenannten Reisedokumente vergessen hatten. Also wieder zurück. Um 11.07 Uhr starteten wir endlich durch. Hinter Hannover zweimal 5 Km Stau, aber ging noch. Obwohl wir schneller denn je fuhren – manchmal sogar über 130 – brauchten wir für die vorausberechneten und tatsächlich eingetroffenen 407 Km mehr als 4,5 Stunden. Erster Eindruck: Hohwacht ist zum Glück vielleicht netter als erwartet. Leicht gebirgig, mit Miniwald, belaubwaldetem Steilufer und genügend touristischer Infrastruktur ausgestattet. Keine Hochhäuser (aus vorausschauendem Prinzip), kein runtergekommenes Spaßbad, kein überdimensioniertes totes Kurzentrum. Ein leicht bausündiges 90er-Jahre-Sanierungsgebiet im Zentrum, das aber kaum störend. Vor em WK II hätte man von „Sommerfrische“ gesprochen. Verglichen mit den Erwartungen, gibt es über die Wohnung nichts zu meckern. Fast. Gut ausgestattet, alles wesentlich moderner als zu Hause, sauber, heile. Allerdings unpersönlich, man sieht keine Hinweise auf Leute, denen es gehört, die öfter hier wären und ihre Spuren hinterlassen hätten. Das was vorhanden ist wirkt nicht billig. Kein Gästebuch mit verlogenen Sprüchen á là „Liebe Familie Gosch, das war unser superster Urlaub überhaupt. Wir kommen auf jeden Fall wieder.“

Herausragende Beispiele:
+ Echtholz-Laminat, das nicht laut trappelt
+ Schlafzimmer mit zwei Schiebetüren – eine für die Dame, eine für den Herrn. Zweit-Fernseher über dem Bett. Man wird sehen, in Berlin hatten wir den nicht genutzt, weil wir immer erst spät abends durchnässt vom Regen des Tagesausritts heim kamen.
+ Hochglanzlack-Küche mit hochliegendem Backofen. Spülmaschine, Wandboard mit indirekter Beleuchtung nach oben und unten.
– Ethernet-Steckdose, auf der kein Signal liegt. Kein W-Lan, auch kein verschlüsseltes.

Unsere erste Amtshandlung war eine grobe Ortserkundung per Fahrrad zu den Punkten, die wir von der Webcam kannten (Flunder, Seebrücke, Festwiese). An der Seestraße fanden wir den EDEKA Alpen, wo wir das nötigste für die Nacht kauften. Auf der bewaldeten Hochuferpromenade ging es zurück. Nach kurzer Strecke hieß es, die Räder mit den Einkäufen eine 90-stufige Treppenanlage 15 Höhenmeter rauf zu schleppen. Wieder „zu Hause“, konnten wir bei einer guten Tasse Bohnenkaffee ganz gemütlich das Aufziehen einer schönen Gewitterfront beobachten. Auf den Salzwiesen in einiger Entfernung bildeten zuvor vereinzelt rumstehende Rinder vom Typ Zottel Kleingruppen – ein Indiz, dass selbst sie auf heftige Schauer nicht wirklich stehen. Vom entfernt liegenden Campingplatz dröhnte atemlos Helene Fischer rüber. Ein Ausnahme, es kam nur an diesem Abend vor. Der Fernblick vom Haus – und es ist gut, dass es einen Fernblick gibt – erinnert an die Baye de la Somme mit ihren Salzwiesen und den Hügelketten an den Rändern der Bucht. Leider gibt es kein Salicorn, keine Burg, keine mittelalterliche Kirche und keinen Stadtkern, der sich zum Drehen von Nazifilmen eignet (St-Valery sur Somme, 1999, 2013).

Nach dem Regenschauer drehten wir die gleiche Runde wie zuvor, aber zu Fuß. Mit Einkehr bei der Strandbude „Toms Hütte“ (ohne Onkel, nicht gut wie von weitem vermutet) waren wir knapp 3 Stunden unterwegs und kamen kurz vor 23.00 Uhr heim. Wir machten ein paar Fotos vom Sonnenuntergang, ein paar für die Baukritik und bewunderten die Gäste bei der Strandbude Luv + Lee, wo es viel authentischer zuging als bei Tom, und richtig viel los war – sah ein bischen nach spontaner geschlossener Gesellschaft aus.

Sonntag, 6. Juli

Ein warmer, sommerlicher Tag mit ein paar wolkigen Abschnitten, die theoretisch zu Schauern hätten führen können, es aber nicht taten. Am Ende strahlend blauer Himmel mit Fernsicht. Wobei wir mal wieder bedauernd feststellen müssen, dass wir zum wiederholten Male das verdammte Fernglas vergessen haben. Wir werden dessen Stammplatz fest ins Auto verlegen. Vom Bäcker Glüsing, der als Shop-in-Shop bei EDEKA Alpen integriert ist, holten wir Brötchen und als Besonderheit ein Gebäckstück, dessen Bezeichnung „Laugen-Ecke“ keine Aufschlüsse darüber lässt, was es wirklich ist: ein dreieickiges Blätterteig-Brötchen, welches der dänischen Thebirke verdammt nahe kommt, vor allem geschmacklich. Optisch nur zu 50 %. Sehr blätterteigig, frisch, knusprig (crispy) und mit Nutella nach unserem Geschmack optimal kombiniert. Das Frühstück, oder besser gesagt, alle Mahlzeiten finden ausnahmslos auf dem winzigen nach Süden ausgerichteten Balkon statt, der der ganzen Tag Sonnenpotenzial hat (so die Sonne scheint) und vor allem Natur- und Tierbeobachtungen ermöglicht. Leider gibt es keinen Sonnenschirm/Markise. Wolkenveränderungen, Schwärme von Enten, Reiher, Kranichen und Gänsen, und die aus 9 bis 11 Tieren bestehenden Highland-Kuhherde mit langen Hörnern und rotbraunem, zotteligen Fell, darunter 3 Jungtiere, faszinieren den ganzen Tag. Sie können endlos im Wasser stehend verharren, oder langsam von West nach Ost bzw. andersrum ziehen. Wenn sie das Wasser verlassen, vermeiden sie es, sich wie ein Hund zu schütteln.
Dann machten wir eine Radtour nach Behrensdorf, ca. 6 Km westlich von Hohwacht. Der schmale Pfad zog sich an einer kleinen Düne entlang. Höhepunkt war ein alter Leuchtturm, an dem nichts los war. „Leuchtturmtage“ mit sogenanntem attraktiven Programm waren erst für übernächste Woche und für Mitte August angekündigt. Interessant am Programm wäre sowieso lediglich die in Aussicht gestellte Besteigungsmöglichkeit gewesen. Behrensdorf lag anders als vermutet nicht direkt am Wasser, hatte weder einen Hafen noch eine Würstchenbude, sondern nur ein verträumt wirkendes militärisches Gelände der Bundeswehr zu bieten. An der nächsten Kreuzung stießen wir auf ein älteres leutseliges Ossi-Pärchen, welches aus Kiel angeradelt kam, nach Hohwacht als Tagesziel wollte und uns gute Ratschläge gab. Wir ihnen aber auch. Unser Tipp war, nicht direkt nach Hohwacht zu radeln, sondern um den landschaftlich unglaublich reizvollen und stillen Binnensee, der als Fischadler-Refugium gilt, herum. Zum Beweis zeigten wir ihnen unsere vorhin frisch gekaufte Landkarte, auf der dieser Weg als rote Linie eingezeichnet war. Wir warteten, bis sie außer Sichtweite waren und wählten diese Strecke dann selbst. Zunächst ging es bergauf. Dann kamen wir an einem prächtigen Guthof vorbei, und wäre Holstein nicht seit Generationen republikanisch, hätten wir einen Adelssitz vermutet. Veredelt wurde dieser durch einen der landestypischen standardisierten Raiffeisen-Speichertürme, die oft als Landmarken von weitem zu sehen sind, wie in Frankreich die Wassertürme. Der Weg war zunächst breit und geteert, dann breit und geschottert, dann zwei Spuren im Gras, dann ein einspuriger Pfad, und dann, als es schon sehr waldig und sehr einsam zuging, bestand er entweder aus einer morastigen Piste, die man nur am Hang einer eiszeitlichen Endmoräne über Äste und umgekippte Bäume umklettern konnte, oder aus einem Feld von Unkraut und Gestrüpp, in welchem der Wegverlauf nur vermutet werden konnte. Fahren lag nicht mehr drin, Schieben wäre komfortabel gewesen, Tragen der Regelfall. An einer Stelle waren wir wohl zu früh abgebogen und hatten „die rote Linie überschritten“. Doch der Intention, aufzugeben und den Weg zurück zu wählen, gaben wir nicht nach. Irgendwann wurde es wieder ziviler, wir überquerten die Kossau, die für Kanuten und Paddler gesperrt ist wegen der vielen umgestürzten Bäume. Die Ossis waren die ganze Zeit nicht mehr zu sehen, wir vermuten, sie haben unseren wertvollen Tipp einfach ignoriert. Wo mögen sie abgestiegen sein: im ****Sterne Hohe Wacht (zu teuer) oder im Standhotel (wahrscheinlich). Strecke : ca. 18 Km.

Nach einer Ruhepause brachen wir erneut auf, diesmal zu Fuß und in die entgegengesetzte Richtung: Sehlendorfer Strand. Über eine Holzsteg-Brücke gelangten wir auf den Abschnitt jenseits der Salzwiesen bis zum Anfang eines riesigen Campingplatzes. Am Wegesrand war ein ehemaliger Campingplatz namens Tivoli bereits im Jahr 2000 löblicherweise und restlos in ein Naturschutzgebiet zurückverwandelt worden. Geht doch. Der Strand dort hatte einen sehr feinen Sand, abschnittweise keine Algen und klares, nicht zu kaltes Wasser. Man hätte ohne weiteres Schwimmen können. Da wir den Rückweg über den Strand wählten, mussten wir die Flussmündung watend durchqueren, was uns mit ausgezogener Hose auch gelang. Wir freuten uns auf eine Einkehr in der Strandbude Luv + Lee, aber dort war alles voll. Wir wählten dann die Nummer 2, Utkiek. Bei Ankunft ca. 20.00 Uhr wurde uns bedeutet, man schließe gleich und es gäbe allenfalls noch ein Fischbrötchen (Wir mit Brathering, die Mutter mit Lachs. Die versprochene Meerettich-Remoulade bestand aus Honig-Senftsoße.

Endpunkt der Wanderung war eine imainäre Stelle etwa 1 Km jenseits der Aussichtsplattform „Flunder“. Bei einem Zwischenaufenthalt auf der Flunder wurden wir zufällig Zeugen einer dramatischen Rettungsaktion. Auf einer Bade- bzw. Rettungsplattform ca. 100 m vor dem Ufer befanden sich zwei Oppas, von denen es einem gelang, ans Ufer zu schwimmen und bei der nahe gelegenen DLRG Station einen Retter zu alarmieren, der den zweiten Kerl irgendwie retten oder an Land bringen sollte. Der hatte sich übernommen oder schlapp gemacht. Ein Boot oder ähnlich komfortable Hilfsmittel standen nicht bereit. Der Retter nahm noch eine kalte Dusche, bevor er sich ausgerüstet mit einem kleinen Schwimmkissen an einer Leine in die Fluten stürzte. Vermutlich möffelte er unter dem Ärmel und wollte dem Opfer so nicht gegenüber treten. Eine zweite Retterin schwamm hinterher. Gemeinsam übernahmen sie den Havarierten und zogen ihn schwimmend an Land. Als das Manöver fast beendet war, kam der Seenotrettungskreuzer „Manthey° angejagt. Man gab der Crew zu verstehen, dass die Aktion so gut wie gelaufen war und schickte den Kreuzer wieder weg. Der Gerettete kam jedoch nicht mit einem Dankeschön davon, sondern wurde auf die, wie es hieß „Wache“ mitgenommen. Dort musste er sich einem Verhör unterziehen. Der Wachhabende DLRG-Officer fragte „Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht“ bzw. „Können Sie mir mal verraten, was das wieder sollte?“ Wir wollten seine Ausreden nicht hören und zogen weiter. Unterwegs nahmen wir diverse gastronomische Optionen in Augenschein, ohne jedoch einzukehren. Der Abend klang bei einem mit Wasser verdünnten Lübzer Pils auf dem Balkon aus.

Montag, 7. Juli

Morgens war es ausnahmsweise mal kühl. Warm war es nur mittags, beim Essen auf dem Balken. Nachmittags, bei der obligatorischen Radtour, schon nicht mehr so. Der Vormittag war mit Tierbeobachtungen und Lesen des Ostholsteiner Anzeigers ausgefüllt. Wir ließen es ruhig angehen und brachen erst am Nachmittag zu einer Radtour nach Lütjenburg auf. Die Landschaft auf dem für uns bis dato unbekannten Hinweg erwies sich als überraschend abwechslungsreich. Die kurvige Landstraße war durchgehend mit einem Radweg ausgestattet. Das Auf- und ab, die Kornfelder, die kurvige Allee mit den dicken Eichen, das alles erinnerte an die Radtour zwischen St. Riequier und Pont Remy am 16.8.2013. Man muss sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass dies hier nicht Nordfrankreich ist, sondern Schleswig-Holstein. Lütjenburg selbst verursachte unterschiedliche Eindrücke: Die Mutter fand enttäuschend, dass das erwartete Niveau und die in lokalen Touristikprospekten vollmundig versprochene Vielfalt der Geschäftswelt nicht wirklich zutraf. Wir hingegen waren keineswegs enttäuscht, sondern angenehm von der bukolischen Beschaulichkeit des unerwartet hügligen Ortsbildes überrascht. Am Ortseingangs stand ein Raiffeisen-Speicher im Schleswig-Holsteinischen Stil, den wir gar nicht vermutet hatten. Die City erinnerte an Eu in der Picardie, vielleicht auch nur an Blomberg oder Ibbenbüren. Zunächst fand ein Aufstieg zum Bismarck-Turm statt. Das Wesen der Bismarck-Türme müssen wir noch mal gesondert ergründen. Er wäre theoretisch für 1 € Eintritt zugänglich gewesen über ein angebautes Ausflugslokal im 50er-Jahre-Stil, jedoch hatten sie heute selbstverständlich Ruhetag. Nach ein paar Runden durch den Ort kehrten wir bei einer Bäckerei mit Sitzgelegenheit ein. Kirschtorte und Windbeutel, beides so là là, dazu ein dünner Café. Bizarre Typen und die Dorfjugend regten zu Sozialstudien an. Zuvor hatten wir, ein Allzeit-Novum, bei einem Antiquariat ein Buch gekauft. Mehr dazu nicht hier, sondern in der Kategorie „Beobachtungen am Point of Sale”. Den Rückweg nahmen wir nicht direkt, sondern über Sehlendorf und am Strand entlang. Bedauerlicherweise kehrten wir beim Packhuus nicht ein. Im Strandrestaurant Luv + Lee wurden wir noch reingelassen, obwohl es schon 18.45 Uhr war. Die Mutter Schollenfilet mit Brakato, wir 2 Bratherings dito. Der Wein, ein Gascogne, wird als überdurchschnittlich lekker im Gedächtnis bleiben. Gesamtstrecke: 21 Km mit 198 Höhenmetern, die uns trotz Gegenwind schon nicht mehr so schwer fielen. Schon richtig frierend wieder zu Hause, wo es gemütlich warm war, hielten wir proforma Ausschau nach den Rindern: Nicht zu sehen.

Dienstag, 8. Juli

Bis Mittags war es feucht, regnerisch und ungemütlich, wenn auch nicht kalt. Nach langem Abwarten machten wir uns um 10.30 zu Fuß auf in Richtung Flunder, und dann darüber hinaus bis zur Marina „Lippe“. Das Meer rauschte, hohe Wellen kamen höher auf den Strand und unter der Flunder konnte man nicht mehr hergehen. Niemand war im Wasser, für DLRG gab es nichts zu retten. Bereits kurz vor dem Ziel „Lippe“ fing es an zu regnen. Wir hatten keinen Schirm dabei und machten auf dem Rückweg eine kurze Station bei EDEKA Alpen. Mittags kam die Sonne raus. Gegen 15.00 Uhr fuhren wir los. Mit dem Auto zunächst bis Heiligenhafen Ost, von wo wir, ohne von der Stadt irgendetwas mitbekommen zu haben, sofort Richtung Lütjenbrode radelten. Wir hatten Gegenwind. Hinter Großenbrode begann der Anstieg zur Fehmarnsundbrücke. Man musste durch ein Törchen auf einen schmalen Streifen neben der Brückenrampe wechseln, wo es schwierig war, entgegen kommenden Radlern auszuweichen, so eng ging es zu. Ein einheimischer Oldie warnte uns vor mancherlei Gefahren. Von der Brücke sahen wir auf der Insel rechts einen kleinen Segelhafen und malten uns bereits eine nette Pølserbude aus, da uns das Ganze nicht mehr richtig deutsch vorkam, sondern schon dänisch. Jedoch gab es in dem „Segelhafen“ rein gar nichts, es war eher ein Boots-Friedhof. Wir kehrten um. Wieder auf die Brücke, diesmal zunächst mit Rückenwind, bis dieser erwartungsgemäß drehte und uns entgegenblies. Nun galt es, Heiligenhafen kennenzulernen. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass es aus mehr als diesen 60/70er-Jahre Appartment-Hochhaus-Arealen besteht, ja sogar, dass dort eine alte Kirche im dänischen Stil steht. Dazu Konrnspeicher und Backsteinspeicher in Hanse-Optik. An allen Fischbuden und Restaurants fuhren wir schweren Herzens vorbei und nahmen noch eben den ausgedehnten neuen Marina-Bezirk mit, bevor es wieder zum Auto ging. 5 Minuten später, als wir gerade nach einer Möglichkeit Ausschau hielten, ein Bier für dem WM-Fußballabend Deutschland-Brazil zu kaufen und diesbezüglich ein Famila-Getränkemarkt am Wegesrand lag, setze ein Gewitter ein. Später erlebten wir am TV das legendäre 7:1 Halbfinale.

Mittwoch, 9. Juli

Wetter: den ganzen Tag sehr sonnig, sehr windig 5Bf. Für uns ein kompletter Strandtag:
Vormittags machten wir eine Radtour zum Sehlendorfer Strand und liefen mit den Füßen durch die Wellen Richtung Osten, bis der Strand so geröllig wurde, dass es nicht mehr weiterging. Die Gastronomie bei Sehlendorfer Campingplatz wirkte vielversprechender, als sie letztendlich war. Wir kauften dort nichts, sondern kehrten in Hohwacht bei Imbissbude Nr. 2 = Utkiek ein. Sie waren nicht weniger unfreundlich als am Sonntag. Für zwei Getränke gab es auf Nachfrage ein Glas – man kann ja auch und soll sogar zusammen aus einem Glas trinken. Die Currywurst war selbstverständlich vom Typ „Norddeutsch“ – das heißt ein angeschröggelter Riemen mit quietschsüßem Ketschupp. Anders als befürchtet, bestand der fatalistisch georderte Kartoffelsalat nicht nur aus weißer Süßstoff-Tunke mit Zwiebeln und Äpfelstücken, sondern es waren sogar Kartoffeln drin. Natürlich nicht weniger lieblos als unbedingt erforderlich. Während der Mittagspause, die wir daheim verbrachten mit gelegentlichem Betreten des Balkons, beobachteten wir, wie in der Bucht vor dem Sehlendorfer Strand, wo wir vorhin noch gewesen waren, ein Groß-Rettungseinsatz ablief, mit Hubschrauber, Seenotrettungskreuzer und Feuerwehrautos. Später lasen wir, dass zwei oder drei Menschen im Meer umgekommen waren – beim Versuch, jemand in Not geratenen zu retten. Traurig.

Zweite Tour: mit dem Rad bis hinter die Marina Lippe, um dort am Strand zu wandern. Vom Strand war jedoch nichts zu sehen : Der starke auflandige Wind hatte das Wasser ziemlich nach oben getrieben. Es war auch recht frisch und ungemütlich. An der Flunder beobachteten wir noch einige Zeit die hohen Wellen.

Vor dem Abendessen die dritte Tour: mit dem Auto nach „Weißenhäuser Strand“. Wir wussten vorher wirklich nicht, dass das eine gigantische, Quadratkilometer große Ferienanlage im 1970er-Jahre Stil mit integrierten Spaß-Attraktionen ist. Wer dort wohnt, braucht die Anlage keinmal verlassen, denn er hat hier „alles“. Bevor die schlechte Aura ernsthaft auf uns übersprang, verließen wir den WS Richtung Blekendorf, um uns dort im letzten Abendlicht zumindest von außen die auf einem Hügel stehende Kirche aus dem 13. Jahrhundert anzuschauen. Über die schönen Eichen-Alleen gelangten wir sodann wieder in Hohwacht an. Ein letzter Blick am Hohwachter Strand. Wind und Wellen hatten etwas nachgelassen. Zu Hause stellten wir beunruhigt fest, dass sich die Rinderherde nun seit 2 Tagen nicht blicken gelassen hat. Im Fernsehen: WM Halbfinale NL : AR.

Donnerstag, 10. Juli

Wetter: nicht mehr so windig, den ganzen Tag strahlend blauer Himmel. Bis 27°. Wir radelten zu EDEKA Alpen für Brötchen. Da heute kein Strand- sondern Tourentag war, fuhren wir nach dem Frühstück mit dem Auto nach Malente und unternahmen mit dem Rad eine Rundtour um 3 Seen nach Plön: Dieksee, Behler See, Schöhsee. Doch zunächst schauten wir uns die fußläufigen Bereiche von Malente an: Hauptstraße, Ecke Kurpark, Bahnhof. Urteil: Nichts spektakuläres, nicht überwältigend, aber mit einem Begriff „Etappenzielqualität“. Das trifft, um es vorwegzunehmen mit einer Stufe besser, auch auf Plön zu. Wir wollten vermeiden, hin und zurück auf gleichem Weg zu fahren und wählten für den Hinweg eine Nordroute, über Timmdorf und Behl. Die Strecke war einsam, ländlich und durch am Wegesrand liegende Gestüte von fast britischer Pferderomantik geprägt. Ein Versuch, in Plön einzukehren, scheiterte weitgehend, weil wir uns am Marktplatz auf die erstbeste Bäckerei mit Sitzgelegenheit stürzten, die es nicht brachte. Das Plöner Schloss nennt sich heute „Fielmann-Akademie“. Wir sahen den Namen und die Marke Fielmann kein einziges Mal, so zurückhaltend war deren Präsenz. Von der Schlossterrasse hatte man einen phänomenalen Weitblick auf den großen Plöner See mit seinen Inseln. Auf dem Rückweg entdeckten wir am Nordufer mehrere einladende Gastronomien mit Seeblick, aber uns war nicht nach Einkehr. Im Halbschatten ging es immer in Ufernähe zurück. Zurück in Malente, gönnten wir uns in der äußersten Nordost-Ecke des Dieksees, unweit eines riesigen 1960er-Jahre Appartmenthauses, welches von weitem einen urbanen Eindruck machte, aber aus der Nähe ein problematisches Flair verströmte, in einem Terrassencafé/Restaurant eine Kaffee-/Kuchen-Einkehr. Aber das Essglück war wieder nicht auf unserer Seite: der Kuchen war riesig, aber unerträglich süß. Wir ließen ihn zur Hälfte auf dem Teller zurück. Wir drehten zu Fuß eine weitere Runde durch Malente, diesmal zwecks Supermarkt-Besuch und vor allem zwecks Einkauf eines schönen Stückes Schinken vom Katenrauchschinkenspezialist Peters, dessen Rauchkate wir bei Ankunft am Vormittag sofort entdeckt hatten.
Am späten Nachmittag gab es dann doch noch einen Strandbesuch: Am Sehlendorfer Strand (wo gestern das Unglück passiert war) 2 Km durch das Wasser rauf und wieder runter. Noch später entschlossen wir uns, das für einen jeden Urlaub fällige „Captain’s Dinner“ beim „Seaside“ in Strandnähe nahtlos folgen zu lassen. Doch zum dritten Mal heute ging es schief: Der Bacon-Burger war nicht knusprig oder lekker, sonder zu groß, pappig, fade und mit zuviel Matsche zugeschmiert. Die Pommes ok, aber nach zwei Dritteln brachen wir ab. „Bielefeld“ (die Bewohner von unten) war abgereist, auf dem Hof fanden wir eine verschließbare und daher naheliegenderweise auch abgeschlossene, heute neu errichtete, Fahrradgarage im Form einer gläsernen Brottrommel vor. Nun waren wir die einzigen Bewohner des Hauses.

Freitag, 11. Juli

Das Wetter war unverändert sonnig, nicht mehr gar so windig, aber eigentlich fast noch zu windig. Der erste Tag, an dem wir uns keinmal im Ortskern von Hohwacht haben blicken lassen. Gegen Mittag fuhren wir mit dem Auto nach Burg auf Fehmarn, wo der Bär los war. Einerseits vermutlich wegen der Saison, und andererseits wegen eines ominösen Stadtfestes – allgemeiner Rummel in der Innenstadt. Im Grundzustand könnte Burg ganz nett sein – unter Rummel-Bedingungen natürlich nicht. Nett bedeutet ein idyllisches Ortsbild mit lebendiger Stadt, Geschäften und ausreichend Grün. Gerade die Geschäfte haben es in Internetzeiten bekanntermaßen zunehmend schwer. Wir radelten Richtung Meeschendorf, Staberdorf und versuchten, bei Staberhuk den Pfad an der Südküste einzuschlagen, was aber irgendwie nicht ging. Das Kap wurde versperrt von einem lesbischen Pärchen mit Baby. Statt dessen nahmen wir den Pfad an der äußersten Südostecke Richtung Bundeswehrstandort. Der Wind blies mit reichlich Beaufort, aber die Optik war phänomenal. Hier fand sich auch ein Plätzchen für ein Picknick mit Malenter Schinkenbrot. Aus Interesse legten wir einen kleinen Umweg zu Gut Staberhof ein, wo wir die bereits von Ernst Ludwig Kirchner gemalte Scheune sehen wollten. Man durfte nicht richtig, konnte aber durchaus. Ab Staberdorf ging es immer am Südufer entlang bis Burg Südstrand mit riesigen Campingplätzen und einer großen Hotelanlage mit drei riesigen 1970er-Jahre Klötzen, die sie vermutlich lieber heute als morgen wieder abreißen würden, wenn das so einfach wäre. Eher etwas zu schaudern. Das Fehmarner Südufer wirkte insgesamt sehr sonnig, glitzernd und leicht – an der Ostsee eine Seltenheit, weil zumindest in Deutschland kaum Südstrände vorkommen. In Dänemark und Schweden ist das wohl anders. Da wir zuvor Burg kaum gesehen hatten, gingen wir zu Fuß vorbehaltlich des Rummels noch mal auf Entdeckungstour. Die Kirche, das Senator Thomsen-Haus mit einer Ausstellung von Seestücken der Malerin Frauke Gloyer und ein Eis auf der Terrasse von „Burg Eiscafé“ (oder so) rundeten das Programm ab. Der Rummel brachte es jedoch mit sich, dass ein Info-Stand des Konsortiums „Femern Sund = Bælt“ aufgebaut war, welches eine Straßen/Bahn-Verbindung von Puttgarden nach Rødby plant. Zwei Kerle hatten ein paar aufmunternde Worte, zwei schöne Broschüren, einen Schreibblock und einen Kugelschreiber für uns übrig. Dermaßen motiviert, sind wir nun fest überzeugte Projekt-Befürworter. Zügig verließen wir Fehmarn. In Oldenburg im Landkreis OH tankten wir günstig. In Hohwacht packten wir die Fahrräder wieder aus, um eine letzte Tour zum Sehlendorfer Strand zu unternehmen. Beim „Packhuus“ entschieden wir uns gegen eine Einkehr. Nächstes mal. Die Kuhherde hing bräsig beim heimatlichen Stall. Der Abend verging mit Kochen (Spaghetti Ei/Schinken, Salat, Schokopudding) und Schreibarbeiten.

Samstag, 12. Juli

Rückreise: Um 9.30 kamen wir weg. Fazit: Die vermeintliche Knüste war gar keine. Vor ominösen, vermutlich gar nicht existenten Staus gewarnt, wählten wir einen sich zäh ziehenden Umweg auf Nebenstraßen quer durch Holstein: über Plön, Sievershütten mit kurzem Stop wegen Familien-Saga-Recherche und Ulzburg nach Glückstadt (Etappenziel?) an die Elbe. Höhepunkt war die Elbquerung. Warten plus Fährdauer betrugen ca. 1 Stunde. Hinter Stade wurden wir mit 76 (statt 50) geblitzt. Eine Brötchenpause mit Holsteiner Schinken an einem kleinen Elbe-Nebengewässer wurde durch einen ratternden Außenbordmotor vermiest. Bei Steinkirchen kletterten wir auf den Deich, aber der Ausblick war relativ öde, da der kaum etwas von der Elbe zeigte, sondern nur eine grüne Insel. Nun zu Windmüller, wo wir im August 2001 frohe Stunden verbracht hatten. Mit einem Stück Kirschkuchen beendeten wir den Urlaub, denn die anschließende Rückfahrt über die A1 an Bremen und Osnabrück vorbei gehörte schon nicht mehr richtig dazu.